Frühlingsspaziergang mit Herrn G. und (innerem) Esel

So geht das nicht weiter, sagt Herr G., und er meint damit meine Arbeit und mich. Du mußt mal raus, und bald. Na gut, sage ich. Also gehen wir wandern. Im Zug drücke ich die Stirn an die Scheibe: Da! Das blüht ja alles! Oh!, und Herr G. schüttelt den Kopf.

Also: gehen, vom Rhein bis an die Mosel, einen Weg, den ich schon kenne, und einen ganzen Tag nicht dran denken, daß es Schreibtische gibt, an die man müssen kann.

Beim Aufstieg (ich bin etwas knapp bei Atem) überlegen wir, was Bettina von Arnim wohl für Schuhwerk hatte? Sicher Lederstiefel, sagt Herr G., genagelt. Ja, und? Ist sie wohl zum Brentano’schen Haus-Schuhmacher gegangen und hat gesagt: diesmal wie mein Bruder? Oder: wie Lisette, die Magd? Vielleicht, meint Herr G., ist sie auch standesgemäß in Knöpfstiefelchen die Hänge am Rhein hochgetrippelt. Mit Absatz. Bettine Brentano war hart im Nehmen.

Oben scheint die Sonne. Schafe, Ziegen und Esel grasen auf der Weide. Ein Esel kommt und läßt sich streicheln. Den stehlen wir, schlage ich vor, der kann das Gepäck tragen; Esel sind kräftig. Herr G. rät ab: Dann müssen wir immerzu diskutieren, wo’s langgeht, und Esel haben meist die stärkeren Argumente. Wir verabschieden uns und gehen; der Esel steht noch lange am Zaun, als wär da wer. Vielleicht will er uns aber auch nur mitteilen, daß wir sooo interessant auch nicht sind.

Über die Autobahn müssen wir, und das geht nur mit zusammengebissenen Zähnen. Sofort fühle ich mich im Nacken gepackt vom Lärm. Wir gehen schnell, bis ein Tal weiter wieder Ruhe ist. Dem Esel gefällt das auch besser, sage ich. Der Wald ist noch licht, und die Buschwindröschen schicken sich an zu blühen. Ist das schön! — Ein Raubvogel!, ruft Herr G. und faßt mich am Arm, aber dann ist es doch nur der Schatten eines Windradrotorblatts. Dafür ziehe ich Herrn G. zur Seite, als der Wind in eine Gruppe Nadelbäume fährt — ich dachte, ein Auto kommt. Raubvögel und Autos, dabei sind wir weder Mäuse noch in einer Stadt – die Fluchtreflexe jedenfalls sitzen.

Waldlicht, frühlingshaft.

Schließlich kommt die Klamm, der Teil des Weges, wo man sich nasse Füße holen kann. Links und rechts gezackter Fels, und darin grünt es zart, die Hänge sind mit Blumen bestreut, weiß, gelb, blau, als hätte das jemand eigens für uns gemacht; es pfeift, flitzt und flattert zwischen den Bäumen, es knospt und blüht — es wäre kitschig, wär es nicht der Frühling. Manchmal teilt der Weg sich mit dem Bach ein Bett. Hoffentlich, sage ich, ist der Esel nicht wasserscheu. Dann wird es auch schon breiter und lieblicher, und wir haben die Mosel erreicht.

Ich schaue auf die Uhr. So schnell waren wir? Trotz Esel? Herr G. merkt an: Deine Uhr steht noch auf Winterzeit, und potzblitz, da hat er recht. Herr G., sage ich, als wir in den Bus steigen, wenn ich dich nicht hätte, wäre ich mit allem eine Stunde zu spät dran. So aber bin ich bloß schlagskaputt und endlich, endlich wieder mal rausgekommen.

 

 

 

Hic sunt dracones

In der Frühe lassen wir den einst mondänen Rheinort Königswinter hinter uns. Da, sogar die Wegweiser sind kleine Bildhauereien! Mit Herrn G. stapfe ich durchs Nachtigallental, einem kleinen Bachlauf, verspielt gefroren, in die Höhen folgend. Oh, die Romantik! Herr G. zeigt mir eine Attraktion, von der schon unsere Eltern und Großeltern schwärmten: den Drachenfels. Schloß, Ruine, Aussichtsplattform, Zahnradbahn. Es ist eisglatt, der Himmel verhangen, Schloß Drachenburg hat Winterpause, aber trotzdem sind Karawanen von Menschen unterwegs, mit Wanderstöcken, joggend, mit Kindern, mit Reiseführern unterm Arm.

Was wollen die hier alle? — Was wir auch wollen. Erholung. Mal was anderes sehen. Das hier, erklärt Herr G., ist eines der allerersten Naturschutzgebiete; der Verschönerungsverein stammt von 1869. Ohne den hätte der Trachytabbau vielleicht nichts übriggelassen von dieser Landschaft, den sogar winterkahl noch anmutigen Bergelchen. Mit Eseln wurden Touristen hier hochgeschafft, per Bähnchen und natürlich zu Fuß.

Wir folgen den Menschentrauben mit ihren bunten Rucksäcken bis zum Gipfel, wo auch die Zahnradbahn an der Ruine Drachenfels hält. Oben Ruinenmauern, drangebaut ein Hotel aus den 1930ern, und gleich davor ein weiß und schwarzer Kunststein-Glas-Würfel, der die Landschaft spiegelt, effektvoll schlicht. Kaffee für dreifuffzich; wir verzichten.

Dann aber an der Aussichtskante: verhangener Winter. Als hätte jemand mit Rauch in Nebel gemalt, Wolken hinter Bergen hinter Bäumen hinterm Fluß, in der einen Ferne die Schneehöhen der Eifel, in der anderen das Städtekonglomerat um Köln. Und was qualmt da hinten so? Oh, die Braunkohle. Da hinten ist der Tagebau.

Auf dem Rückweg muß dann Kaffee sein. In Königswinter gibt es nicht mehr viel, aber eine Konditorei doch; da sitzen wir noch ein Weilchen und denken über unsere Vorstellungen vom Auenland nach. Wie viele Drachen das vertrüge. Wie viele Esel. Wie viele Touristen. Der Kuchen ist gut, und draußen strömt und strömt der Rhein.

Grau in Grau.
Grau in Grau.

 

Wandertag

Herr G. hat alles vorbereitet: den richtigen Weg ausgesucht für die zugemessene Zeit, Vorräte besorgt und Kartenmaterial, schönstes Wetter – und Herbst natürlich, Herbst in allen Farben. Ich muß nur noch die Schuhe schnüren und mitgehen.

Dem Nebel davon ...
Dem Nebel davon …

Überm Rhein ballt sich Nebel, der halbe Himmel ist grau. Herr G. guckt besorgt, wir gehen einen Schritt schneller, und dann haben wir die Hochebene erreicht: der Nebel füllt das Flußtal, und wir sehen die Hügel der anderen Seite darauf schwimmen wie Boote auf hoher See. Für uns geht es hinein in den goldenen Oktober. Der Wald hat noch Laub, aber das Licht ist wie im Traum: von unten scheinen hell die gelben Blätter, von oben blitzt es blau, und die Buchenstämme schweben dazwischen wie Silberflammen. Ich muß immer wieder nachschauen, ob ich noch auf dem Boden stehe.

Die Dörfer sind verschlafen, oft können wir mitten auf der Hauptstraße gehen. Einmal kommt uns ein Auto entgegen, dicht gefolgt von einem wütend bellenden gelben Blitz; mit einem Fahrzeug in die Gegenrichtung rennt auch der magere Hund zurück und kläfft uns an, als Beifang sozusagen, bis von einem Hof die Besitzerin kommt und ihn energisch zurückpfeift. Zwei Monate habe sie ihn nun, erklärt sie, aber das Autojagen sei ihm nicht abzugewöhnen. Ein Straßenhund, mit ungewisser Vergangenheit. Traut keinem, spielt sich immerzu auf. Der Hund sitzt dabei und schaut zur Hälfte schuldbewußt. Als wir gehen, schnappt er knapp an Herrn G.s Kniekehle vorbei. Der wird garantiert überfahren irgendwann, sage ich. Oh, einen Tag an der Leine mit zum Autorennen, meint Herr G., und die Sache ist erledigt.

In den Feldern reiht sich Hangar an Hangar: Folientunnel über Erdbeeren, darin Stimmengewirr. Vielleicht ein Dutzend Frauen pflückt und redet auf Polnisch durcheinander; wir grüßen uns freundlich. Zum nächsten Ort hin überholen wir eine alte Dame mit Rollator, die laut mit ihrem Hund zu reden scheint: Nun komm schon, trau dich … Die Hündin folgt ihr brav und gar nicht schüchtern; da erst sehen wir den Schatten jenseits des Weggrabens, eine Katze mit buschigem Fell, die sich ins hohe Gras duckt. Nur einmal, als eine Krähe auf dem Weg landet, löst sie kurz den grünen Blick von Frau und Hund. Langsam, langsam geht die Frau voran, die Hündin bleibt ganz in ihrer Nähe, und die Katze beschleicht das Paar im Abstand. So machen sie das immer, erzählt uns die Frau.

(Kurz vor dem Ort lassen Herr G. und ich einen Linienbus vorbei, viel zu groß für die Feldwege hier, Verkehrsbetriebe Plön steht dran; der fährt in Richtung Erdbeerfeld.)

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Zwei klitzekleine Hunde treffen wir auf dem Anstieg zum Burgberg. Einer trägt uns einen Stock hinterher, aber den sollen wir nicht werfen, sagt die Besitzerin: zu stockfixiert sei das Tier, das solle jetzt soziale Interaktion üben mit seinem Freund. Herr G. und ich grinsen uns an und machen uns auf den Weg zum Gipfel.

Oben ist es sonnig, wir finden eine Burgruine, Aussicht übers Ahrtal, einen Weg, der mit „Rückweg“ ausgeschildert ist, und schließlich den Bahnhof und einen Kaffee in der nächsten Stadt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Wandertag; aber, meint Herr G., es gibt schon ganz schön schräge Hunde auf der Welt.

Die Zielgerade im schönsten Sonnenschein.
Die Zielgerade im schönsten Sonnenschein.

Kurzstrecke

Es ist keine gewöhnliche Wanderung mit Herrn G.: nur wenige Kilometer, immer in der Stadt, und außerdem gehen ein paar tausend andere Leute mit (wie viele, darüber wird später die Polizei schwankende Auskünfte geben). Aber was soll man machen, meint Herr G.; was muß, das muß. Dafür haben wir leichtes Gepäck und kaum Proviant dabei und, darauf legt Herr G. wert, kein Transparent, keine Fahnen. Wir sind Masse, aber wir tragen unsere eigenen Farben.

Je näher wir dem Sammelpunkt kommen, desto mehr Menschen strömen uns entgegen: Die sind schon losgegangen, schließen wir uns an! Herr G. beißt die Zähne zusammen. In Nullkommanichts sind wir ausgebremst, verlangsamen unser Schritt- zu Schneckentempo, bewegen uns in eine Richtung mit vielen, sehr vielen anderen. Nicht im Gleichschritt, das ist wichtig.

Parteien, Organisationen, Bündnisse in Rot, Grün, Schwarz, Orange und Pink schieben sich über die mehrspurige Straße; junge Leute, sogar Kinder tragen selbstgebastelte Plakate vor sich her: Kein TTIP! Kein CETA! Kein TISA! Oder auch: Freihandel ja, Knebelverträge nein!, oder: Wo bleibt das Grundgesetz?

Grau- und Weißköpfe mischen sich mit allen anderen Haarfarben, wir sehen Rentner in Beige, Pfadfinder mit Halstuch, Studenten mit Ordnern unterm Arm, geübte Alt-Demonstranten mit Megaphon. (Bei der Gelegenheit entdecken Herr G. und ich, daß unsere Mitbrüllschwelle etwa gleich hoch ist, nämlich so gut wie unüberwindlich.) Wie Stielaugen: Kameras und Telefone, hoch über die Köpfe gehoben.

Wir bewegen uns am Rand des Zuges, abseits vom größten Lärm. Ein Mann mit einer rosa Penis-Trillerpfeife pfeift, aber es will nicht recht trillern. Andere skandieren Reime auf: Hopp-hopp-hopp …, ganz schön schlicht, aber vernehmlich. Eine Frau in bunten Kleidern hüpft und kreischt Unverständliches; sie bekommt besänftigenden Applaus. Von den Reden über Lautsprecher dringt zu mir nur Tonfall: Anklage, Forderung; ich vermute allerdings sowieso, daß ich von zehn Befragten zwölf Antworten bekäme, wieso genau sie hier sind. Ist jetzt auch erst mal egal – es geht ums Sichtbarsein. Auf die Straße gehen, um zu sagen: Nein. Nicht so. Das haben wir nicht gewählt.

Das langsame Tempo auf Asphalt, der Lärm, die Menge Mensch, das alles ist anstrengender als viele Kilometer Wald und Feld. Nach wenigen Stunden sind wir erledigt. Herr G. und ich verschwinden in einer Seitenstraße Richtung Bahnhof. Sie werden uns wohl mitgezählt haben, sagt er. Ob das was bringt?, frage ich mich und ihn. Man kann’s nur hoffen.

Ein paar Tage später schweigen wir am Telefon; was soll man auch dazu sagen. Herr G. sagt dann doch etwas, nämlich: wie so eine weitreichende Entscheidung mißbraucht wird, um parteiinterne Macht zu zementieren. Ob er die Strapaze bedauert? Nein, natürlich nicht. Einfach so hinnehmen, wie hätte sich das denn angefühlt?

 

Wo das Mineralwasser wohnt

Es ist August und damit hoher Sommer; die Zeit, in der sich Einheimische in den Dorfkneipen Geschichten von umkippenden Wanderern erzählen (und wie der Rettungshubschrauber kam, da wars schon zu spät). Nun, dieser August zeigt da wenig Ehrgeiz, deshalb wagen Herr G. und ich uns bedenkenlos in die Eifel.

Frühtau noch zu Mittag - weit kann's mit dem Sommer nicht her sein.
Frühtau noch zu Mittag – so weit kann’s mit dem Sommer nicht her sein.

Von der Ahr steigen wir hügelan. Den Weg kennen wir beide und, wie sich herausstellt, auch unsere Wanderkarte nicht. Das heißt: wir gehen frei Schnauze. Wir orientieren uns an Himmelsrichtungen, Bachläufen, dem Wechsel von Wald und Feldern, an Landstraßenlärm; immer wieder stehen wir an Kreuzungen und suchen sie auf der Karte, oft genug vergeblich. Der Weg ist hüfthoch überwachsen und manchmal kaum zu finden. Wir kommen nur langsam voran.

Der Lohn dafür: Vulkankegel ragen seltsam aus der Hochebene, auf der Mähdrescher Staubsäulen steigen lassen; die Stoppelfelder mit ihren vielen Scheiteln glänzen gegen das schon müde Grün des Waldes. Hügel stehen vor Kulissen von Hügeln, die vor Hügelkulissen stehen und so fort, bis in die diesige Ferne. Bei einem Bach begrüßen uns schöne braune Kühe, aber wir sind wohl nicht die, auf die sie warten; die Herde orgelt uns eine Beschwerde in q-Moll hinterher, die noch lange durchs Tal hallt.

In Niederzissen verschieben wir die letzten zehn Kilometer auf das nächste Mal. Hier gibt es einen Bahnhof, und Herr G. erinnert sich, daß im Sommer das Museumsbähnchen fährt. Mit zwanzig Minuten Verspätung rollt der Zug ein, zwei kleine Dieselloks und ein bunter Verband von Schmalspurwagen; der Schaffner ruft: Pünktlich wie die Bundesbahn!, ehe er uns das Fahrgeld abnimmt. Dann geht es schaukelnd und mit offenen Fenstern das Brohltal hinunter, langsam genug zum Brombeerenpflücken, nur sind die noch nicht reif; an jedem Bahnübergang stehen lächelnde, winkende Menschen. Während Herr G. versucht, einfach Zug zu fahren, habe ich meine helle Freude an den Holzbänken, den Hutablagen, dem Cabriowagen und den wackligen Stegen zwischen den Waggons. In Brohl am Rhein steigen wir aus der Zeitmaschine.

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Zur Webseite der Brohltalbahn.

 

 

180 Grad (gefühlt), Ober- und Unterhitze

Es ist der heißeste Tag des bisherigen Sommers in einer der heißesten Gegenden des Landes, und da stehen wir, Herr G. und ich, in unseren Wanderstiefeln und mit unseren Rucksäcken, und suchen nach dem Weg. Auf die andere Moselseite müssen wir, wo die Sonne schon auf uns wartet.

Der hat man am Steilhang Lustgärten gebaut, wie die Sonne sie eben liebt: sahareske Wüsteneien. Kein Grün, nicht ein Halm, außer den Reben, und die so schlank, daß sie kaum ihre Nachbarn beschatten. Übermannshohe Mauern fangen die Hitze ein, speichern sie und geben sie im Schwalle wieder von sich. Die Luft wabert. Da müssen wir durch, und zwar nach oben.

Schritt für Schritt für Schritt. Es ist wie Treppensteigen ohne Stufen. Und ohne Geländer, natürlich. Die Hitze schubst uns, so zum Spaß: ob wir aus dem Gleichgewicht kommen? Kommen wir nicht. Wir sind ja noch frisch. Ich denke an die Wasserflasche im Rucksack und male mir aus, wie das Wasser sich darin bis zur Untrinkbarkeit erhitzt.

Endlich oben: schmal ist der Schatten, kurz die Rast. Dann geht es weiter, die Hutkrempe gegen die Sonne gestemmt. Rebreihe um Rebreihe um Rebreihe. Man müßte den Schiefer knacken und springen hören wie Grillkohle, wenn der Schweiß zu Boden tropft. Die Aussicht ist gefährlich: die Mosel da unten liegt zur Hälfte im Schatten. Ich erwäge einen Kopfsprung …

Plötzlich fragt Herr G.: Was ist das denn?, und ich will schon rufen, eine Fata Morgana: ein blendendweißer Kubus an der Absturzkante zwischen den Reben. Ein Herd, ein altes Modell mit Backofenfächern und Eisenplatte und Emaildeckel, Röder heißt er. Und er gleißt. Herr G. hebt prüfend den Deckel, doch, alles echt, und sehr heiß. Von der verrosteten Platte flüchtet eine Handvoll Eidechsen, sicher knusprig.

Der Moselsteig, stellen wir fest, vereint Sonne, Stein und Steillagen. Was aber dem Wein behagt, kann dem Wandern abträglich sein. Das nächste Mal sieht uns die Mosel nicht vor dem späten Herbst, vielleicht auch erst im Winter wieder. Und würde jetzt bitte jemand den Deckel vom Herd wieder schließen?

 

Mit einem Gruß an Soso und Irgendlink, die einen südlicheren Flußweg nehmen, mit anderem Wetter vielleicht.

 

In den Schuhen der Großen

Der Sommer ist zur Ruhe gekommen. Als wäre nie etwas anderes gewesen und als wolle es immer so bleiben, liegt die Wärme auf den Feldern, gilbt das Getreide und dörrt das Heu. Aus dem Zugfenster beobachten wir, wie das Land sich hier flach wie ein Tisch dehnt, um sich an den Rändern zu krausen. Hinter den ersten Hügeln steigen wir aus.

Herr G. hat eine Karte, die ist so alt, daß sie fast vom Anschauen zerfällt. Wir stellen fest: Wanderwege gehören nicht zu den Dingen, die bleiben, wie sie sind; unserer ist an vielen Stellen verlegt worden, dafür aber so gut ausgeschildert, daß man ihn auch freihändig findet. Wir gehen die neue und – Freiheit derer, die die Karte haben –, wo es uns gefällt, die alte Strecke.

Herr G. erzählt von Earl Shaffer, der 1948 als erster den Appalachian Trail komplett bewanderte; als er in Georgia von Picknickern gefragt wurde, wo er denn hinwolle, sagte er: Maine. Den Blick der Frager können wir uns nur zu gut vorstellen, den kriegt man ja schon, wenn man als Ziel das nächste Dorf nennt. Überhaupt, Wanderlektüre! Eichendorffs Taugenichts, der mindestens im Herzen, und Johann Gottfried Seume, der auf beiden Füßen ferngewandert ist. Patrick Leigh Fermor (Rotterdam bis Konstantinopel zu Fuß) und Rebecca Solnit mit ihren Essays zum Gehen (liegen auf meinem Stapel); Robert Macfarlanes Alte Wege haben uns beide fasziniert. Und natürlich Wolfgang Büscher! Herr G., der ihn im Interview gehört hat, sagt, daß er eine schöne Stimme habe. Wie auch anders, wenn einer so schreibt. Hartland mochte Herr G. weniger als ich, aber Frühling in Jerusalem, auch wenn es gar nicht ums Gehen geht – eines der schönsten Reisebücher. Oh, und der Fiat, mit dem Nicolas Bouvier und Thierry Vernet 1954 nach Pakistan gelangten: mit arabischen Gedichten beschriftet, um ihn vor Vandalismus zu schützen; eigentlich auch nur erweitertes Schuhwerk …

Ein bißchen verstört uns, daß wir beide ein Buch über das Wandern gelesen haben, ehrenwert in der Absicht, kein Zweifel, das sich mit seinen Fehlinformationen und unfreiwillig komischen Passagen tiefer im Gedächtnis verhakt hat als so manches, von dem man sich’s gewünscht hätte.

Schafe & Schüssel.
Schafe & Schüssel.

Der Weg durchmißt derweil die Eifellandschaft, ohne uns anzustrengen, unter einem Regenschauer durch und mit Fernsicht bis da hin, wo die Erde sich wegkrümmt. Vulkankegel stehen als Wegmarken in den Wäldern, und das alles mischt und überlagert sich mit den Bildern aus Büchern und Erzählungen, daß wir am Ende kaum wissen, in welcher Geschichte wir uns befinden. Das alles läßt sich klären: man muß den Blick nur ganz auf das Innere einer Kaffeetasse konzentrieren und nicht weiter schauen, als der Kuchentellerrand reicht.

 

Fortgeführter Fernwanderbericht: SoSo und Irgendlink wandern Rhein. Ich wünsche gute Wege und Schlafplätze!

Und hier ein Bericht einer älteren Dame auf dem Moselsteig.

Alte Knochen

Bahnhofsromanik
Bahnhofsromanik, schadhaft.

Die Lahn mit Herrn G. wird zur guten Gewohnheit: Von Obernhof mäandern wir flußauf bald durch den Westerwald, bald durch den Taunus; die erste richtige Sommerwanderung des Jahres, auch wenn es in der Nebelsuppe des Morgens noch nicht danach aussieht.

Als wir den ersten Gipfel erreichen, hat auch die Sonne sich durch die Wolken gebrannt. Sattgrün dehnt sich das Hügelland und ist nur, wenn man genau schaut, etwas angefressen: Fasziniert beobachten wir, wie hellgrüne Raupen sich aus dem Laub stürzen, ruckweise fallend, knapp überm Boden hängen bleiben und sich dann in zuckenden Bewegungen am eigenen Faden wieder in die Höhe wickeln. Leicht sammelt man Raupen auf Hut, Schultern, Rucksack.

Quörk, quarr, quörk, quarr: Herrn G.s Schuhe begleiten jeden Schritt mit einem Knarren. Leder auf Leder halt. Später gestehe ich, daß ein gut Teil des Geräuschs nicht seine Schuhe, sondern meine Knie sind. Neue Schuhe und alte Knochen im Duett auf dem Weg, der uns über felsige Rücken zum Wasser führt und wieder in die Höhe. Wenn wir uns laut genug unterhalten, hören wir es kaum.

Weiter …

Zu Fuß flüchten

Herr G. will Lahn. Der Weg ist lange noch nicht ganz gegangen, und letztes Mal war’s Herbst. Also auf nach Bad Ems, und weiter, weiter!

Zum Reinlaufen schön.
Zum Reinlaufen.

Bad Ems muß schön gewesen sein, wurde aber in den fetten Zeiten modernisiert. Aus dem abwaschbaren Bahnhof geht es über die Lahn und weiter zu den romantischen Westerwaldhöhen, die schon Goethe-Freund Lavater beeindruckten. Hinauf werden wir durch ein Parkhaus geschickt. Hätte Lavater dieses Treppenhaus gesehen, er wäre anderswo spazieren gegangen.

Hoch überm Fluß ist es dann …

Röcke machen Schotten

Kleider machen Leute – mit K wie Kilt.
 
Vor Jahren war ich rosenmontags mit Herrn G. in der Eifel wandern; raus, rauf und um alle Karnevalshochburgen einen großen Bogen schlagen. Es war bitterkalt, die Sonne schien, in den höheren Regionen lag Schnee, weit und breit kein Narr zu sehen – wir waren bester Dinge.
Irgendwann fällt jedoch auf jeder Wanderung der Satz, der Wege bisweilen ungeahnte Wendungen nehmen läßt: Och, so’n Kaffee wär doch jetzt schön! Wir bogen also vom Waldweg ab und peilten das nächste Dorf an. Kein Gasthaus, keine Bäckerei – weiter. Der Ort dahinter schien auch nicht vielversprechend, aber vom Feld aus sahen wir am Ortsrand ein Gaststättenschild.
Versuchen kann man’s ja. Also polterten wir, die Schuhe voller Schnee, die vereiste Treppe hinauf – tatsächlich, die schwere Tür ging auf. Drinnen war es laut, heiß und feucht, Folk-Musik lief; durch die beschlagene Brille nahm ich schemenhaft bullige Gestalten wahr, die Pelze und Röcke, nein: Kilts trugen; dazu fremdartige Laute – Englisch war das nicht, dann sicher Gälisch? Da steuerte aus dem Gewühl eine weibliche Gestalt auf uns zu: Heute ist geschlossen!
Langsam wurde die Brille wieder klar. Ach, schade, kein Kaffee? Die Wirtin schüttelte den Kopf. Nee, heut is hier zu! Heute täten sich hier bloß die ortsansässigen „Highlander“ für den Karnevalsumzug im Nachbarort vorbereiten, in einer Stunde gehe es los, der Trecker parke schon am Straßenrand …
Wir verließen die Gaststätte heiter. Draußen stand tatsächlich der dekorierte Traktor der „Highlander“. Der Wintertag gleißte, und es wurde auch ohne Kaffee noch eine erfreuliche Wanderung. Aber der Dialekt hier, meinte Herr G., der ist schon abgefahren.