Mit Herrn G. Büffet

Ein bedeckter, feuchtkühler Sommertag ist wie gemacht zum Wandern: da kann man unverbrannt durch die Felder gehen, und das Wasser im Rucksack reicht gewiß. Man kommt, so dachten Herr G. und ich, gut voran und hat sogar noch Atem übrig.

Bild des Tages.

Zum Beispiel fürs Frühstück. Die nächste Bank nehmen wir, sage ich und habe schon den Rucksack in der Hand, da sehe ich Bremsen auf mir landen, fünf allein auf meiner Vorderseite. Leuchtendgraue Zweiflügler mit nur einem Ziel und Stechwerkzeugen, die durch Kleidung dringen. Wah! Rucksack wieder auf, Tempo beschleunigen, hie und da mal zuhauen und nicht stehenbleiben, bis wir das Bremsengebiet verlassen haben, denn, das wissen wir, ihre Stiche sind die Hölle, und mir fallen mindestens drei böse Geschichten von Infektionen ein.

Der Tag schreitet voran, die Feuchte bleibt, und mit ihr bleiben die Bremsen. Essen ist nicht. Müssen wir die Karte konsultieren, schaut einer auf das Blatt, wärend der andere wedelt und zuschlägt, wo nötig. Von Bremsen beschleunigt, witzeln wir; aber, ganz im Ernst, so allmählich reicht es. Wir reden über Insektenrezepte. Sowie wir langsamer werden, umschwärmen uns die Hungrigen. Von den Mücken nur die Weibchen, das hilft aber auch nicht. Wo sind die Schwalben, wenn man sie mal braucht? Wo ist die Bremsenbremse?

Schrecklich gerne würde ich bei den wilden Kirschen bleiben, aber Schweiß und Fleisch und Blut – wir sind eine Attraktion, sagt Herr G. Da sind zum Beispiel diese winzigen Fliegen, die uns als Schwarm folgen. Stechen tun sie nicht, immerhin. Aber die Mücken: Woher, fragt Herr G., wissen die, in welche Richtung unsereins gucken kann?!

Ich bin einmal schneller gewandert, da waren wir in eine Treibjagd geraten. Diesmal sind wir selbst die Beute. Im Vorübertraben sehen wir: ein Waldeichhorn, eine Handvoll Rehe, Wildschweine mit einer Kaskade Frischlinge, ein paar Aussichten (genauer weiß man’s nicht) und einen Maulbeerbaum, über und über behangen mit glänzenden Früchten.

Ganz erschlagen und halb verhungert fallen wir am Ziel in ein Café. Wir haben Zeit; nur, bitte, bloß nicht draußen sitzen. Wir wurden schon gegessen.

(Die Zecke, die mich erwischt hat, finde ich erst am Tag darauf.)

Postkarte vom Wegesrand

Zwei, drei Kilometer reichen, um in den Tritt zu kommen, und schon brechen die inneren Sommerferien an. Wie weit man reisen kann, einfach so, zu Fuß! Von Dorf zu Dorf zu Dorf grüßen die Leute auf der Straße, fragen nach Woher und Wohin und staunen. Die menschlichste aller Fortbewegungsweisen ist offenbar die ungewöhnlichste.

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Alles da: der Dorfladen

Spar MönstadtDorfläden faszinieren mich, seit ich mit drei, vier Jahren meine ersten Groschen bei Frau Kruger in »Geschnuggels« umsetzen durfte: Die Ladenglocke schepperte, die Tür quietschte, und es duftete nach Äpfeln und Papiertüten. Nix mit Selbstbedienung — alles gab’s in Armeslänge der asthmatischen Besitzerin; nur für das nicht ganz alltägliche Sortiment mußte sie auf eine Trittleiter steigen. Die mechanische Waage (Bi … zer … ba) hatte einen Haken für Bananenbündel; Damenstrumpfhosen fuhren in ihrem Ständer Karussell. Hauptattraktion: die Bonbongläser, und natürlich gab es für Kinder immer ein Zwei-Pfennig-Brausebonbon extra.

Frau Krugers Laden (»Union-Kohlen — Kolonialwaren«) ist längst Geschichte, und ich wüßte keinen echten Tante-Emma-Laden in meiner Nähe. Für sowas muß man schon aufs Land. Richensa hat ein wunderbares Exemplar in Brandenburg porträtiert; hier nun das hessische Gegenstück in Mönstadt im Taunus (430 Seelen).

Spar Mönstadt

Spar Mönstadt

Dieser winzige Supermarkt ist bestens sortiert — es gibt alles, was man zum Leben braucht: Brot, Butter, was drauf, Frisches, Haltbares, Süßes, Salziges und alles für den täglichen Bedarf. Und natürlich immer jemanden für einen Schwatz. Wir, ortsfremd und ohne Auto unterwegs, sind sicher aufgefallen, wurden aber nicht weniger freundlich bedient. Nur vielleicht etwas hochdeutscher.

Bei jeder Wanderung durch diese Gegend hoffen wir, daß wir eine kurze Rast in Mönstadt einlegen können — zu Ladenöffnungszeiten.

Postkarte aus dem Winterwald

Ein-, zwei-, dreimal im Jahr muß es sein, dann fetten wir die Wanderschuhe und gehen in den Wald. Mehrere Tage am liebsten. Und so zu Fuß wie nur möglich. Wir nehmen Wege durch viel Landkartengrün und meiden Siedlungen, als gehörten wir dort nicht hin.

Ganz besonders liebe ich die Touren im Winter. Im Schnee der Wege (und abseits davon) zeigt sich, wie viele Beine vor uns hier gelaufen sind, auf Wanderschaft, auf der Suche oder auf der Flucht. Strecken, auf denen man sich in der Sommersonne von einem Schatten zum nächsten drückt, schnurren in der Kälte zusammen; jeder Tritt klingt appetitlich nach Zwieback. Die Bisse des Frühfrosts sind vergessen, sobald sich glitzernde Hügel vor uns ausbreiten oder doch wenigstens alle Bäume Eisnadeln tragen vom Nebel. Schlechtes Wetter haben wir nie; höchstens mal die Handschuhe vergessen.

Winterweg

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