Spiegelflächen & Bodenloses

Wenn einem ein Bild den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn’s plötzlich kippt, Erwartungen enttäuscht werden und man seinen Augen, hoppla, doch nicht trauen kann — Momente dieser Art stellt SoSo bei Pixartix aus, inzwischen siebenundvierzig davon: Illusionen, Spiegelwelten. Ich bin mit einigen Fotos vertreten.

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Menschlichkeit

Es gibt schlimme Zeiten, und es gibt die schlimmsten. In denen werden Menschen für das, was sie sind und denken, systematisch verfolgt und getötet; das Recht ist außer Kraft gesetzt. Wer menschlich handelt und hilft, bringt sich selbst und die Seinen in Gefahr.
Die Zeit des Nationalsozialismus zählt zu diesen schlimmsten Zeiten und wird Generation für Generation in Geschichtsstunden analysiert: Wer waren die Machthaber? Wie konnten sie die Oberhand gewinnen? Was waren ihre Strategien?
Und dann gibt es das »Wunder von Dieulefit«. In Dieulefit im südlichen Frankreich, der bergigen Region der Drôme, fanden während des Vichy-Regimes über tausend Verfolgte Zuflucht und wurden gerettet. Kein einziger wurde denunziert.
Wie es die Bewohner dieses dünn besiedelten Landstriches geschafft haben, unter den Augen der Regierung so viele Menschen »verschwinden« zu lassen, sie unterzubringen und zu ernähren, das ist Thema einer Wanderausstellung, die ab dem 22. Januar in der VHS in Lich zu sehen sein wird.
Die »Topographien der Menschlichkeit« zeigen, wie Widerstand gelingt, was nötig ist, um mit den scheinbar geringen Mitteln der zivilen Courage Entscheidendes zu verändern. Den Frauen und Männern, die sich nicht dem Schrecken gebeugt, sondern ihm mit Mut und Einfallsreichtum begegnet sind, wird ein Denkmal gesetzt.
Die Initiatorin Anna Tüne ist als Deutsche nach dem Krieg in der Drôme aufgewachsen; sie kennt den Landstrich, seine Bewohner und ihre Geschichte(n) gut.
Die Ausstellung erzählt: Der Einzelne ist nicht machtlos, weil die Gesellschaft aus Einzelnen besteht. Aber Mitgefühl braucht es, Mut und Zusammenhalt.
Ich wünsche allen, die hier vorbeischauen, allen Lieben und allen, bei denen ich gerne mehr gelesen hätte, ein gutes neues Jahr. Daß nichts bleiben muß, was unerträglich ist, und daß, was gut ist, weitergetragen und stärker wird. Mitgefühl, Mut und Zusammenhalt überall da, wo es nottut.

Lachen in der Kirche

Vor dem Museum des Mainzer Doms St. Martin steht ein Plakat: Seliges Lächeln und höllisches Gelächter, eine Ausstellung zum Thema Lachen in der Kirche. Für fünf Euro wird man drinnen in den Keller geschickt – den Witz lassen sie sich nicht nehmen –, und da sind dann Kunstwerke vom Mittelalter bis in die Neuzeit versammelt, die die Einstellung der Geistlichkeit zum Lachen illustrieren. Eine kleine, sehenswerte Sache. Kurzfassung:

Stich um Stich

Kirchenruine Kloster Arnsburg
Basaltmauern tragen den Himmel.

Es ist eine kleine Ausstellung an einem großartigen Ort: Das Kloster Arnsburg liegt im Waldland der Wetterau, nahe Lich bei Gießen. Die Anlage wurde 1174 von Ebersbacher Zisterziensermönchen begründet; nach der Auflösung des Klosters 1803 verfiel sie, und in einem wunderbaren Zustand zwischen Gotik, Barock und Ruine ist sie heute für die Öffentlichkeit zugänglich.

Das Dormitorium beherbergt die Ausstellung »Textile Erinnerungen«. Künstlerinnen und Kunsthandwerkerinnen aus der Umgebung zeigen hier ihre Arbeiten aus Stoff, in denen persönliche und Familiengeschichte, Innenwelten und Mythologisches verwoben sind. Auf aufgenähten Zetteln stehen die zugehörigen Geschichten und Gedanken, und so wird jedes Stück zu einer Erzählung, die an Tiefe gewinnt, je genauer man hinschaut. Von der Hochachtung gegenüber dem handwerklichen Können, das in den Werken wie auch im »Rohmaterial« steckt, ganz zu schweigen.

Ein großer Teil der Werke sind Quilts aus alten Wäschestücken, die über Jahrzehnte in den Familien gehortet wurden. Kunstvolle Stickereien, winzige Knöpfchen, Verschlußhaken und natürlich Monogramme früherer Besitzer sind wiederkehrende Motive. Bräutliches Weiß steht Trauerschwarz gegenüber; vielen Stoffen sieht man an, daß sie wieder und wieder geflickt, umgearbeitet und weiterverwendet wurden, ehe sie als Rohmaterial in die Hände der Künstlerinnen kamen.

Viele Arbeiten bleiben in Erinnerung: ein Quilt von Schülerinnen aus den 50er Jahren, der »brave Mädchen und böse Jungen« zeigt; auf zehn Bildern tragen die Mädchen Schürzen und verrichten Hausarbeiten, während die Jungen Äpfel klauen und Erwachsene ärgern. »Das Hemd meiner Großmutter« stammt von einer Künstlerin, deren Name mir entfallen ist (kann jemand helfen?); sie hat das feine, weiße Leinenhemd auf einen Teppich aus trockenen Teebeuteln gesteppt und mit Nahtlinien wie aus Schnittmusterheften überzogen. Heike Kurzius-Schick machte den Quilt »Meine 1000 Erinnerungen« aus den Krawatten ihres verstorbenen Ehemannes. Dann sind da die kraftvollen, hintergründigen Arbeiten der Märchenerzählerin Monika Mosburger, die auch aus einem reichen Fundus alter Stoffe und Gerätschaften schöpft. Ihre schwarze »Artemis« etwa besteht aus Trachtenröcken, deren gechintztes Leinen glänzt wie Metall; zahlreiche Schulterpolster sind auf den Stoff geheftet.

Diese Ausstellung ist ein Sammelbecken für Geschichten. Nicht nur das Wissen der Künstlerinnen und die Begebenheiten, die hinter den Arbeiten stehen, sondern auch alles, was die Besucherin mit sich durch den Raum trägt, was sich an dem ein oder anderen Werk verhakt und zum Vorschein kommt.

Oh, und schön — schön ist sie natürlich!

Monika Mosburger, 2010: Bettwäsche, Blaudruck

Ausstellung »Textile Erinnerungen«

26. Juni bis 11. Juli 2010

Mo bis Fr: 14–18:00

Sa, So: 10–18:00

Eintritt für die Klosteranlage: € 2,–

Samstags und sonntags jeweils um 15:00 Vorträge, Gespräche etc.

Textile Erinnerung

Wer hat nicht schon in den Kleiderschrank gegriffen, einen alten Lumpen herausgezogen — und ihn wieder zurückgelegt, weil man dieses Spitzendings damals anläßlich des ersten Freundes angeschafft hatte? Weil diesen Pullover die Großmutter gestopft hat, die mit Worten und Händen zu trösten verstand? Weil das jahrelang die Lieblingsmütze des eigensinnigen Sprößlings war? Weil dieses Hemd noch Duftspuren des Liebsten trägt?

Kleider bilden persönliche Geschichte ab, sie bezeichnen Lebensphasen. Und so wie man manche leichten Herzens in die Kleidersammlung gibt, verdienen andere, die bitteren, zerrissen und verbrannt zu werden oder eben aufgehoben, weit über die Tragbarkeit hinaus.

»Textile Erinnerungen« verschiedener Art sind Thema einer Ausstellung, die vom 26. Juni bis zum 11. Juli im Kloster Arnsburg bei Gießen zu sehen sein wird. Ich bin gespannt auf Tuche wie Geschichten. (Hier geht’s zum Bericht.)

(c) Monika Mosburger, 2010: »Nausikaa«

Glanzvolles Gerümpel: Staatsgeschenke

Jeder kennt das: Man ist eingeladen und möchte den Gastgebern eine Freude machen. Für diese Zwecke hält eine ganze Industrie Mitbringsel bereit — Blumen, edle Tropfen, jahreszeitliche Schnörkel und Stehrumchen allgemeiner Art. Meine persönliche Faustregel lautet: Was sich rückstandslos beseitigen läßt, ist ein gutes Geschenk; deswegen packe ich gern Les-, Eß- oder Trinkbares ein (träume allerdings heimlich davon, der Gastgeberin statt des obligatorischen Blumenstraußes einen schönen Feldstein zu überreichen).

Was aber, wenn der Besuch ein Staatsbesuch ist? Welche Kleinigkeit hat der Minister, die Präsidentin, der Diplomat im Gepäck? Diese Frage wird jetzt in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte umfassend beantwortet. Kurz: Eßbar ist es eigentlich nie.

Was bundesrepublikanischen Präsidenten und Kanzlern (sowie ihren Ehepartnern) in 60 Jahren von ausländischen Würdenträgern zugedacht war, das steht, liegt und hängt in den Vitrinen der Ausstellung „Staatsgeschenke“ zwischen den schwarzen Windmaschinen der Völklinger Gebläsehalle.

Ausstellung Völklinger Hütte
Vergoldetes vor Stahl: Staatsgeschenke im Saarland

(Die Exponate darf man nicht fotografieren; stattdessen kann man einen schönen Katalog erwerben.)

So als Staat will man natürlich repräsentieren. Entsprechend häuft sich der Prunk: Frankreich verschenkt Goldschmuck, die Ukraine einen gigantischen silbernen Tafelaufsatz in Form eines Fauns, Jordanien eine Abendmahlsszene, aus Perlmutt zusammengefügt (und das in 60 Jahren gleich zweimal). Die Länder zeigen sich äußerst kunstfertig: vom Baltikum stammen Bernsteinschnitzereien und Filigranarbeiten aus Silber, aus Schwarzafrika Webstoffe, Gefäße und Schmuck aus Gräsern; Design kommt aus Skandinavien, Porzellan aus China.

Andächtig pilgern die Besucher an den Vitrinen vorbei. An den Wänden sind Bilder und Schlagzeilen aus 60 Jahren deutscher Geschichte zu sehen, die die Zeichen guter diplomatischer Beziehungen passend oder kontrastierend einrahmen. Bald steigt die Stimmung. Spätestens beim Anblick der goldenen Statue eines Rennkamels (mitsamt Jockey; Geschenk aus Saudi-Arabien) wird Staunen laut. In seinem maßgeschneiderten Kasten mit vergoldeten Scharnieren ist das Tier im Galopp erstarrt; unter seinen Hufen glänzen Klebstofftropfen. Da hinten, dieser Besteckkasten — das wird wohl bunt bedrucktes Elfenbein sein –? Nein, drunter steht: „Material: Stahl, Kunststoff“. Und was in aller Welt haben sich die Repräsentanten der damaligen Sowjetunion gedacht, als sie diese handgroße Roboterstatue einpackten, zusammengelötet aus Schrauben und Elektronikbauteilen?

Oh, drei ganze Vitrinen voller Elefanten! Das ist die (künstlerisch weniger anspruchsvolle) Sammlung von Exkanzler Kohl, der offenbar ein Faible für die Dickhäuter hatte. Ein paar Schritte weiter ein Geschenk von Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten, aus den 80er Jahren: Ein halbmeterhohes Buch, auf dem Buchdeckel das in Messingblech getriebene Konterfei des Herrn Reagan höchstselbst; Titel: „Ronald Reagan — The President Of Courage“. Lediglich die Nase wirkt etwas abgenutzt.

Wer genug hat von Glanz und Gloria, kann sich irgendwo hinsetzen und den Besuchern lauschen. „Hast du gesehen? In dem CD-Kasten für Herrn Sauer waren alle CDs noch original eingeschweißt!“ — „Schau mal, da klebt ein Barcode …“ — „Die haben bestimmt extra einen Beamten, der sich Geschenke ausdenken muß.“ — Häufig fällt das Wort „eBay“. Und überhaupt: „Wem gehört das ganze Zeug eigentlich?“ — „Na, mir zum Glück nicht!“

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Die Völklinger Gebläsehalle ist einer der schönsten Ausstellungsorte im Saarland. Vor den stählernen Sauriern des alten Werkes wird jedes Gold in die richtige Perspektive gerückt — und die Ausstellung „Staatsgeschenke“ ist geeignet, auch den griesgrämigsten Besucher in gute Laune zu versetzen. Für die 12 Euro Eintritt (unermäßigt) kann, nein, sollte man sich auch das alte Stahlwerk noch anschauen; anschließend sind Kaffee und Kuchen im Café Umwalzer fällig, und so kann das ein richtig runder Tag werden — wenn man viel Zeit und gutes Schuhwerk mitbringt. Ich kann es nur empfehlen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. September 2010.