Schloß Oranienbaum

Was ist es nur mit Schlössern? Geschenkt wollte ich keines haben; zu wartungsintensiv. Zu viele Fenster, zu viele Oberflächen, zu symmetrisch. Immer Ärger mit dem Personal. Besuchen mag ich sie jedoch gerne, und Oranienbaum, Teil des Dessau-Wörlitzer Gartenreichs, ist ein besonders schönes.

Büste
Das Fürstliche und der Verfall.

Klein-Holland in Anhalt, so heißt es; ein niederländischer Architekt plante Schloß und Ortschaft 1683. Der Eindruck ist der zurückgehaltener Niedlichkeit; erfreulich schlicht beherrscht der Bau den Park, oder vielmehr: der Park den Bau, denn die Gartenanlage ist hier die Hauptsache.
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Restaurierter Fürstenprunk weckt in mir schnell Überdruß. Vergoldungsallergie. Doch diesem Schloß sieht man die Zeitläufte an; es bröckelt und blättert ganz allerliebst um einige Glanzstücke herum. Die Dielen knarzen, daß es Gott erbarm, und im Keller existiert ganz real DDR in Form einer ResopalSprelacart-Garderobe. Überall wird gewerkelt und gemacht — alles provisorisch hier, so war das mal, so könnte das werden, und das Gefühl entsteht: der alte Kasten lebt.
Dringliche Besuchsempfehlung.

Schneisenwandern

Wenn man den Mittelrhein rauf und runter kennt, dann ist der Oberrhein dran: Wandern in Rheinhessen, warum nicht? Rheinhessen ist Wein. Anderes offenbart erst der zweite Blick: entzückende Städtchen. Kulturen. Der Rhein natürlich; neuerdings: Windkraft.
Alla!, wie der Rheinhesse sagt, von Oppenheim rheinabwärts! Die Frühe ist schon herbstkühl, aber der August ist gut in Form und hat zum Mittag das Tal so weit aufgeheizt, daß man ihm die guten Weinlagen abnimmt, ungetrunken.

Das Rheintal bei Nierstein.
Das Rheintal bei Nierstein.

Der Weg — betonierte Treckerschneise — erstreckt sich meilenweit geradeaus. Links und rechts begleitet mich das rheinhessische Gleichmaß: Reben und Reben und Reben, Monokultur in Reih und Glied; grün–leer–grün–leer–grün–leer — hypnotisch.
Und atemberaubend …

Der Asylzivi

Mit dem Abi in der Tasche hielt es H. nicht mehr daheim: zum Zivildienst zog er weg. In einer kleinen Stadt fernab aller Grenzen arbeitete er für eine Organisation, die sich um Flüchtlinge kümmerte. In diesem Zehntausend-Einwohner-Städtchen lebten ein paar dutzend Menschen aus den Krisengebieten der Erde, hierherverteilt durch Amtsentscheidungen; alle mit ungewisser Zukunft.
Ich war nun die Freundin vom Asylzivi. Wann immer mein Studium mich ließ, wohnte ich bei ihm unterm Dach eines Verwaltungsbaus. Manchmal ging ich mit ihm zur Arbeit.
H. hatte viel zu tun …

Turmtraum

Daß ich gern wohnen würde in einem Turm, viele, viele Stufen hoch, gern gewendelt, oder auch Leitern, warum nicht, Blick aus Fenstern in alle Richtungen über die Stadt und über sie hinaus, Platz zum Denken und für sonst nicht viel, vielleicht in Gesellschaft von Glocken und einer simplen Pflicht, das vermerke ich mit einer gewissen Verwunderung.

Unterwegs mit F.

Ich bin mit F. nicht oft gewandert; sie hatte viel zu tun. Wir gingen mehrmals wöchentlich spazieren, kleine Runden, und an die längeren Touren mit ihr kann ich mich gut erinnern.
Es war eine Freude, mit F. zu gehen. Sie war still, zuverlässig und freundlich. Fürs Kartenlesen und Wegzeichensuchen war ich zwar alleine zuständig, aber nicht einmal Zurückgehen — was ich hasse — machte ihr etwas aus. Sie beklagte sich nie. Nur dichten Wald mochte sie nicht; da …