Der Freitagstexter darf nicht sterben!

Wie schon der Herr Boomerang sagt: … denn weitergehen muß es!

Der Freitagstexter ist eine Institution, so alt wie das bewohnte Netz. Damals, vor unfaßbar vielen Jahren,* als noch alle Blogs hatten und die künftigen Eltern des Facebook-Gründers gerade mal anfingen, sich ganz offline zu liken, damals war er schon alt und erhellte einmal die Woche mit dem goldenen Glanz des digitalen Pokals für die subjektiv schönste Betextung eines objektiv schönen Bildes die dämmrigen Weiten des Virtuellen.

Der Freitagstexter darf nicht enden, denn das wäre das Ende. Bauwerke werden abgerissen, Festivals eingestellt, Schulen geschlossen, Ikonen gestürzt, Kulturtechniken vergessen, aber doch nicht der Freitagstexter! Ganz sicher bin ich da nicht, aber womöglich hört, wenn es den Freitagstexter nicht mehr gibt, das Internet auf zu existieren. Deshalb nehme ich mir den Pokal einfach so, ohne preiswürdige Betextung (und sag jetzt keiner was von den dicksten Kartoffeln oder dem Schlaf, in dem’s der Herr den Seinen –), poliere ihn gründlich, und am kommenden Freitag gibt es, wie an jedem Freitag seit Äonen, ein Bild ohne Unter- oder Überschrift. Hier.

Geneigtes Publikum: kommen Sie, texten Sie!

Es wird weitergehen.

 

* Nicht daß ich da schon dabei gewesen wäre; wenn es also jemand besser oder genauer weiß, bitte ich um fundierte, wenigstens aber unterhaltsame Gegendarstellung.

Nu ma langsam!

Das wär was. Da warte ich schon lange drauf und würde mich freuen wie ein Schneekönig, wenn wir das endlich auch hätten: ein generelles Tempolimit. Sah nicht danach aus, nachdem es zu Beginn des Jahres vom aktuellen Verkehrsminister reflexhaft vom Tisch gewischt worden war; aber immerhin: nicht alle Bürger dieses Landes sehen im Rasendürfen ein Kulturgut.

Es gibt eine Petition für 130 auf deutschen Autobahnen. Wenn die bis zum 3.4. fünfzigtausend Unterzeichner findet, dann muß immerhin mal im Petitionsausschuß drüber geredet werden. Und vielleicht kriegt dann auch die CDU/CSU mit, daß freie Fahrt nicht mehr der alleinige Lebenszweck freier Bürger ist.

Ich würde mich wirklich freuen – ein kleiner Schritt, um die größte ökologische Fehlentwicklung der Zivilisation rückgängig zu machen. Dann bitte weiter: Autos raus aus den Städten, Parkplatz zu Wohnraum. Dienstwagen abschaffen. Pendlerpauschale für Öffentliche, Fahrrad und Fußweg. Raumplanung für Fußgänger. Und so weiter. Man könnte echt was draus machen.

Zur Petition für 130

 

 

 

Wir sind mehr.

Im Café hängt ein Gemälde, ein Bild des Stammhauses – fast an derselben Stelle in der Stadt, nur daß die Stadt auf dem Bild nicht mehr steht. Das Gemälde zeigt den Platz kurz nach dem Krieg, alle Häuser Ruinen, buchstäblich kein Stein auf dem anderen.

Ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren steht davor. Eine ältere Dame, die Großmutter?, versucht, die alliierten Bomben in ein paar Sätzen unterzubringen.
  Aber warum haben die das gemacht?, fragt das Kind; der Zweite Weltkrieg, das Dritte Reich, die Verfolgung von Juden und Andersdenkenden; aber warum?, der Nationalsozialismus; das Kind kann es nicht fassen. Warum?, und das ist ja wirklich eine gute Frage. Die Großmutter denkt nach.
  Die Nazis haben behauptet, sie wären mehr wert als andere Menschen, und deshalb haben sie sie verfolgt und ermordet.
  Die waren nicht mehr, die waren weniger wert!, empört sich das Kind, da antwortet die Großmutter entschieden:
  Nein. Die waren ganz genauso viel wert wie alle. Wenn man so etwas sagt, redet man genau wie ein Nazi. Alle Menschen sind gleich viel wert, und alle haben die gleichen Rechte!

Die beiden suchen sich einen Platz; das Mädchen schaut immer wieder auf das Bild, mit gerunzelter Stirn, hinter der die Fragen wachsen.

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Ich muß immer wieder an dieses Stückchen Reportage denken von der Bestatterin, die am Rand der Ausschreitungen stand und sagte, ja klar, gegen die soziale Ungleichheit im Land müßte man sich eigentlich einsetzen, aber gegen die Ausländer, da wäre es so viel einfacher.

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Bei mir gibt’s also jetzt ein Banner, mit Hashtag sogar. Aber das scheint mir sinnvoll, denn ich glaube das fest: Wir sind mehr. Mehr, die erst mal zuhören, statt draufzuhauen; die allzu einfachen Geschichten mißtrauen; mehr, die die Frage: Warum? nicht vergessen. Und nicht, daß wir alle Menschen sind.

Segeln!

Im Folgenden kommt Werbung, schamlose Werbung. Aber keiner, der drauf reinfällt, wird mir nachher vorwerfen können, ich hätte die Unwahrheit gesagt oder irgendwas verschwiegen.

 

Sie haben zwei Beine, zwei Arme, einen Kopf vor allem und eine etwas robustere Vorstellung von Freizeitgestaltung? Dann machen Sie doch mal eine Ostseereise auf einem Großsegler! Die Clipper-No-Comfort-Tours sind wahre Wundertüten, Wetter und Crew lassen sich ja nicht vorausbestimmen. Sie sollten Freude an großen Maschinen mitbringen, denn nichts anderes ist so ein Schiff; Fremdsprachenkenntnisse (Fiert den Besan! Bullen los! Halse!) ergeben sich mit der Zeit von alleine.

Sie werden Teil …

Denn alles Fleisch, es ist wie Gras

Er geht uns ausnahmslos alle an; vielen von uns wird er mehrfach begegnen, in vielerlei Gestalt, manche von uns über Jahre und Jahrzehnte beschäftigen. Trotzdem tun wir, wenn man uns läßt, so, als gäb’s ihn nicht, den Tod.
Entsprechend blinkt und leuchtet das Projekt von Christiane Frohmann: Tausend Menschen schreiben über den Tod, kurze Texte, die sich dem allgegenwärtigen Unbekannten aus tausend Blickwinkeln nähern.
Von Tausend Tode schreiben habe ich zuerst bei SoSo gelesen und bin dann eine lange Weile drumherum geschlichen; schließlich habe ich mein Textchen eingeschickt, das nun als Nummer 402 dabei ist.
Auf meinem elektronischen Lesegerät aber liegen jetzt Hunderte von Toden, und ich kann nicht anders, ich muß immer wieder hineinlesen. Wirklich: Lektüre, die packt. Fiktion steht da neben Erlebtem, Wohldurchdachtes neben roh Gefühltem; Weinen, Lachen, Wut und Friedenmachen, es ist für alles Platz. Wie er halt kommt, der Tod. Das einzig Gewisse. Immer überraschend.
Seit Freitag gibt es mit der dritten Version 425 Texte über das Ende des Lebens; im September sollen die 1000 voll werden. Dafür braucht es noch Autoren. Zum Berühmtwerden ist das sicher nichts, so als eins unter tausend. Reich wird man auch nicht – die tausend Honorare gehen als Spende an ein Kinderhospiz. Es ist die Möglichkeit, die eigene Perspektive hinzuzufügen zu diesem großen, großen Bild vom Ende des Seins, von dem sich der Blick unweigerlich dem Leben zuwendet und seiner kostbaren Schönheit, seiner Vergänglichkeit.
Und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blumen …
Hier gibt es sämtliche Informationen über Tausend Tode schreiben.
 
 

Ach …

Ich habe keine Lust zu bloggen, auch wenn es der schönen Dinge genug zu beschreiben gäbe. Aber die schrecklichen Dinge türmen sich und nehmen mir die Worte.
In einem Land gar nicht so weit von unserem entfernt wird ein Mensch öffentlich ausgepeitscht, weil er in seinem Blog Fragen gestellt hat, weil er sich regierungs- und religionskritisch geäußert hat. Weltweite Proteste konnten diesen Wahnsinn bislang nicht stoppen.
Wir leben offenbar in einer Welt, in der Worte so gefährlich sind, daß sie unmenschliche Gewalt rechtfertigen. In der für religiöse Ideen Menschen getötet werden. In der das Leben eines Bloggers, die Hoffnungen seiner Familie zerstört werden können. Einfach so.
Ich habe nie Nachteile durchs Bloggen gehabt; die Gesellschaft, in der ich zuhause bin, folgt im großen und ganzen dem Grundsatz: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Ich habe Glück mit meinem Wohnort.
Was kann man tun? Schreiben. Immer: schreiben. So wenig; so viel.

Hoppla: Radio!

Letzte Woche war die liebe Afra Evenaar im Radio – und ihretwegen war heute ich dran. Bei Radio Fritz: Trackback. Danke — wenn ich die Empfehlung höre, werde ich immer noch ganz verlegen.
Jeden Samstag geht es hier um Netzthemen (und Musik), und am Ende der Sendung gibt es ein Interview Blogger privat. Im Podcast kann man sich anhören, wie ich, in Wolldecken gewickelt und mit Ingwertee in Reichweite, keinen Hustenanfall bekomme, während ich am Telefon die Fragen von Teresa Sickert beantworte. Danke für das nette Gespräch!
Wenn’s nach mir geht: Nächste Woche könnte Ufoport Glufenteich befragt werden zu Reisen ins wilde Unspektakuläre, oder Philea über Leseplätzchen und stetig wachsende Bücherstapel.
Wir werden sehen, oder vielmehr hören. (Die Dichterin verfügt sich einstweilen wieder ins Bett und gelobt Besserung.)