Theater unterm Himmelszelt

Qype-Beitrag über die Freilichtbühne am Wasserhäuschen, Weinberg »Himmelacker«, 55232 Alzey-Dautenheim, Bewertung: ***** (von 5)

Wie macht man ein Theater? Ganz einfach: Man braucht ein Fleckchen Land und ein, zwei Traktoren, eine wackere Schar freiwilliger Helfer, die Gabionen zu Sitzreihen auftürmen und mit Holz bedecken; darüber das Sternenzelt des Sommerhimmels, und schon hat man es, das Theater.

Na, das »ganz einfach« nehme ich zurück. Familie Storr, seit einer Dreiviertelewigkeit in Dautenheim ansässig, hat nicht gerastet und geruht, bis ihr Freilichttheater im Weinberg »Himmelacker« fertig war. (Und das war, so eine verläßliche Quelle, etwa zwei Stunden vor der Vorstellung.)

Etwa hundert Menschen können in den ansteigenden Sitzreihen am Wasserhäuschen Platz nehmen; die Bühne ist ein Traktoranhänger, bebaut mit den Kulissen, der vor dem Publikum geparkt wurde. Musik und Technik sitzen oben auf dem Wasserhäuschen, von wo man zwischen den Einsätzen einen wunderbaren Blick in die Landschaft hat. Alles andere passiert im Weinberg: auf den Rebstöcken hängen Kostüme, die Darsteller verschwinden dramatisch oder einfach zum Umziehen in den Reihen.

Das Eröffnungsstück hätte für genau dieses Theater geschrieben sein können: Thomas Bernhards »Die Macht der Gewohnheit«. Annette Storr und Steffen Klewar lassen das Stück komplett im Wohnwagen des Zirkusdirektors Caribaldi (Werner Graenzer) spielen, der seit zweiundzwanzig Jahren versucht, seiner widersetzlichen Truppe ein perfektes »Forellenquintett« abzuringen.

Die Schauspieler, Musiker und Theaterleute aus Berlin und ganz Deutschland machten aus dem bösen Dreiakter ein unvergeßliches Erlebnis im rheinhessischen Wingert. Schon Bühne, Kostüme und Requisite waren absolut sehenswert. Und natürlich kann man nicht zu Winzers ins Theater gehen, ohne daß auch Brot, Worscht und ein guter Wein im Angebot wären.

Heute abend gibt es noch eine Aufführung, im August 2011 zwei weitere, und »morgen Augsburg!« — Ich hoffe, es wird in den kommenden Jahren noch viele solcher Theaterabende unter freiem Himmel geben.

Auf Schienen durch die Stadt

Qype-Beitrag zu Saarbahn, Saarbrücken; Bewertung: ***** (von 5)

Jeder Städter kann »seine« U-Bahn mit geschlossenen Augen am Geruch erkennen. U-Bahn haben wir hier nicht — aber der Gesang der Saarbahn, das Summen, Rumpeln, Jaulen und Pfeifen, mit dem sie in die Kurve geht, läßt Saarbrücker Herzen höher schlagen. (Spätestens dann beschleunigt sich der Puls, wenn sie einen mit schriller Glocke von den Schienen scheucht.)

Als die Saarbahnschienen verlegt wurden, hieß das gefühlte fünf (also vermutlich zwei) Jahre lang Lärm, Staub, Teergestank und Stromausfälle für die Anwohner. In der Mainzer und der Kaiserstraße herrschte verkehrstechnisch Ausnahmezustand; immer mal wieder fing sich ein LKW in der Kurve der Umleitung, dann ging zehn Minuten gar nichts mehr. 1997 war die Saarbahn endlich fertig.

Heute ist sie nicht mehr wegzudenken aus der Innenstadt. Sie fährt innerhalb Saarbrückens vom Heinrichshaus bis nach Saarbrücken Ost und zurück, einmal quer durch die Stadt. Sie bildet so das Rückgrat des Öffentlichen Personnennahverkehrs, um das sich die Buslinien ranken.

Daß das Streckennetz so übersichtlich ist, liebe ich an dieser Bahn: Eigentlich gibt es nur die Linie 1, werktagsüber alle acht Minuten, sonst und nachts alle 20, von morgens halb Fünf bis nachts um Zwo. Wenn Messe ist, soll es auch eine Linie 2 geben, und sogar von Linie 3 habe ich schon gehört, aber das halte ich persönlich für Ammenmärchen. Bei Umzügen, Ausflügen und Möbelkäufen hat mir Linie 1 bislang vollauf genügt, für derzeit 2,20 pro Fahrt (Kurzstrecke 1,80).

Die Züge haben sich ganz gut gehalten, modern, barrierefrei, blau innen und mit viel Fenster. Die Haltestellen werden auf Deutsch und Französisch angezeigt und durchgesagt. Früher mal sprach die Ansagedame mit merklich westpfälzischem Zungenschlag — Nächster Halt: Johanneskirsche –, aber das hat man ihr leider ausgetrieben.

Die Tafeln an den Haltestellen geben die verbleibende Zeit bis zur nächsten Bahn in »min« an. Das sind nicht etwa Minuten, sondern flexible Saarbahnzeiteinheiten, die je nach Verkehrslage länger oder kürzer sein können. Das macht nichts, ich mag das — denn die nächste Saarbahn kommt immer, ganz bestimmt.

Am allerallerbesten gefällt mir aber, daß man in Saarbrücken einsteigen und in Frankreich wieder aussteigen kann. Vorbei an Güdingen, Bübingen, Kleinblittersdorf und Grossbliederstroff bringt sie einen für 3,70 nach Sarreguemines. Dort kann man ein wenig auf alten Treidelpfaden an der Saar entlang spazieren oder in der pittoresken Innenstadt eine tarte des pommes verzehren.

Daran denke ich immer, wenn ich das Rauschen und Kreischen der bremsenden Saarbahn höre. Schön ist das.

(Die Besserwisserin in Sachen Saarbahn ist wie immer die Wikipedia.)

Prinz-Georgs-Garten, Darmstadt

Qype-Artikel vom 1.8.2008
Adresse: Schloßgartenstraße 6b, 64289 Darmstadt

Eigentlich sollte man unvorbereitet hierherkommen, so wie es mir passiert ist, und sich entzücken lassen Nun, ich schicke euch hin, es geht nicht anders.

Darmstadt hatte in seiner Geschichte als Residenzstadt viele Prinzen. Heute hat es entsprechend viele Gärten, die nach den Prinzen heißen. Was im 18. Jahrhundert als Lustgarten vor den Toren der Stadt lag, ist heute mittendrin, und so kann man, hoppla, plötzlich in dem eingefriedeten Park stehen und staunen.

Der Garten ist, ganz Rokoko, geometrisch angelegt und im Sommer herrlich farbig. Der erste Blick: geharkte Wege, Rasenflächen mit Buchsbaumhecken, Laubengänge, ein zentraler Springbrunnen. Die Nase sagt: das duftet ja köstlich … Der zweite Blick: Kohl! Mangold! Zwiebeln, Tomaten, Salbei! Und die Nase sagt, siehste.

Daß Kohl so schön sein kann! Das Gemüse ist hier vor allem nach optischen Gesichtspunkten ausgesucht und aufs appetitlichste mit Blumen und duftenden Kräutern kombiniert. Das geht, so heißt es, auf barocke Vorbilder zurück und ist mal was ganz anderes als die gewöhnlichen Fleißige-Lieschen-Rabatten.

Wenn man dann auf den Wegen dahinwandelt, an lockenden Ruhebänken vorbei (die an Wochenenden garantiert alle belegt sind) und von Fontänenmusik begleitet, erreicht man ein Palais. Man nähere sich mit Andacht!

Eine weit schwingende Freitreppe führt hinauf zum Portal, das in der mit Sandsteinornamenten reich verzierten Fassade — — Mo-ment. Noch mal ein paar Schritte zurück: Portal? Freitreppe? Ornamente? Alles aufgemalt. Eigentlich sind es doch eher ein paar Stufen und eine Tür, und das Palais ist ein Gartenhaus. Ich habe vier Anläufe gebraucht, leise kichernd, bis ich endlich drin war.

Und drinnen: Bücher! Regalweise Bücher. Hier kann man einfach durchspazieren, sich in Ruhe ein Buch aussuchen und es im Garten lesen. Oder auch mitnehmen, wenn man dafür ein anderes daläßt — Bookcrossing kann schöner nicht sein.

Surreal, unglaublich, magisch ist der Garten an einem stillen Frühsommer- oder Spätfrühlingstag. Bei Mondschein würde ich ihn gern mal sehen, aber nachts ist er leider geschlossen.

P.S.: Das Gemüse kann man bei den Gärtnern kaufen, für ganz schön wenig Geld.

Große und kleine Schlachten

Qype-Beitrag zum Völkerschlachtdenkmal, Prager Straße, 04299 Leipzig; Bewertung: *** (von 5)

Das Völkerschlachtdenkmal und ich, ich und das Völkerschlachtdenkmal… Einmal im Jahr mußte ich hin.

Die DDR hatte noch ein paar Jährchen vor sich, ich fast einen halben Meter Wachstum. Die Luft der Stadt roch nach Kohlekraftwerk, und dazu paßte das Schwarzgrau des Steins. In meiner Vorstellung war es das Denkmal, von dem der Geruch ausging und sich über ganz Leipzig legte, bis in die Wohnstuben hinein.

Nach dem Entenfüttern strebten meine Tante und ich strammen Schrittes über die Wiesen dem Monument zu, ich im blauen Anorak, meine Tante mit Schirm und Mantel.

Wie eine plumpe Schachfigur hockt das Ding auf dem flachen Grund; schnell wird es groß und größer. Hinter dem frostigen Wasserbecken gibt es einen Eingang, der nicht einlädt. Rein mußte man trotzdem. Auch wenn es drinnen nicht viel wärmer war.

Stein auf Stein, zu groß für richtige Erinnerungen; höchstens waren die geschlossenen Augen der gigantischen grauen Krieger für Alpträume gut. Einmal hatte sich ein russischer Chor im Rund versammelt, um den minutenlangen Nachhall des Inneren für ein Konzert zu nutzen. Nun, es hat gehallt, und ich hatte hinterher Fieber.

De Völgorschlochd. Die hat man mir oft erläutert, und ich habe sie immer wieder gründlich vergessen. Nur diese eine dumme Anekdote blieb hängen, die von dem amerikanischen Touristen: Dem fällt zu allen volkseigenen Leipziger Sehenswürdigkeiten nur ein, tjaha, in Amerika gibt es das aber besser, größerer, schnellerweiterhöher. Als er nun mit seinem Stadtführer am Völkerschlachtdenkmal vorbeikommt, fragt er völlig hingerissen: That’s marvellous! Was ist das? Woraufhin der Guide die Achseln zuckt: Keine Ahnung, stand gestern noch nüsch da.

Neben diesem Witz ruht das Völkerschlachtdenkmal in meinem Gedächtnis, in der Abteilung für Nutzloses. Wer weiß, vielleicht schleppe ich ja dermaleinst meine Nichte dorthin. Falls sie mich ärgern sollte.

Große Maschinen

Qype-Beitrag zu Rationator Maschinenbau GmbH, Alsheimer Straße 1, 67586 Hillesheim; Bewertung: ***** (von 5)

Von Maschinenbau verstehe ich zwar nichts. Aber ich liebe große Maschinen. Und einmal durfte ich eine Betriebsbesichtigung mitmachen.

Rationator, das ist ein mittelständisches Unternehmen mitten im sanfthügeligen, sonst eher agrarischen Rheinhessen. International gehört der Betrieb aber zu den Großen — seit 40 Jahren werden hier Abfüllmaschinen konstruiert, gebaut, in alle Welt verkauft und vor Ort gewartet. Rationator ist, so sagt man mir, der Mercedes unter den Abfüllanlagen: Nach Maß konstruiert, aber ausbaufähig; qualitativ hochwertig gearbeitet und auf Langlebigkeit ausgelegt. Wird wirklich einmal eine Rationator-Maschine ausgemustert, meist nach Jahrzehnten erst, so baut man sie anderswo wieder auf und nimmt sie für ein paar weitere Dekaden in den Dienst.

Rationator-Maschinen füllen Shampoos, Waschmittel, Zahnpasta, Obstsäfte, Klebstoffe ab. Für jedes Füllgut, für jedes Behältnis müssen die Ingenieure sich neue Techniken einfallen lassen. Für mich liest es sich wie Lyrik: Kopfsteherflaschen, Ausrichtverschlüsse, Schrägsitzverschlüsse, Schraub- und Aufdrückverschlüsse…

Das Unternehmen ist hier verwurzelt; man sieht es schon an dem ortstypischen alten Backsteinhaus, in dem die Firmenzentrale sitzt. Und es ist gewachsen — das beweisen die Hallen hinter dem Häuschen.

Es sind große Hallen nötig, um Abfüllmaschinen zu bauen. So eine Maschine ist eigentlich eher eine Kette von Maschinen. Zusammen können sie so groß sein wie eine Doppelgarage oder auch wie ein Einfamilienhaus. Und da steht nun so ein Ding: Viel Edelstahl, blinkende Kleinteile hinter Glasscheiben, dazwischen ein Vergnügungspark aus Transportbändern, die gewagte Kurven und Steigungen nehmen und die Stationen verbinden.

An einem Ende drängelt es sich farbig zwischen all dem matten Metall: bunte Plastikformen, sogenannte Pucks, nehmen die zu befüllenden Behälter auf und bringen sie sicher von einer Station zur nächsten.

Die Stationen: Aufstellen, Befüllen, Verschließen. Zwischendurch immer wieder ausrichten (es soll ja nichts danebengehen), kontrollieren und auswerfen. So, am stehenden Objekt vom Firmenchef Herrn Schindel erklärt, ist das alles einleuchtend, alles klar.

Dann aber drückt Herr Schindel einen Knopf, und die Maschine setzt sich in Bewegung, mit einem effizienten, sachlichen Lärm. Edelstahllärm. Flaschen fallen in die Pucks und sausen in ihren bunten Untersätzen auf dem Transportband entlang. Dann geschieht Unbegreifliches: Die Flaschen verschwinden hinter einer Glasscheibe, stählerne Greifer packen sie, drehen sie in einem metallenen Schwirren und Blitzen im Kreis, ein Heben und Senken — und schon tauchen sie wieder auf, exakt bis zum Eichstrich gefüllt, auf dem Weg zur nächsten Station. Plötzlich Zischen, dann Poltern — das System hat vor dem Befüllen eine fehlerhafte Flasche entdeckt und mit Druckluft vom Band befördert. Die Maschine arbeitet gleichmütig weiter, präzise und reibungslos.

Ich stehe davor und bin hypnotisiert, wünsche mir eine Endlosschleife oder wenigstens Zeitlupe. Aber das war schon die halbe Geschwindigkeit; im realen Betrieb ist das Wirken der Maschine, das Ineinandergreifen ihrer Teile mit dem bloßen Auge nicht mehr zu sehen.

Herr Schindel erzählt derweil Geschichten — wie etwa füllt man Klebestifte ab? Oder Sekundenkleber? Wie kühlt man Heißes herunter, beruhigt Schäumendes? Und wie kommen die Streifen in die Zahnpasta? Meine vage Hochachtung vor Ingenieuren wächst bedeutend.

Zwar verstehe ich nichts von Maschinenbau. Diesen Maschinen aber könnte ich stundenlang zuschauen.

Arm dank Bahn?

Qype-Beitrag zu Deutsche Bahn AG, Bewertung: ** (von 5)

Um das klarzustellen: Ich fahre gerne Bahn. Es ist mir tausendmal lieber, vier Stunden im ICE zu schlafen, zu arbeiten oder Krimis zu lesen, als drei Stunden auf Asphalt zu starren und dabei keine Sekunde abschalten zu können. Sogar Verspätungen kann ich etwas abgewinnen — Beobachtungen, Bekanntschaften, Geschichten.

Wenn ich allein nach München fahre, kostet mich das mit der Bahn — dank BahnCard 50 — gut neunzig Euro, hin und zurück. Das ist etwas weniger Geld als für die Autofahrt, und es schont die Nerven. Oft genug bin ich mit der Bahn sogar schneller.

Sobald wir aber zu sagenwirmal viert unterwegs sind, kostet die Bahnfahrt dreihundertsechzig Euro (sofern alle Beteiligten für die Hälfte fahren!), und ich frage mich: Können wir uns das wirklich leisten?

Plötzlich plustern sich die Nachteile der Bahn, bauen sich auf und springen so richtig ins Auge: Wir müssen mehrfach umsteigen, mit Gepäck. Ich bin nicht flexibel (Abstecher? Ha!). Vielleicht muß ich stehen oder, schlimmer, zwischen Menschen mit undichten Kopfhörern sitzen. Und hinterher bin ich wieder erkältet, dank des ganzjährigen Winters im ICE.

Und dafür sollen wir zweihundertvierzig Euro draufzahlen? Für hundertzwanzig Euro nämlich lade ich die Gesellschaft nebst Gepäck ins Auto, erreiche München und finde dort einen nicht allzu teuren Parkplatz im Umkreis des Ziels. Als Nervenbündel und Umweltferkel zwar, aber sehr zugunsten der Haushaltskasse.

Das ist verkehrte Welt. Bahnfahren darf nicht teurer sein als Autofahren. Aber die politischen Entscheidungen, die dieses Mißverhältnis wieder zurechtrücken würden, werden offenbar nicht getroffen. So nutze ich die Bahn mit einem schalen Gefühl: ich handle zwar verantwortungsbewußt, belohnt wird jedoch die unvernünftige Alternative…

(Ha. Vielleicht ist das die Idee, mit der ich endlich reich werde: Ich fülle künftig auf längeren Reisen mein Auto mit sparwilligen Bahnfahrern.

Wenn ich nur nicht so elend ungern Auto fahren würde…!)

Es war einmal ein Café …

Qype-Beitrag zu Café Lehmkühler, Kreuzstraße 46, 55543 Bad Kreuznach; Bewertung: *** (von 5)
Vorab: Das Café Lehmkühler, so wie ich es beschreibe, gibt es nicht mehr. Den Nachfolger der Hartmanns habe ich nie besucht; die drei Punkte sind schamlos geraten. Das alte Lehmi hingegen hätte zwanzig Punkte verdient.

Das Café Lehmkühler hat mich für Durchschnittscafés verdorben. Über viele Jahre war es eine Perle in der spröden kleinen Stadt Bad Kreuznach, ein emsiges, schrulliges Paradies der Konditorkunst.

Schon wie es einen empfing: heimelige Enge, Kaffeeduft und das Zischen des Sahnebereiters. Moosgrüner Teppichboden, darauf zusammengedrängt die schönstmöglich abgewetzte Wiener Kaffeehauseinrichtung. Überall, wo es schicklich und zierend war, das geschliffene Kristall von Kronleuchtern und Wandlämpchen. An den Wänden großzügig geblümte Tapeten, cremefarben und pastell. Regelmäßig wurde hier neu tapeziert, nie aber fehlten zwei musizierende Barockengel und eine sonnenförmige Uhr, die zwar golden glänzte, die Uhrzeit jedoch meist für sich behielt. Und ein Foto der schwedischen Königin.

Frau Hartmann nämlich war Schwedin. Rund und eindrucksvoll, stets makellos gekleidet, mit Grübchen, blondem Haarnest und sonnig lächelndem Akzent präsidierte sie über eine Tortentheke, die in meiner Erinnerung ihresgleichen sucht. Die Lehmkühler-Torten waren handgemacht vom mürben, duftigen Boden bis zur marmorierten Glasur, und sie waren unglaublich raffiniert — ach, die Birnen-Milchreistorte mit dem Johannisbeerzucker-Rand!

Immer wenn die Theke geplündert schien, wenn die wartenden Kunden die Verzweiflung packte, kamen neue Köstlichkeiten aus dem Keller. Dort hatte Herr Hartmann seine Backstube. Manchmal erschien er selbst, mehlbestäubt und etwas eckig, im Verkaufsraum. Vorher soll er Gärtner gewesen sein — ob das stimmt, weiß ich nicht; jedenfalls gab es ein sorgfältig gepflegtes Blumenfenster hinten im Caféraum, dort, wo die Zimmerdecke aus Milchglasscheiben bestand.

Lange Zeit war das Café Treffpunkt der Kreuznacher Künstlerszene, die hier gelegentlich auch Bilder ausstellte. Bis die Preise zu hoch wurden (unerhörte drei Mark zwanzig für den Kakao!); da zogen die Künstler weiter, und ihre Plätze wurden nahtlos von anderen Gästen übernommen.

Wer im beständigen Kommen und Gehen einen Platz ergattert hatte, der konnte dort ausatmen und für die nächsten halben oder ganzen Stunden eins mit dem Sitzkissen werden. Nie wurde gedrängelt, und Stammgäste fanden häufig niedliche kleine Gebäckstücke auf ihren Untertassen. Es gab viele Stammgäste. Das lag auch an Simone, der guten Seele des Hauses. Niemals war das papierne Spitzendeckchen unter der Tasse kaffeegetränkt, wenn Simone ein Tablett brachte. Sie trug, wie alle Angestellten, die rosa berüschte Uniform des Betriebs, die aber ihrer Autorität keinen Abbruch tat.

Sommers saß man draußen zum Leutegucken, geborgen unter der gestreiften Markise und hinter einem weiß lackierten Schnörkelzaun, komplett mit lila und rosa Petunienkästen. In der Weihnachtszeit stand im Schaufenster ein Lebkuchentraumhaus, jedes Jahr mit neuen unglaublichen Details. Und wenn die schlimmen Kreuznacher Hochwasser die ganze Innenstadt überspült hatten — das Lehmi war wieder geöffnet, ehe noch der Teppich ganz getrocknet war.

Leider haben die Hartmanns vor einigen Jahren ihr Geschäft aufgegeben. Sie sollen nach Schweden gezogen sein — ich wünsche ihnen alles, alles Gute für den Ruhestand. Und so schüttele ich immer mal wieder meine Erinnerungen auf wie eine Schneekugel und schaue dann zu, wie das schöne Bild allmählich wieder zugedeckt wird. Von blütenweißem Staubzucker.

Schöne Aussichten

Qype-Beitrag zum Lutherischen Kirchhof, 35037 Marburg; Bewertung: ***** (von 5)

Marburg macht es Reisenden nicht leicht: Das Schloß hockt ganz oben auf seinem Berg, und die Altstadt schmiegt sich an die steilen Hänge drumherum — wer was davon sehen will, muß Treppen steigen und viel krummes Kopfsteinpflaster treten. Belohnt wird die Mühe mit märchenhaften Perspektiven und Futter fürs Fotoalbum.

mr-daecher1Auf halber Höhe des Schloßberges liegt die Lutherische Pfarrkirche und davor der Lutherische Kirchhof, mit einer breiten Mauer abgeschlossen. Was früher letzte Ruhestätte für Pfarrkinder der Marienkirche war, ist heute ein begehrter Parkplatz im Oberstadtbereich und bietet dem Wanderer Möglichkeit zur nicht gar so endgültigen Rast.

Die gotische Pfarrkirche aus dem 11. Jahrhundert wirkt unerwartet groß in Marburgs sonstiger Enge. Hier gibt es samstagabends um halb Sieben die “Stunde der Orgel”, ein kostenloses Orgelkonzert mit oft überraschendem Programm. (Um Spende wird gebeten.)

Mein Lieblingsplatz befindet sich jedoch draußen, vor der Kirche, unter den kräftigen Lindenbäumen. Hier laden Bänke zum Ausruhen ein, aber erst wenn man sich auf die Friedhofsmauer setzt (oder sich meinethalben daran festhält — direkt hinter der Mauer geht’s steil sechs, acht Meter in die Tiefe), hat man den Ausblick über die halbe Stadt.

Das Tal erstreckt sich bis zu den begrenzenden Lahnbergen. Die jüngeren und jüngsten Stadtteile Marburgs beginnen gleich am Fuße des Schloßbergs; bis ins 18. Jahrhundert war Marburg noch nicht viel mehr. Seither sind die Gründerzeitviertel dazugekommen, die Plattenbauten des Richtsbergs, die Marburger Einkaufs-Center mit ihren Parkhäusern und die Stadtautobahn, deren Rauschen bis hier dringt.

Mein Liebstes sind die Dächer der Oberstadt — vielfach durchbrochen von Giebeln, Erkern und Türmchen, sind sie kunstvoll in Ziegeln und Schiefer gedeckt und zeichnen mit dem Fachwerk abstrakte Bilder.

Zu jeder Tages- und Jahreszeit hat der Blick seinen Reiz, bei Sonne, Regen oder Schnee, aber am schönsten finde ich hier die Sommer, wenn spät und zögernd der Tag sich davonmacht und in der Dämmerung immer mehr Fenster aufleuchten. Dann kann man bestens mit einer Kerze und einer Flasche Wein auf der Mauer sitzen und den Abend feiern.

Klar, der Blick vom Schloß oben, von der efeubewachsenen Schloßmauer, ist spektakulärer, weiter und weiter weg von der Welt — aber ich habe meine halbe Höhe schätzen und lieben gelernt. Und: Es gibt einen Lieblingsplatz im Lieblingsplatz, aber den verrate ich nicht — den kennen nur Oberstadtbewohner, Schwindelfreie, die Vögel und die Stadtverwaltung.

Blühende Landschaften

Qype-Beitrag zu Deutsch-Französischer Garten, Im Deutschmühltal, 66117 Saarbrücken; Bewertung: **** (von 5)

Mit der 126 bis zum Deutschmühlental (Haltestelle DFG): Wenn man jetzt lange genug geradeaus läuft, kommt man erst zum Friedhof und dann nach Frankreich. Gleich links geht es aber durch den Beton-und-Verbundpflaster-Eingang in den Deutsch-Französischen Garten hinein. Betonblumenkübel, pilzförmige Straßenlampen, ein artig gefaßter Teich mit Tretbootverleih, um den ein Rundweg führt und eine Kleinbahnlinie; hier und da Pavillons und Ruhebänke. Bäume stehen gesittet an knallfarbigen Blumenbeeten, und der Blick schweift in überschaubare Weite.

Der erste Gedanke: Hier war ich schon mal. Aber war nicht alles viel größer? Diese Laternenmasten, diese Geländer waren in den Siebzigern schon alt, als ihr Anstrich in rostigen Blasen abblätterte, unwiderstehlich für Kinderfinger. Eine kleine Seilbahn gibt es, eine Wasserorgel, ein Panorama — alles im letzten Jahrzehnt liebevoll wieder hergerichtet, Kulisse für eine Zeitreise.

Zwischen 1870 und 1945 lagen Deutschland und Frankreich hier immer wieder im Krieg; ein Soldatenfriedhof und Bunkeranlagen an der Hügelflanke zeugen davon. Als Friedenszeichen ließen die beiden Regierungen das Gelände gemeinsam gestalten, für die deutsch-französische Gartenschau 1960, mit Tulpenfeldern, Geranien, Fleißigen Lieschen und Minigolf für brave Kinder.

Man kann sie sich vorstellen, die sonntäglich herausgeputzten Familien beim Spaziergang, großrädrige Kinderwagen, Mädchen mit Schürzen und Jungs, die Scheitel mit Wasser gebändigt. Ein bißchen mehr Phantasie, und zwischen den blühenden Büschen verschwinden Captain Kirk und Mr. Spock, Tricorder in der Hand.

Tafelsilber, verscherbelt

Qype-Beitrag zur Saarbrücker Bergwerksdirektion, Trierer Straße 1, 66111 Saarbrücken; Bewertung: * (von 5)

An strahlenden Sonnentagen hat die helle Fassade der ehemaligen Königlich-preußischen Bergwerksdirektion etwas Herrschaftliches; man denkt sich Palmen in Blumenkübeln dazu und wünscht sich einen Sonnenschirm.

1880 war der historistische Bau (geplant vom Berliner Architekten und Schinkel-Schüler Martin Gropius) fertiggestellt, von dem aus die Geschicke des saarländischen Bergbaus dann über 120 Jahre lang gelenkt wurden. Der repräsentative Eingang liegt auf der Ecke Trierer-/Reichsstraße; darüber steht, flankiert von Bergmannsstatuen: Glück auf!

Bemerkenswert ist das Treppenhaus hinter diesem Eingang, das in seiner Art wohl einzigartig ist: Eine frei schwingende, floral verzierte gußeiserne Treppe und ein farbiger Mosaikfußboden aus Mettlacher Porzellan. Wahrhaft fürstlicher Prunk für die Verwaltung.

Im Jahr 2005 wurde die denkmalgeschützte Bergwerksdirektion an den Hamburger Investor ECE verkauft, der eine Erweiterung des benachbarten (und ziemlich toten) Einkaufscenters Saargalerie plante. Die weitreichenden Umbauvorhaben waren bereits 2003 (!) vom städtischen Denkmalamt abgenickt worden. (Dessen Leiter wurde 2005 Leiter des Landesdenkmalamtes und konnte sich so die etwas voreiligen Zusagen nachträglich selbst genehmigen.)

Ergebnis: Das Gebäude wird komplett entkernt und an die höher gelegene Saargalerie angeschlossen. Der Mosaikfußboden wird entfernt, die Treppe irgendwie stehengelassen. 25.000 qm Verkaufsfläche sollen entstehen. Bergleute, Denkmalschützer und Architekten aus ganz Deutschland protestierten — offenbar erfolglos. Baubeginn ist 2008.

Ob die Erweiterung der Saargalerie, die seit fünfzehn Jahren kränkelt, zum großen Boom verhelfen wird? Und wenn ja: Eröffnen dann in allen Kaufhäusern der Innenstadt Handyläden und 1-Euro-Shops?

Mittlerweile stehen Kolonnen von Umzugswagen vor der Bergwerksdirektion — kein Platz mehr für mentale Palmen und Sonnenschirme. Und wer das Treppenhaus noch sehen will, sollte sich beeilen.

Nachtrag Januar 2009

Sie haben es wahrgemacht: Vor dem Europabahnhof erstreckt sich eine Großbaustelle, und über die Zäune hinweg sieht man die Reste des Backsteinbaus, dessen massive Mauern von hinten weggerissen wurden. Saarbrücken ist um eine Sehenswürdigkeit ärmer.

Der Fertigstellungstermin der neuen Saargalerie ist bereits ein halbes Jahr nach hinten verlegt worden — mal sehen, was uns die Konjunkturkrise noch beschert. Vielleicht eine Dauerbauruine, die sich dann in ein paar Jahren wieder selbst begrünt –?

Nachtrag 2014

Ein Zeit-Artikel zur Problematik der Malls.