Düdelü-bing!

Das Kind ist vielleicht vier, schmal im Hängerkleidchen, zwei stramm geflochtene Zöpfe am Hinterkopf. Es macht sich schwer, als der Vater es an der Hand die Treppe hinaufzieht. Vor der Tür der Bahnhofsgaststätte bleiben sie stehen. Drinnen ist es schummrig; schaler Rauchgeruch und Radiogedudel dringen heraus an die Sonne.

– Na los, hier kannst du.

Das Kind knickt seitlich ein, befingert das Treppengeländer und senkt den Kopf.

– Geh rein, der Papa wartet hier auf dich.

Farbe bröckelt in Placken vom Metallgestänge. Das Kind verklemmt die Beine und guckt auf seine Sandalen, rot, mit Schmetterling.

– Was sagst du? Sprich lauter! Und laß das Geländer!

Irgendwie gelingt es dem Kind, mit gesenktem Kopf aufzuschauen: Ich trau mich aber nicht.

– Jetzt stell dich nicht so an. Du mußt doch, oder? Dann los. Da hinten, hinter der Garderobe.

Das Kind stößt sich vom Treppengeländer ab und schiebt sich, als klebe der Untergrund, auf die Türöffnung zu. Es schnieft. Auf der Schwelle wird seine Gestalt noch ein bißchen schmaler, schrumpft in die Schatten hinein, während der Vater draußen, seufzend, den Zugfahrplan studiert.

Der Bahnhofsuhrminutenzeiger ruckt mit mechanischem Schleifen weiter, weiter, noch einmal weiter … Plötzlich bohrt sich ein Zeigefinger in des Vaters Rücken, um sich dann, mitsamt seiner Aufmerksamkeit, auf den dunklen Eingang zu richten: Is des Ihrs?

Der Vater sieht die hochgezogenen Augenbrauen der Wirtin und ist mit einem Schritt im Gastraum. Im Qualmdunkel erkennt er eine Reihe Barhocker, zwei Trinker an der Theke unter Flaschen und Gläsern und einem Brett mit Pokalen (Skat), eine staubige Underberg-Werbung und einen Glücksspielautomaten, der seine kurze, törichte Melodie spielt, wieder und wieder. Davor steht das Kind.

Sein Gesicht ist ganz Blick, und der Blick ist festgezaubert an den wirbelnden Scheiben hinter feurigem Glas, drei vier eins fünf zwei und Stern. Und dann die Lichter, die auf und nieder tanzen; im Widerschein glänzen unter den Augen noch Tränenreste. Düdelü-bing! Und am Boden, um die roten Sandalen herum, da glänzt es auch.

Mit einem knappen Nicken packt der Vater das Kind, klemmt es unter den Arm und hastet nach draußen. Halb hofft er, daß die Pfütze auf den dunklen Bohlen nicht auffällt, oder zumindest nicht sofort.

Als sie im Zug sitzen (das heißt, das Kind lehnt eher an der Kante der Sitzbank), betrachtet der Vater es und sagt etwas, das mit Kannst-du-nicht-ein-Mal beginnt. Aber das Kind hört nicht, und es antwortet nicht; es singt ganz für sich: Düdelü-bing! Düdelü-bing!

Und das ist der Klang, mit dem der Same der Enttäuschung über dieses Kind, das eigene, keimt. Die Enttäuschung wird ein paar Jahre wachsen, erstarken und sich verzweigen, bis sie ihren Schatten völlig über beider Leben geworfen haben wird und noch ein ganzes Stück darüber hinaus.

0 thoughts on “Düdelü-bing!

  1. Wir haben Glück, bei uns lässt sich die Schrift recht groß lesen. Noch größer wirkt allerdings diese Geschichte auf uns, in der es ganz leicht fällt, sich auf die kleine Person einzulassen und durch sie alles noch deutlicher zu sehen, was hier unglaublich gut und eindrucksvoll geschrieben ist. Ein wunderbarer Text, dessen Bilder es schaffen, durch den Qualm und die Traurigkeit hindurch, direkt zu uns zu stoßen.

  2. Der beschriebene Raum war noch wesentlich düsterer und unwirtlicher als das gezeigte Bild. Der Papa ein eher feiger Vater, da bleibt dem Mädchen wohl nur der Spielautomat: Düdelü-bing.

    1. Der Vater hat, glaube ich, keine Ahnung, wie sein Kind tickt. Er will bloß, daß es funktioniert.
      Die fotografierte Kneipe muß mal ähnlich gewesen sein (eine gewisse Auffassung von Gemütlichkeit scheint ja einen Mangel an Licht vorauszusetzen). Sie steht schon eine ganze Weile leer, aber sogar durch die Glastür roch man noch Kneipendunst. Außen dran stand etwas von »reinkommen und sich wohlfühlen«.

  3. “Die Enttäuschung…”

    Diese zwei Worte habe ich richtig mit dem Kind mitgefühlt.

    Wie tief und verletztend Worte doch sein können… Deine Geschichte gefällt mir sehr gut.

  4. Danke, ihr. Wißt ihr was, wenn ich die Geschichte erzähle, endend mit »ist das nicht schrecklich«, sagt das Gegenüber »äh, ja« und weiß nicht so recht, was ich meine. Freut mich, daß es aufgeschrieben anders ist.

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