Wo Robert Schumann, geistig umnachtet, seine letzten beiden Jahre verbrachte, befindet sich heute ein Teil der Stadtbibliothek Bonn: die musikalische Sammlung.

Das Haus ist offen; in jeder Hinsicht lädt es ein. Im Erdgeschoß drängen sich Notenhefte, nach Instrumenten und Komponisten sortiert. Es herrscht leise Geschäftigkeit: ein dunkel gekleideter Mann runzelt die Stirn über mehreren aufgeschlagenen Partituren; eine Frau streicht durch die Regale mit der Blechbläserliteratur, ein Mann — schmale Hände, volle Lippen — wendet Seite um Seite einer Flötensonate.
Einige knarrende Stufen höher stehen Zeitschriften, die Musikbibliothek, und zwischen den Bücherwänden ein Konzertflügel. Vielleicht fünfzig Zuhörer finden hier Platz, wenn es Kammermusik gibt. Zwei Nebenräume beherbergen ein kleines Schumann-Museum mit Bildern, Briefen und Urkunden.
Hier ist die Musik zuhause, Vergangenheit, Gegenwart und vielleicht auch Zukunft. Besser hätte sie’s kaum treffen können: ein schöner Ort, der einlädt zum Besuchen und Anschauen.
Schlagwort: Musikwissenschaft
Ein Monument des Abendlandes

Da ist mir mal wieder etwas Erfreuliches auf den Schreibtisch geweht worden: Roesenhoeser – ein Monument des Abendlandes, ein schmaler Band aus dem Salzburger Selke-Verlag, erschienen im Jahre 1997. Der Kulturhistoriker Johann Christoph Wæhrmann umreißt in diesem Werk den erstaunlichen Werdegang des Balthasar Uriel Maria Roesenhoeser.
Roesenhoeser, ein Kind des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts und im agrarischen Südmähren geboren, war ein rechter Polymath. Er wandte sich im Laufe seines langen Lebens dem Religiösen wie der Politik, den Künsten, den Wissenschaften, dem Militär und der Unterhaltungsbranche zu. Eine Reihe bemerkenswerter Erfindungen gehen auf diesen Gelehrten zurück, der sich zeit seines Lebens der barocken Sprache eines Grimmelshausen bediente: »Nit all’s, was da als Inhalt klinget, / musz auch ein solcher seyn.«
Den Menschen Roesenhoeser haben wir uns als Ausnahmeerscheinung, und das sicher nicht nur in seiner Zeit, vorzustellen. Er bevorzugte feldtaugliche, sandfarbene Bekleidung und trug stets einen Trichter für Abenteuer und Erkundung bei sich; oft überraschte er seine Mitmenschen durch plötzliche Eingebungen und exzentrische Argumentationsketten. (Unfreundliche Zeitgenossen beschrieben ihn als »unberechenbar« und »dreist«.) Auch sein Humor muss erstaunlich gewesen sein; so erschien er gerade zu ernsten und wichtigen Anlässen »stets mit einem Scherzartikelbeil im Kopf« (REMDA, S. 20).
Wæhrmann stellt in kurzen, teils illustrierten Kapiteln die Aktivitäten und Errungenschaften des großen Mähren dar: Roesenhoeser, der Musikologe. Roesenhoeser, der Aphoristiker. Roesenhoeser, der Seefahrer, der Militärausstatter, der Brandschutzbeauftragte …
Zu seinen Erfindungen zählen unter vielen anderen das »Paralleltandem«, der »hydraulische Hochgeschwindigkeits-Dampflockenwickler« und die »Schweisz- & Feil-Orgel«. Dieses eindrucksvolle Instrument bestand aus lediglich drei bis fünf riesigen Orgelpfeifen, deren Tonhöhe während des Konzerts durch »Abfeilen bzw. Anschweißen von Pfeifenteilen« moduliert wurde. »Diese Technik hat zur Folge, daß die Orgel von einem verhältnismäßig unbegabten Organisten gespielt werden kann, vorausgesetzt, daß er von einem gut eingespielten Ensemble musikalisch hochtalentierter Handwerker unterstützt wird […]. Klangfarbe und -volumen des Instrumentes sind beachtlich […].«

In diesem Jahr nun wird MMag.Dr. J.Ch. Wæhrmann ein weiteres Buch herausbringen: Die Roesenhoeser’schen Jubelschriften – monumentale Gedanken eines erhabenen Geistes. Wæhrmann scheint selbst ein etwas exzentrischer Mensch* zu sein; es lohnt jedoch, seine Bücher anzuschaffen. Sie sind, sorgfältig gesetzt, mit Abbildungen versehen und schön gestaltet, eine Zierde für jedes Bücherregal.
* Die Korrespondenz mit dem Autor wäre ein Kapitel für sich. Einen Internetzugang scheint er nicht zu besitzen. Erst nachdem ich eine eidesstattliche Versicherung abgegeben hatte, daß ich weder für den »Südmährischen Landwirtsboten« noch für einen gewissen Jonaš P. Rzymkowsky arbeite, schrieb er mich überhaupt mit Namen an. Seitdem bekomme ich von ihm in unregelmäßigen Abständen kommentarlos dicke Umschläge. Diese enthalten nichts als Kopien alter Zeitungsausschnitte, die ich — aus Zeitgründen — ungelesen wegwerfe.