Zum Abschied aus dem Kindergarten durften alle Vorschulkinder eine Nacht im Zelt schlafen. Decken und Matratzenlager und Hagebuttentee. Aus dieser Nacht stammt meine erste dokumentierte Erinnerung an S.: Ein Foto zeigt uns beide in einer Ecke des Zeltes, Kopf an Kopf, in eine Decke gehüllt, anscheinend in ein Gespräch vertieft. Ich schaue mit großen Augen ins Weite, S. grinst mit weißen Zähnen und drei netten Grübchen. Ich nehme an, wir spielten mein Lieblingsspiel: zwei Kinder wären verloren gegangen in Sturm und Schnee und hätten sich eine Höhle gebaut.
Er kam dann in meine Klasse …
Deutsche Einheit
Gestern früh beobachtete ich im Zug, wie auf der Rheinstrecke in jeder Stadt Männer zustiegen, jung bis höchstens mittelalt. Gruppen, Rudel, Horden von ihnen, mit krachneuen Lederhosen und grellkarierten Hemden unter den Jacken, mit Strickstrümpfen und lärmender Laune in sämtlichen Dialektfarben, die man am Rhein so spricht.
Sie alle machten sich auf gen Süden — langes Wochenende, da geht’s auf die Wiesn!
Mobilmachung. Ein Glück, daß sie einigermaßen friedlich ist.
Zur Wiesnberichterstattung hier entlang.
Stadt mit X
Am Fahrkartenautomaten der Bahn geht’s schnell: es gibt nur ein einziges Reiseziel mit X. Die Fahrt geht dann aber gar nicht nach Bayern, sondern an den Niederrhein.

Hier gründeten die Römer die Colonia Ulpia Traiana, die dann nach Rückzug der Legionen niederging. Ihre Steine fanden Verwendung in den Bauten der mittelalterlichen Stadt gleich nebenan …
Schafe und Nebel

Im Nebel geht es sich wie im Traum. Man sieht voraus gerade bis zur nächsten Wegmarke; das Vergangene ist schnell vom Dunst verschluckt, und links und rechts des Pfades gibt’s ohnehin nur weißes Nichts. So zweifellos richtig kann man nur an einem Nebeltag unterwegs sein.
Das heißt, falsch machen kann man schon was, wenn man’s richtig anstellt …
Wo die Musik wohnt
Wo Robert Schumann, geistig umnachtet, seine letzten beiden Jahre verbrachte, befindet sich heute ein Teil der Stadtbibliothek Bonn: die musikalische Sammlung.

Das Haus ist offen; in jeder Hinsicht lädt es ein. Im Erdgeschoß drängen sich Notenhefte, nach Instrumenten und Komponisten sortiert. Es herrscht leise Geschäftigkeit: ein dunkel gekleideter Mann runzelt die Stirn über mehreren aufgeschlagenen Partituren; eine Frau streicht durch die Regale mit der Blechbläserliteratur, ein Mann — schmale Hände, volle Lippen — wendet Seite um Seite einer Flötensonate.
Einige knarrende Stufen höher stehen Zeitschriften, die Musikbibliothek, und zwischen den Bücherwänden ein Konzertflügel. Vielleicht fünfzig Zuhörer finden hier Platz, wenn es Kammermusik gibt. Zwei Nebenräume beherbergen ein kleines Schumann-Museum mit Bildern, Briefen und Urkunden.
Hier ist die Musik zuhause, Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht auch Zukunft. Besser hätte sie’s kaum treffen können: ein schöner Ort, der einlädt zum Besuchen und Anschauen.
Herbstgruß
Blick aufs Glück
Ein Tag voller fröhlicher Gesichter: statt des vorhergesagten Regens schien die Sonne so warm, daß es die Flaneure aus ihren Jacken trieb. Mir macht das, wenn Menschen sich übers Wetter freuen, gute Laune.

So gestimmt, begegnete ich einem Freilufttelefonat. Normalerweise übe ich mich im Überhören, weil: Weißt du, wo ich bin? Auf dem Marktplatz! Und ich trinke einen Kaffee!, das ist nichts, was ich wissen muß. Aber hier erzählte das eine ältere Frau in ihr Telefon, allein an einem Cafétischchen, weißt du, was für ein Tag heute ist?, und es lag so viel Glück in ihrer Stimme, daß ich mich unweigerlich ihr zuwandte.
Dann fiel mir B. ein, die, so scheint es, alles hat, was man sich wünschen kann, und die an nichts und niemandem ein gutes Haar läßt. Von ihr heißt es: die hat Unglück im Glück.
Es ist Freitag der Dreizehnte. Ich gebe nichts auf Daten und Zahlen, außer für Geschichten.
Gezeichnet
Der umgekippte Tümpel stinkt, ein verhaltener, bitterer Hauch; zwischen den Bäumen glänzt er faulig. Ich zwinge mich, stehenzubleiben.
Nichts regt sich, nicht an seiner Oberfläche und nicht an seinem Rand; alles Leben ist geflohen. Und doch sind auf dem Wasserspiegel Zeichnungen zu sehen, Schnörkel und Krakel, Schlingen und Schwünge, kühne Striche auf der Algendecke.
Ich gehe in die Knie, folge so einer Linie mit den Augen, sie verläuft ungebrochen, und finde an ihrem Ende einen Falter. Weiß treibt er in einer schwarzen Ausweitung dieser letzten Bahn, die er zwischen Wasser und Luft gezogen hat.

Im Weitergehen verfolgt mich dieses tote Gewässer, darin die Spuren sterbender Falter, von keinem Tümpelwesen abgekürzt, und wie ich diese Spuren betrachte und denke: schön.
Blick nach vorn
Wichtige Geschichten, und gute dazu:
Eine Berlinerin erzählt von ihrer Mutter und deren Umzug aus Lüdenschied in die große Stadt. Meine arme Mutti läßt ahnen, wie, hm, unvorhersehbar das alles sein kann.
Auf [deˈmɛnʦ] finden sich Geschichten aus einen anderen Universum mit eigenen Regeln und ganz eigener Schönheit. Immer einen Klick entfernt: umfassende Informationen zu Demenz, zu Pflege, zum Alltag mit dementen Angehörigen.
Beide Blogs sind Versuche zu verstehen oder doch zumindest zu notieren, was in den alten Köpfen vorgeht, die wir alle mal tragen werden. Und irgendwo zwischen Lachen und Weinen wird vielleicht die Angst kleiner.
Liebe Zeit

Schön, wenn man bei der Arbeit zusehen kann. (Mit besten Grüßen an die Zeitreisende Frau Richensa.)
