180 Grad (gefühlt), Ober- und Unterhitze

Es ist der heißeste Tag des bisherigen Sommers in einer der heißesten Gegenden des Landes, und da stehen wir, Herr G. und ich, in unseren Wanderstiefeln und mit unseren Rucksäcken, und suchen nach dem Weg. Auf die andere Moselseite müssen wir, wo die Sonne schon auf uns wartet.

Der hat man am Steilhang Lustgärten gebaut, wie die Sonne sie eben liebt: sahareske Wüsteneien. Kein Grün, nicht ein Halm, außer den Reben, und die so schlank, daß sie kaum ihre Nachbarn beschatten. Übermannshohe Mauern fangen die Hitze ein, speichern sie und geben sie im Schwalle wieder von sich. Die Luft wabert. Da müssen wir durch, und zwar nach oben.

Schritt für Schritt für Schritt. Es ist wie Treppensteigen ohne Stufen. Und ohne Geländer, natürlich. Die Hitze schubst uns, so zum Spaß: ob wir aus dem Gleichgewicht kommen? Kommen wir nicht. Wir sind ja noch frisch. Ich denke an die Wasserflasche im Rucksack und male mir aus, wie das Wasser sich darin bis zur Untrinkbarkeit erhitzt.

Endlich oben: schmal ist der Schatten, kurz die Rast. Dann geht es weiter, die Hutkrempe gegen die Sonne gestemmt. Rebreihe um Rebreihe um Rebreihe. Man müßte den Schiefer knacken und springen hören wie Grillkohle, wenn der Schweiß zu Boden tropft. Die Aussicht ist gefährlich: die Mosel da unten liegt zur Hälfte im Schatten. Ich erwäge einen Kopfsprung …

Plötzlich fragt Herr G.: Was ist das denn?, und ich will schon rufen, eine Fata Morgana: ein blendendweißer Kubus an der Absturzkante zwischen den Reben. Ein Herd, ein altes Modell mit Backofenfächern und Eisenplatte und Emaildeckel, Röder heißt er. Und er gleißt. Herr G. hebt prüfend den Deckel, doch, alles echt, und sehr heiß. Von der verrosteten Platte flüchtet eine Handvoll Eidechsen, sicher knusprig.

Der Moselsteig, stellen wir fest, vereint Sonne, Stein und Steillagen. Was aber dem Wein behagt, kann dem Wandern abträglich sein. Das nächste Mal sieht uns die Mosel nicht vor dem späten Herbst, vielleicht auch erst im Winter wieder. Und würde jetzt bitte jemand den Deckel vom Herd wieder schließen?

 

Mit einem Gruß an Soso und Irgendlink, die einen südlicheren Flußweg nehmen, mit anderem Wetter vielleicht.

 

 

 

 

0 Gedanken zu „180 Grad (gefühlt), Ober- und Unterhitze

    1. Im Kalten wandere ich gern. Da ist alles knackend frisch, man hat Aussicht (kein Laub im Blickfeld), und in der Sonne sitzen wird ein ganz eigenes Vergnügen. In der Hitze ist es anders schön, aber die ganz anstrengenden Touren mag ich da nicht machen.

      1. Verstehe ich sofort. Ich kann es gar nicht mehr, mein Kreislauf macht dann schlapp. Ich war 20 Jahre lang jeden Sommer für 2 – 3 Wochen in Trier. Ich dachte, es liegt im Süden. Bei gutem Sommerwetter kann es südlicher gar nicht sein. Ich war mal im Winter eingeladen und bin hier ohne Mantel losgefahren. Seitdem weiß ich, wie kalt es auch sein kann.

    1. Ja, weite Strecken lieber bei niedrigen Temperaturen. Ich glaube, im Sommerurlaub würde ich auch eher nach Norden reisen. Bei Hitze werde ich träge und schlafe nachts schlecht.

    1. Oh! Mosel? Welchen Abschnitt? Schöner geht es ja eigentlich kaum; die Gegend ist erstaunlich. Ich wünsche Abkühlung zur rechten Zeit!
      (Und falls Du den Herd im Weinberg noch findest, machst Du ein Bild? Meins ist nichts geworden.)

  1. Hach, wie gerne ich das mit solidarischen Gefühlen gelesen habe!
    Danke fürs Bewidmetwerden.

    (Hier backen wir gerade in der für eine Nacht gemieteten Ferienwohnung die noch feuchten Kleider trocken. Bin somit sehr froh um den Backofen!)

  2. Wir sind letzten Sonntag den „Brunnenpfad“ im Ensheimer Gelösch bei Saarbrücken gewandert, eingedenk der Hitze schlappe zehn Kilometer und immer unter Wipfeln und an zehn kühlenden Brunnen vorbei. Aber: keine Rose ohne Dornen: aus dem feuchten Unterholz schwirrten Scharen von Kuhbremsen und jubelten über frischen Blutnachschub…Wie man’s macht…

      1. Gestern, ja gestern war ein Tag voller Sonne, wie ich ihn mir nicht hätte anders wünschen können. Ich habe nachts nachgeglüht von dem Licht. – Heute Gewitter dort auf den Bergen, wo ich einen nicht so sehr oft gesehenen Freund treffen wollte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert