Postkarte aus dem Winterwald

Ein-, zwei-, dreimal im Jahr muß es sein, dann fetten wir die Wanderschuhe und gehen in den Wald. Mehrere Tage am liebsten. Und so zu Fuß wie nur möglich. Wir nehmen Wege durch viel Landkartengrün und meiden Siedlungen, als gehörten wir dort nicht hin.

Ganz besonders liebe ich die Touren im Winter. Im Schnee der Wege (und abseits davon) zeigt sich, wie viele Beine vor uns hier gelaufen sind, auf Wanderschaft, auf der Suche oder auf der Flucht. Strecken, auf denen man sich in der Sommersonne von einem Schatten zum nächsten drückt, schnurren in der Kälte zusammen; jeder Tritt klingt appetitlich nach Zwieback. Die Bisse des Frühfrosts sind vergessen, sobald sich glitzernde Hügel vor uns ausbreiten oder doch wenigstens alle Bäume Eisnadeln tragen vom Nebel. Schlechtes Wetter haben wir nie; höchstens mal die Handschuhe vergessen.

Winterweg

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Holunderblüten

Holunder, Holler, Flieder, Attich: Aus den Beeren kocht man Saft und Mus und Medizin, denn erst durch Kochen werden sie bekömmlich. Bibelrückenschwarz glänzen sie, schmecken streng nach Studierstube und ein bißchen nach dem Bitterernst des Lebens.

Holunderblüten aber sind ganz etwas anderes. Schon das Wort klingt nach Leichtsinn, nach Dreivierteltakt. Als winzige Ballkleider bauschen sich die weißen Dolden, schön wie Schaum mit ihren Knospenperlchen, lachen und locken, spielen kichernd im dunklen Blättergrund Versteck. Nach Holunderblüten duften April und Mai, auch Juni noch: Nun streif schon die wollenen Röcke ab! Atme tief, sing laut! Mach Sprünge ohne Strümpf‘ und Schuh‘! Laß dich hinterrücks von der Wiese umarmen und blinzle ins Licht!

Diesen Duft nach Sommerverheißung, diesen goldenen Übermut, kann man die einfangen und in Gläser füllen? Als Vorrat für den Herbst?

Holunderblütengelee
Holunderblütengelee

O ja. Man kann!

Wahre Schönheit

Durchblick

Was treibt eigentlich die Völklinger Hütte so?

Das Alte Mädchen hat das Rauchen aufgegeben. Sie hat lange keine Männer mehr gefressen, kein Feuer mehr gespien, und sie säuft nicht mehr das Wasser aus der Saar. Ihr Kreischen und Rumpeln ist Vergangenheit, und die Hemden auf den Leinen der Stadt läßt sie sauber.

Ruhig ist sie geworden. Sie hat ihren grünen Daumen entdeckt, auch ihr Herz für Kinder. Sie gibt sich kulturbeflissen und, irgendwie, geschichtsbewußt. Dabei weiß sie über Spuren braunen Drecks hinwegzusehen.

Ihr letztes echtes Laster ist die Spitzenwäsche, in die der Rost sie kleidet und die sie schrecklich gerne herzeigt. Irgendwann, fürchte ich, wird ihr das zum Verhängnis werden. Wie dem auch sei — man dreht sich auf der Straße um nach ihr, und noch, noch ist sie jeden Umweg wert.

Besucht die Völklinger Hütte!

Rost

Postkarte aus Hamburg

Architektenträume
Architektenträume in der Hafencity

Nachts am Hafen

Hamburg ist schick, sieht bei jeder Beleuchtung toll aus. Hambug hat Kultur, Geld, Lebensart. Eine gute Partie.

Wenn diese Stadt lächelt, sieht man ihr gepflegtes Gebiß, o ja, noch das eigene; hier und da sorgfältig wieder hergerichtet. Den Familienschmuck trägt sie gut sichtbar, ist aber auch Modernem nicht abgeneigt. Nur stimmen muß es. So putzt sie sich vor jedem Spiegel, ganz ohne Scheu. Hamburg achtet auf sich.

Auch das Untendrunter kann sich sehen lassen: Fliesen oder Kunst, hell, sauber, unmißverständlich beschildert. Es riecht frisch, nach Effizienz, nicht nach Abenteuer.

Sie muß einen festen Händedruck haben und ein lautes Lachen, womöglich einen Appetit auf deftige Kost. Hat ja viel gearbeitet in ihrem langen Leben. Vielleicht wird man auch mal, wenn man sie gut kennt, an ihre weiche Brust gedrückt und kriegt einen Grog gegen die Kälte.

Aber sicher nicht beim ersten Mal. Eineinhalb Tage sind ja auch keine Zeit.

Dann man auf Wiedersehen, Hamburg.

Planten und Blomen ist nicht dasselbe,
Regenpause in Planten un Blomen
wenn man über die Hecken gucken kann
Der Fernsehturm: Restaurant geschlossen

30 bunte Tassen — zehn mit Tee

Tee im Café
Tee im Café

Eigentlich kann man nur in Cafés richtig zur Ruhe kommen. Zuhause ist immer irgendwas: unerledigte Aufgaben, die Spülmaschine, das Telefon; oder es fehlt Milch. Im Café hingegen wird mir alles, was ich zum Überleben brauche, an den Tisch gebracht. Und dann sitze ich zwischen anderen Menschen, die auch vor allem ihre Ruhe wollen, und bin nicht zu sprechen; für ein paar Atemzüge oder Stunden abgekoppelt und ausgeklinkt. Das koste ich aus. Bis zum letzten Schluck. — Kann ich dann bitte zahlen?

Es war einmal ein Café …

Qype-Beitrag zu Café Lehmkühler, Kreuzstraße 46, 55543 Bad Kreuznach; Bewertung: *** (von 5)
Vorab: Das Café Lehmkühler, so wie ich es beschreibe, gibt es nicht mehr. Den Nachfolger der Hartmanns habe ich nie besucht; die drei Punkte sind schamlos geraten. Das alte Lehmi hingegen hätte zwanzig Punkte verdient.

Das Café Lehmkühler hat mich für Durchschnittscafés verdorben. Über viele Jahre war es eine Perle in der spröden kleinen Stadt Bad Kreuznach, ein emsiges, schrulliges Paradies der Konditorkunst.

Schon wie es einen empfing: heimelige Enge, Kaffeeduft und das Zischen des Sahnebereiters. Moosgrüner Teppichboden, darauf zusammengedrängt die schönstmöglich abgewetzte Wiener Kaffeehauseinrichtung. Überall, wo es schicklich und zierend war, das geschliffene Kristall von Kronleuchtern und Wandlämpchen. An den Wänden großzügig geblümte Tapeten, cremefarben und pastell. Regelmäßig wurde hier neu tapeziert, nie aber fehlten zwei musizierende Barockengel und eine sonnenförmige Uhr, die zwar golden glänzte, die Uhrzeit jedoch meist für sich behielt. Und ein Foto der schwedischen Königin.

Frau Hartmann nämlich war Schwedin. Rund und eindrucksvoll, stets makellos gekleidet, mit Grübchen, blondem Haarnest und sonnig lächelndem Akzent präsidierte sie über eine Tortentheke, die in meiner Erinnerung ihresgleichen sucht. Die Lehmkühler-Torten waren handgemacht vom mürben, duftigen Boden bis zur marmorierten Glasur, und sie waren unglaublich raffiniert — ach, die Birnen-Milchreistorte mit dem Johannisbeerzucker-Rand!

Immer wenn die Theke geplündert schien, wenn die wartenden Kunden die Verzweiflung packte, kamen neue Köstlichkeiten aus dem Keller. Dort hatte Herr Hartmann seine Backstube. Manchmal erschien er selbst, mehlbestäubt und etwas eckig, im Verkaufsraum. Vorher soll er Gärtner gewesen sein — ob das stimmt, weiß ich nicht; jedenfalls gab es ein sorgfältig gepflegtes Blumenfenster hinten im Caféraum, dort, wo die Zimmerdecke aus Milchglasscheiben bestand.

Lange Zeit war das Café Treffpunkt der Kreuznacher Künstlerszene, die hier gelegentlich auch Bilder ausstellte. Bis die Preise zu hoch wurden (unerhörte drei Mark zwanzig für den Kakao!); da zogen die Künstler weiter, und ihre Plätze wurden nahtlos von anderen Gästen übernommen.

Wer im beständigen Kommen und Gehen einen Platz ergattert hatte, der konnte dort ausatmen und für die nächsten halben oder ganzen Stunden eins mit dem Sitzkissen werden. Nie wurde gedrängelt, und Stammgäste fanden häufig niedliche kleine Gebäckstücke auf ihren Untertassen. Es gab viele Stammgäste. Das lag auch an Simone, der guten Seele des Hauses. Niemals war das papierne Spitzendeckchen unter der Tasse kaffeegetränkt, wenn Simone ein Tablett brachte. Sie trug, wie alle Angestellten, die rosa berüschte Uniform des Betriebs, die aber ihrer Autorität keinen Abbruch tat.

Sommers saß man draußen zum Leutegucken, geborgen unter der gestreiften Markise und hinter einem weiß lackierten Schnörkelzaun, komplett mit lila und rosa Petunienkästen. In der Weihnachtszeit stand im Schaufenster ein Lebkuchentraumhaus, jedes Jahr mit neuen unglaublichen Details. Und wenn die schlimmen Kreuznacher Hochwasser die ganze Innenstadt überspült hatten — das Lehmi war wieder geöffnet, ehe noch der Teppich ganz getrocknet war.

Leider haben die Hartmanns vor einigen Jahren ihr Geschäft aufgegeben. Sie sollen nach Schweden gezogen sein — ich wünsche ihnen alles, alles Gute für den Ruhestand. Und so schüttele ich immer mal wieder meine Erinnerungen auf wie eine Schneekugel und schaue dann zu, wie das schöne Bild allmählich wieder zugedeckt wird. Von blütenweißem Staubzucker.