Wenn du Glück hast, findest du einen Lindenbaum für die Rast. Du kannst dich aus der Mittagsglut in sein Gewölbe flüchten und auf dem Rücken liegend Stamm, Ästen, Zweigen, Zweiglein bis ins Unendliche folgen. Lindenblätter sind, wie alles auf der Welt, auf einer Seite dunkler, auf einer Seite heller; versuchst du sie aber genau einzuteilen, blenden sie dich mit Sonnenblitzen: Augen zu!
Das Wissen über Linden ist alt und trocken. Es enthält Wörter wie »Lindenspinnmilbe« und »Wurzelbrut«. Aber selbst im Trockenen steckt noch etwas von der Kraft des grünen Baums: Tee aus Lindenblüten stillt Husten, löst Krämpfe, lindert Unruhezustände.
Wenn du großes, ganz großes Glück hast auf deiner Wanderung, dann blüht sie nämlich. Dann zieht sie dich über weite Strecken an mit ihrem Honigduft. Dann ist sie ein Reich, ihre Krone bevölkert von Bienen; deren Hymnus macht den ganzen Baum zu einem Schlaflied, macht dir die Lider schwer und den Atem leicht.
Dieser alljährlich an- und abschwellende Klang der Linde kann sogar bewirken, daß du, eine süße halbe oder ganze Stunde lang, völlig vergißt, daß es Männergesangsvereine gibt.
