Kater Murr und ich

Ich kann noch keine zehn gewesen sein, als ich ein Buch bekam, das nur Erwachsene einem Kind schenken können, die schon lange keines mehr gesehen haben; ich aber nahm’s und las, denn ich las alles, was man mir schenkte.

Das Buch hieß „Lebensansichten des Katers Murr (nebst fragmentaricher Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern)“ und war „herausgegeben von E.T.A. Hoffmann“.

Der Witz des Buches ging damals weitgehend an mir vorbei. Ich fieberte mit beiden Protagonisten mit, mit dem selbstzufriedenen Kater und dem zutiefst unglücklichen Kapellmeister, und war jedes einzelne Mal enttäuscht, wenn wieder die Perspektive wechselte. Ich lernte viele neue Wörter, ein bißchen was von Versmaß, und am Ende war ich traurig, daß das Ende fehlt.

Jahre später entdeckte ich das Buch vollkommen neu. Was für eine raffiniert gestrickte Geschichte! Satire auf das Bürgertum, herzergreifendes Porträt einer Künstlerseele, die Spirale von Unverstandenheit und Wahnsinn und, ach, die Liebe –!

Weitere Facetten fügte, wieder Jahre später, die Auseinandersetzung mit Leben und Wirken des Autors hinzu, eines unruhigen Geistes in einer Zeit voller Zwänge. Bevor er den dritten Teil des Buches auch nur beginnen konnte, starb E.T.A. Hoffmann an einer fortschreitenden Lähmung. Aber selbst der Torso dieser Geschichte wurde mit jeder Lektüre, und das kann man wahrhaft nicht von allen Geschichten sagen, mehr.

Kürzlich fiel mir das Buch wieder in die Hand. Die „Vorrede des Autors“: „Schüchtern — mit bebender Brust, übergebe ich der Welt einige Blätter des Lebens … Werde, kann ich bestehen vor dem strengen Richterstuhl der Kritik? …“, gefolgt vom „Vorwort (Unterdrücktes des Autors):“ „Mit der Sicherheit und Ruhe, die dem wahren Genie angeboren, übergebe ich der Welt meine Biographie, … damit sie … mich liebe, schätze, ehre, bewundere und ein wenig anbete …“ und dem Hinweis an Kritiker, der Autor verfüge über scharfe Krallen; schließlich der Nachsatz des Herausgebers, der den „günstigen Leser“ zu bedenken bittet, „daß, wenn manche wehmütige Vorrede irgendeines andern empfindsamen Autors in die wahre Sprache der innigen Herzensmeinung übersetzt werden sollte, es nicht viel anders herauskommen würde.“

Ich sollte das dringend mal wieder lesen.

 

Weiterführendes Material in sechs lesenswerten Teilen bei „Kater Paul“, von Frau Amsel entdeckt.

 

 

 

In den Schuhen der Großen

Der Sommer ist zur Ruhe gekommen. Als wäre nie etwas anderes gewesen und als wolle es immer so bleiben, liegt die Wärme auf den Feldern, gilbt das Getreide und dörrt das Heu. Aus dem Zugfenster beobachten wir, wie das Land sich hier flach wie ein Tisch dehnt, um sich an den Rändern zu krausen. Hinter den ersten Hügeln steigen wir aus.

Herr G. hat eine Karte, die ist so alt, daß sie fast vom Anschauen zerfällt. Wir stellen fest: Wanderwege gehören nicht zu den Dingen, die bleiben, wie sie sind; unserer ist an vielen Stellen verlegt worden, dafür aber so gut ausgeschildert, daß man ihn auch freihändig findet. Wir gehen die neue und – Freiheit derer, die die Karte haben –, wo es uns gefällt, die alte Strecke.

Herr G. erzählt von Earl Shaffer, der 1948 als erster den Appalachian Trail komplett bewanderte; als er in Georgia von Picknickern gefragt wurde, wo er denn hinwolle, sagte er: Maine. Den Blick der Frager können wir uns nur zu gut vorstellen, den kriegt man ja schon, wenn man als Ziel das nächste Dorf nennt. Überhaupt, Wanderlektüre! Eichendorffs Taugenichts, der mindestens im Herzen, und Johann Gottfried Seume, der auf beiden Füßen ferngewandert ist. Patrick Leigh Fermor (Rotterdam bis Konstantinopel zu Fuß) und Rebecca Solnit mit ihren Essays zum Gehen (liegen auf meinem Stapel); Robert Macfarlanes Alte Wege haben uns beide fasziniert. Und natürlich Wolfgang Büscher! Herr G., der ihn im Interview gehört hat, sagt, daß er eine schöne Stimme habe. Wie auch anders, wenn einer so schreibt. Hartland mochte Herr G. weniger als ich, aber Frühling in Jerusalem, auch wenn es gar nicht ums Gehen geht – eines der schönsten Reisebücher. Oh, und der Fiat, mit dem Nicolas Bouvier und Thierry Vernet 1954 nach Pakistan gelangten: mit arabischen Gedichten beschriftet, um ihn vor Vandalismus zu schützen; eigentlich auch nur erweitertes Schuhwerk …

Ein bißchen verstört uns, daß wir beide ein Buch über das Wandern gelesen haben, ehrenwert in der Absicht, kein Zweifel, das sich mit seinen Fehlinformationen und unfreiwillig komischen Passagen tiefer im Gedächtnis verhakt hat als so manches, von dem man sich’s gewünscht hätte.

Schafe & Schüssel.
Schafe & Schüssel.

Der Weg durchmißt derweil die Eifellandschaft, ohne uns anzustrengen, unter einem Regenschauer durch und mit Fernsicht bis da hin, wo die Erde sich wegkrümmt. Vulkankegel stehen als Wegmarken in den Wäldern, und das alles mischt und überlagert sich mit den Bildern aus Büchern und Erzählungen, daß wir am Ende kaum wissen, in welcher Geschichte wir uns befinden. Das alles läßt sich klären: man muß den Blick nur ganz auf das Innere einer Kaffeetasse konzentrieren und nicht weiter schauen, als der Kuchentellerrand reicht.

 

Fortgeführter Fernwanderbericht: SoSo und Irgendlink wandern Rhein. Ich wünsche gute Wege und Schlafplätze!

Und hier ein Bericht einer älteren Dame auf dem Moselsteig.

Lesen befehlen

Das würde ich manchmal gern. Empfehlen muß ich mindestens, und dringlich:

Alle reden über Flüchtlinge und nur wenige mit ihnen. Frau Eichhorn schreibt auf Laubgeschwätz und Waldgeflüster über ihre Arbeit mit Flüchtlingen, über das Schwere, das Schöne, das Entsetzliche und über das, worum zu streiten nicht lohnt. Eine Stimme des Mitgefühls – und der Besonnenheit. Es geht ums Trotzdem. Es geht darum, Mensch zu bleiben.

Bitte.

Bücher von Bloggern III

Exemplar voraus! Ich durfte ein Buch lesen, das es so noch gar nicht gibt – Knicks Richtung Autor!
Wenn der hochgeschätzte Oliver Driesen von Zeilensturm was über Wirtschaft schreibt, dann lese ich das, weil es spannend ist und gut geschrieben. Nun ist endlich sein Buch fertig, ein satirischer Wirtschaftskrimi: Wattenstadt.
Konrad Klapp, den Chef eines ruhrpöttischen Maschinenbaukonzerns, zieht es an die Nordsee. Er hat große Pläne für Langeneß und seine eigensinnigen Ureinwohner – er will einen technologischen und touristischen Leviathan vor ihrer Insel Hallig errichten, die Wattenstadt. Rechtliche und ökologische Hindernisse stören Klapp wenig; er weiß, wie man Lobbyarbeit betreibt. Und daß die Ureinwohner so wenig beglückt werden wollen, hält er für kein großes Problem …

Bücher von Bloggern II

Mein zweites Bloggerbuch ist, ganz standesgemäß, in einer Satteltasche zu mir gelangt; gelesen habe ich es allerdings am Küchentisch, im Warmen und Trockenen:
Jürgen Rink (Irgendlink): Schon wieder ein Jakobsweg, eBook 5,99 €; Paperback ISBN 978-3-844278-67-5, 104 Seiten, 9,95 €
„Schon wieder ein …“ –? Jakobsweg kennt doch jeder, spätestens seit Kerkeling, da müßte man schon rückwärts auf Rollschuhen unterwegs sein …

Bücher von Bloggern I

In meiner Ecke vom Netz entstehen nicht nur fabelhafte Dinge, sondern sie werden auch gedruckt. Gelegentlich findet etwas davon den Weg zu mir. Drei Beispiele, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, habe ich gerade hier. Zum ersten:
Claudia Sperlich (kalliopevorleserin): Lass mich bekennen Deine Mandelblüte. Gedichte, Paperback,
ISBN 978-3-7323-1172-9, 120 Seiten, 6,99 €
Ein Buch mit christlichen Gedichten dürfte unerwartet sein in meinen Beständen; darum muß ich ausholen …

Vom Stapel

Frau Sachensucherin vom äußerst lesenswerten Doppelblog fragt, was ich denn so vorhabe: fünf Bücher, die ich als nächstes lesen will.
Das ist schön, denn die Vorfreude auf das, was mich zwischen Buchdeckeln erwartet, ist eine meiner liebsten. Und schwierig, denn: vor habe ich viele Bücher, aber es kommt gerne was dazwischen (meist andere Bücher). Und es ist schwierig, über Bücher zu schreiben, von denen man noch gar nichts weiß. Klappentexte, übrigens, ignoriere ich aus Prinzip.
Also zu meinem Stapel der Bücher-die-ich-unbedingt-lesen-will (da sind Bücher-die-ich-bestellen-will, Bücher-die-ich-in-der-Buchhandlung-abholen-muß und die bislang ungeschriebenen gar nicht dabei …). Et voilà …

Blick nach vorn

Wichtige Geschichten, und gute dazu:
Eine Berlinerin erzählt von ihrer Mutter und deren Umzug aus Lüdenschied in die große Stadt. Meine arme Mutti läßt ahnen, wie, hm, unvorhersehbar das alles sein kann.
Auf [deˈmɛnʦ] finden sich Geschichten aus einen anderen Universum mit eigenen Regeln und ganz eigener Schönheit. Immer einen Klick entfernt: umfassende Informationen zu Demenz, zu Pflege, zum Alltag mit dementen Angehörigen.
Beide Blogs sind Versuche zu verstehen oder doch zumindest zu notieren, was in den alten Köpfen vorgeht, die wir alle mal tragen werden. Und irgendwo zwischen Lachen und Weinen wird vielleicht die Angst kleiner.

Saarbrücker Schnipsel

Hier werd geschafft!

Es ist nicht cool, es ist nicht mondän, aber es ist auch nicht eingebildet. In Saarbrückens schräge Idyllen kann man sich zutiefst verlieben. (Ach, schaut doch einfach selbst.)
 

 
Ausdrücklich empfehle ich das Buch arbeitsraum von Axl Klein mit wunderbaren Porträts in Wort und Bild: Menschen in ihren Werkstätten. Für Saarbrücker lauter alte Bekannte.