In den Schuhen der Großen

Der Sommer ist zur Ruhe gekommen. Als wäre nie etwas anderes gewesen und als wolle es immer so bleiben, liegt die Wärme auf den Feldern, gilbt das Getreide und dörrt das Heu. Aus dem Zugfenster beobachten wir, wie das Land sich hier flach wie ein Tisch dehnt, um sich an den Rändern zu krausen. Hinter den ersten Hügeln steigen wir aus.

Herr G. hat eine Karte, die ist so alt, daß sie fast vom Anschauen zerfällt. Wir stellen fest: Wanderwege gehören nicht zu den Dingen, die bleiben, wie sie sind; unserer ist an vielen Stellen verlegt worden, dafür aber so gut ausgeschildert, daß man ihn auch freihändig findet. Wir gehen die neue und – Freiheit derer, die die Karte haben –, wo es uns gefällt, die alte Strecke.

Herr G. erzählt von Earl Shaffer, der 1948 als erster den Appalachian Trail komplett bewanderte; als er in Georgia von Picknickern gefragt wurde, wo er denn hinwolle, sagte er: Maine. Den Blick der Frager können wir uns nur zu gut vorstellen, den kriegt man ja schon, wenn man als Ziel das nächste Dorf nennt. Überhaupt, Wanderlektüre! Eichendorffs Taugenichts, der mindestens im Herzen, und Johann Gottfried Seume, der auf beiden Füßen ferngewandert ist. Patrick Leigh Fermor (Rotterdam bis Konstantinopel zu Fuß) und Rebecca Solnit mit ihren Essays zum Gehen (liegen auf meinem Stapel); Robert Macfarlanes Alte Wege haben uns beide fasziniert. Und natürlich Wolfgang Büscher! Herr G., der ihn im Interview gehört hat, sagt, daß er eine schöne Stimme habe. Wie auch anders, wenn einer so schreibt. Hartland mochte Herr G. weniger als ich, aber Frühling in Jerusalem, auch wenn es gar nicht ums Gehen geht – eines der schönsten Reisebücher. Oh, und der Fiat, mit dem Nicolas Bouvier und Thierry Vernet 1954 nach Pakistan gelangten: mit arabischen Gedichten beschriftet, um ihn vor Vandalismus zu schützen; eigentlich auch nur erweitertes Schuhwerk …

Ein bißchen verstört uns, daß wir beide ein Buch über das Wandern gelesen haben, ehrenwert in der Absicht, kein Zweifel, das sich mit seinen Fehlinformationen und unfreiwillig komischen Passagen tiefer im Gedächtnis verhakt hat als so manches, von dem man sich’s gewünscht hätte.

Schafe & Schüssel.
Schafe & Schüssel.

Der Weg durchmißt derweil die Eifellandschaft, ohne uns anzustrengen, unter einem Regenschauer durch und mit Fernsicht bis da hin, wo die Erde sich wegkrümmt. Vulkankegel stehen als Wegmarken in den Wäldern, und das alles mischt und überlagert sich mit den Bildern aus Büchern und Erzählungen, daß wir am Ende kaum wissen, in welcher Geschichte wir uns befinden. Das alles läßt sich klären: man muß den Blick nur ganz auf das Innere einer Kaffeetasse konzentrieren und nicht weiter schauen, als der Kuchentellerrand reicht.

 

Fortgeführter Fernwanderbericht: SoSo und Irgendlink wandern Rhein. Ich wünsche gute Wege und Schlafplätze!

Und hier ein Bericht einer älteren Dame auf dem Moselsteig.

Stapel

Bücher, die ich gerade lese
Bücher, die ich noch lesen will
Bücher, die ich angefangen habe, aber jetzt gerade nicht lesen kann
Bücher, die ich zurückgeben muß
Bücher, die ich (vielleicht) doppelt habe
Bücher, die (vielleicht) gar nicht mir gehören
Bücher, die ich verschenken will
Bücher, die weg müssen
abwesende Bücher (Platzhalter)
restliche Bücher

Und irgendwann sortiere ich die Regale.

 

 

 

Und: Bücher.

Ich habe es wieder geschafft: auch im neuen Lieblingsladen gehen die Buchhändlerinnen in Deckung, wenn ich komme. Die Chefin hat es sehr charmant zusammengefaßt: Ist halt schwierig, wenn man nicht die aktuellen Bestseller liest.
Ist es die Möglichkeit — Der Glocken Schlag, ein Klassiker der Krimiliteratur, nicht lieferbar?
Kürzlich ein ganz wunderbares, skurriles Buch mit Vergnügen gelesen — und dann stand da: Wem wird hier gedacht? Ein ganzes Kapitel lang Gedenken mit Dativ. In der Stimme des Autors. Wieder und wieder. Das war’s dann für mich; ab da las ich das Buch bloß noch korrektur. Ein Jammer.
Ein paar alte Lieblingsbücher nachgekauft und mit Erschrecken festgestellt, daß es eine neue Sorte Paperback-Umschlag gibt, farbstark und — klebrig. Ich werde ihnen wohl kleine Packpapierjäckchen basteln müssen, um sie anfassen zu können.
Zwei, drei ganz und gar wunderbare Sachen gelesen, nur eine richtige Pleite, und jetzt mal wieder Austen. Warum nicht.

Bücher von Bloggern II

Mein zweites Bloggerbuch ist, ganz standesgemäß, in einer Satteltasche zu mir gelangt; gelesen habe ich es allerdings am Küchentisch, im Warmen und Trockenen:
Jürgen Rink (Irgendlink): Schon wieder ein Jakobsweg, eBook 5,99 €; Paperback ISBN 978-3-844278-67-5, 104 Seiten, 9,95 €
„Schon wieder ein …“ –? Jakobsweg kennt doch jeder, spätestens seit Kerkeling, da müßte man schon rückwärts auf Rollschuhen unterwegs sein …

Bücher von Bloggern I

In meiner Ecke vom Netz entstehen nicht nur fabelhafte Dinge, sondern sie werden auch gedruckt. Gelegentlich findet etwas davon den Weg zu mir. Drei Beispiele, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, habe ich gerade hier. Zum ersten:
Claudia Sperlich (kalliopevorleserin): Lass mich bekennen Deine Mandelblüte. Gedichte, Paperback,
ISBN 978-3-7323-1172-9, 120 Seiten, 6,99 €
Ein Buch mit christlichen Gedichten dürfte unerwartet sein in meinen Beständen; darum muß ich ausholen …

Vom Stapel

Frau Sachensucherin vom äußerst lesenswerten Doppelblog fragt, was ich denn so vorhabe: fünf Bücher, die ich als nächstes lesen will.
Das ist schön, denn die Vorfreude auf das, was mich zwischen Buchdeckeln erwartet, ist eine meiner liebsten. Und schwierig, denn: vor habe ich viele Bücher, aber es kommt gerne was dazwischen (meist andere Bücher). Und es ist schwierig, über Bücher zu schreiben, von denen man noch gar nichts weiß. Klappentexte, übrigens, ignoriere ich aus Prinzip.
Also zu meinem Stapel der Bücher-die-ich-unbedingt-lesen-will (da sind Bücher-die-ich-bestellen-will, Bücher-die-ich-in-der-Buchhandlung-abholen-muß und die bislang ungeschriebenen gar nicht dabei …). Et voilà …

Fahrräder in Göttingen

Die niedersächsische Stadt Göttingen ist bewohnt von etwa hundertfünfzig- bis zweihunderttausend Fahrrädern. Sie finden sich auf öffentlichen Plätzen zu riesigen Herden zusammen und bilden charakteristische, nahezu unentwirrbare Dickichte. Domestizierte Exemplare leben in Kellern und Verschlägen; die meisten jedoch verbringen den größten Teil des Jahres unter freiem Himmel, wo sie mit der innerstädtischen Flora um Lebensraum konkurrieren.

Eine kapitale Esche, von Fahrrädern eingekreist.
Ein einzelnes Fahrrad hat sich zu weit von der Herde entfernt …

Alles über Fahrräder (und wie es dazu kommen konnte) findet sich bei Flann O’Brien: The Third Policeman — deutsch von Harry Rowohlt: Der dritte Polizist.

Praktisches Kochbuch

Auf dem Bücherflohmarkt fiel es mir auf, weil es keinen Titel trug; es war offenbar neu von Hand gebunden, das Innere geflickt, die Seiten brüchig und sehr gelesen. Also habe ich es mitgenommen, das »Praktische Kochbuch« von Henriette Davidis (1801–1876), in der 18. Auflage von 1873, in der die »im Jahre 1872 gesetzlich eingeführten neuen Gewichte und Gemäße … überall zur Anwendung gebracht sind«.

Henriette Davidis: Praktisches Kochbuch.
Henriette Davidis: Praktisches Kochbuch.

Dieses Kochbuch war, so sagte man mir, der Klassiker schlechthin und enthält das, was man über hundert Jahre lang als die deutsche Küche bezeichnete; sicherlich mit einem westdeutschen Schwerpunkt, da Frau Davidis im Ruhrgebiet gebürtig war. Im Anhang ist es ergänzt um praktische Hinweise für »Arrangements und Gesellschaften«: beispielsweise »das Jagdfrühstück« (ein herzhaftes Picknick), »Damen-Thee’s« und »kleine freundschaftliche Kaffee’s«.

Was mein Exemplar noch enthält: keine handschriftlichen Ergänzungen, die waren bei Frau Davidis vielleicht nicht nötig; aber Lesezeichen. Zwischen den Fleischsuppen steckte ein Werbeprospekt der Firma Gottlob Widmann & Söhne KG. aus Schwenningen, die Haushaltselektrogeräte herstellte (»Es wird Ihnen viele Jahre nützlich sein!«). In der »Abtheilung Warme Puddings« fand ich den Ausschnitt einer westfälischen Zeitung (November 1982) mit einem Artikel über den Dortmunder Ostenfriedhof, auf dem Henriette Davidis 1876 beerdigt wurde: »Jedes Jahr am 1. März, dem Geburtstag der Davidis, aber steht bis heute eine Terrine auf dem vielbesuchten Grab …«

Ganz große Oper. Und: Spielen mit der Post

A rough English translation can be found in the comments section.

In den letzten Wochen und Monaten habe ich eine Menge Bücher gelesen, die ich mochte. Entzückt haben mich zwei, eines nur auf Deutsch, das andere ausschließlich auf Englisch erhältlich, beide mit Witz geschrieben und viel Herz für ihren Gegenstand.

Bei Anke Gröner im Blog wurde mir Walküre in Detmold von Ralph Bollmann ans Herz gelegt. Und da ist es geblieben, dieses hübsche Buch, das die Opernlandschaft der deutschen Provinz beleuchtet und dabei ein ungewöhnliches Porträt unseres Landes liefert.

Der Autor besucht seit 1997 die Opernhäuser der Provinz; 2010 hatte er in jedem Zuschauerraum (mindestens) einmal gesessen. Opernkritik findet sich in seinem Buch, wenn überhaupt, nur am Rande; hier geht es um die Atmosphäre an den Häusern und beim Publikum, um den Umgang der Städte mit ihren Musentempeln und den Stellenwert der Kultur. Dazu erhellt der Journalist Bollmann die historischen und politischen Umstände, die dazu geführt haben, daß Deutschland 81 Opernhäuser betreibt — das sind, der unbedarfte Leser staunt, etwa so viele wie im gesamten Rest der Welt zusammengenommen.

Und wenn ich von Bollmanns schönen und weniger schönen Erlebnissen fernab der Metropolen lese, seinen nüchternen Analysen und seinen farbigen Schilderungen folge, fügen sich all die Eindrücke zu einem funkelnden Ganzen. Die »Walküre in Detmold« macht Lust auf Oper, und zwar auf die in der Provinz.

Eine ganz andere Art der Faszination weckt mein zweiter Bücher-Schatz (hach! Danke!): »The Englishman who posted himself and other curious objects« von John Tingey, seines Zeichens passionierter Briefmarkensammler. In diesem reich illustrierten Band beschreibt er Leben und Wirken von W. Reginald Bray (1879–1939), einem englischen Verwaltungsangestellten, dessen Hobby es war, möglichst absonderliche Gegenstände per Post zu versenden.

Die Postboten hatten Glück, wenn es sich nur um ausgeschnittene Figuren handelte oder um Karten mit gereimten oder gezeichneten Adressen. Es konnten auch gestickte oder mit Siegelwachs geschriebene Botschaften, Zwiebeln, Seetang, Bratpfannen sein. Außer einem Hasenschädel und dem »tapferen« Hund der Familie verschickte Bray sich selbst — und wurde so 1903 zum ersten Menschen, der seinen Eltern gegen Quittung von einem Postbeamten zugestellt wurde. Besonders gut gefallen hat mir die Postkarte mit dem Motiv eines meerumtosten Leuchtturms, adressiert »to the Keeper«.

Die Geschichte, wie der Autor John Tingey an sein Thema geriet, ist kaum weniger kurios: Als Briefmarkensammler erwarb er einen Stapel Umschläge, die eigenartig adressiert waren, etwa: »To any Resident of London« (ging zurück mit dem Vermerk, die Adresse sei nicht vollständig). Tingey fing an, sich mit den Objekten zu beschäftigen, und kam aus dem Staunen nicht heraus. Den »postalischen Aktivitäten« W. Reginald Brays widmete er zunächst eine Webseite, um seine Sammlung von Brays Werken zu erweitern; aus dieser und Kontakten zu Brays Nachkommen, die Bilder aus dem Familienalbum beisteuerten, entwickelte sich dann das vorliegende Buch.

Für Post-Fans, die des Englischen nicht mächtig sind, gibt es leider (noch?) keine Übersetzung; als kleiner Trost mag das Werk von Heinrich August Raabe (1759–1841) dienen: Die Postgeheimnisse
oder die hauptsächlichsten Regeln welche man beim Reisen und bei Versendungen mit der Post beobachten muß um Verdruß und Verlust zu vermeiden
.

Auch schön!

Wie werde ich energisch?

Zwar bin ich mit vorsätzlicher Genickstarre über den Bücherflohmarkt gegangen (auf dem kürzesten Weg nach Hause), aber ein Titel sprang mir doch ins Auge: »Wie werde ich energisch?«, wilhelminische Gestaltung in Feldgrün. Ein gewisser Dr. med. W. Gebhardt verspricht »Eine vollständige Anleitung zur Selbsterziehung zu Energie und Thatkraft«. Das Büchlein hätte genausogut »Kauf mich!« heißen können — und so begann die Entwicklung von Energie und Thatkraft damit, daß ich Vorsätze über Bord warf.

Wer Herr Dr. med. Walt(h)er Gebhardt war, habe ich nicht zweifelsfrei klären können; da die Schrift zwischen 1904 und 1910 erschienen sein muß, käme dieser hier in Frage; wahrscheinlich war es aber ein weniger bekannter Namensvetter. In zehn gehefteten, (sparsam) illustrierten »Briefen« leistet er Selbsterziehungsberatung, insgesamt 160 eng bedruckte Seiten lang, die es auf mindestens vier Auflagen gebracht haben.

Machbarkeit war ein großes Thema um die Zeit der letzten Jahrhundertwende; unzählige technische Errungenschaften schienen zu beweisen: Wo ein Wille ist, ist ein Weg! Der Ingenieur überflügelte im öffentlichen Ansehen Pfarrer, Lehrer, Apotheker. Künstler waren die schwarzen Schafe in kaisertreuen Bürgerfamilien und kamen leicht in den Ruch der »Neurasthenie«, weniger vornehm: der krankhaften Nichtsnutzigkeit.


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