Postkarte aus Bamberg

Von Bamberg wußte ich bislang nur, daß es im Bundesland Bayern liegt. Dom. Symphoniker. Reiter. Hörnla. Irgendwas mit Rauchbier. Und die Hexenprozesse. Daß Bambergs gesamte Innenstadt Weltkulturerbe ist, wußte ich nicht – Grund genug, nach Ladenschluß schnell mal durchzuhuschen.

Aus Bamberg kann man nicht anders als Postkarten schreiben.

Auf sieben Hügeln, wie das alte Rom, an Regnitz und Main-Donau-Kanal schart sich das Städtchen um seine Kirchen. Man sieht ihm sein Alter an, aber wenig Spuren der jüngsten Zeit: Gassen und Plätze ohne Handyläden, Ein-Euro-Shops und Spielkasinos; Geschäfte des täglichen Bedarfs sind, wofern nicht weltkulturerbekompatibel, in Hinterhöfen versteckt.

Es gibt eine Universität und ein Priesterseminar. Das Tagesblatt berichtet über Sandaufschüttung an der Regnitz, Lärmbelästigung und Wildpinkelei sowie über den Dom, zu dessen tausendjährigem Weihfest Bischöfe aus aller Welt anreisen. Und im Gewirr der Gassen steht E.T.A., bepackt mit seinem Kater Murr, vorm Theater seines Namens.

Aufgeräumt ist es hier, doch nicht komplett zu Tode restauriert; bei der Fülle bröselnder Bausubstanz kämen alle Stukkateure Frankens nicht hinterher. Ein bißchen Mittelalter, etwas Gotik, viel Barock, darüber der Duft von Flieder und Spiräen: hier hat die Romantik Wohnstatt bezogen. Auf dem Katzkopfpflaster klingen selbst japanische Kleinwagen wie Einspänner.

Muß wohl nochmal hin und genauer schauen. Vielleicht ja im Winter.

Glanzvolles Gerümpel: Staatsgeschenke

Jeder kennt das: Man ist eingeladen und möchte den Gastgebern eine Freude machen. Für diese Zwecke hält eine ganze Industrie Mitbringsel bereit — Blumen, edle Tropfen, jahreszeitliche Schnörkel und Stehrumchen allgemeiner Art. Meine persönliche Faustregel lautet: Was sich rückstandslos beseitigen läßt, ist ein gutes Geschenk; deswegen packe ich gern Les-, Eß- oder Trinkbares ein (träume allerdings heimlich davon, der Gastgeberin statt des obligatorischen Blumenstraußes einen schönen Feldstein zu überreichen).

Was aber, wenn der Besuch ein Staatsbesuch ist? Welche Kleinigkeit hat der Minister, die Präsidentin, der Diplomat im Gepäck? Diese Frage wird jetzt in der Gebläsehalle der Völklinger Hütte umfassend beantwortet. Kurz: Eßbar ist es eigentlich nie.

Was bundesrepublikanischen Präsidenten und Kanzlern (sowie ihren Ehepartnern) in 60 Jahren von ausländischen Würdenträgern zugedacht war, das steht, liegt und hängt in den Vitrinen der Ausstellung „Staatsgeschenke“ zwischen den schwarzen Windmaschinen der Völklinger Gebläsehalle.

Ausstellung Völklinger Hütte
Vergoldetes vor Stahl: Staatsgeschenke im Saarland

(Die Exponate darf man nicht fotografieren; stattdessen kann man einen schönen Katalog erwerben.)

So als Staat will man natürlich repräsentieren. Entsprechend häuft sich der Prunk: Frankreich verschenkt Goldschmuck, die Ukraine einen gigantischen silbernen Tafelaufsatz in Form eines Fauns, Jordanien eine Abendmahlsszene, aus Perlmutt zusammengefügt (und das in 60 Jahren gleich zweimal). Die Länder zeigen sich äußerst kunstfertig: vom Baltikum stammen Bernsteinschnitzereien und Filigranarbeiten aus Silber, aus Schwarzafrika Webstoffe, Gefäße und Schmuck aus Gräsern; Design kommt aus Skandinavien, Porzellan aus China.

Andächtig pilgern die Besucher an den Vitrinen vorbei. An den Wänden sind Bilder und Schlagzeilen aus 60 Jahren deutscher Geschichte zu sehen, die die Zeichen guter diplomatischer Beziehungen passend oder kontrastierend einrahmen. Bald steigt die Stimmung. Spätestens beim Anblick der goldenen Statue eines Rennkamels (mitsamt Jockey; Geschenk aus Saudi-Arabien) wird Staunen laut. In seinem maßgeschneiderten Kasten mit vergoldeten Scharnieren ist das Tier im Galopp erstarrt; unter seinen Hufen glänzen Klebstofftropfen. Da hinten, dieser Besteckkasten — das wird wohl bunt bedrucktes Elfenbein sein –? Nein, drunter steht: „Material: Stahl, Kunststoff“. Und was in aller Welt haben sich die Repräsentanten der damaligen Sowjetunion gedacht, als sie diese handgroße Roboterstatue einpackten, zusammengelötet aus Schrauben und Elektronikbauteilen?

Oh, drei ganze Vitrinen voller Elefanten! Das ist die (künstlerisch weniger anspruchsvolle) Sammlung von Exkanzler Kohl, der offenbar ein Faible für die Dickhäuter hatte. Ein paar Schritte weiter ein Geschenk von Ronald Reagan, Präsident der Vereinigten Staaten, aus den 80er Jahren: Ein halbmeterhohes Buch, auf dem Buchdeckel das in Messingblech getriebene Konterfei des Herrn Reagan höchstselbst; Titel: „Ronald Reagan — The President Of Courage“. Lediglich die Nase wirkt etwas abgenutzt.

Wer genug hat von Glanz und Gloria, kann sich irgendwo hinsetzen und den Besuchern lauschen. „Hast du gesehen? In dem CD-Kasten für Herrn Sauer waren alle CDs noch original eingeschweißt!“ — „Schau mal, da klebt ein Barcode …“ — „Die haben bestimmt extra einen Beamten, der sich Geschenke ausdenken muß.“ — Häufig fällt das Wort „eBay“. Und überhaupt: „Wem gehört das ganze Zeug eigentlich?“ — „Na, mir zum Glück nicht!“

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Die Völklinger Gebläsehalle ist einer der schönsten Ausstellungsorte im Saarland. Vor den stählernen Sauriern des alten Werkes wird jedes Gold in die richtige Perspektive gerückt — und die Ausstellung „Staatsgeschenke“ ist geeignet, auch den griesgrämigsten Besucher in gute Laune zu versetzen. Für die 12 Euro Eintritt (unermäßigt) kann, nein, sollte man sich auch das alte Stahlwerk noch anschauen; anschließend sind Kaffee und Kuchen im Café Umwalzer fällig, und so kann das ein richtig runder Tag werden — wenn man viel Zeit und gutes Schuhwerk mitbringt. Ich kann es nur empfehlen.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 5. September 2010.

Wahre Schönheit

Durchblick

Was treibt eigentlich die Völklinger Hütte so?

Das Alte Mädchen hat das Rauchen aufgegeben. Sie hat lange keine Männer mehr gefressen, kein Feuer mehr gespien, und sie säuft nicht mehr das Wasser aus der Saar. Ihr Kreischen und Rumpeln ist Vergangenheit, und die Hemden auf den Leinen der Stadt läßt sie sauber.

Ruhig ist sie geworden. Sie hat ihren grünen Daumen entdeckt, auch ihr Herz für Kinder. Sie gibt sich kulturbeflissen und, irgendwie, geschichtsbewußt. Dabei weiß sie über Spuren braunen Drecks hinwegzusehen.

Ihr letztes echtes Laster ist die Spitzenwäsche, in die der Rost sie kleidet und die sie schrecklich gerne herzeigt. Irgendwann, fürchte ich, wird ihr das zum Verhängnis werden. Wie dem auch sei — man dreht sich auf der Straße um nach ihr, und noch, noch ist sie jeden Umweg wert.

Besucht die Völklinger Hütte!

Rost

Hermann Röchling, 1872 – 1955

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Blick über die Hochöfen

Die Völklinger Hütte ist eines der bedeutendsten Industriedenkmäler Deutschlands. Das imposante Eisenwerk, 1986 stillgelegt, ermöglicht einen Einblick in industrielle Abläufe, die man sich als Laie allenfalls verschwommen vorstellen kann; es vermittelt eine Ahnung von rund hundert Jahren deutscher Industriegeschichte. Und von der Zwiespältigkeit des Fortschritts: Über zehntausend Menschen bot die Hütte Arbeit, 34 Tonnen Staub und Dreck legten sich tagtäglich aus ihren Schloten über die kleine Stadt. Man geht anders, als man gekommen ist, und betrachtet jeden Edelstahltopf mit neuen Augen.

Absolut besuchenswert.

Wir waren wieder dort und haben eine Führung mitgemacht. Der Führer hat selbst jahrzehntelang auf der Hütte gearbeitet. Er erzählte nicht nur über Bau und Funktionsweise einer Eisenhütte, sondern auch über das Leben dort: von den Maurern, die die Hochöfen ausbessern mußten — von innen, in Asbestkleidung und mit Sauerstoffmasken; nach maximal eineinhalb Minuten holte man sie wieder heraus. Von den Maschinisten in der Gebläsehalle, die Tag für Tag bei 50 bis 60°, im Ölnebel und beim Höllenlärm von zehn hausgroßen Eisenkolossen arbeiteten. Von den dreizehn Hüttenarbeitern, die am 16. Januar 1928 bei einer Hochofenexplosion verglühten — in ihre Särge legte man das Gewicht ihrer Körper in Roheisen, denn es gab ja nichts mehr zum Begraben …

So weit, so eindrucksvoll.

Und dann, am Ende der Führung, kam der Mann noch einmal auf ein Thema zu sprechen, das ihm besonders am Herzen zu liegen schien: Hermann Röchling. Der Firmenpatriarch, unter dessen Herrschaft die Völklinger Hütte zu ihrer ersten Blüte fand, zeichnete für zahlreiche technische Innovationen verantwortlich und etablierte ein System von Sozialleistungen für seine Arbeiter. Dieser Mann war nach dem Zweiten Weltkrieg vor ein Kriegsgericht gestellt und zu sieben Jahren Haft verurteilt worden; auf Betreiben politischer Funktionäre wurde er 1951 begnadigt, jedoch sein Vermögen eingezogen, und er durfte das Saarland nicht mehr betreten. Im Jahre 1955 starb er im baden-württembergischen Exil, ohne sein Werk noch einmal gesehen zu haben — und aus den Worten unseres Führers sprach ehrliche Entrüstung darüber, daß irgendein »großer Zampano« dies dem alten Herrn verwehrt hatte.

»Hermann Röchling« — da klingelte etwas.

Zuhause habe ich nachgelesen. Hermann Röchling war der siebte Sohn des Firmengründers Carl Röchling und hatte dessen Nachfolge im Alter von 35 Jahren angetreten. Im Jahre 1918, zum Ende des Ersten Weltkrieges, wurde der studierte Ingenieur zum »Königlich-preußischen Kommerzienrat« ernannt. Was auch immer genau das heißen mag — in Zeiten des Krieges sind Männer gefragt, die Stahl liefern können. Röchling und seine Werke waren kriegswichtig. Röchling revanchierte sich mit unbedingter Treue zu Deutschland — das Saargebiet sollte »heim ins Reich«, dafür setzte er sich politisch ein.

Unter seinen zahlreichen Ämtern ist »Wehrwirtschaftsführer« (ab 1935) nur eines, das darauf hinweist, daß Röchling bei den Herrschenden mehr als wohlgelitten war. Andere Quellen sind deutlicher: Röchling war früh schon NSDAP-Mitglied, enger Vertrauter Hitlers, und er engagierte sich bereits 1936 für eine kriegerische Auseinandersetzung mit der Sowjetunion. Seine Karriere im Dritten Reich war exemplarisch.

Dann kam der Zweite Weltkrieg, und Völklingens zivile Bevölkerung wurde aus der Gefahrenzone an der Grenze evakuiert. Die Eisen- und Stahlgewinnung jedoch wurde nur Wochen später wieder aufgenommen — der Einsatz von insgesamt etwa 14000 Zwangsarbeitern machte es möglich. Völklingen und andere Eisen- und Stahlwerke hatten Priorität, schließlich wurden hier Waffen entwickelt und hergestellt.

Im März 1945 kamen die Amerikaner — Hermann Röchling tauchte unter, wurde jedoch Ende 1946 gefangengenommen und 1948 vor ein französisches Militärgericht gestellt. Für industrielle Ausbeutung der besetzten Gebiete, Erhöhung des Kriegspotentials des Deutschen Reichs und Mitwirkung bei der Verschleppung von Menschen zur Zwangsarbeit (Quelle Meyers Lexikon leider versiegt) wurde er zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er ging in Revision — die Strafe wurde auf zehn Jahre erhöht.

Einer rührenden Geschichte zufolge boten 111 Hütten-Veteranen an, die Strafe an Röchlings Statt nacheinander abzusitzen; der Betriebsrat setzte sich massiv für den Stahlbaron ein, und schließlich erwirkte man im Verein mit dem CDU-Wirtschaftsminister, daß Röchling freigelassen wurde, zu den bekannten Bedingungen.

Fotos zeigen einen gepflegten alten Herrn, fast kahl, mit raspelkurzem weißem Haar und Nickelbrille; das Gesicht mit der groben Nase wirkt entschlossen, der Blick ist ernst und durchdringend. Tiefe Narben auf der rechten Wange lassen an eine schlagende Verbindung denken. Andere Aufnahmen zeigen ihn strahlend, umgeben von seinen Arbeitern und Kindern mit leuchtenden Augen.

Bis heute scheint die Verehrung Völklingens für Röchling keine Grenzen zu kennen — er hatte der Stadt Lohn und Brot gegeben, hatte in Schulen, Krankenhäuser, Wohnungsbau und Stadtentwicklung investiert. Ihm war der relative Reichtum, die goldene Zeit im zwanzigsten Jahrhundert zu verdanken. Gleich 1956 benannte man die von ihm subventionierte Arbeitersiedlung »Bouser Höhe« in »Hermann-Röchling-Höhe« um.

So steht das Bild des wohlwollenden Patriarchen und sozial denkenden Industriebarons neben dem des Nazis, eines Mannes, den der Krieg reich machte und für den der Zweck alle Mittel heiligte. Diese beiden Bilder lassen sich in den Köpfen nur schwer in Einklang bringen — und unser Hüttenführer ist nur einer von vielen, die mit Empörung an das Unrecht denken, das »ihrem« Röchling widerfahren ist.

Außer Frage steht: H. Röchling hat sich persönlich bereichert, unter Ausnutzung verschleppter, versklavter Menschen. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, aber mindestens einige Hundert Männer und Frauen sind bei der Arbeit und im Arbeitserziehungslager umgekommen. Eine offizielle Entschuldigung bei den Opfern und Hinterbliebenen gab es anscheinend nicht.

Jaha, aber das haben damals doch alle so gemacht. Es war eben ökonomisch klug. Und dann sind da noch das Schwimmbad, der Sportverein, die Pensionärsheime, die Ausbildungsplätze, die Röchling in Völklingen geschaffen hat …

Jaha. Aber das haben damals alle so gemacht. Es gehörte zu den Pflichten des Großindustriellen, sich um seine Arbeiter zu kümmern, wenn er sich nicht mit Gewerkschaften, Streiks und linkspolitischen Umtrieben herumschlagen wollte. Es war eben ökonomisch klug.

Wie viele Schwimmbäder sind nötig, um ein Menschenleben zu bezahlen?

Hermann Röchling ist Geschichte. Aber daß heute noch, im Jahr 2008, dieser Mann als Wohltäter geschildert wird, das will mir nicht in den Kopf. Wir wissen es doch besser!

Im Jahr 2000 brachte die ARD einen Beitrag zum Thema. Ich vermute, in Völklingen wurde er, wenn überhaupt, mit Kopfschütteln gesehen.

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