Nanu, Besuch!

Für diejenigen, denen veras Glanzlichter den Weg hierher gewiesen haben: Willkommen auf meinem Blögchen! Politik habe ich nicht im Angebot, aber allerlei Geschichten und das ein oder andere Museumsstück. Viel Vergnügen!

Und danke, vera (Opalkatze/Kaffeebeimir), fürs Vernetzen!

Postkarte vom Wegesrand

Zwei, drei Kilometer reichen, um in den Tritt zu kommen, und schon brechen die inneren Sommerferien an. Wie weit man reisen kann, einfach so, zu Fuß! Von Dorf zu Dorf zu Dorf grüßen die Leute auf der Straße, fragen nach Woher und Wohin und staunen. Die menschlichste aller Fortbewegungsweisen ist offenbar die ungewöhnlichste.

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Leinen

Im Paradies, da bin ich sicher, muß es Leinen geben! Leinen faßt Kissen griffig ein und lindert Sommernächte mit kühler Hand. Frisches Leinen duftet weiß und zieht den Schlaf an; es kann schwer sein wie ein Kettenhemd und im Wind knattern, daß einen das Fernweh packt.

Leinenservietten. Anfang 20. Jh.

Leinen liebt Hitze: Unterm glühenden Bügeleisen bekommt es Glanz. Was als kalte, krumme Lappen aus der Wäsche kam, streckt sich wohlig und zeigt gewirkte Muster: Fischgrat auf der hessischen Hausweberei, Veilchensträuße auf den herrschaftlichen Servietten. Leinenweiß würde es, wenn es Tau und Sonne trinken dürfte auf der Bleichwiese. (Es gibt eine Bleiche am Fluß, aber die ist vierspurig ausgebaut …)

Und dann sind da die Monogramme. Taufkleid, Nachtwäsche, das letzte Hemd — jedes Stück trägt das stolze Zeichen seiner Besitzerin, Trägerin und womöglich Herstellerin.

Häkelspitze

Ich könnte kein Kleidungsstück machen — vom Raufen, Riffeln, Rotten, Brechen, Schwingen, Hecheln, Spinnen, Haspeln, Weben auf dem Weg vom Flachs zum Tuch habe ich allenfalls eine blasse Ahnung. Den Handwerkerinnen und Künstlerinnen von damals erweise ich meine Reverenz, indem ich ihre Werke hundert Jahre später bügle, während alles andere bei mir knittrig bleibt.

Nachgereichte Links:
Bericht über die handwerkliche Herstellung von Leinen
Zur Geschichte der Leinenherstellung in Deutschland
Eine aktuelle Bezugsquelle für Leinen

Und noch ein Nachtrag:
Unter www.leinen.de gibt es neuerdings wieder Leinenstoffe von Holstein Flachs. So schön!

Schlaflied

Maikäfer flieg

dein Vater ist im Krieg

dein Mutter ist in Pommerland

Pommerland ist abgebrannt

Maikäfer flieg

Ich bin wahrscheinlich das letzte Kind dieser Republik, das allen Ernstes mit »Maikäfer flieg« in den Schlaf gesungen wurde. Sobald ich es konnte, wollte ich mehr wissen. Was sind Maikäfer? Wie groß sind die? Kann man die wirklich essen? Was heißt: dein Vater ist im Krieg? Was hat Papa da gemacht? Muß er da wieder hin? Und wo ist Pommerland? Warum ist das abgebrannt? Wie ist Mama da weggekommen?

Ich muß die Pest gewesen sein.

Die Eltern, überfordert von der Aufgabe, Weltgeschichte kindgerecht zu verabreichen, versuchten es mit Ausweichen (zwecklos), widerwilligen Andeutungen (Gift für Kinder mit Phantasie) und schließlich mit »Schlaf, Kindchen, schlaf« auf dieselbe Melodie. Übrig blieben Alpträume von einem verkohlten Landstrich, mit schwarzen Zahnstochern anstelle von Bäumen, sowie eine tiefsitzende, panikartige Furcht vor »Krieg«. Und meine eigene, korrigierte Variante des Schlaflieds:

Maikäfer, flieg!

Der Papa war im Krieg,

die Mama kommt aus Pommerland,

da ist sie nicht mit abgebrannt.

Maikäfer, flieg!

Alles da: der Dorfladen

Spar MönstadtDorfläden faszinieren mich, seit ich mit drei, vier Jahren meine ersten Groschen bei Frau Kruger in »Geschnuggels« umsetzen durfte: Die Ladenglocke schepperte, die Tür quietschte, und es duftete nach Äpfeln und Papiertüten. Nix mit Selbstbedienung — alles gab’s in Armeslänge der asthmatischen Besitzerin; nur für das nicht ganz alltägliche Sortiment mußte sie auf eine Trittleiter steigen. Die mechanische Waage (Bi … zer … ba) hatte einen Haken für Bananenbündel; Damenstrumpfhosen fuhren in ihrem Ständer Karussell. Hauptattraktion: die Bonbongläser, und natürlich gab es für Kinder immer ein Zwei-Pfennig-Brausebonbon extra.

Frau Krugers Laden (»Union-Kohlen — Kolonialwaren«) ist längst Geschichte, und ich wüßte keinen echten Tante-Emma-Laden in meiner Nähe. Für sowas muß man schon aufs Land. Richensa hat ein wunderbares Exemplar in Brandenburg porträtiert; hier nun das hessische Gegenstück in Mönstadt im Taunus (430 Seelen).

Spar Mönstadt

Spar Mönstadt

Dieser winzige Supermarkt ist bestens sortiert — es gibt alles, was man zum Leben braucht: Brot, Butter, was drauf, Frisches, Haltbares, Süßes, Salziges und alles für den täglichen Bedarf. Und natürlich immer jemanden für einen Schwatz. Wir, ortsfremd und ohne Auto unterwegs, sind sicher aufgefallen, wurden aber nicht weniger freundlich bedient. Nur vielleicht etwas hochdeutscher.

Bei jeder Wanderung durch diese Gegend hoffen wir, daß wir eine kurze Rast in Mönstadt einlegen können — zu Ladenöffnungszeiten.

Preis und Leistung

»Die [Briefumschläge, Teller, T-Shirts, Biotomaten, Regale, Importweine, …] kriegst du im [Discounter, Industriegebiet, Internet, Mediadings, …] genauso gut und für [vier, zwanzig, siebzig, neunzig Cent] weniger. Wieso gehst du zu dem teuren kleinen Krauter in der Fußgängerzone, wo man meistens erst mal fünf Minuten warten muß und auch noch ständig von Azubis bedient wird?«

Einfache Antwort: Weil ich will, daß es ihn gibt.

Theoretisches und Praktisches zu Angebot, Nachfrage und einer »Ethik des Konsums« finden sich unter www.manomama.de.

Soviel dazu.

Strecken

Am Anfang waren es zwanzig Kilometer. Die waren die weitesten, ohne Führerschein und mit einer Zugverbindung, über die der Schalterbeamte lachen mußte. Später schmolz dieses Problem auf das kleinere, ein Auto aufzutreiben. Wenn sie einander nicht besuchten, telefonierten sie, oder sie schrieben sich Briefe und Karten. Sie liebten sich mit der ganzen Abgeklärtheit ihres Alters: Laß uns einander nie, niemals zur Last fallen. Und dann strahlten sie.

Die Entfernung wuchs: Er studierte anderswo, da hielt es auch sie nicht, und sie vergrößerte den Abstand um einige hundert Kilometer. Sie verbrachten viel Zeit in Zügen und waren Paar am Wochenende. Aber nur, wenn du wirklich nichts anderes vorhast, ja?

Bald kam ein Angebot, das er nicht ausschlagen konnte, und er verließ das Land. Mein Freund ist in Amerika, sagte sie und glaubte es selbst fast nur, wenn sie die fremden Briefmarken sah. Achttausend Kilometer, sprach sie vor sich hin; frequent flyer. Am Telefon machten sie einander großzügig Angebote: Ich möchte dich nicht gefangen halten. Wenn du nicht mehr willst … Und dann reisten sie wieder. Zeit war zu knapp für Alltag; Tränen fielen nur beim Abschied oder kurz danach.

Nach zu vielen interkontinentalen Jahren wollte sie Wurzeln und eine Sprache, in der sie sich zuhause fühlte. Ihm dagegen stand die Welt offen, auf jedem Erdteil eine Tür, und eine Weile dachten sie, jedes für sich, an getrennte Wege.

Dann kam er doch nach Hause; noch auf der Reise war es, um sein neues Leben mit ihr ans alte anzuknüpfen. Aber den Husten, den er mitbrachte, hatte er nicht von der Klimaanlage im Flieger: das machte Entfernungen plötzlich gleichgültig. Ihre Zeit teilte sie nun in Arbeitsstunden und die bei ihm auf der Station. Die Prognose war gut, die Ärzte in Maßen zuversichtlich; ein so junger, kräftiger Mann … Er sagte: Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte andere Prioritäten gesetzt. Sie sagte: Ich würde dich so gerne anfassen dürfen.

Als er starb, gab es keinen Abschied. Sie konnte ihn nicht einmal bis zur Tür begleiten. Bei seiner Beerdigung trug sie Weiß, um überhaupt etwas zu sehen; danach wartete sie eine Weile, ob sie ihm nicht doch noch folgen würde. Schließlich widmete sie sich wieder ihrem Leben. Strecken maß sie weiterhin in Kilometern, aber die Zeit war eine andere geworden, flüchtig, keineswegs mehr verläßlich oder gar berechenbar.

Da ist er ja, der Frühling II

Osterglocken von unten ...

Den ersten Frühlingssonnenbrand hole man sich im Deutsch-Französischen Garten. Der DFG bietet Tretboote, Minigolf, Wirtschaftswunderbähnchen, Drahtseilbahn und das »Ehrental«, die Heldengräber aus dem vorvorletzten Krieg. Kaffee und Kuchen sind anderswo besser, aber dieses Original-Sonntagsausflugsgefühl, das gibt es nur hier.

Dieses Jahr wird der Garten 60. Glückwunsch.

... und von oben betrachtet.