Wir gehen zu zweit – die Mitwanderin hat Schlimmeres zu tun – durch eine winterkahle Eifel ohne Schneedecke; im warmen Licht liegt das Land seltsam nackt. Selbst die Vögel singen verhalten, als trauten sie dem Braten nicht. Es fehlt, denke ich, an Verheißung. Kein Wunsch und kein Warten. Ohne Winter ist der Frühling nur die halbe Freude.
Später hinterlassen Herr G. und ich, wo wir gehen, Spuren. Der Weg hat sich als Schlamm in die Schuhe getreten; nun tragen wir ihn, Erdbrösel für Erdbrösel, in andere Gegenden und andere Zusammenhänge.
Das Jahr ist noch ganz jung, aber springt schon wie ein Hase auf der Flucht und schmeißt mit Terminen um sich. Herr G. hat den einzig vernünftigen Vorschlag: Rausgehen. Bißchen frieren, bißchen in die Ferne gucken; 27 Kilometer, da weiß man abends, was man geschafft hat, und kann nachts gut schlafen.
Mit zusammengekniffenen Augen die Ferne sehen.
Einmal Eifel wird es. Da gibt es ein Kreuzberg mit (immerhin) einem Bahnhof; das wollen wir vom Rhein aus erreichen. Die Strecke kenne ich schon, aber nicht so gut wie Herr G., der den Weg ohne Karte findet. Kaffee wird es keinen geben, das wissen wir bereits; Schnee schon gar nicht. Dafür haben wir Reif in den Morgenstunden, später Schlamm – und eine ziemlich veränderte Landschaft. Ganze Waldstücke sind nur noch Stümpfe, geschlagene Fichten säumen hoch getürmt die Wegränder. Ich erinnere mich an den Mann mit dem Eimer Markierungsfarbe, der uns Ende des vergangenen Sommers aus einem Waldstück anderswo entgegenkam; er schaute drein, als hätte er ein Gespenst gesehen.
Das hier, sagt Herr G., sieht jetzt schlimm aus. Wenn man es so ließe, würden nächstes Jahr die Birken schießen; dann kämen überdauernde Laubbäume, und in fünf Jahren wäre alles zugewachsen. Das wird wohl nicht passieren; schließlich will man den Wald wirtschaftlich nutzen. Douglasien, schätzt Herr G., mit Glück nicht in Monokultur.
Man müßte, denke ich, viel mehr Bäume pflanzen. Etwas wirklich Nützliches; wie ein Eichhörnchen – Nüsse verstecken und vergessen käme mir entgegen. Man müßte mehr zu Fuß gehen. Man müßte mehr schauen. Man müßte mehr bleiben lassen. Weniger ist alles, was wir brauchen, habe ich gelesen (als Werbeslogan, um mehr zu verkaufen).
Es wird früh dunkel. Wir kommen ans Ziel mit dem letzten Licht.
Daß es ausgerechnet der heißeste Tag des bisherigen Sommers werden würde, konnten wir nicht ahnen, als wir uns verabredeten. Und nun? Versprochen ist versprochen, sagt Herr G. Gehen wir halt ein Stündchen früher. Im Schatten, durch Bachtäler.
Der Bahnhof heißt Blankenheim Wald, das klingt gut, aber um halb acht steht die Hitze bereits auf den Bahnsteigen. Empfangskomitee. Schweißgebadet schauen uns ein paar Arbeiter aus ihrer Baugrube nach, als wir Richtung Wanderweg stiefeln. Jadoch, wir sind freiwillig draußen.
Rastplatz am Bach. Überraschenderweise nicht kühl.
Raus aus dem Ort wirkt es still und seltsam unbelebt. Die Wegränder blühen, aber in den weißen Dolden zeigt sich kaum ein Insekt. Eine riesige smaragdfarbene Heuschrecke läuft einen Fichtenstamm hoch, ich höre ihre Widerhakenfüße in der Rinde. Der Wald, Überraschung, spendet keine Kühle, nichts. Trocken wie Zunder, sagt Herr G.
Inzwischen ist es zehn und ernstlich heiß. Bei einer Schutzhütte schauen wir in den „Erdkühlschrank“, Getränkeflaschen in einem Loch im Boden (mit Vertrauenskasse), aber auch die stehen nicht mehr feucht. Alle Schnecken, die wir auf dem Weg sehen, sind zu Fragezeichen zusammengeschmurgelt.
Es geht sich anders. Das Spiel von Hitze auf den Feldern und Kühle im Wald, vertraut wie Licht und Schatten, funktioniert nicht. Was im Unterholz grünt, läßt die Blätter hängen; ein runder Teich im Wald, nach Schild: ein Bombentrichter, ist fast trockengefallen. Vom Morast am Grund nippen Singvögel. Auch wir nehmen alle paar Kilometer die Trinkflaschen heraus; so viel habe ich noch nie getrunken auf einer Wanderung. Noch ein paar wenige solcher Sommer, sagt Herr G., und die Rotbuchenwälder sind hin. Die brauchen eine Mindestregenmenge. Um die Fichten ist es nicht schade; nur: mit was wird da wohl aufgeforstet werden?
Einmal höre ich ein Summen, fast wie entfernte Bienen. Ich zupfe Herrn G. am Ärmel. Als wir stehenbleiben, hört das Summen schlagartig auf. Wir gehen weiter, es summt wieder: Tausende, Abertausende winziger brauner Fliegen steigen von der Waldwegböschung auf und schwirren ein paar Millimeter über dem dürren Moos. Sobald wir uns nicht mehr bewegen, fallen sie ins Gestrüpp zurück. Das kennen wir beide nicht; der Ton begleitet uns einige Kilometer.
Wir kehren bei der erst-, der zweit- und auch bei der drittbesten Gelegenheit ein. Eine davon ist die einstige Prämonstratenserabtei Steinfeld, wo die geschäftstüchtigen Katholiken einen Handel mit Kaffee, Kuchen und Ratgeberliteratur jeglicher Couleur betreiben. Besinnlichkeitskommerz, knurrt Herr G. mit Blick auf Kunstharzengel und Kerzenständer, während wir ein belegtes Brot essen.
Später in der Kirche bin ich mit allem versöhnt, beinahe sogar mit dem Klostergarten, der komplett als Parkplatz gepflastert wurde. Die Potentinus-Kirche ist ein wunderschöner, freundlicher Raum, und dazu noch kühl.
Der Heilige Hermann Joseph.
Noch später, da haben wir Kirche und Kloster längst hinter uns, zieht sich’s zu. Von Westen sind Gewitter angesagt, und ehe wir Kall erreichen, hören wir es grummeln. Mit dem Zug fahren wir dem Regen davon.
Der schönste Blick der ganzen Wanderung.
Es waren, lesen wir später, über vierzig Grad nicht allzu weit von unserer Wanderstrecke.
Unter blauem Himmel ist der Weg aus dem Tal nur halb so steil, der Wind nur halb so scharf, wenn er Sonnenlicht vor sich herbläst. Wie schön: aus dem kahlen Wald treten, und die Landschaft fächert sich in die Ferne, golden und grün. Die Wolken liefern sich Freundschaftsrennen und tuschen dabei eilige Flecken auf die Hügel; Hasel und Weiden blühen, staubgelbe Abzeichen an den schwarzen Waldsäumen; Meisenrufe schlagen zehn Grad drauf auf die gefühlte Temperatur. Hier aber und da, in Feldgräben, hinter schrägen Schollen und Grasbüscheln aus dem letzten Jahr, hat sich der Schnee verschanzt.
Winter’s bones, weiß Frau Amsel ein Wort dafür: was übrig bleibt, wenn dem Winter der Atem ausgeht und das Fleisch wegschmilzt; was noch lange liegt, wenn die Schlacht längst geschlagen ist und langsam Gras über die Sache wächst. Knochen aus Schnee, snow-bones, schmutzigweiß und irgendwann nicht mehr zu sehen, aber nie, argwöhnt man, ganz und gar vergangen unterm Grün.
Herr G. flucht. Nichts, gar nichts stimmt da! — Auf der Karte führt ein Weg aus dem Ort heraus, direkt am Schloß den Berg hoch; aber nun stehen wir am Schloß, und nix ist. Wir irren zwischen Häuserzeilen am Hang herum, stiefeln mehr als einmal über Privatgrund, und irgendwann finden wir ihn hinter einem geparkten Kleinwagen, den Weg; eine steile, brombeerverrankte Angelegenheit, der Schlamm knöcheltief. Zwischen zwei Schnaufern gebe ich zu bedenken, daß die Karte zwanzig Jahre alt ist. Aber es sind Wege!, schimpft Herr G., sowas gehört gepflegt!
Wenigstens mit dem Wetter haben wir Glück; die Wolken schleppen sich über die Hügel und regnen anderswo. Immer wieder bleibe ich stehen: Ooooh! Das wäre ein Foto; aber ich bin ja kameralos. Tja, sagt Herr G. im Weitergehen, und recht hat er. Die nicht gemachten Bilder vergesse ich viel zu schnell wieder, doch ein diffuses Bedauern bleibt. Zeit für einen Kamerakauf, beschließe ich.
Die Karte ist eigentlich sehr genau. Ein paarmal sehen wir an Kurven und Winkeln exakt, wo wir stehen, aber die Wege wurden verlegt. Herr G. ist erzürnt. Ein ganzes Stück gibt es schlicht nicht mehr, endet in einem Gebüsch, und wir müssen einen gewaltigen Umweg machen. (Später zeigt er mir auf den Satellitenkarten im Netz: sogar da ist es noch eingezeichnet!) Wald wurde gerodet, Felder eingezäunt, Siedlungen sind gewachsen. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit.
Wie kamen wir eigentlich darauf, frage ich Herrn G. mitten im Gespräch, ich weiß noch, du hast was gesagt, das hat mich an das erinnert, was ich dir gerade erzählt habe, aber was war es? Fünf Minuten her, und schon verflogen! Eine Karte fürs Gespräch, das wäre was. Oder eben Bilder: die hübsche Geschichte über seinen Namen, die Herr G. mir erzählt hat, weiß ich noch, weil gleich daneben ein Schloß stand, mitten in den Feldern, eine tausend Jahre alte Wasserburg. (Kein Foto.)
Am Ende verlaufen wir uns noch mal, aber da ist es erstens schon egal, und zweitens erwischen wir aus Versehen einen Weg schnurstracks aus den Hügeln in die Ebene des Rheins. Gerade als wir den Wald verlassen, bricht die Sonne durch und bestrahlt die grünen Felder, Andernach im Tal und die Hügel dahinter, zum Greifen nah. Bezaubert erreichen wir den Ortsrand.
Unten ist die Rheinpromenade gesperrt; Hochwasser. Wir finden das häßlichste Café mit dem besten Kuchen seit langem, und ich, glücklich mit meinem Milchkaffee, bin mit allem versöhnt. Herr G. sagt nicht, daß ich leicht zu amüsieren sei; aber recht hätte er. Manchmal ist ein kurzes Gedächtnis nicht das Schlechteste.
Es ist August und damit hoher Sommer; die Zeit, in der sich Einheimische in den Dorfkneipen Geschichten von umkippenden Wanderern erzählen (und wie der Rettungshubschrauber kam, da wars schon zu spät). Nun, dieser August zeigt da wenig Ehrgeiz, deshalb wagen Herr G. und ich uns bedenkenlos in die Eifel.
Frühtau noch zu Mittag – so weit kann’s mit dem Sommer nicht her sein.
Von der Ahr steigen wir hügelan. Den Weg kennen wir beide und, wie sich herausstellt, auch unsere Wanderkarte nicht. Das heißt: wir gehen frei Schnauze. Wir orientieren uns an Himmelsrichtungen, Bachläufen, dem Wechsel von Wald und Feldern, an Landstraßenlärm; immer wieder stehen wir an Kreuzungen und suchen sie auf der Karte, oft genug vergeblich. Der Weg ist hüfthoch überwachsen und manchmal kaum zu finden. Wir kommen nur langsam voran.
Der Lohn dafür: Vulkankegel ragen seltsam aus der Hochebene, auf der Mähdrescher Staubsäulen steigen lassen; die Stoppelfelder mit ihren vielen Scheiteln glänzen gegen das schon müde Grün des Waldes. Hügel stehen vor Kulissen von Hügeln, die vor Hügelkulissen stehen und so fort, bis in die diesige Ferne. Bei einem Bach begrüßen uns schöne braune Kühe, aber wir sind wohl nicht die, auf die sie warten; die Herde orgelt uns eine Beschwerde in q-Moll hinterher, die noch lange durchs Tal hallt.
In Niederzissen verschieben wir die letzten zehn Kilometer auf das nächste Mal. Hier gibt es einen Bahnhof, und Herr G. erinnert sich, daß im Sommer das Museumsbähnchen fährt. Mit zwanzig Minuten Verspätung rollt der Zug ein, zwei kleine Dieselloks und ein bunter Verband von Schmalspurwagen; der Schaffner ruft: Pünktlich wie die Bundesbahn!, ehe er uns das Fahrgeld abnimmt. Dann geht es schaukelnd und mit offenen Fenstern das Brohltal hinunter, langsam genug zum Brombeerenpflücken, nur sind die noch nicht reif; an jedem Bahnübergang stehen lächelnde, winkende Menschen. Während Herr G. versucht, einfach Zug zu fahren, habe ich meine helle Freude an den Holzbänken, den Hutablagen, dem Cabriowagen und den wackligen Stegen zwischen den Waggons. In Brohl am Rhein steigen wir aus der Zeitmaschine.
Der Sommer ist zur Ruhe gekommen. Als wäre nie etwas anderes gewesen und als wolle es immer so bleiben, liegt die Wärme auf den Feldern, gilbt das Getreide und dörrt das Heu. Aus dem Zugfenster beobachten wir, wie das Land sich hier flach wie ein Tisch dehnt, um sich an den Rändern zu krausen. Hinter den ersten Hügeln steigen wir aus.
Herr G. hat eine Karte, die ist so alt, daß sie fast vom Anschauen zerfällt. Wir stellen fest: Wanderwege gehören nicht zu den Dingen, die bleiben, wie sie sind; unserer ist an vielen Stellen verlegt worden, dafür aber so gut ausgeschildert, daß man ihn auch freihändig findet. Wir gehen die neue und – Freiheit derer, die die Karte haben –, wo es uns gefällt, die alte Strecke.
Herr G. erzählt von Earl Shaffer, der 1948 als erster den Appalachian Trail komplett bewanderte; als er in Georgia von Picknickern gefragt wurde, wo er denn hinwolle, sagte er: Maine. Den Blick der Frager können wir uns nur zu gut vorstellen, den kriegt man ja schon, wenn man als Ziel das nächste Dorf nennt. Überhaupt, Wanderlektüre! Eichendorffs Taugenichts, der mindestens im Herzen, und Johann Gottfried Seume, der auf beiden Füßen ferngewandert ist. Patrick Leigh Fermor (Rotterdam bis Konstantinopel zu Fuß) und Rebecca Solnit mit ihren Essays zum Gehen (liegen auf meinem Stapel); Robert Macfarlanes Alte Wege haben uns beide fasziniert. Und natürlich Wolfgang Büscher! Herr G., der ihn im Interview gehört hat, sagt, daß er eine schöne Stimme habe. Wie auch anders, wenn einer so schreibt. Hartland mochte Herr G. weniger als ich, aber Frühling in Jerusalem, auch wenn es gar nicht ums Gehen geht – eines der schönsten Reisebücher. Oh, und der Fiat, mit dem Nicolas Bouvier und Thierry Vernet 1954 nach Pakistan gelangten: mit arabischen Gedichten beschriftet, um ihn vor Vandalismus zu schützen; eigentlich auch nur erweitertes Schuhwerk …
Ein bißchen verstört uns, daß wir beide ein Buch über das Wandern gelesen haben, ehrenwert in der Absicht, kein Zweifel, das sich mit seinen Fehlinformationen und unfreiwillig komischen Passagen tiefer im Gedächtnis verhakt hat als so manches, von dem man sich’s gewünscht hätte.
Schafe & Schüssel.
Der Weg durchmißt derweil die Eifellandschaft, ohne uns anzustrengen, unter einem Regenschauer durch und mit Fernsicht bis da hin, wo die Erde sich wegkrümmt. Vulkankegel stehen als Wegmarken in den Wäldern, und das alles mischt und überlagert sich mit den Bildern aus Büchern und Erzählungen, daß wir am Ende kaum wissen, in welcher Geschichte wir uns befinden. Das alles läßt sich klären: man muß den Blick nur ganz auf das Innere einer Kaffeetasse konzentrieren und nicht weiter schauen, als der Kuchentellerrand reicht.
Fortgeführter Fernwanderbericht: SoSo und Irgendlink wandern Rhein. Ich wünsche gute Wege und Schlafplätze!
Und hier ein Bericht einer älteren Dame auf dem Moselsteig.
Nicht so weit, meint Herr G. und hat seine Gründe dafür, und er weiß ein handliches, hübsches Ziel: die Feldkapelle bei Wachendorf. Landmarke in der Eifel: die Bruder-Klaus-Kapelle.
Ordentlich Zug muß man fahren, tief in die Eifel hinein, und da ist sie schon, die Natur samt ihrer Grausamkeit: Auf dem Bahnsteig plustert sich ein Mönchsgrasmückenbub gegen all die Schuhe. Fliegen kann er noch nicht. Ein Reisender setzt den Jungvogel etwas beiseite, doch schon kommt ein Rollkoffer, haarscharf das Ganze, nicht anzusehen — und so nimmt Herr G. den Kleinen an sich und trägt ihn behutsam aus dem Schußfeld, unter dem Gezeter der Altvögel. Passieren ja schlimme Dinge, wie man liest.
Die Eifel dann: eine Augenweide …
Wenn das Meer fern ist, muß eben ein See-Gang genügen. Einen See weiß Herr G. Und am Wandertag herrscht eine steife Brise, daß der Wald brandet; man sollte die Mütze tief ins Gesicht ziehen, sonst lernt sie fliegen. Zwischen Wellenbergen: am Maar.
Wir nehmen ein Flüßchen als Begleiter hoch in die Eifel, Richtung Bims und Basalt. Hier entspringt Mineralwasser, und um den Brunnen herum gedeiht Industrie. Die Quellnymphen …
Die Wege rufen!
Wenn sich die Landschaft in die Kurven legt und eine Richtung schöner ist als die andere, dann stelle man sich in die Mitte einer Kreuzung und drehe sich mit geschlossenen Augen. Stehenbleiben, Augen öffnen, warten, bis die Welt wieder still ist – und los!
Hier ist die Eifel …