Age of Aquarius (Dawning of)

Es war der Sommer, bevor wir volljährig wurden. Diese Ferien, beschlossen wir, gönnen wir uns, als ob’s kein Morgen gäbe, und ich begann, Kaffee zu trinken, weil ich keine Nacht genügend schlief. Als dann Hellmis Eltern verreisten (das erste Mal ohne »die Kinder«), mußte etwas geschehen. Ein Einfamilienhaus in ruhiger Lage am Dorfrand, mit Partykeller, Gartengrundstück und Teich, sturmfrei – da wären wir doch blöd, wenn nicht.
Hellmi wußte nicht so recht; aber Ralle und Kris hatten große Pläne mit Disco und Matratzenlager. Sie hatten bloß nicht mit Hellmis Schwester gerechnet, der Pharmaziestudentin; wegen ihr wurde es dann doch nur ein Videoabend, »aber auf keinen Fall unter der Woche, ich muß lernen.«
Als wir hinkamen, zwei Mädchen, drei Jungs, war es kurz nach Zehn, ein schwüler Samstagabend. Hellmi, Ralle und Kris hatten geschafft wie die Irren und das komplette Wohnzimmer von Hellmis Eltern im Garten aufgebaut: Ledergarnitur, Glastisch, Medienschrank und mannshohe Lautsprecher, alles auf dem Rasen. Die Bar war fest im Bücherregal installiert, deshalb hatten sie mit Bierkisten und einer Tischdecke improvisiert. Wir waren beeindruckt.
Hellmi schien nicht ganz bei der Sache; er guckte nervös abwechselnd zum Himmel und zur Gartentreppe. Irgendwann kam seine Schwester runter; sie pfiff durch die Zähne und ließ sich auf den Zweisitzer fallen. Zehn Minuten später wußten wir, wieso sie so zahm war: Ein dicker Ford hielt am Zaun, ihr Typ stieg aus und stolzierte in den Garten mit einer Flasche Rotwein unterm Arm. Zweisitzer besetzt.
Aufs Sofa paßten nur vier, allerhöchstens fünf, also schnappten Caro, ich, Timo und Markus Kissen und Decken und machten es uns am Boden bequem. Ralle drückte jedem ein Bier in die Hand, auch denen, die keins wollten, Hellmis Schwester schaute streng, ihr Typ verlangte ein Rotweinglas; dann gingen Chips und Salzstangen rum, und Caro fragte: »Was gucken wir eigentlich?«
Den neuen Schwarzenegger hatte Timo nicht gekriegt (»schon seit Tagen ausgeliehen!«). Star Wars kannten außer mir alle, Horror schied per Mehrheitsbeschluß aus; kurz, wir wurden uns nicht einig. Die Diskussion zog sich in die Länge. Schließlich griff Hellmi ein Video aus dem Medienschrank: Hair. Milos Forman.
»Kennt das jemand?« Alle schüttelten den Kopf.
»Uralt. So Hippie-Kram.«
»Paßt doch bestens,« grinste Ingmar und klopfte auf seine Jackentasche.
»Irgendwer dagegen?« Ehe jemand den Mund aufbekam, hatte Hellmi den Film eingelegt, und los ging’s.
Stockdunkel war es inzwischen, und um den Fernseher schwärmten Nachtfalter. Caro quengelte – Mücken; Ingmar und Ralle rauchten dann netterweise in ihre Richtung. Hellmis Schwester und ihr Typ waren mit dem Zweisitzer verschmolzen. Ich lag bäuchlings, in eine Decke gewickelt, direkt vor der rechten Box.
Das ist jetzt wahrscheinlich ein blöder Zeitpunkt, es zuzugeben, aber eigentlich kann ich diese Geschichte überhaupt nicht erzählen. Es war dunkel, es war warm, der letzte Kaffee schon ein paar Stunden her; die Erde zog mich an sich.
»Gar nicht übel, die Musik«, hörte ich Kris noch, dann drehte er die Anlage voll auf (… across the Atlantic seeeeeeea …), und dann bin ich eingeschlafen.
Den Rest habe ich hinterher von den anderen gehört. Wie sie Ingmars Joint geraucht haben, sogar Hellmis Schwester. Wie ihr Typ den Rotwein über die Ledergarnitur geschüttet hat und alle das saulustig fanden. Wie Kris zwei offene Bierflaschen im Teich kühlen wollte, die dann umkippten, und wie Hellmi ein Riesentheater gemacht hat wegen der Goldfische und immer um den Teich rumgerannt ist. Und wie der Wolkenbruch kam.
Hair war da wohl schon vorbei gewesen; zum Glück hat einer geschaltet und den Medienschrank auf die Terrasse unter das Vordach gezerrt. Irgendwann rafften es auch die anderen und schleppten Möbel, Anlage und mich ins Trockene, und alles in allem war eigentlich gar nichts Schlimmes passiert. Sogar den Fischen ging es gut, wie sich am nächsten Tag zeigte. Bloß der Zweisitzer hatte einen Fleck (»bei Rotwein immer Salz drauf«, hatte Ralle empfohlen, aber genutzt hat es nichts). Und Caro war dann ein paar Jahre mit Timo zusammen.
Als ich aufwachte, hockten jedenfalls alle unter dem Vordach, schauten sich den Regen an und redeten leise miteinander.
»Mann, du kannst vielleicht pennen! Echt, wie ausgeknipst … direkt an der Box, bei voller Lautstärke, und bei dem Gewitter – du wirst bestimmt mal Beamtin!«
Und der Film, der sei eigentlich gut gewesen, ganz schön traurig aber.
Wochenlang litt ich unter dem diffusen Gefühl, etwas verpaßt zu haben, und unter unerklärlichen Ohrwürmern. Hair habe ich später doch noch gesehen, ausgeschlafen, an einem sonst ereignislosen Sonntagnachmittag.

0 Kommentare zu „Age of Aquarius (Dawning of)

    1. Ja, ich habe just gestern meine LPs durchgeguckt mit dem Gedanken, sie zu verkaufen und mir die relevanten auf CD anzuschaffen. Denn eigentlich bin ich jemand, der einfach die Lieder greifbar haben möchte, ich muss das nicht auf Vinyl hören können. Aber an einigen scheine ich doch mehr zu hängen als mir bewusst war. Ein Ablösungsprozess ist immerhin in Gang gesetzt worden. Und für manche könnte ich tatsächlich ein wenig Geld bekommen…

    2. @lakritze: ich denke darüber nach. Vielleicht annonciere ich sie nicht direkt auf dem Blog – es soll ja zumindest so viel dabei rüberkommen, dass ich mir die entsprechenden CDs kaufen kann – aber Geschichten gäbe es einige, das stimmt.
      @joulupukki: Du hörst Platten? Lieber als CDs?

    3. S’wär jetzt glatt gelogen, wenn ich sonderlich geschulte Ohren vortäuschen würde. Es ist ein rein haptisches Vergnügen, aber das lass ich mir nicht nehmen!

    4. Du meinst dieses kleine Pusten, wenn die Platte auf ihrem Teller landet? Die großen Hüllen haben mir natürlich auch gefallen; die lassen sich m.E. viel schöner gestalten als die winzigen CD-Dinger.

  1. Jö, Kindheitserinnerungen. Danke, sowas lese ich gerne! Und die Idee das Wohnzimmer im Garten aufzubauen gefällt mir ungemein. Ich wollte immer mal mein Bett in den Wald bringen und dort übernachten, oder gleich auf die Alm. Zum Zelten bin ich – scheints – zu bequem :-S

  2. Ich such jetzt gleich die CD – alle LP sind auf dem Dachboden verstaut – und genieße die Fahrt ins Büro. Schön, dass Du mich erinnert hast.
    Hair – ich liebe es. Das einzige Musical, das ich mir je angeschaut habe, anschauen werde – zuletzt als wundervolles Laientheater hier in der „Pampa“.
    Vinyl ist übrigens nicht tot – ganz im Gegenteil.

    1. Ha, meme, das freut mich. Und erinnert mich an diese Schulaufführung von »Hair«. Sie hatten den einzigen Dunkelhäutigen an der Schule überzeugt, mitzuspielen, allerdings konnte er nicht singen und mußte daher Playback machen. Und weil er keine Haare hatte, trug er eine riesige Perücke, die er sich dann beim (donnernden) Schlußapplaus runterriß … Das waren Zeiten.

  3. Ich habe erst letztlich alle meine Batikhemden verkauft und den Erlös in Vinyl investiert. Aber eigentlich kommentiere ich gerade, um Dich zu beschimpfen. Fiese Ohrwürmer hast Du mir da eingepflanzt…

  4. Tolle Idee, das elterliche Wohnzimmer in den Garten umzusiedeln… Und man kan viele tolle Dinge tun, wenn die Bude sturmfrei ist. Meine Schwester hat beschlossen, zu heiraten, als mein Vater mit seiner LAG im Urlaub war. Gefeiert wurde auch im sommerlichen Garten, die einzige Hochzeitsfeier, die mir uneingeschränkt gefallen hat! Und ich war noch auf inzwischen 12 anderen…
    /me summt ein kleines „Hair“Medley…..

    1. Ah, Heiraten im Garten — das fehlt mir noch in der Sammlung. (Heiraten bei Sturmfrei gab’s schon.) Kann man vielleicht mit Gummistiefeln bestreiten.
      Und bittebitte keine Hair-Medleys …
      Oweh. Zu spät.

      1. Es wurde nur im Garten gefeiert, gegrillt, eine improvisierte Hochzeitstorte mit geräubertem Beerenobst vom Vater und das Beste war, dass unsere Nachbarin Oma Radtke glücklich und mit einem Bier mitten zwischen uns jungen Dingern saß und sich köstlich amüsierte.

  5. Toll. Jetzt habe ich einen Ohrwurm. *träller* This is the dawning of the age…“ Ich hatte übrigens nie die Platte, weil komme aus dem Osten und da hatten wir nicht so viel Zeit nach der Wende, uns Platten zu kaufen – kurze Zeit später kamen ja die CD’s. Aber DIE hab ick! 🙂

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