
Es ist eine kleine Ausstellung an einem großartigen Ort: Das Kloster Arnsburg liegt im Waldland der Wetterau, nahe Lich bei Gießen. Die Anlage wurde 1174 von Ebersbacher Zisterziensermönchen begründet; nach der Auflösung des Klosters 1803 verfiel sie, und in einem wunderbaren Zustand zwischen Gotik, Barock und Ruine ist sie heute für die Öffentlichkeit zugänglich.
Das Dormitorium beherbergt die Ausstellung »Textile Erinnerungen«. Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen aus der Umgebung zeigen hier ihre Arbeiten aus Stoff, in denen persönliche und Familiengeschichte, Innenwelten und Mythologisches verwoben sind. Auf aufgenähten Zetteln stehen die zugehörigen Geschichten und Gedanken, und so wird jedes Stück zu einer Erzählung, die an Tiefe gewinnt, je genauer man hinschaut. Von der Hochachtung gegenüber dem handwerklichen Können, das in den Werken wie auch im »Rohmaterial« steckt, ganz zu schweigen.
Ein großer Teil der Werke sind Quilts aus alten Wäschestücken, die über Jahrzehnte in den Familien gehortet wurden. Kunstvolle Stickereien, winzige Knöpfchen, Verschlußhaken und natürlich Monogramme früherer Besitzer sind wiederkehrende Motive. Bräutliches Weiß steht Trauerschwarz gegenüber; vielen Stoffen sieht man an, daß sie wieder und wieder geflickt, umgearbeitet und weiterverwendet wurden, ehe sie als Rohmaterial in die Hände der Künstlerinnen kamen.
Viele Arbeiten bleiben in Erinnerung: ein Quilt von Schülerinnen aus den 50er Jahren, der »brave Mädchen und böse Jungen« zeigt; auf zehn Bildern tragen die Mädchen Schürzen und verrichten Hausarbeiten, während die Jungen Äpfel klauen und Erwachsene ärgern. »Das Hemd meiner Großmutter« stammt von einer Künstlerin, deren Name mir entfallen ist (kann jemand helfen?); sie hat das feine, weiße Leinenhemd auf einen Teppich aus trockenen Teebeuteln gesteppt und mit Nahtlinien wie aus Schnittmusterheften überzogen. Heike Kurzius-Schick machte den Quilt »Meine 1000 Erinnerungen« aus den Krawatten ihres verstorbenen Ehemannes. Dann sind da die kraftvollen, hintergründigen Arbeiten der Märchenerzählerin Monika Mosburger, die auch aus einem reichen Fundus alter Stoffe und Gerätschaften schöpft. Ihre schwarze »Artemis« etwa besteht aus Trachtenröcken, deren gechintztes Leinen glänzt wie Metall; zahlreiche Schulterpolster sind auf den Stoff geheftet.
Diese Ausstellung ist ein Sammelbecken für Geschichten. Nicht nur das Wissen der Künstlerinnen und die Begebenheiten, die hinter den Arbeiten stehen, sondern auch alles, was die Besucherin mit sich durch den Raum trägt, was sich an dem ein oder anderen Werk verhakt und zum Vorschein kommt.
Oh, und schön — schön ist sie natürlich!


Ausstellung »Textile Erinnerungen«
26. Juni bis 11. Juli 2010
Mo bis Fr: 14–18:00
Sa, So: 10–18:00
Eintritt für die Klosteranlage: € 2,–
Samstags und sonntags jeweils um 15:00 Vorträge, Gespräche etc.
Ein Lustmachender Beitrag über eine ungewöhnliche Ausstellung. Danke für die schönen Fotos dazu. Nach Mittelhessen ist es ein bisschen zu weit für mich, ich würde die Ausstellung aber sehr gerne anschauen.
Danke, Karu. Für die Fotos muß ich allerdings um Nachsicht bitten — den Lichtverhältnissen im Dormitorium waren meine Künste nicht gewachsen; ich bin aber sicher, daß man da tolle Bilder machen könnte.
Falls Du mal in der Gegend bist: das Kloster und die Münzenburg, ein paar Kilometer weiter, sind absolut sehenswert.
Ja, ich weiß um die Lichtverhältnisse in Räumen, die Kostbares enthalten und sich der Fotografie entziehen. Manchmal ist das so, ich kann es erkennen.
Ich sollte alles verkaufen und nur noch auf Reisen sein.
Ein sehr schöner Beitrag der mich zudem auch an meine Leihgroßmutter erinnert. Sie klöppelte und klöppelte und klöppelte immer gute Gedanken in das Werk.
Klöppelnde Großmütter sind die besten. Aber daß man sie ausleihen kann –?
In meinem Fall war das so. Die eine Oma war zu weit weg, die andere als beruflich immer noch blockiert. Glücklicherweise war die Leihgroßmutter dann die Großmutter par excellence.