Kirche im Dorf

Zur Beerdigung kommt der halbe Ort, mindestens, und noch einmal so viele von weiter weg. Die Kirche ist schwarz vor Menschen und voller weißer Blumen, die Gesichter sind ernst. Hier und da werden Taschentücher verteilt.

Der Posaunenchor spielt im Wechsel mit der Orgel, und alle singen mit oder versuchen es doch. Der Pfarrer spricht laut und schön und weiß tröstliche Worte; man ist sich nachher einig, das hat er gut gesagt.

Ein Zug von Wintermänteln zur Grabstelle. Glockengeläut, Psalm 23, Staub zu Staub. Dann stehen alle in der Winterluft und werfen ihre Handvoll Erde in die Grube; Händeschütteln und Umarmen, Tränen und Freude: so sieht man sich wieder!

Nachher im Gemeindehaus ist der Kaffee dünn, der Kuchen trocken, das Gespräch gedämpft, doch das ändert sich. Allmählich wird die Gesellschaft lauter, man wirft Sätze über Tischzeilen hinweg, hier und da steckt Gelächter an. Es wird warm.

Zum Schluß kriegen alle noch ein Paket Kuchen und gehen heim, während der kleine Bagger hinter der Kirche die Grabstelle zumacht. Ein Glück hat es nicht gefroren! Es wird dunkel. Das Lachen sitzt locker in der Kehle: wir haben’s hinter uns, es ist geschafft. Und es war ein schönes Begräbnis.

Dabei kommt jetzt ja alles erst: der nächste Morgen und alle anderen danach; das Fehlen; die Träume; die Korrekturen von Numerus und Tempus und Kalender; lernen, wie ein Jahr geht. Und die Lektion: so ist das jetzt, und dieses Jetzt wird bleiben.

 

 

 

Man weiß es nicht

Ist es Dorf, ist es Stadt? Das kommt drauf an. Wer hier bleibt, sagt: Stadt.
 
Der letzte Lebensmittelladen im Ort hat aufgegeben, als im Gewerbegebiet der Discounter kam. Kurz danach der Metzger; der nächste wird der Bäcker sein. Was die alten Leute machen? Die Nachbarn kaufen ein; man kennt sich schließlich.
 
Ständig die freundlichen Fragen, wann er den Sichtbeton von seinem Anbau denn verputzen will. Der junge Architekt runzelt die Stirn. Alles Wohnspießer hier; reißen die jahrhundertealten Höfe ab und setzen sich Einfamilienhäuser hin, mit Doppelparkplatz zur Straße.
 
Ach, und das Fräulein, die Pfarrhaushälterin, ist jetzt auch tot. Wie der Pfarrer gestorben war damals, hat sie ihn schön gemacht, die ganze katholische Gemeinde ist gekommen, und da lag er auf seiner Seite vom Doppelbett; alles voller Blumen. Bis zum Schluß hat sie dann noch allein im Pfarrhaus gewohnt, der neue Pfarrer war ja schon nicht mehr vor Ort; jetzt hat’s die Gemeinde verkauft.
 
Die Sowiesos? Ei, mit dene rede mir nit; wieso, müsse Se die Oma frage, die weiß des noch.
 
 

Age of Aquarius (Dawning of)

Es war der Sommer, bevor wir volljährig wurden. Diese Ferien, beschlossen wir, gönnen wir uns, als ob’s kein Morgen gäbe, und ich begann, Kaffee zu trinken, weil ich keine Nacht genügend schlief. Als dann Hellmis Eltern verreisten (das erste Mal ohne »die Kinder«), mußte etwas geschehen. Ein Einfamilienhaus in ruhiger Lage am Dorfrand, mit Partykeller, Gartengrundstück und Teich, sturmfrei – da wären wir doch blöd, wenn nicht …