Frühaufsteher

Heute ist Fest in meiner Straße, ab sechs Uhr offenbar. Um diese Uhrzeit müssen alle parkenden Autos weg sein — meines auch.

Bin ich also früh um halb sechs losgezuckelt, habe aber nichts gefunden in der Nähe. Dann eben raus aus der Innenstadt, in die Hellwigstraße, und die knapp zwei Kilometer nach Hause laufen. Erinnerungen an meine Schulzeit werden wach — an den Job als Zeitungsausträgerin …

So früh ist es noch still in der Stadt, die Luft morgenkühl und frisch. Im Gründerzeitviertel leuchten einzelne Fenster in den dunklen Fassaden. Dahinter bringen Mütter ihre Säuglinge noch einmal ins Bett, spielen Computerspieler den vorletzten Level, warten schlaflose Rentner auf den Tag. Menschen mit Kaffee und Zeitung, die eine Stunde für sich allein genießen, bevor die Familie wach und das Leben wieder laut wird.

Die Schaufenster sind schon (oder noch) erleuchtet — na, das wäre aber nicht nötig gewesen …

Ein paar Spätheimkehrer, Bierflaschen in der Hand, trennen sich mit heiseren Stimmen an der Kreuzung. Die Autos an der Ampel klingen noch ungeübt. Um diese Uhrzeit bleibt die Glocke der Turmuhr stumm: neugotisch ragt die Kirche in den Himmel, der allmählich grau wird. Die Stunde, in der auf dem Land der Tau fällt; hier anscheinend nicht.

Mein Blick nach oben begegnet einem anderen, aus einem dunklen Fenster. Ich kann nicht erkennen, ob, wer auch immer da steht und herunterschaut, zurücknickt.

In meiner Straße warten schon die Arbeiter, um für das Fest abzusperren. Sie reden in Walkie-Talkies und schauen den Discomädchen nach, die in die Seitengassen schlüpfen. Der Kehrwagen kommt. Das war’s mit der Ruhe; die Stadt gähnt und räkelt sich. Motoren springen an.

Ich gehe ins Haus und lasse die Stadt draußen ihren Geschäften nachgehen. Jetzt ist sie wacher als ich.

Große und kleine Schlachten

Qype-Beitrag zum Völkerschlachtdenkmal, Prager Straße, 04299 Leipzig; Bewertung: *** (von 5)

Das Völkerschlachtdenkmal und ich, ich und das Völkerschlachtdenkmal… Einmal im Jahr mußte ich hin.

Die DDR hatte noch ein paar Jährchen vor sich, ich fast einen halben Meter Wachstum. Die Luft der Stadt roch nach Kohlekraftwerk, und dazu paßte das Schwarzgrau des Steins. In meiner Vorstellung war es das Denkmal, von dem der Geruch ausging und sich über ganz Leipzig legte, bis in die Wohnstuben hinein.

Nach dem Entenfüttern strebten meine Tante und ich strammen Schrittes über die Wiesen dem Monument zu, ich im blauen Anorak, meine Tante mit Schirm und Mantel.

Wie eine plumpe Schachfigur hockt das Ding auf dem flachen Grund; schnell wird es groß und größer. Hinter dem frostigen Wasserbecken gibt es einen Eingang, der nicht einlädt. Rein mußte man trotzdem. Auch wenn es drinnen nicht viel wärmer war.

Stein auf Stein, zu groß für richtige Erinnerungen; höchstens waren die geschlossenen Augen der gigantischen grauen Krieger für Alpträume gut. Einmal hatte sich ein russischer Chor im Rund versammelt, um den minutenlangen Nachhall des Inneren für ein Konzert zu nutzen. Nun, es hat gehallt, und ich hatte hinterher Fieber.

De Völgorschlochd. Die hat man mir oft erläutert, und ich habe sie immer wieder gründlich vergessen. Nur diese eine dumme Anekdote blieb hängen, die von dem amerikanischen Touristen: Dem fällt zu allen volkseigenen Leipziger Sehenswürdigkeiten nur ein, tjaha, in Amerika gibt es das aber besser, größerer, schnellerweiterhöher. Als er nun mit seinem Stadtführer am Völkerschlachtdenkmal vorbeikommt, fragt er völlig hingerissen: That’s marvellous! Was ist das? Woraufhin der Guide die Achseln zuckt: Keine Ahnung, stand gestern noch nüsch da.

Neben diesem Witz ruht das Völkerschlachtdenkmal in meinem Gedächtnis, in der Abteilung für Nutzloses. Wer weiß, vielleicht schleppe ich ja dermaleinst meine Nichte dorthin. Falls sie mich ärgern sollte.

Es war einmal ein Café …

Qype-Beitrag zu Café Lehmkühler, Kreuzstraße 46, 55543 Bad Kreuznach; Bewertung: *** (von 5)
Vorab: Das Café Lehmkühler, so wie ich es beschreibe, gibt es nicht mehr. Den Nachfolger der Hartmanns habe ich nie besucht; die drei Punkte sind schamlos geraten. Das alte Lehmi hingegen hätte zwanzig Punkte verdient.

Das Café Lehmkühler hat mich für Durchschnittscafés verdorben. Über viele Jahre war es eine Perle in der spröden kleinen Stadt Bad Kreuznach, ein emsiges, schrulliges Paradies der Konditorkunst.

Schon wie es einen empfing: heimelige Enge, Kaffeeduft und das Zischen des Sahnebereiters. Moosgrüner Teppichboden, darauf zusammengedrängt die schönstmöglich abgewetzte Wiener Kaffeehauseinrichtung. Überall, wo es schicklich und zierend war, das geschliffene Kristall von Kronleuchtern und Wandlämpchen. An den Wänden großzügig geblümte Tapeten, cremefarben und pastell. Regelmäßig wurde hier neu tapeziert, nie aber fehlten zwei musizierende Barockengel und eine sonnenförmige Uhr, die zwar golden glänzte, die Uhrzeit jedoch meist für sich behielt. Und ein Foto der schwedischen Königin.

Frau Hartmann nämlich war Schwedin. Rund und eindrucksvoll, stets makellos gekleidet, mit Grübchen, blondem Haarnest und sonnig lächelndem Akzent präsidierte sie über eine Tortentheke, die in meiner Erinnerung ihresgleichen sucht. Die Lehmkühler-Torten waren handgemacht vom mürben, duftigen Boden bis zur marmorierten Glasur, und sie waren unglaublich raffiniert — ach, die Birnen-Milchreistorte mit dem Johannisbeerzucker-Rand!

Immer wenn die Theke geplündert schien, wenn die wartenden Kunden die Verzweiflung packte, kamen neue Köstlichkeiten aus dem Keller. Dort hatte Herr Hartmann seine Backstube. Manchmal erschien er selbst, mehlbestäubt und etwas eckig, im Verkaufsraum. Vorher soll er Gärtner gewesen sein — ob das stimmt, weiß ich nicht; jedenfalls gab es ein sorgfältig gepflegtes Blumenfenster hinten im Caféraum, dort, wo die Zimmerdecke aus Milchglasscheiben bestand.

Lange Zeit war das Café Treffpunkt der Kreuznacher Künstlerszene, die hier gelegentlich auch Bilder ausstellte. Bis die Preise zu hoch wurden (unerhörte drei Mark zwanzig für den Kakao!); da zogen die Künstler weiter, und ihre Plätze wurden nahtlos von anderen Gästen übernommen.

Wer im beständigen Kommen und Gehen einen Platz ergattert hatte, der konnte dort ausatmen und für die nächsten halben oder ganzen Stunden eins mit dem Sitzkissen werden. Nie wurde gedrängelt, und Stammgäste fanden häufig niedliche kleine Gebäckstücke auf ihren Untertassen. Es gab viele Stammgäste. Das lag auch an Simone, der guten Seele des Hauses. Niemals war das papierne Spitzendeckchen unter der Tasse kaffeegetränkt, wenn Simone ein Tablett brachte. Sie trug, wie alle Angestellten, die rosa berüschte Uniform des Betriebs, die aber ihrer Autorität keinen Abbruch tat.

Sommers saß man draußen zum Leutegucken, geborgen unter der gestreiften Markise und hinter einem weiß lackierten Schnörkelzaun, komplett mit lila und rosa Petunienkästen. In der Weihnachtszeit stand im Schaufenster ein Lebkuchentraumhaus, jedes Jahr mit neuen unglaublichen Details. Und wenn die schlimmen Kreuznacher Hochwasser die ganze Innenstadt überspült hatten — das Lehmi war wieder geöffnet, ehe noch der Teppich ganz getrocknet war.

Leider haben die Hartmanns vor einigen Jahren ihr Geschäft aufgegeben. Sie sollen nach Schweden gezogen sein — ich wünsche ihnen alles, alles Gute für den Ruhestand. Und so schüttele ich immer mal wieder meine Erinnerungen auf wie eine Schneekugel und schaue dann zu, wie das schöne Bild allmählich wieder zugedeckt wird. Von blütenweißem Staubzucker.

Alte Liebe

Qype-Beitrag zu Friedhof am Barfüßertor, Barfüßerstraße, 35037 Marburg; Bewertung: ****(von 5)

Hier ruht in Gott Carl Lametsch, geboren den 11ten April 1813, gestorben den 24ten December 1837. Lange hat er nicht gelebt. Sein Grab liegt nun bald zwei Jahrhunderte am Hang des Marburger Schloßberges, auf dem Alten Friedhof an der Barfüßerstraße, und immer noch bleiben Menschen davor stehen, lesen die Inschrift und denken: Ach Gott, vierundzwanzig…

Der Friedhof, im 16. Jahrhundert vor den damaligen Toren der Stadt angelegt, nahm über 300 Jahre lang ihre Toten auf. Ein kleiner grüner Fleck am Berghang ist er heute, von einer hohen Mauer umfriedet, mit einem geteerten Rundweg und zwei Bänken zum Ausruhen.

Kühl und angenehm ist es hier an heißen Tagen. In den Büschen an der Mauer nisten Singvögel. Zweimal im Jahr wird gemäht. Zwischen den hohen alten Bäumen stehen vereinzelte Grabsteine, die Inschriften vom Regen ausgewaschen, altes Deutsch und Lateinisch gleichermaßen. Barocke Lebensbeschreibungen gibt es da und klassizistische geborstene Säulen, kunstvolle Steinmetzarbeiten und schlichte schwarze Gußeisenkreuze.

Eines davon wurde für Carl Lametsch aufgestellt, von seinen liebenden Eltern. Von einem Mädchen, einer Frau gar ist nicht die Rede … Er hatte ja nicht viel Zeit.

Ich denke über ihn nach, wenn ich an seinem Grab vorübergehe auf dem Weg in die Oberstadt, und über mich und die Dinge, die nie sein werden. Und dann muß ich lächeln, wenn ich die Blumen sehe, die manchmal hier liegen.