Mit D. hatte ich wenig gemeinsam außer einer Pfadfindervergangenheit (an verschiedenen Enden der Republik), kaum Geld und der sich daraus ergebenden Rauhbauzigkeit bei der Freizeitgestaltung.
Wir hatten so lange darüber geredet, daß eine Wanderung unausweichlich schien. Kartenmaterial besaß ich schon: in den Kellerwald sollte es gehen. Zwei Tage, vielleicht drei; notfalls am Montag die Vorlesung schwänzen.
Als D. am Samstagmorgen auftauchte …
Schlagwort: Geschichten
Age of Aquarius (Dawning of)
Es war der Sommer, bevor wir volljährig wurden. Diese Ferien, beschlossen wir, gönnen wir uns, als ob’s kein Morgen gäbe, und ich begann, Kaffee zu trinken, weil ich keine Nacht genügend schlief. Als dann Hellmis Eltern verreisten (das erste Mal ohne »die Kinder«), mußte etwas geschehen. Ein Einfamilienhaus in ruhiger Lage am Dorfrand, mit Partykeller, Gartengrundstück und Teich, sturmfrei – da wären wir doch blöd, wenn nicht …
Die Wette
Die Konferenz in London sei ihre erste größere gewesen, mit Flug, vom Institut bezahlt. Nach einem ausgefüllten Tag seien sie und der Arbeitsgruppenkollege noch ins Pub gegangen; ungewohnt dünnes Bier bis zur Sperrstunde, die unerwartet plötzlich kam, und danach weiter in einige Bars. Am Ende des Abends hätten sie, beide immer noch konferenzschick, in der Circle Line darum gewettet, wer freihändig über mehr nutzloses Wissen verfüge.
Die erste Runde habe sie mit dem Schwimmtempo des Grönland- oder Eishais eröffnet; der Kollege habe mühelos dagegengehalten und die olympische Muse der epischen Dichtung mit Namen genannt. Daraufhin …
Düdelü-bing!
Das Kind ist vielleicht vier, schmal im Hängerkleidchen, zwei stramm geflochtene Zöpfe am Hinterkopf. Es macht sich schwer, als der Vater es an der Hand die Treppe hinaufzieht. Vor der Tür der Bahnhofsgaststätte bleiben sie stehen. Drinnen ist es schummrig; schaler Rauchgeruch und Radiogedudel dringen heraus an die Sonne.
– Na los, hier kannst du.
Das Kind knickt seitlich ein, befingert das Treppengeländer und senkt den Kopf.
Der Herr Doktor ist gleich da
Natürlich sei es ein Sonntag gewesen, erzählte sie, an dem mit einem »Kracks« die Plombe in der Brotrinde verblieb. Am Montag hätten Telefonate mit mehreren Zahnarztpraxen unterschiedliche Wartezeiten ergeben, und sie habe natürlich die notiert, bei der es hieß: Kommen Sie gleich; ja, jetzt sofort.
Erinnerungsfäden: Mein heiliges Hemd
Vor seiner Existenz als Hemd diente es Jahre als Bettlaken, bis die Zeiten besser und die Matratzen zu groß wurden. Dann lag es im Schrank, auf dem Stapel »kann man vielleicht noch mal brauchen«.
1988 dann war Kinderkirchentag. Meine Kleinen sollten mit einem nächtlichen Himmel auftreten, komplett mit Mond und Sternen. Delegieren hatte ich noch nicht gelernt, durchwühlte darum daheim die Schränke und okkupierte tagelang die Waschmaschine. Überall ums Haus herum trocknete Gefärbtes. Nur war das Blau nicht richtig oder die Dosierung falsch — das Leinen wurde nicht tiefdunkel und samtig, sondern höchstens ein dunstiger Sommerhimmel. So kam es Erntedank auf den Altar; da machte es sich gut zu Rainfarn und Hagebuttendolden.
Dann lag das Tuch, hellblau, wieder im Schrank, bis ich die Solinger Schneiderschere nahm, lernte, intaktem Stoff Schnitte zuzufügen und etwas Neues damit anzufangen. Reihen, säumen, bügeln, Knöpfe dran: meine erste Näharbeit vielleicht, Männermodell und viel zu groß, wie alles damals. Ich trug das Ergebnis und alle seine Fehler mit Stolz. In der Wäsche hieß es »das heilige Hemd«, wegen seiner kirchlichen Vergangenheit.
Mittlerweile ist es fadenscheinig, vor allem an den Ärmelkanten und da, wo der Rucksack aufliegt. Eigentlich kann man es nicht mehr anziehen, aber auf Reisen begleitet es mich trotzdem immer wieder, als ein guter Zauber.
Aus dem Dialog zur Textilen Erinnerung wurde dieses Stöckchen. Ich werfe nicht besonders gut, deshalb lege ich es hier hin und lade jede / jeden ein, es sich zu nehmen: Welches Kleidungsstück bleibt zur Erinnerung in deinem Schrank?
Postkarte aus dem Winterwald
Ein-, zwei-, dreimal im Jahr muß es sein, dann fetten wir die Wanderschuhe und gehen in den Wald. Mehrere Tage am liebsten. Und so zu Fuß wie nur möglich. Wir nehmen Wege durch viel Landkartengrün und meiden Siedlungen, als gehörten wir dort nicht hin.
Ganz besonders liebe ich die Touren im Winter. Im Schnee der Wege (und abseits davon) zeigt sich, wie viele Beine vor uns hier gelaufen sind, auf Wanderschaft, auf der Suche oder auf der Flucht. Strecken, auf denen man sich in der Sommersonne von einem Schatten zum nächsten drückt, schnurren in der Kälte zusammen; jeder Tritt klingt appetitlich nach Zwieback. Die Bisse des Frühfrosts sind vergessen, sobald sich glitzernde Hügel vor uns ausbreiten oder doch wenigstens alle Bäume Eisnadeln tragen vom Nebel. Schlechtes Wetter haben wir nie; höchstens mal die Handschuhe vergessen.

Trampen mit M.
Es war Sommer, ich war jung und ich war noch nie getrampt. Das, meinte M., könne man ändern. Er reiste ausschließlich auf diese Weise, das fand er billig und unterhaltsam. Also zogen wir los, Ziel: Amsterdam. Was auch sonst?
»Wenn wir erst auf der Autobahn sind«, meinte M., »dann sind wir eigentlich schon da.« Nach zweieinhalb Stunden an der Auffahrt zur Bundesstraße hielt endlich jemand. Wir arrangierten uns mit einem halben Hausstand auf dem Rücksitz und schwiegen etwas mit der Fahrerin und ihrem Freund.
»Viel Glück«, wünschten sie uns zum Abschied an der Raststätte.
Den nächsten fanden wir schnell, einen Geschäftsmann, Anzug und Krawatte. Seine Augen leuchteten ein bißchen auf, als er uns sah; klar könnten wir mitfahren, bis Köln, gerne. Das Auto war ein Sportwagen, kaum Kofferraum und fast kein Rücksitz für uns, unsere Rucksäcke und das Zelt. Auf dem Beifahrersitz saß eine blonde Frau mit Miesmund. »Ich will nicht, daß hinterher was dreckig ist«, sagte sie zur Begrüßung. Dann schwieg sie so eisig, daß wir den Fahrer baten, uns doch am nächsten Rastplatz wieder rauszulassen. Wir wollten ihm ja keine Schwierigkeiten machen. Der Geschäftsmann schickte uns einen entschuldigenden Blick nach; als der Wagen losfuhr, hörten wir Frau Miesmunds schrille Stimme …
»Rastplatz,« meinte M., »schwierig. Wir werden nehmen müssen, was geht.« Das war dann ein LKW. Der Fahrer hieß Kalle und freute sich über die Gesellschaft. Er war auf dem Weg von Portugal nach Dänemark; das fuhr er jede Woche. Und seine freien Tage verbrachte er gleich »da unten, is schön waam da, und billjer wie hier.« Sein Führerhäuschen war seine Junggesellenwohnung. »Wat hab isch’n Beruf — den ganzen Tach in Sessel sitzen und ausm Fenster gucken!« Dann lachte er zahnlückig. Wir schlossen ihn ziemlich ins Herz und genossen den Blick auf die Autobahn. Zum Abschied öffnete er den Laderaum und schenkte uns jedem eine Packung »escht pottugiesche Kekse«, die wir später wegwarfen; sie bestanden aus Zucker und Zusatzstoffen.
Dann stiegen wir in den Wagen eines Pärchens, der vor Techno vibrierte. Daß wir einen Fehler gemacht hatten, ahnten wir, als der Fahrer im dritten Gang auf der Beschleunigungsspur überholte. Als ihm seine Beifahrerin das erste Bier öffnete, machte M. mir hektische Zeichen. Das Radio dröhnte, die beiden brüllten sich an: Er solle nicht so viel trinken; er könne trinken, soviel er wolle, und sie solle ihm noch eins aufmachen, blöde Kuh. Wir klammerten uns an unsere Sitze. Am nächsten Rastplatz (M. war übel) ging er Bier holen, und sie erklärte uns, ihr Freund sei eigentlich ein ganz Lieber. Als er dann sah, daß wir unser Gepäck aus dem Kofferraum klaubten, versuchte er noch, uns das Auto zu verkaufen. Wir lehnten ab und machten uns aus dem Staub.
Weiter kamen wir erst viel, viel später, im gepflegten Oldtimer eines Kunstsachverständigen mit lichter Frisur. Der wollte zwar leider nicht nach Amsterdam, aber nach Holland schon, »was auch sonst«. Wir entschieden uns also aus praktischen Gründen für Maastricht; der Kunstsachverständige und M. fachsimpelten über Zappa und Steely Dan, während ich auf der Rückbank einschlief.
Maastricht hatte einen Zeltplatz unter Sternen, bucklige Gassen, einen Supermarkt und ein Kneipenschiff; es war sehr hübsch und beschaulich und ein bißchen romantisch.
Nach eineinhalb Tagen ging es zurück, hinter karierten Vorhängen im Wohnmobil eines älteren holländischen Ehepaars. Die beiden erklärten uns, wir hätten Glück. In den Niederlanden könne man nicht trampen, da nehme einen kein Mensch mit.
Dann kam der Augenblick der Trennung: wir mußten in unterschiedliche Richtungen weiter. M. patrouillierte auf der Raststätte und sprach reihenweise Fahrer an, bis er einen gefunden hatte, der nur eine Stadt von meiner entfernt wohnte. Er trug ein gestricktes Käppchen, im Auto lief Reggae, und auf der Rückbank schlief ein Bernhardiner. »Mit dem kannst du fahren, der hat einen Hund,« bestimmte M., »er setzt dich dann am Bahnhof ab. Und ruf mich an, egal, wie spät es ist.«
Ich fuhr also mit dem kleinen, rundlichen Mann. In der Stunde, die wir zusammen hatten, hörten wir Reggae, ich streichelte die Hündin, die Bismarck hieß, und er erzählte mir von seiner Anklage wegen sexueller Belästigung. In ein paar Tagen sei die Verhandlung, das mache ihm schon arg zu schaffen.
Schließlich brachte er mich nicht bis zum Bahnhof in seiner, sondern zu dem in meiner Stadt, weil ich ihm so nett zugehört und nicht »irgendwie doof reagiert« hätte. Bismarck wachte kurz auf und guckte treu, als ich ausstieg.
Als ich M. hinterher von meiner Heimreise erzählte, spürte ich ihn durchs Telefon erbleichen.
Heute nehme ich auf langen Strecken den Zug. Auch nicht schlecht, was die Geschichtenausbeute angeht, aber an diese Reise mit M. reicht irgendwie nichts heran.
Blind Date
Aus dem Zug steigend streifte ich fast eine Frau, die mit hochroten Pumps und hochroten Wangen den Bahnsteig auf und ab marschierte. Mein Blick blieb etwas zu lange an der Tulpe in ihrer Hand hängen.
»Ja, ich weiß, man nimmt sonst Rosen. Aber das ist mir zu abgelutscht. Ich warte hier nämlich auf jemanden … die (mit der Tulpe wedelnd) ist das Erkennungszeichen. Er hat dann auch eine. Hoffe ich zumindest. Der letztes Mal hatte wohl keine Rose mit, da waren’s noch Rosen, oder er hat sie weggeschmissen. Jedenfalls stand ich da zehn Minuten — unmöglich, sowas. Könnte wenigstens höflich sagen: tut mir leid … Ich würde das machen, wenn er überhaupt nicht mein Typ wäre. Wobei, das ist ja angeblich gar nicht so wichtig. Meine Oma sagt, die besten Ehen hätten sie wegen des Ackers geschlossen; na, ich weiß nicht. So ein Versorger. Ist vielleicht nicht das Übelste. Oje, da kommt der Zug, wünsch mir Glück …«
Ich bin gegangen und habe nicht nach der zweiten Tulpe geschaut. Aber ich habe ihr einen gewünscht, einen Versorger auf dem weißen Pferd, mit goldenem Herzen und untadeligen Manieren.
30 bunte Tassen — die elfte
In meinem Fachbereich gab es die übliche Fachbereichsbibliothek. Diese hatte aber noch eine Fachbereichssonderbibliothek, in einem Extra-Räumchen und mit auserlesenen Öffnungszeiten. Über die Sonderbibliothek regierte sie. Ich weiß nicht, wie sie hieß, aber sie fiel auf: zwischen Fünfzig und Sechzig, hochgewachsen und knochig; ihr ergrauender Zopf war streng geflochten, ihre Brille riesengroß und ihr Pullover selbstgestrickt.
Oft sah man sie in der Stadt, wo sie mit ihrem Gefährten zusammen (beide trugen Wolle und hatten immer geräumige Stofftaschen bei sich) eines der Studentencafés aufsuchte. Dort saßen sie dann bei einem Bier und einem Tee, in getrennte Bücher vertieft oder auch einfach so ohne ein Wort nebeneinander, stundenlang.
In der Bibliothek trank sie ihren Tee aus immer derselben braunen Kanne und einer zierlichen Tasse ohne Untertasse. Sie war wortkarg, aber meist nicht unfreundlich; ihre Gegenwart lud einfach zum Schweigen ein. Es war ein bißchen wie einen seltenen, scheuen Großvogel beobachten — man vermied es, sich bemerkbar zu machen; nicht daß er am Ende davonstakste.
Dann kam die Reform des Studienganges. Im Zuge von Sparmaßnahmen wurden Stellen gestrichen, kleine Räume zu großen zusammengelegt — und die Sonderbibliothek geschlossen. Sobald wir davon erfuhren, hatte ihre Erscheinung in unseren Augen etwas besonders Eckiges, fast Beleidigtes.
Als dann die Regale, Tische und Stühle aus der Bibliothek entfernt wurden, sah ich sie zum letzten Mal im Fachbereich. Am nächsten Morgen fanden wir vor dem ausgeweideten Raum ihre Tasse und das Kännchen. Den ganzen Tag standen sie da, auf den ausrangierten Büromöbeln, sauber abgewaschen, und alle konnten sie sehen. Jaja, die Sparmaßnahmen, raunten wir uns zu.
Abends dann habe ich beide, Kanne und Tasse, an mich genommen.


