Pfannkuchen

Ei, Milch, Mehl und Butter nach Gefühl; in der Pfanne blasig gestockt und goldbraun ausgebacken. Solang er noch knistert, auf den Teller. Um den herum stehen die Sommer vergangener Jahre, löffelstarrend: die Marmeladen von L.

Holunderblüte mit märkischem Streuobstwiesenapfelsaft: allein die Holunderblüte ist mir ein Vergnügen; dazu denk ich mir knorrige Bäume an einem Hang, unter brandenburgischem Himmel mit Schwalben darin, und solang man nur nach oben schaut, ist die Welt in Ordnung.

Schwarze Johannisbeere. Mit dem Löffelrücken ausgestrichen, bleibt sie doch schwarz; beim Zusammenrollen schon steigt der Duft nach süßer Erde auf. Wie im Garten der Großmutter, dieser Erinnerungswildnis voller Kirschen und Beeren. Im Kirschbaum lernte ich, daß die hübschen, runden Marienkäfer Raubtiere sind, und im Johannisbeerbusch, daß es sich lohnt, vorsichtig zu kauen, um die Kerne herum. Das hat sich bis heute nicht geändert: so köstlich.

Dann aber! Gold auf der Gabel, beinah scharf, und schon schmeckt’s süß nach Ferne: bittere Orange aus Sevilla! Über den Butterglanz reisen schmale Schalenboote, und beißt man auf eins, ist das Sonnenauf- und -untergang in einem. Nur nicht schlingen! Wie alles Kostbare ist es schnell vorbei: zwei Stück, und der Löffel klappert im leeren Marmeladenglas.

Ein Fest, eine Freude, eine kleine Seligkeit! Die Amsel im Hof stimmt das Große Pfannkuchenlied an, als wüßte sie genau, wovon ich rede.

 

 

 

Das Museumsmuseum

Das Hessische Landesmuseum Darmstadt hat eine bewegte Geschichte: eine fürstliche Krempelsammlung, später standesgemäß untergebracht und bedeutend erweitert, wissenschaftlich kuratiert, innovativ präsentiert; nationalistisch gesäubert, abgebrannt, schließlich schrittweise modernisiert. Sieben Jahre war es geschlossen, und seit 2014 kann man sich hier anschauen, wie ein Museum vor gut hundert Jahren aussah.

Viele Tiere. Wenig Fleisch.
Viele Tiere. Wenig Fleisch.

Die Bilder sind stark; in gründerzeitlicher Pracht ist aller Stolz der Wissenschaften ausgestellt. Vitrinen voller Vogelbälger, wie sie die Forscher von ihren Reisen schickten. Präparierte Skelette; ausgestopfte Tiere, in Dioramen arrangiert zu fast lebendigen Szenen. Gründlichkeit. Systematik. Oh, so viele Gewißheiten, man muß nur entschlossen danach greifen.

Alles in diesem Museum wurde entstaubt und aufgefrischt und in einen möglichst originalen Zustand gebracht, und nun sieht man hier nicht einfach Paläontologie, Geologie und Zoologie, sondern man sieht ein Museum, das Museumsgeschichte ausstellt. Eine Zeitreise, auf der wir heutigen Menschen – die um Klimawandel, um Artensterben, um die Endlichkeit der Ressourcen wissen – dem damaligen begegnen, der im Bewußtsein, Krone der Schöpfung zu sein, die unerschöpfliche Vielfalt des Planeten als Geschenk hinnahm.

da-messel da-hase da-hyaene da-vitrine

Das sind solche Dinge, von denen ich nicht genug bekommen kann. Ich muß da unbedingt mal ein paar Stunden verloren gehen. Dringliche Besuchsempfehlung! Und großer Dank an Frau Amsel für den Tip!

 

Hessisches Landesmuseum Darmstadt
Vom Bahnhof aus zu Fuß: ca. 20 Minuten

Blick in die Ausstellung (Tierpräparate).

 

 

Alte Knochen

Bahnhofsromanik
Bahnhofsromanik, schadhaft.

Die Lahn mit Herrn G. wird zur guten Gewohnheit: Von Obernhof mäandern wir flußauf bald durch den Westerwald, bald durch den Taunus; die erste richtige Sommerwanderung des Jahres, auch wenn es in der Nebelsuppe des Morgens noch nicht danach aussieht.

Als wir den ersten Gipfel erreichen, hat auch die Sonne sich durch die Wolken gebrannt. Sattgrün dehnt sich das Hügelland und ist nur, wenn man genau schaut, etwas angefressen: Fasziniert beobachten wir, wie hellgrüne Raupen sich aus dem Laub stürzen, ruckweise fallend, knapp überm Boden hängen bleiben und sich dann in zuckenden Bewegungen am eigenen Faden wieder in die Höhe wickeln. Leicht sammelt man Raupen auf Hut, Schultern, Rucksack.

Quörk, quarr, quörk, quarr: Herrn G.s Schuhe begleiten jeden Schritt mit einem Knarren. Leder auf Leder halt. Später gestehe ich, daß ein gut Teil des Geräuschs nicht seine Schuhe, sondern meine Knie sind. Neue Schuhe und alte Knochen im Duett auf dem Weg, der uns über felsige Rücken zum Wasser führt und wieder in die Höhe. Wenn wir uns laut genug unterhalten, hören wir es kaum.

Weiter …

Stapel

Bücher, die ich gerade lese
Bücher, die ich noch lesen will
Bücher, die ich angefangen habe, aber jetzt gerade nicht lesen kann
Bücher, die ich zurückgeben muß
Bücher, die ich (vielleicht) doppelt habe
Bücher, die (vielleicht) gar nicht mir gehören
Bücher, die ich verschenken will
Bücher, die weg müssen
abwesende Bücher (Platzhalter)
restliche Bücher

Und irgendwann sortiere ich die Regale.

 

 

 

Zu Fuß flüchten

Herr G. will Lahn. Der Weg ist lange noch nicht ganz gegangen, und letztes Mal war’s Herbst. Also auf nach Bad Ems, und weiter, weiter!

Zum Reinlaufen schön.
Zum Reinlaufen.

Bad Ems muß schön gewesen sein, wurde aber in den fetten Zeiten modernisiert. Aus dem abwaschbaren Bahnhof geht es über die Lahn und weiter zu den romantischen Westerwaldhöhen, die schon Goethe-Freund Lavater beeindruckten. Hinauf werden wir durch ein Parkhaus geschickt. Hätte Lavater dieses Treppenhaus gesehen, er wäre anderswo spazieren gegangen.

Hoch überm Fluß ist es dann …

Ganz unten im Flusensieb

Frühjahrsputz! Viel bleibt ja nicht mehr hängen, aber zwischen „hermann“, „abwesenheitsnotiz“ und 6465 unbekannten Suchbegriffen im vergangenen Jahr fand sich doch auch die ein oder andere hübsche Fluse im Suchmaschinensieb:

warum sind bucheckern leer
Ich war’s nicht.

vorabendgrüsse
Danach sind noch Abend-, Spätabend- und Nachtgrüße möglich. Im Schlaf bitte vom Grüßen absehen, da stört es den Empfänger bloß.

lakritzeturm
Oh, toll! Den suche ich selbst schon lange; wo gibt’s den?

toupet vorher nachher
Kommt drauf an, was dazwischen liegt. Toupet glatt –> Wind –> Toupet verwirbelt. Toupet trocken –> Schwimmwettbewerb –> Toupet naß. Toupet ordentlich –> Liebesnacht –> Toupet verstrubbelt. Toupet in Bad Orb –> Zugreise –> Toupet in Regensburg. Und so weiter, Rest ist gar nicht mehr schwierig.

pferdemist grob faserig
Damit kenne ich mich nicht aus. Ich könnte mir aber vorstellen, daß Nahrungsumstellung auf Grünfuttersmoothies hilft. Oder vielleicht: Mist häckseln.

nacken verdreckt
Ja, und nu? Waschen? Fotografieren, ins Internet stellen? (Im Ernst – was haben Sie dazu bei mir gefunden?)

sprachatlas semmelbroesel
Schlechte Kombination. Mit Semmeln wird die Aussprache undeutlich, und in Atlanten bröseln gehört sich nicht.

käfer dreht sich immer auf den rücken
Schauen Sie mal nach dem Herstelleraufdruck. Kann eigentlich kein Original-VW sein, die machen zwar andere schlimme Dinge, aber das eher nicht.

Überfall, überfällig

Kirschblütenschatten.
Kirschblütenschatten.

So lang waren die Nächte eisig, doch von einem auf den anderen Tag ist Mai, und der tut gleich so, als wär nie was anderes gewesen. Treibt uns aus der Wolle und brennt Nacken und Schultern rot, läßt Büsche und Bäume im Garten explodieren, hängt brummende Flugzeugelchen ins Himmelblau und macht die Tauben schier verrückt.

Es ist dringend an der Zeit, unterm Kirschbaum still im Blütenschatten zu sitzen und den Mauerseglern nachzuschauen.

 

 

 

Himmelfahrt

Fast wie'n Gebirge.
Fast wie’n Gebirge.

Im „niedrigsten Mittelgebirge Deutschlands“ ist Frühling: Raps und Kirschen, Löwenzahn und Buchen, frisch belaubt, und darüber ein blitzblankblauer Himmel. Kinners, ist das ein Sonnenschein!

Unterwegs allerhand Bollerwagentrupps: solche mit schlechter Musik aus schlechten Lautsprechern, solche, die Müll streuen und ein paar nette, die uns galant eine Schranke im Wald aufhalten und dann fröhlich ihres Weges ziehen.

Von der höchsten Erhebung des niedrigsten Mittelgebirges gibt es keine Aussicht; für die muß man erst wieder halb runter und raus aus dem Wald. Dann aber scheint „Gebirge“ für diese paar Hügel wirklich nicht übertrieben. Merke: Es kommt nicht auf die Größe an, sondern auf den Abstand zu den anderen.

 

 

In den Mai

Was nur anziehen? Und den Schirm nicht vergessen, sonst regnet’s. Vielleicht aber auch doch oder trotzdem oder sowieso; man weiß es ja nicht, und schon gar nicht vorher. Wetter: bretonisch.

Wetter über Blüteresten.
Wetter über Blüteresten.

Pflanzen, Vögeln und Getier ist das gleich. Das blüht, legt Eier, brütet, schlüpft und wächst, was das Zeug hält. Die Wiesen stehen voller Bärlauch, das Laub auf dem Weg wimmelt vor kleinen Spinnen, der Fluß vor flauschigen Graugansküken, und nach der Kirsch- überzieht nun die Apfelblüte die Obstfelder. Einem Außerirdischen müßte das wie eine Krankheit scheinen, ein plötzliches Fieber, das ausbricht wie ein weißer und rosa Schorf und langsam wieder abklingt zum gewöhnlichen Grün.

Schwimmende Kinderstube.
Schwimmender Kindergarten.

Störche ducken sich hinter hohen Nesträndern. Auch die Reiher sind mißtrauisch, setzen aber auf Stillhalten: wie aus Plastik stehen sie in den Wiesen, das Auge folgt als starrer Punkt den Wanderern. Die Nachtigall bleibt im Weidendickicht ganz unsichtbar und singt unverschämt laut dabei. Das muß sie auch; die Autobahn ist einen Steinwurf weit entfernt und legt eine Glocke aus Lärm über das Auenidyll.

Pause auf einer Bank am Ufer. Der Fluß strömt hoch und sieht zwischen den Weiden nach Abenteuer aus. Drei Schwäne wuchten sich aus dem Wasser: auf schwarzen Füßen klatschen sie über die Oberfläche, bis ihnen die Luft unter die sausenden Schwingen greift und sie abheben. Ein vierter schafft es nicht; er läßt sich in den Fluß zurückplumpsen, wo Auftrieb ihm die Anmut wiedergibt, krümmt den Hals und schwimmt lautlos weiter. Scheitern in Schönheit.

Zu Beginn und zum Ende des Weges: Campingplätze. Man lebt hier, im Wohnmobil mit Vorzelt und Terrassenmöblierung, wie im Einfamilienhaus. Rasenmäher kann man leihen, Rasenfackeln stecken wie Warnbaken um die temporären Grundstücke. Nach dem Campingplatz kommt die Schrebergartenkolonie, dann der Friedhof, dann das Dorf.

Geregnet hat es nicht. Ich hatte ja auch den Schirm dabei. Und ab morgen ist Mai, da wird alles, alles anders.