Wo das Mineralwasser wohnt

Es ist August und damit hoher Sommer; die Zeit, in der sich Einheimische in den Dorfkneipen Geschichten von umkippenden Wanderern erzählen (und wie der Rettungshubschrauber kam, da wars schon zu spät). Nun, dieser August zeigt da wenig Ehrgeiz, deshalb wagen Herr G. und ich uns bedenkenlos in die Eifel.

Frühtau noch zu Mittag - weit kann's mit dem Sommer nicht her sein.
Frühtau noch zu Mittag – so weit kann’s mit dem Sommer nicht her sein.

Von der Ahr steigen wir hügelan. Den Weg kennen wir beide und, wie sich herausstellt, auch unsere Wanderkarte nicht. Das heißt: wir gehen frei Schnauze. Wir orientieren uns an Himmelsrichtungen, Bachläufen, dem Wechsel von Wald und Feldern, an Landstraßenlärm; immer wieder stehen wir an Kreuzungen und suchen sie auf der Karte, oft genug vergeblich. Der Weg ist hüfthoch überwachsen und manchmal kaum zu finden. Wir kommen nur langsam voran.

Der Lohn dafür: Vulkankegel ragen seltsam aus der Hochebene, auf der Mähdrescher Staubsäulen steigen lassen; die Stoppelfelder mit ihren vielen Scheiteln glänzen gegen das schon müde Grün des Waldes. Hügel stehen vor Kulissen von Hügeln, die vor Hügelkulissen stehen und so fort, bis in die diesige Ferne. Bei einem Bach begrüßen uns schöne braune Kühe, aber wir sind wohl nicht die, auf die sie warten; die Herde orgelt uns eine Beschwerde in q-Moll hinterher, die noch lange durchs Tal hallt.

In Niederzissen verschieben wir die letzten zehn Kilometer auf das nächste Mal. Hier gibt es einen Bahnhof, und Herr G. erinnert sich, daß im Sommer das Museumsbähnchen fährt. Mit zwanzig Minuten Verspätung rollt der Zug ein, zwei kleine Dieselloks und ein bunter Verband von Schmalspurwagen; der Schaffner ruft: Pünktlich wie die Bundesbahn!, ehe er uns das Fahrgeld abnimmt. Dann geht es schaukelnd und mit offenen Fenstern das Brohltal hinunter, langsam genug zum Brombeerenpflücken, nur sind die noch nicht reif; an jedem Bahnübergang stehen lächelnde, winkende Menschen. Während Herr G. versucht, einfach Zug zu fahren, habe ich meine helle Freude an den Holzbänken, den Hutablagen, dem Cabriowagen und den wackligen Stegen zwischen den Waggons. In Brohl am Rhein steigen wir aus der Zeitmaschine.

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