Tasse Raffee?

Ich mochte den Eckladen mit Haushalts- und Küchenkrempel, ein Labyrinth aus überfüllten Regalen voller Vorkriegsware. wenn man was wollte, mußte man die Besitzerin fragen, die, über 80, sämtliche 6000 Artikel im Kopf hatte und stolz darauf war. Preise machte sie nach Sympathie. Ihr Sohn, der schließlich den Laden auflöste, als sie sich den Oberschenkelhals gebrochen hatte, stand zwischen Gebirgen aus Käsereiben, Fleischwölfen, Milchwächtern, Töpferware und Feldbesteck und war froh um jedes Stück, das ging.

So kam ich an eine Kaffeemühle für ein paar Mark, wahrscheinlich aus den Siebzigern, zum An-die-Wand-Schrauben. Das Kaffeegefäß zum Drunterhängen fehlte; Kurbel und Montagebrett waren so häßlich, daß Herr Kritz sie mir gegen was Schlichtes austauschte. Ein ganzes Pfund Bohnen paßt hinein und läßt sich mit Muskelkraft und Radau Portion für Portion in ein Gläschen mahlen, wenn man die Stellschraube für den Mahlgrad dabei festhält. Ich mochte die Mühle mit allen Macken; am meisten entzückte mich, daß, wer auch immer den (völlig überflüssigen) Schriftzug “Kaffee” darauf anbringen sollte, offenbar die Frakturschrift nicht beherrschte:

Kaffeemühle mit Aufschrift "Raffee" in Fraktur
… aber man weiß, was gemeint ist.

Nun wird sie ausgemustert. Die Neue ist elektrisch.

Schade.

66430 Bürgerinnen und Bürger hatten im April die Tempo-130-Petition der Evangelischen Kirche unterzeichnet. Was daraus geworden ist? Erstmal nix: ein “generelles Tempolimit auf Autobahnen sei ein rückwärtsgewandtes Instrument”, habe sich bei der öffentlichen Anhörung der Staatssekretär des Verkehrsministeriums geäußert. Das ist ähnlich gescheit wie “gegen jeden Menschenverstand” (Verkehrsminister Scheuer).

Enttäuscht hat mich nicht allein das Ergebnis (das war erwartbar), sondern vor allem die geringe mediale Aufmerksamkeit, die der Sache zuteil wurde. Diese Diskussion muß über kurz oder lang geführt werden; warum aufschieben?

***

Es wird künftig einen hübschen Beruf weniger geben auf der Welt: die lateinischsprachigen Nachrichten des finnischen Radios werden eingestellt. Hier das Schlußwort:

Nuntii Latini finiti

Nuntii Latini Radiophoniae Finnicae Generalis, qui inde ab anno millesimo nongentesimo undenonagesimo (1989) iam triginta annos septimanatim emittuntur, post hanc emissionem finiuntur et decreto moderatorum radiophonicorum post ferias aestivas non continuabuntur. Auscultatoribus, quorum grex ad omnes orbis continentes amplificatus est, propter fidelitatem gratias quam maximas agimus et valedicimus.

Tuomo Pekkanen

Ich habe sie gemocht.

Kein Bild

War nicht mein Tag, und ich hätte die Kamera vielleicht daheim lassen sollen: Ich habe sie nur kurz abgelegt, um mein Gepäck ordentlich zu verteilen, und sie dann im Zug vergessen. Schon am Bahnsteig, der Zug war noch gar nicht richtig weg, fiel’s mir auf; die Kontaktummer für Fundsachen, die ich dann in einem Aushang las, begann mit 0900.

Ich erinnere mich gut, wie mir Derartiges mal in einem Zug eines Bahn-Subunternehmers geschah, in der Mittelrheinbahn auf dem Weg zu einer hübschen Wanderstrecke. Mein Hut, schon etwas mitgenommen, aber heiß geliebt, war in der Gepäckablage liegengeblieben. Ich fand am Bahnsteig eine Kontakt-Telefonnummer, rief an und hatte eine freundliche Dame am Apparat, die zwei, drei Fragen stellte, mich um Rückruf bat und mir dann sagte, ich möge eineinhalb Stunden später wieder am Bahnsteig stehen. Den Hut reichte mir der Zugführer dann aus dem Fenster des Führerhauses. Er lachte, ich strahlte; den Hut habe ich heute noch, die MRB in allerbester Erinnerung.

Nun also: 0900, oder Internet. Ich habe am Abend die Verlustmeldung im Netz aufgegeben, ein Formular ausgefüllt (Digitalkamera, Farbe: schwarz, wertlos auf dem Markt für Elektronik, mir aber sehr ans Herz gewachsen) und abgesendet. Noch in derselben Sekunde bekam ich eine Mail mit einer “Verlustmeldungsbestätigung” und einer siebenstelligen Nummer, von der Fundservice DB AG (no reply).

Nun warte ich. Man kann nur hoffen.

 

 

 

Bestens sortiert

Mitten in der Stadt, in einer der kleinen Seitenstraßen, haben die M.s ihr Geschäft für Geschirr und Tischkultur. Dort steht im Regal hinter der Kasse ein hölzerner Karteikartenkasten, und da bin ich drin. Wie mein Geschirr heißt, was ich für Gläser habe, wie groß meine Töpfe sind: das steht in der schönen, steilen Handschrift des Chefs auf mittlerweile mehreren Karteikarten. Komme ich zu M.s und brauche Ersatz oder etwas Neues, genügt ein Blick unter Schwarz, um zu gewährleisten, daß ich keinen Fehlkauf tätige.

Haben meine Schalen nun zehn oder zwölf Zentimeter Durchmesser? Wie hieß noch gleich das Besteck, seit acht Jahren in Gebrauch? Und welche Firma macht diese wunderbaren Vorratsdosen? Bei M.s ist alles notiert, da kann ich ganz unvorbereitet in den Laden kommen. Und mit meinen Daten wird kein Schindluder getrieben; das würden die M.s niemals tun.

Einmal gab es einen Anruf: mein Alltagsgeschirr wird aus dem Programm genommen, für Ersatz die allerletzte Möglichkeit … Und ein anderer Anruf freute mich fast noch mehr: eine Kundin wolle wissen, wie sich mein Wasserkesselmodell im Alltag macht; ob ich kurz was dazu sagen könnte?

Die M.s zählen zu den letzten ihrer Art. Sie verkaufen nicht einfach Teller und Töpfe. In ihrem Sortiment herrscht Qualität, nicht Mode. Und wenn eine Kartei-Kundin etwa von Problemen mit einer Pfanne berichtet, dann geben sie das an den Hersteller weiter, damit die nächsten Pfannen besser werden.

Die Zulieferer machen keinen Hehl daraus, daß die M.s kleine Fische sind. Man merkt es an absurden Mindestbestellmengen und langen, sehr langen Lieferzeiten. Und dann gibt es Kunden, die sich stundenlang von M.s beraten lassen – und dann drei Euro billiger im Internet bestellen; Sand auf sie und kleine Steinchen. Da tröstet es auch nicht, daß die nicht in die Kartei kommen.

Einmal stand ich mit Porzellan in ungewöhnlichen Farben an der Kasse, da meinte Frau M., das sei aber mutig. Neinnein — nicht für mich, für die Tante sei das. Ein Geschenk. Seitdem gibt es eine neue Karteikarte: L. Schwarz (Tante). Damit ich künftig nichts doppelt verschenke.

Übergänge

Ürziger Sitzplatz: Aussicht auf die Arbeiten.

Zwischen Zeltingen-Rachtig und Ürzig haben die Verkehrswegeplaner den Hochmoselübergang gesetzt, und der, halb fertig wie er ist, beherrscht schon optisch alles. Wie es erst wird, wenn da Lastwagen drüberheulen, ahne ich: Die Moselbrücke bei Winningen hat mir eine komplette Wanderetappe verleidet; wenig drückt so zuverlässig auf die Laune wie vielspuriges Gebrüll. Wie es dann wohl ist, hier zu wohnen, jeden Tag im Schatten der Brücke im Weinberg zu arbeiten, mag ich mir nicht vorstellen.

Diese hier wird die höchste Brücke über die Mosel, eine der höchsten Talbrücken überhaupt. Für Autos; das heißt, am Übergang hängt eine Straße, und an der hängen Zubringer. Viel, viel Land wird überbaut. Die Schnellstraße, das kann man auf aktuellen Karten schon sehen, verläuft vierspurig über einen bislang trassenlosen Gebirgssporn des Hunsrücks. Weinkenner aus aller Welt haben gewarnt, berühmte Weinlagen könnten leiden — genutzt hat es nichts.

Die Einheimischen, die wir fragen, halten sich bedeckt. Naja, die Planungen laufen schon seit Jahrzehnten; und der Schwerlastverkehr werde dann im Winter weniger gefährlich, nicht mehr durch all die engen Sträßchen unten. Und nun sei ja schon so viel Geld geflossen … — Ob ihnen nicht die Besucher wegbleiben, wenn es an Ruhe fehlt? Ach, Touristen kämen sogar extra, um sich die Brücke anzuschauen und Fotos zu machen.

Die Moselorte haben breite Promenaden mit Hotels, Cafés, Weingütern und vielen, vielen Parkplätzen. In den Ortskernen geben gerade Geschäftchen des täglichen Bedarfs auf, wie sie andernorts schon lange ausgestorben sind. Touristen fahren in den Ort, um sich zu erholen, Einheimische fahren hinaus, um einzukaufen.

Man verbindet die neue Straße in der Region auch mit der Hoffnung auf Arbeitsplätze, die nicht mit Tourismus zusammenhängen und nicht mit Wein. Am Wanderweg sehen wir aufgelassene Weinberge; auf einem Projektschild steht: durch maschinengerechtes Neuanlegen der steilen Reihen wolle man künftig Arbeitszeit sparen. Im Ergebnis verschwinden die charakteristischen Terrassen; die geschwungenen, engen und halsbrecherischen Rebpflanzungen werden durch mit dem Lineal gezogene Schraffuren ersetzt, die hölzernen Stöcke durch glänzende aus Metall. Es sieht anders aus. Weniger eigen; weniger … schön.

Hier geht etwas unwiederbringlich verloren. Es ist die übliche Entwicklung, Mobilität, Schnelligkeit und die verquere Ökonomie unserer Autogesellschaft über alles zu setzen. Da paßt das Kleinteilige, Schräge, da paßt Bedächtigkeit nicht, und Arbeit, die Jahrhunderte zum Leben gereicht hat, rentiert sich nun nicht mehr. Die Brücke, die für nichts als Autos in eine fragile Landschaft geklotzt wird, damit man hier “den Anschluß nicht verpaßt”, ist eine gute Zusammenfassung.

Eindrucksvoll. Und noch leise.

Nach der Rückkehr von der Moselsteigwanderung blättere ich in meiner Fotobeute und bin ein wenig entsetzt: auf fast jedem Bild ist der Hochmoselübergang zu sehen, Bild um Bild dieses Monster, und hat sich doch nicht einfangen lassen.

 

Hier eine Dokumentation von 2017 (Phoenix-Doku; knappe halbe Stunde).

 

 

Nachricht aus der echten Welt

Jahrelang hat Magister Kraska seine Staunmeldungen gebloggt: aus dem Kulturbeutel älterer Jugendlicher geplaudert, die Banalität des Blöden beleuchtet, Träume kritisiert, seinem Ghetto ein Denkmal gesetzt. Nun lebt der Magister nicht mehr; vergangenen Dezember ist er plötzlich gestorben.

Blogger sind ein seltsames Volk. Wir können Menschen, die wir doch eigentlich nur schriftlich kennen, virtuell ins Herz schließen, sie einfach unserem Horizont einverleiben. Und jetzt? Jetzt können wir Kraskas Geschichten immer noch lesen, aber es ist nicht mehr dasselbe; da ist eine Lücke.

Ich denke an seine Frau, für die die Lücke unendlich viel größer sein muß, und an alle, denen er in ihrer echten Welt fehlt, Tag für Tag.

 

 

 

… und der Herbst beginnt

Auf dem Lande.
Auf dem Lande.

Die Trostlosigkeit hat nichts mit dem Wetter zu tun. Es ist ein Neubaugebiet, eines von vielen, an denen der Wanderweg entlangkratzt: Haus für Haus in die Jahre gekommene Ideen von Schönheit und Bequemlichkeit, totgepflegte Grundstücke unter Bodendeckern oder praktischen Kiesfüllungen. Kein Bäcker, kein Laden, kein Treffpunkt; dafür Garagen, viele, denn man muß ja einkaufen, Ärzte besuchen, sich amüsieren. Menschen sieht man nur in Autos; Bürgersteige scheint es zu geben, damit man was zum Hochklappen hat. Manche Häuser zeigen nichts als Rolläden. Wie das wohl mal gedacht war? So sicher nicht.

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Aber vielleicht urteile ich ungerecht. Vom Weg aus ist ja nicht viel zu sehen; vielleicht erntet man Gemüse, spielen Kinder in Gärten, die vor Wandererblicken geschützt sind. Vielleicht blüht das Leben hinter den Mauern, tagt irgendwo ein Lesezirkel, kümmern sich Nachbarn, entwickelt man den Ort. Ich hoffe es.

Außerhalb sind die Äcker abgeerntet, faule Äpfel fallen von den Bäumen. Gestern wurde in den Feldern ein Fest gefeiert; gerade löst sich eine Wagenburg auf in einen Fluß von Fahrzeugen, der sich zäh auf die Landstraße ergießt. Ich finde im Straßengraben zwei herrenlose Fahrräder und eine Geldbörse mit Papieren und habe gleich ganze Krimis im Kopf (inzwischen weiß ich, sie war wirklich nur verloren).

Nun ist der Sommer wohl vorbei. Für mich beginnt die schönste Zeit in Wanderschuhen. Auf der anderen Seite des Flusses käme mir ungefähr jetzt Irgendlink entgegen, der am Rhein entlang zur Nordsee radelt.

 

Nichtbilder

Ich erinnere mich an zwei oder drei Alben mit Familienfotos, die nach Schwarzweißbildern rochen; manche hatten kunstvoll gewellte Ränder, an denen man mit dem Zeigefinger entlangfahren konnte. Besonders faszinierten mich die halbtransparenten Papiere zwischen den Albumseiten, die, bei vollständiger Kenntlichkeit der Bilder, alle Details verbargen; sie saugten sich an den Seiten fest und wollten mit Vorsicht abgehoben sein. Sie trugen ein geprägtes Spinnennetzmuster, in dem hier und da pralle Spinnen saßen.
Die Bilder des Liebsten wohnten in zwei Schuhschachteln; sie waren nicht sortiert, aber sie klemmten ungefähr da, wo sie chronologisch hingehörten. Manche waren in den Umschlägen aus dem Fotogeschäft gebündelt. Feste, Urlaube, Auftritte, Zivildienst, Studium, Ausland — alles hatte er, wie’s kam, dokumentiert und mit der freundlichen Achtlosigkeit, die ich liebte, in diesen Schachteln verwahrt.
Beides, die Alben mit den Familienfotos und die Schachteln mit den Bildern des Liebsten, gibt es nicht mehr …

Ach …

Ich habe keine Lust zu bloggen, auch wenn es der schönen Dinge genug zu beschreiben gäbe. Aber die schrecklichen Dinge türmen sich und nehmen mir die Worte.
In einem Land gar nicht so weit von unserem entfernt wird ein Mensch öffentlich ausgepeitscht, weil er in seinem Blog Fragen gestellt hat, weil er sich regierungs- und religionskritisch geäußert hat. Weltweite Proteste konnten diesen Wahnsinn bislang nicht stoppen.
Wir leben offenbar in einer Welt, in der Worte so gefährlich sind, daß sie unmenschliche Gewalt rechtfertigen. In der für religiöse Ideen Menschen getötet werden. In der das Leben eines Bloggers, die Hoffnungen seiner Familie zerstört werden können. Einfach so.
Ich habe nie Nachteile durchs Bloggen gehabt; die Gesellschaft, in der ich zuhause bin, folgt im großen und ganzen dem Grundsatz: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Ich habe Glück mit meinem Wohnort.
Was kann man tun? Schreiben. Immer: schreiben. So wenig; so viel.