Am Brunnen vor dem Tore

Wenn du Glück hast, findest du einen Lindenbaum für die Rast. Du kannst dich aus der Mittagsglut in sein Gewölbe flüchten und auf dem Rücken liegend Stamm, Ästen, Zweigen, Zweiglein bis ins Unendliche folgen. Lindenblätter sind, wie alles auf der Welt, auf einer Seite dunkler, auf einer Seite heller; versuchst du sie aber genau einzuteilen, blenden sie dich mit Sonnenblitzen: Augen zu!

Das Wissen über Linden ist alt und trocken. Es enthält Wörter wie »Lindenspinnmilbe« und »Wurzelbrut«. Aber selbst im Trockenen steckt noch etwas von der Kraft des grünen Baums: Tee aus Lindenblüten stillt Husten, löst Krämpfe, lindert Unruhezustände.

Wenn du großes, ganz großes Glück hast auf deiner Wanderung, dann blüht sie nämlich. Dann zieht sie dich über weite Strecken an mit ihrem Honigduft. Dann ist sie ein Reich, ihre Krone bevölkert von Bienen; deren Hymnus macht den ganzen Baum zu einem Schlaflied, macht dir die Lider schwer und den Atem leicht.

Dieser alljährlich an- und abschwellende Klang der Linde kann sogar bewirken, daß du, eine süße halbe oder ganze Stunde lang, völlig vergißt, daß es Männergesangsvereine gibt.

Das braucht kein Mensch!

Bei Skriptum habe ich mir dieses unwiderstehliche Stöckchen genommen:

Schau, was ich dir gemacht habe, sagte er. Eine Mühle.
_____Und was mahlt die?
Sie mahlt nicht, sie macht: Zeit. Es ist ganz einfach — du drehst daran, und schon hast du Zeit.
_____Wunderbar, also kann ich damit gleich unser Wochenende verlängern!
Nein. Die Mühle wirkt nur, wenn man allein ist …
_____Dann werde ich drehen und drehen und die ganze Zeit nehmen, um an dich zu denken.

Postkarte ausm Pott

Hier könnte ein Plakat hängen.

Dazu sind Industriedenkmäler da: Unterschiedlich Ahnungslose reisen hin und schauen sich an, wie Schiffe auf Berge gelangen, wie Berge ausgehöhlt werden, wie man Strom, Gas und Eisen macht. Überrannt von Größe, Gewalt und Gestaltung der Anlagen wanken die Besucher am Ende in ein Café und schreiben den Lieben daheim: Fahrt hin! Es ist toll!

Weiterlesen …

Stich um Stich

Kirchenruine Kloster Arnsburg
Basaltmauern tragen den Himmel.

Es ist eine kleine Ausstellung an einem großartigen Ort: Das Kloster Arnsburg liegt im Waldland der Wetterau, nahe Lich bei Gießen. Die Anlage wurde 1174 von Ebersbacher Zisterziensermönchen begründet; nach der Auflösung des Klosters 1803 verfiel sie, und in einem wunderbaren Zustand zwischen Gotik, Barock und Ruine ist sie heute für die Öffentlichkeit zugänglich.

Das Dormitorium beherbergt die Ausstellung »Textile Erinnerungen«. Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen aus der Umgebung zeigen hier ihre Arbeiten aus Stoff, in denen persönliche und Familiengeschichte, Innenwelten und Mythologisches verwoben sind. Auf aufgenähten Zetteln stehen die zugehörigen Geschichten und Gedanken, und so wird jedes Stück zu einer Erzählung, die an Tiefe gewinnt, je genauer man hinschaut. Von der Hochachtung gegenüber dem handwerklichen Können, das in den Werken wie auch im »Rohmaterial« steckt, ganz zu schweigen.

Ein großer Teil der Werke sind Quilts aus alten Wäschestücken, die über Jahrzehnte in den Familien gehortet wurden. Kunstvolle Stickereien, winzige Knöpfchen, Verschlußhaken und natürlich Monogramme früherer Besitzer sind wiederkehrende Motive. Bräutliches Weiß steht Trauerschwarz gegenüber; vielen Stoffen sieht man an, daß sie wieder und wieder geflickt, umgearbeitet und weiterverwendet wurden, ehe sie als Rohmaterial in die Hände der Künstlerinnen kamen.

Viele Arbeiten bleiben in Erinnerung: ein Quilt von Schülerinnen aus den 50er Jahren, der »brave Mädchen und böse Jungen« zeigt; auf zehn Bildern tragen die Mädchen Schürzen und verrichten Hausarbeiten, während die Jungen Äpfel klauen und Erwachsene ärgern. »Das Hemd meiner Großmutter« stammt von einer Künstlerin, deren Name mir entfallen ist (kann jemand helfen?); sie hat das feine, weiße Leinenhemd auf einen Teppich aus trockenen Teebeuteln gesteppt und mit Nahtlinien wie aus Schnittmusterheften überzogen. Heike Kurzius-Schick machte den Quilt »Meine 1000 Erinnerungen« aus den Krawatten ihres verstorbenen Ehemannes. Dann sind da die kraftvollen, hintergründigen Arbeiten der Märchenerzählerin Monika Mosburger, die auch aus einem reichen Fundus alter Stoffe und Gerätschaften schöpft. Ihre schwarze »Artemis« etwa besteht aus Trachtenröcken, deren gechintztes Leinen glänzt wie Metall; zahlreiche Schulterpolster sind auf den Stoff geheftet.

Diese Ausstellung ist ein Sammelbecken für Geschichten. Nicht nur das Wissen der Künstlerinnen und die Begebenheiten, die hinter den Arbeiten stehen, sondern auch alles, was die Besucherin mit sich durch den Raum trägt, was sich an dem ein oder anderen Werk verhakt und zum Vorschein kommt.

Oh, und schön — schön ist sie natürlich!

Monika Mosburger, 2010: Bettwäsche, Blaudruck

Ausstellung »Textile Erinnerungen«

26. Juni bis 11. Juli 2010

Mo bis Fr: 14–18:00

Sa, So: 10–18:00

Eintritt für die Klosteranlage: € 2,–

Samstags und sonntags jeweils um 15:00 Vorträge, Gespräche etc.

Erinnerungsfäden: Mein heiliges Hemd

Textile Erinnerung Hemd

Vor seiner Existenz als Hemd diente es Jahre als Bettlaken, bis die Zeiten besser und die Matratzen zu groß wurden. Dann lag es im Schrank, auf dem Stapel »kann man vielleicht noch mal brauchen«.

1988 dann war Kinderkirchentag. Meine Kleinen sollten mit einem nächtlichen Himmel auftreten, komplett mit Mond und Sternen. Delegieren hatte ich noch nicht gelernt, durchwühlte darum daheim die Schränke und okkupierte tagelang die Waschmaschine. Überall ums Haus herum trocknete Gefärbtes. Nur war das Blau nicht richtig oder die Dosierung falsch — das Leinen wurde nicht tiefdunkel und samtig, sondern höchstens ein dunstiger Sommerhimmel. So kam es Erntedank auf den Altar; da machte es sich gut zu Rainfarn und Hagebuttendolden.

Dann lag das Tuch, hellblau, wieder im Schrank, bis ich die Solinger Schneiderschere nahm, lernte, intaktem Stoff Schnitte zuzufügen und etwas Neues damit anzufangen. Reihen, säumen, bügeln, Knöpfe dran: meine erste Näharbeit vielleicht, Männermodell und viel zu groß, wie alles damals. Ich trug das Ergebnis und alle seine Fehler mit Stolz. In der Wäsche hieß es »das heilige Hemd«, wegen seiner kirchlichen Vergangenheit.

Leinenhemd

Mittlerweile ist es fadenscheinig, vor allem an den Ärmelkanten und da, wo der Rucksack aufliegt. Eigentlich kann man es nicht mehr anziehen, aber auf Reisen begleitet es mich trotzdem immer wieder, als ein guter Zauber.

Aus dem Dialog zur Textilen Erinnerung wurde dieses Stöckchen. Ich werfe nicht besonders gut, deshalb lege ich es hier hin und lade jede / jeden ein, es sich zu nehmen: Welches Kleidungsstück bleibt zur Erinnerung in deinem Schrank?

Textile Erinnerung

Wer hat nicht schon in den Kleiderschrank gegriffen, einen alten Lumpen herausgezogen — und ihn wieder zurückgelegt, weil man dieses Spitzendings damals anläßlich des ersten Freundes angeschafft hatte? Weil diesen Pullover die Großmutter gestopft hat, die mit Worten und Händen zu trösten verstand? Weil das jahrelang die Lieblingsmütze des eigensinnigen Sprößlings war? Weil dieses Hemd noch Duftspuren des Liebsten trägt?

Kleider bilden persönliche Geschichte ab, sie bezeichnen Lebensphasen. Und so wie man manche leichten Herzens in die Kleidersammlung gibt, verdienen andere, die bitteren, zerrissen und verbrannt zu werden oder eben aufgehoben, weit über die Tragbarkeit hinaus.

»Textile Erinnerungen« verschiedener Art sind Thema einer Ausstellung, die vom 26. Juni bis zum 11. Juli im Kloster Arnsburg bei Gießen zu sehen sein wird. Ich bin gespannt auf Tuche wie Geschichten. (Hier geht’s zum Bericht.)

(c) Monika Mosburger, 2010: »Nausikaa«