Deutsche Einheit

Gestern früh beobachtete ich im Zug, wie auf der Rheinstrecke in jeder Stadt Männer zustiegen, jung bis höchstens mittelalt. Gruppen, Rudel, Horden von ihnen, mit krachneuen Lederhosen und grellkarierten Hemden unter den Jacken, mit Strickstrümpfen und lärmender Laune in sämtlichen Dialektfarben, die man am Rhein so spricht.
Sie alle machten sich auf gen Süden — langes Wochenende, da geht’s auf die Wiesn!
Mobilmachung. Ein Glück, daß sie einigermaßen friedlich ist.
 
 
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Aus gegebenem Anlaß

Wenn man weite Strecken mit dem Zug fährt und beispielsweise einen anstrengenden Arbeitstag vor oder hinter sich hat, möchte man sich gerne entspannen. Ich habe deshalb immer ein Buch dabei, nix Anspruchsvolles, einfach etwas, das sich so wegliest.

Also klappe ich meinen Sitz nach hinten und versuche, in meine Geschichte reinzukommen, da kriecht mir was ins Ohr: Tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss … Nicht wirklich laut, aber hartnäckig. Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss … Wenn der Zug etwas weniger rumpelt und rauscht, höre ich leises Quäken — eine Frauenstimme. Kenne ich das? Nee, oder –? Dabei sieht der gar nicht aus, als würde er Britney Spears hören — neiiii-en! Ignorieren! Ig-no-rie-ren! Zurück zum Buch!

Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss-tschk-tss …

Was tun?

Hätte ich so ein Gerät, könnte ich meine Musik so laut drehen, daß ich diese hier nicht mehr höre. So machen es anscheinend viele, und deshalb sitze ich jetzt hier und übe mich vergeblich in der Kunst des Weghörens.

Ich könnte ein Papiertaschentuch zücken, es zerreißen und mir damit die Ohren verstopfen. Aber warum muß ich Ohrenstöpsel tragen, weil andere Leute Musik hören? Der Grundzustand der Welt ist unbeschallt!

Tschk-tss-tschk-tss-da-tschk-tss-tschk-tss … Vielleicht sollte ich aufstehen und auffällig zum Rhythmus tanzen? Gute Idee. Mache ich mal an einem Tag, an dem mir eh alles egal ist. Tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss-tschk-tss …

Vermutlich werde ich wieder hingehen und um leiseres Hören bitten. Habe ich dem Tschk-tss lange genug lauschen müssen, wird die Peinlichkeit der Situation (ja! Ich finde das unangenehm) akzeptabel, wenn sich nur etwas ändert. Entschuldigung, können Sie das bitte etwas leiser drehen?

Die Reaktionen bisher waren vielfältig: Oft entschuldigt sich der Musikfreund und macht es tatsächlich leiser. Nicht immer leise genug, aber immerhin. Danke. — Dann gibt es die, die mich verständnislos anschauen: Das ist doch schon leise! Junge, wenn ich in vier Metern Entfernung Interpreten, Titel und Text erkennen kann, ist es nicht leise. Himmel, kann ich dafür, wenn andere Leute taub sind? — Einmal sprang eine Frau zwei Reihen hinter mir auf und kam mir ungebeten zu Hilfe: Ja, ich höre das auch schon die ganze Zeit, bis da hinten hin, das ist unerträglich … Der arme Kopfhörerträger wußte gar nicht, wie ihm geschah; am liebsten hätte ich die Frau angeknurrt. Nunja. Da lagen wohl Nerven blank. — Und ein einziges Mal sah die Schallschleuder so aus, als wolle sie mir gleich an die Gurgel gehen (nachdem sie endlich registriert hatte, daß ich mit ihr sprach): Ey, was solln das jetzt? — Ich habe es vermutlich dem Einsatz ihrer Freundin zu verdanken, daß es bei bösen Blicken blieb.

Nein, ich mache das nicht gerne. Was ist, wenn der andere aggressiv reagiert (passiert fast nie)? Bestimmt erinnere ich ihn an seine Mutter (mag sein, aber er hat’s ja offenbar bei ihr nicht gelernt). Kein Wunder, daß ich so selten andere Leute sehe, die aufstehen und etwas sagen. Und so oft zustimmendes Nicken, wenn ich es tue.

Schön wäre es, wenn das hier hülfe:

Liebe Musikfreunde im öffentlichen Personenverkehr,
schaut euch mal unauffällig um. Gequälte Gesichter? Nervös im Takt wippende Beine? Das könnte ein Anzeichen dafür sein, daß ihr unfreiwillige Mithörer habt. Und die teilen vielleicht nicht mal euren Musikgeschmack.
Ich weiß, es hat was, wenn da diese tolle Musik ist und nichts als die Musik. Das könnt ihr gerne unbegrenzt in eurem eigenen Zimmer haben. Im öffentlichen Raum dagegen gilt er nicht, der schöne Satz, daß geteilte Freude doppelte Freude sei. Also: Leise. Bitte.
Kauft euch doch einfach ordentliche Kopfhörer — schöner hören, weniger stören. Dafür müßt ihr tiefer in die Tasche greifen, das ist richtig. Aber was wollt ihr, Musik oder Ärger?

Naja. Wir sehen uns. Im Zug.