Einmal beobachtete ich zwei Jungen auf einem sonst mittäglich leeren Schulhof. Der Große, elf, zwölf Jahre alt, fuhr mit dem Skateboard auf ein niedriges Mäuerchen zu, sprang in die Luft, wobei er das Board mit sich riß, daß es sich in der Luft drehte, und vesuchte mittig auf dem Board und auf der Mauerkrone zu landen. Immer wieder nahm er Anlauf, sprang, drehte; immer wieder entglitt ihm das Board, blieb auf der Strecke oder polterte auf der anderen Seite des Mäuerchens zu Boden.
Der Jüngere, vielleicht sieben, saß auf der Eingangstreppe und beobachtete diese Bemühungen ernst und gebannt, sah Anlauf, Scheitern, den nächsten Anlauf, Verbesserungen, Rückschläge, erneuten Versuch, und als der Ältere eine Pause einlegte und die Rollen seines Boards kontrollierte, stellte er sich zu ihm und fragte …
Panorama
Wo Wein gedeiht, da trödelt der Sommer am längsten: die Sonne fängt sich an den Hängen und taut den Rauhreif der Nacht zu Perlen auf den letzten Blüten, während hoch oben Kranichketten ziehen. Fernhin nach des Südens Wärme.
Herbstlichte Eichenwälder lassen die Sonnenstrahlen durch; Hemd und keine Jacke ist genug. Buntes Laub und Nebel und der Rhein unten im Tal — ich schaue und schaue.
So viel zu sehen: Pfützen auf dem Weg, auf deren Grund Blätter modern wie unter klarem Glas; blaue Käfer, unverdrossen Bein vor Bein setzend wie schimmernde Automaten; extravagant frisierte Pilze; Gedenkkreuze für Eheleuth, die schon dreihundert Jahre unter der Erde sind. Und das Ganze, das Große: der Fluß in weitem Bogen, Wolkengebirge, die sich in stürzenden Felshängen fortsetzen, und die Sonne, die im Untergehen Farbe über alles gießt.
Ich weiß nicht, soll ich lachen, soll ich weinen — immerzu beschwere ich mich, daß sich das Ergangene nicht abbilden läßt, und nun kann ich keine Bilder machen. Meine Kamera geht wieder anderer Wege als ich.
So muß ich — darf ich, was ich sehe, hinter den Augen speichern, mich anfüllen mit Bildern. Sattsehen: geht das?
Vermutlich ähnlich wenig wie: sattgehen.
Zwanzig Dinge
Zwanzig Dinge über mich: das ist ein Stöckchen, das ich beim hochgeschätzten @formschub gefunden habe. Bei Zuwurf-Aktionen mache ich eher nicht mit, es sei denn, etwas daran faszinierte mich. Hier ist es das Fehlen von Fragen …
Selbstbildnis als Landei
Ich bin ein Landkind. Ob es mir geschadet hat, weiß ich nicht.

Ich habe mitten auf der Straße gespielt, mich mehr oder minder erlaubt in Ställen und Scheunen herumgetrieben, und beim Krippenspiel war ich der Weihnachtsengel. Das stärkste Mädchen aus dem Dorf erpreßte mich damit, daß ich was geklaut hätte, dabei stimmte das gar nicht. Ich grüßte jeden, den ich auf der Straße traf; andernfalls gab’s Schimpfe von daheim. Einmal die Woche trug ich Blättchen aus. Auf dem Friedhof las ich lauter bekannte Namen von den Grabsteinen. Ich wußte, wie eine Ziege von innen aussieht. Die Nachmittage am Bach endeten mit dem Abendläuten.

Heute lebe ich im Innersten der Stadt, und gern, aber das Dorf lebt meinem Innersten. Und wenn ich eines sehe oder rieche, weiß ich gleich, woran ich bin.
Die blauen Fernen
Es ist sinnlos, beim Wandern die Landschaft festhalten zu wollen. Auf Fotos ist kein Platz für die Lieder von Meisen und Dieselmotoren, das gute Sonnenblumenbrot aus dem Rucksack und den Duft der Walnußbäume.

Hier zu sehen: die Sehnsucht. Nicht ausgelaufen sein. Nicht satt vom Schönen; mehr wollen, weiter, weiter.
Rheingold
Die letzte, volle Wärme dieses Jahrs schickt mich an den Fluß. Da habe ich zweimal Oktober, zweimal das Licht, mit dem der Himmel schon so freigiebig ist.

Zweimal …
Tatortbegängnis
Folgendes: Tatort Münster am Abend, Thiel & Boerne. Ein Muß — aber kein Fernseher, und kein befreundetes Wohnzimmer in Sicht. Was tun? Es gibt ja Kneipen für so was; eine davon praktischerweise ein paar Straßen weiter.
Kein großer Raum, aber eine Tafel: HEUTE TATORT …
Spiegelflächen & Bodenloses
Wenn einem ein Bild den Boden unter den Füßen wegzieht, wenn’s plötzlich kippt, Erwartungen enttäuscht werden und man seinen Augen, hoppla, doch nicht trauen kann — Momente dieser Art stellt SoSo bei Pixartix aus, inzwischen siebenundvierzig davon: Illusionen, Spiegelwelten. Ich bin mit einigen Fotos vertreten.

Und dann
Und dann ist noch ein Jahr vergangen. Das Rad aus Tagen und Nächten, das immer den gleichen Kreis beschreibt, hat wieder eine Drehung vollendet, ohne daß jemand etwas getan hätte dafür. Ich schon ganz gewiß nicht.
Ich sichte Bilder. Die mit Dir, die, auf denen Du hättest sein und die, die von Dir nicht einmal wissen können. Es werden mehr, jedes Jahr. Manche gleichen sich.
Eine Flamme, eine Blume, ein Glas auf Dich. Ich hätte Dir so viel zu erzählen.
