Um den Pudding

Es klingt harmlos: Spaziergang. Nicht so weit, nicht so anstrengend, und zum Kaffee wieder zurück. Aber dann sind da zwei Wasserläufe, die überquert sein wollen, und schon wird alles kompliziert.
Autofahrer kennen das ja kaum noch mit den natürlichen Grenzen. Autos sind auf Strecken unterwegs, deren Ausbau bestimmt, wie groß die Welt ist. Die Autoreisenden-Welt besteht aus Anfangs- und Endpunkt, Tankstelle und Rastplatz; jenseits der Leitplanke existiert eigentlich nichts. In diesem Nichts aber verlaufen Wege und Pfade derer, die sich Schritt für Schritt fortbewegen.
Die asphaltierten Zubringer zu den Brücken, schwungvoll und glatt zu fahren, die sind zu Fuß eine halbe Weltreise und ermüden Beine und Blick. Moderne Verkehrsplanung kennt keine Trampelpfade. Ich hingegen kenne sie jetzt.

Jugend(t/f/r/b)ummelplatz.

Dafür mußte ich erst fragen (»einfacher wär’s an der Straße entlang …«) und mich dann doch verlaufen, in einer Schrebergartenkolonie, ausgerechnet. Staunende Extra-Runden zwischen Rosen, Quitten und Gartenzwergen.
Dann endlich wieder mein Fluß, wegen dem ich die ganze Sache ja mache.
Da sitze ich auf einer Uferbank, als ein radfahrender Herr hält, sein Butterbrot auspackt und sich zu mir setzt. (Seinen Helm hat er gegen einen Hut getauscht – den gleichen, wie ich ihn trage.) Er mache ja sonst immer Urlaub mit dem Auto, habe aber den Führerschein über den Sommer abgeben müssen, und nun eben Radwandern. Ich erzähle, wie ich jetzt eigentlich auf einem Schiff sein sollte. Und nun Rheinblick. Wir lachen, lüpfen unsere Hüte (meiner sieht ein bißchen mitgenommener aus) und ziehen unserer Wege, Radweg und Spazierweg, Schulter an Schulter mit dem Fluß.
Objet trouvé.

Vogelbad

Ein Augusttag in herrlichstem Hochsommerblau – ich gebe zu, alles stehen- und liegenlassen und raus, das war mein Vorschlag. Die Idee hatte aber Frau Amsel, nebenberuflich Fachfrau für Ausbüxen und wunderbaren Unfug: Baden gehen! Und zwar im Fluß!

Als ich klein war, durfte ich nicht in den Fluß (und nicht in seine zufließenden Gewässer). Giftig sei er; und er roch auch so. Zwischen den Steinen am Ufer glänzte es von toten Fischen. Später dann: Weidenschatten – ja, Wasserkontakt – nein; höchstens habe ich mal eine Flasche in der Strömung gekühlt.

Jetzt also: Abenteuer!

Am Brunnen vor dem Tore

Wenn du Glück hast, findest du einen Lindenbaum für die Rast. Du kannst dich aus der Mittagsglut in sein Gewölbe flüchten und auf dem Rücken liegend Stamm, Ästen, Zweigen, Zweiglein bis ins Unendliche folgen. Lindenblätter sind, wie alles auf der Welt, auf einer Seite dunkler, auf einer Seite heller; versuchst du sie aber genau einzuteilen, blenden sie dich mit Sonnenblitzen: Augen zu!

Das Wissen über Linden ist alt und trocken. Es enthält Wörter wie »Lindenspinnmilbe« und »Wurzelbrut«. Aber selbst im Trockenen steckt noch etwas von der Kraft des grünen Baums: Tee aus Lindenblüten stillt Husten, löst Krämpfe, lindert Unruhezustände.

Wenn du großes, ganz großes Glück hast auf deiner Wanderung, dann blüht sie nämlich. Dann zieht sie dich über weite Strecken an mit ihrem Honigduft. Dann ist sie ein Reich, ihre Krone bevölkert von Bienen; deren Hymnus macht den ganzen Baum zu einem Schlaflied, macht dir die Lider schwer und den Atem leicht.

Dieser alljährlich an- und abschwellende Klang der Linde kann sogar bewirken, daß du, eine süße halbe oder ganze Stunde lang, völlig vergißt, daß es Männergesangsvereine gibt.

Holunderblüten

Holunder, Holler, Flieder, Attich: Aus den Beeren kocht man Saft und Mus und Medizin, denn erst durch Kochen werden sie bekömmlich. Bibelrückenschwarz glänzen sie, schmecken streng nach Studierstube und ein bißchen nach dem Bitterernst des Lebens.

Holunderblüten aber sind ganz etwas anderes. Schon das Wort klingt nach Leichtsinn, nach Dreivierteltakt. Als winzige Ballkleider bauschen sich die weißen Dolden, schön wie Schaum mit ihren Knospenperlchen, lachen und locken, spielen kichernd im dunklen Blättergrund Versteck. Nach Holunderblüten duften April und Mai, auch Juni noch: Nun streif schon die wollenen Röcke ab! Atme tief, sing laut! Mach Sprünge ohne Strümpf‘ und Schuh‘! Laß dich hinterrücks von der Wiese umarmen und blinzle ins Licht!

Diesen Duft nach Sommerverheißung, diesen goldenen Übermut, kann man die einfangen und in Gläser füllen? Als Vorrat für den Herbst?

Holunderblütengelee
Holunderblütengelee

O ja. Man kann!

Postkarte von der Ostsee

Woraus Ferien bestehen: aus dem weißesten, weichesten Sand, Sonne auf den Schultern, dem vornehmen Rauschen der Ostsee und Nadelbaumduft. Alles Wichtige ist woanders. Wo komme ich gleich noch her? Muß ich da je wieder hin?

Und ein Stück weiter links die See.
Und ein Stückchen weiter links die See.

Der Nordosten hat mich überrascht, Usedom war wunderschön. Über die mehreren Millionen Marienkäfer konnte ich hinwegsehen — so ein Hut ist eine feine Sache. Ich habe Räucherfisch gegessen, Sterne beobachtet und für alle Fälle die Adressen notiert. Vielleicht sind ja irgendwann mal wieder Ferien.

Nicht sehr rauh, dieses Meer
Ein braver Strand (nicht die Nordsee)

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