Nicht gekleckert

Mosel muß, sage ich, und Herr G. stimmt zu. Aber vor der großen Hitze, wenn’s geht. Man ist ja keine Eidechse.

Als wir losziehen, ist Regen angesagt. Wir haben Schirme mit. Durch Trier brauchen wir eine Stunde, teils aus Schusseligkeit, teils, weil wir noch die Porta Nigra angucken. Daß Napoleon die nicht abgerissen hat, wundere ich mich. In die Basilika, sagt Herr G., hat er Pferde gestellt. Und Zwischenböden eingezogen, damit mehr hineinpassen. Naja, ist ja alles noch mal gutgegangen. Wir betrachten die barocken Schnörkel, mit denen das alte Tor mal zu einer Kirche zurechtgefräst worden war; die haben auch nicht geschadet.

Aus Trier raus ist es ungemütlich. Wir gehen bergauf an einer dicht befahrenen Straße entlang; das schlägt direkt auf die Laune, und wir sind froh, als wir endlich in die waldigen Hügel finden. Die Anspannung des Fußgängers in einer Autowelt bemerken wir erst so richtig, als sie abfällt.

Mosel, Saar, Sauer.

Dann ist der Weg Weg. Einfach Schritt auf Schritt; mal steigend, mal bergab, immer wieder mit schönen Sachen zu sehen. Die Erinnerung löst sich von den Straßen und gefährlichen Querungen und knüpft sich an Aussichten, die Hummelragwurz am Wiesenhang, eine Spitzmaus im Wegegrün, den Geocache, den wir aus Versehen finden. Wie jedes Mal staunen wir, wie schnell wir raus sind aus dem Täglichen; wie immer sind wir uns einig: das müßte man sich viel, viel öfter gönnen.

Und nun: Konz. Hier mündet die Saar in die Mosel, das Tal ist fruchtbar und freundlich und besiedelt seit der Steinzeit. Kann man verstehen, sagt Herr G. Aber die Straße in den Ort hinein zieht sich; wir folgen langen Unter- und Überführungen, queren Verkehrskreisel und kommen an drei Bahnhöfen vorbei. Eine Orgie von Verkehrswegen. Dazwischen kauern halbe und viertel Häuserzeilen aus verschiedenen Epochen, die man vergessen hat abzureißen. Je weiter wir reinkommen, desto moderner und massiver werden die Wohnblöcke; heutige Insulae, auf Parkplätzen und über Garagen errichtet. In Konz wird geklotzt, nicht gekleckert. Erschöpft wanken wir in ein Café. Dann machen wir uns auf die Suche nach dem Palast des Kaisers Valentinian.

Thermenrest Konz Kirche St. Nikolaus

Fündig werden wir einige Verkehrskreisel später auf einem Friedhof. Da ragt ein Mauerstück der Therme zwischen den Gräbern, ein Zahnstumpf aus Ziegelsteinen. Beim Bau einer Kirche wurden die Reste des Palastes entdeckt und erschlossen. Die Kirche ist ein Betonzelt mit Aussicht; drinnen steht die Orgel wie ein Chor Engel mitten in der Gemeinde.

Draußen aber ist ein Mauerbogen aufgebaut. Hier muß die äußere Palastmauer gestanden haben, und als wir herantreten, sehen wir endlich etwas: die Hügel, die sich um die Flußmündung zum Tal weiten, Siedlungen und Ackerland, hingebreitet wie ein Picknicktuch, Spielzeug für den Kaiser. Es ist schwer, den Blick davon zu wenden. Und das finde ich dann doch bemerkenswert, daß vom ganzen Palast nur die Aussicht erhalten geblieben ist.

Hinter Konz gibt es dann noch ein Stürmchen und Regen, später Pferdesteak und ein Glas Viez im Trockenen.

 

 

 

 

 

Unbebilderte Aussichten mit Herrn G.

Ach, klage ich, nun ist sie kaputt, die Kamera. Nix mehr zu machen. Ein Gutes allerdings hat das – wir werden ein bißchen schneller vorankommen; und das ist auch nötig, denn wir haben uns was vorgenommen, Herr G. und ich. Wir wollen ja den Moselsteig, ganz. Die Landschaft bietet Abwechlung auf engem Raum und immer wieder Überraschungen. Schöner als der Rhein!, urteilt Herr G. Ich finde, es ist anders und habe außerdem ein Herz für den Rhein; daher: unentschieden.

Wir starten mit einer Busreise durch Weinberge und Neubaugebiete. Wer hier kein Auto hat, braucht viel Zeit für solche Sachen. In Leiwen beginnt unser Wanderweg. Das Dorf bereitet sich auf ein Weinfest vor; wir lassen das schnell hinter uns und betrachten von fern den hübschen Ort und die Ferienanlage ein paar hundert Meter daneben, beliebtes Ziel für Junggesellenabschiede, wie man liest.

Der Weg spannt sich wingertsweise zwischen Rebreihen den Berg hinauf. Sauber gekämmte Hänge, rechts grün, links grün; eigentlich sind die Reben das Grünste nach diesem trockenen Sommer. Oben am Waldweg steht ein Ebereschenbaum, überwuchert und dicht behangen mit dunkelblauen Trauben. Bißchen hoch, leider; aber, mutmaßt Herr G., vielleicht haben die Römer das wirklich so gemacht? Ulmen als Stützen für den Wein, wie Ovid schreibt?

Am Steilhang hat ein Gemetzel im Weinberg stattgefunden: da liegt das Grün am Boden, der Winzer hat alle überschüssigen Blätter von den Reben entfernt, händisch, damit nichts die kostbaren Trauben beschatte. Wir sehen ihn, wie er zwischen den Rebstöcken turnt und ein Blatt nach dem anderen abknipst. Wenn man darüber nachdenkt –! Das wird hoffentlich kein Wein für dreifuffzich.

Nach Mehring führt der Weg durch Wald über eine kahle Bergkuppe, von Schafen freigeweidet; der Pfad schnürt durch das bleiche Gras, von der Hitze plattgewalzt, hier und da erhebt sich dunkel gegen den Himmel ein Baum. Der strohige Grund flimmert – keine optische Täuschung: kleine Schwärme von Staren flattern auf, alle wechseln gleichzeitig die Richtung und lassen sich anderswo nieder. Wir schnaufen bergauf; dann liegt das Land vor uns, weit und rund bis an die Ränder des Himmels. Dafür –!, sagt Herr G., und ich nicke.

Da knattert es in unserem Rücken: ein Mofa überholt uns auf dem Fußpfad; den Fahrer finden wir etwas weiter, wie er von seinem Gefährt aus in die Ferne schaut. Den Helm behält er auf. Wenige Minuten später rollt er auf dem Abwärtsweg wieder an uns vorbei, mit Handzeichen grüßend. Sein Abendvergnügen, vermutet Herr G.; und jetzt fährt er wieder heim zu Fernsehen und Feierabendbier.

Abends ist die Pension abscheulich eingerichtet und hat dafür am Morgen selbstgemachte Marmeladen zum Frühstück. Wir sind höchst zufrieden. Der zweite Teil des Weges wird immer länger, je weiter wir kommen; jedes neue Schild hat ein paar hundert Meter mehr, Trier rückt in die Ferne wie eine Fata Morgana. Trotzdem kommen wir an. Die Stadt ist voller chinesischer Reisegruppen und Karl Marx. Eine Konditorei, die Herr G. von früher kennt, ist verschwunden, aber auch andere Cafés haben guten Kuchen.

Das nächste Mal machen wir bald, nehmen wir uns vor; aber es ist gar nicht mehr so viel übrig vom Moselsteig. Vielleicht muß man ihn einfach noch mal gehen? Dann vielleicht doch mit Kamera?

Schnörkel ohne Leine

Die Mosel macht es uns leicht, sie zu mögen. Sie mäandert durch Landschaften von lieblich bis spektakulär, es ist recht einfach, gutes Essen zu finden, und in den kleinen Orten herrscht die Höflichkeit, die ich als Kind eingebimst bekam: man grüßt erst mal jeden. Auf Fragen gibt man Antwort, zur Not halt: tut mir leid, das weiß ich nicht. Wir sind nicht ein Mal unfreundlich behandelt worden, abgerissen, wie wir aussehen. Im Gegenteil. Die meisten fragen nach dem Woher und Wohin, berichten Wetter, und sie freuen sich mit, wie schön es hier ist.

In diesem Abschnitt ist die Landschaft sanft und weit.

Unser Weg führt über die Hügelflanken oberhalb von Piesport, zwischen Rebstöcken in praller Sonne, wahrhaftig kein Sommerweg. Ganz da hinten, wo der Hügel die Mütze aus Wald etwas tiefer gezogen hat, blitzt es: die Fenster einer Gaststätte. Da wollen wir hin. Hoffentlich haben sie nicht gerade Ruhetag, meint Herr G. Andere Leute würden jetzt ihr Smartphone zücken … Als wir sicher sind, daß da oben eine Markise weht, klettern wir zwischen zwei Rebreihen hinauf, poltern auf die Terrasse und lassen uns unter einen Sonnenschirm plumpsen: Kaffee, Kuchen, Eis. Das Leben ist schön.

Später, wieder auf dem Weg, streiten wir darüber, was man sich mehr wünschen könnte als die Fähigkeit, im Stehen zu pinkeln. (Ich finde, nix; da kann Herr G. sagen, was er will.) Das Ganze löst sich auf in Limericks und Wohlgefallen. Derweil ziehen wir sehr gemächlich unsere Bahn oberhalb des Flusses; da hinten kommen wir her, und da unten, da wollen wir hin. Schneller ging’s per Gleitschirm; den Startplatz schauen wir uns von oben an. Ob Fliegen wirklich schöner ist?

Der Nachmittag neigt sich. Die letzten Meter nach Neumagen hinein müssen wir Straße gehen; das sind immer die anstrengendsten Strecken, die man mit Autos teilen muß. Im Städtchen haben wir uns ein warmes Essen redlich verdient, nur: wo? Meine Informationen sind hoffnungslos veraltet. Tripadvisor!, sagt Herr G. und fragt kurzerhand eine Dame, die gerade vor ihrem Haus Geranien gießt. Sie erkundigt sich, was wir uns so vorstellen; dann schickt sie uns in ihr Lieblingsgasthaus. (Volltreffer.)

Da brüten wir dann bei Bratkartoffeln und Rieslinghuhn über der Karte. So ein Weg ist schön; schöner ist es, schon die nächste Etappe zu wissen. Fliegen wäre da nun wirklich keine Lösung; im Stehen pinkeln können hingegen praktisch. Naja.

Gang mit Herrn G. und wiedergefundener Kamera

Ich muß mich wieder an den Riemen auf der Schulter gewöhnen, sage ich zu Herrn G. Der Himmel ist hell und diesig, als hätte wer Zuckerwatte darin zerblasen, der Fluß erstaunlich dunkelblau und grün. Veilchen, Weißdorn, Schlüsselblume, Hyazinthen, Lerchensporn und diese Miniaturblümchen, weiß mit dunkelbraunem Kraut, von denen wir den Namen nicht wissen (Herr G. meint: ein Neophyt), dazu Vogelkonzert. Man kann nicht klagen.

Wenn ein Weg der bestmögliche Kompromiß aus der kürzesten und der bequemsten Verbindung zwischen A und B ist, dann hat der Moselsteig ganz klar das Thema verfehlt. Da wird der Wanderer auf Ziegenpfade geschickt, über Leitern und Fels und Geröll, aus zehn Metern Entferung betrachtet von Sonntagsspaziergängern auf asphaltiertem Weinbergsweg. Markante Punkte sieht man mitunter stundenlang aus verschiedensten Blickwinkeln. Das, sagt Herr G., hätten wir auch kürzer haben können. Aber so hübsch wär es dann nicht gewesen, antworte ich.

Das Bildermachen geht immer leichter. Ich will ja niemanden langweilen, aber Herr G. ist sehr geduldig mit mir und meiner Kamera. Später stellt sich heraus, daß er eine Menge Limericks kann, die meisten auf Englisch, und davon ein erklecklicher Teil unanständig. Wir fallen vor Lachen fast von der Bank; die Vorüberkommenden gucken.

Es wird ja wieder gewandert in der Republik. Den Pfaden folgen ganze Kegelclubs und Familienverbände, rasten an Hütten, genießen auf Bänken die Aussicht. Dochdoch, die dürfen, aber wenn man wandert, wär man gern allein, sagt Herr G., sonst könnte man sich ja auch in der Straßenbahn erholen. Wir bestaunen die menschliche Fähigkeit, sich völlig ungestört zu fühlen, sobald das Telefon an der Backe klebt: “Nein, da müssen Sie am besten gleich selbst hinfahren, um das zu klären, ich bin hier gerade mitten in der Pampa …” Wir können das nicht und wünschen, es wäre Montag. Oder schlechtes Wetter.

An der Straße, da geht es schon hinunter in den Ort, ist es auch nicht besser, da lassen uns Geschwader von Motorrädern spüren, daß wir fehl am Platze sind. Herr G. ruft ihnen nach: Ja, heul doch! Und das tun sie. Man hört sie lange.

Unten in Moselkern gibt es keinen Kaffee. Dafür verliebe ich mich auf die letzten Meter noch rasch in den Bahnhof, ein skurriles Ding in voll erblühtem Jugendstil. Ich habe ja zum Glück meine Kamera wieder.

 

Hochmosel

Sommer ruft: Wandern!

Die Mosel kann beinah ihren Namen schreiben. Das M ist ihre leichteste Übung, und so viele S, die sich fast, aber immer nur fast zum O runden wollen! Kaum weniger artistisch sind die Namen der Ortschaften an ihren Ufern, die jeden Schimpfwortschatz bereichern würden. Kröv! Ürzig! Zeltingen-Rachtig! Zeltingen, sagt Herr G., klingt nach Abenteuer und Rachtig nach Magen-Darm.

Der Moselsteig ist noch gelenkiger als der Fluß. Er windet sich hoch und runter, durch den Hunsrück in die Eifel und wieder zurück, und in den Dörfern reicht er dreißig Jahre zurück in die Zeit. Auch die Freundlichkeit hier ist ein bißchen wie früher; auf der Straße werden wir Fremdlinge gegrüßt, und zum Essen schickt man uns, wo es nicht so teuer ist.

Im Wald bei Ürzig stoßen wir auf ein altes Wegekreuz, Mariä Gewand und Christi Lendentuch mit Krepp abgeklebt, der Rest in naßglänzender Farbe; daneben die Leiter des Malers, der ein paar Meter weiter mit einem weißhaarigen Traktorfahrer ins Gespräch vertieft steht. Überhaupt, die Traktoren hier; die schönsten Arbeitstiere sieht man in den Weinbergen, alt, erfahren und bestens an die Anforderungen der steilen Lagen angepaßt.

Vor Rachtig dann wächst eine Brücke übers Tal, so unglaubwürdig hoch, daß sich alles an ihr mißt. Der Rachtiger Kirchturm reicht ihr nicht ans Knie. O-ha, sage ich, das wird mal laut; gut, daß wir jetzt noch in Ruhe hier wandern können. Ein Schulterzucken der Natur, sagt Herr G., dann hätte sich das; aber das will ich nun auch keinem wünschen. Später stoßen wir noch ein paarmal auf die frische Wunde in der Landschaft, in der bald die neue Schnellstraße verlaufen wird.

Wir erreichen Bernkastel-Kues. Die Verschlafenheit der Moselorte ist hier ins Gegenteil verkehrt; ein bißchen Disneyland, ein bißchen Rüdesheim am Rhein. Sicher ziehen wir englische, flämische und chinesische Kommentare auf uns mit unseren Rucksäcken und staubigen Stiefeln. Im Café am Fußgängerzonenrand sagt Herr G.: nach dieser Musik möchte ich mir die Hände mit Beethoven waschen. Ein guter Ort zum Abreisen; und da stimme ich ihm voll und ganz zu.

Bernkastel. Vom Ufer schön.

Demnächst dann Braunberg, Piesport, Trittenheim. Und so weiter. Irgendwann wollen wir den Ort erreichen, der hier den allerschönsten Namen trägt: Perl. Aber das wird wohl noch dauern; der Moselsteig ist nicht so schnell.

180 Grad (gefühlt), Ober- und Unterhitze

Es ist der heißeste Tag des bisherigen Sommers in einer der heißesten Gegenden des Landes, und da stehen wir, Herr G. und ich, in unseren Wanderstiefeln und mit unseren Rucksäcken, und suchen nach dem Weg. Auf die andere Moselseite müssen wir, wo die Sonne schon auf uns wartet.

Der hat man am Steilhang Lustgärten gebaut, wie die Sonne sie eben liebt: sahareske Wüsteneien. Kein Grün, nicht ein Halm, außer den Reben, und die so schlank, daß sie kaum ihre Nachbarn beschatten. Übermannshohe Mauern fangen die Hitze ein, speichern sie und geben sie im Schwalle wieder von sich. Die Luft wabert. Da müssen wir durch, und zwar nach oben.

Schritt für Schritt für Schritt. Es ist wie Treppensteigen ohne Stufen. Und ohne Geländer, natürlich. Die Hitze schubst uns, so zum Spaß: ob wir aus dem Gleichgewicht kommen? Kommen wir nicht. Wir sind ja noch frisch. Ich denke an die Wasserflasche im Rucksack und male mir aus, wie das Wasser sich darin bis zur Untrinkbarkeit erhitzt.

Endlich oben: schmal ist der Schatten, kurz die Rast. Dann geht es weiter, die Hutkrempe gegen die Sonne gestemmt. Rebreihe um Rebreihe um Rebreihe. Man müßte den Schiefer knacken und springen hören wie Grillkohle, wenn der Schweiß zu Boden tropft. Die Aussicht ist gefährlich: die Mosel da unten liegt zur Hälfte im Schatten. Ich erwäge einen Kopfsprung …

Plötzlich fragt Herr G.: Was ist das denn?, und ich will schon rufen, eine Fata Morgana: ein blendendweißer Kubus an der Absturzkante zwischen den Reben. Ein Herd, ein altes Modell mit Backofenfächern und Eisenplatte und Emaildeckel, Röder heißt er. Und er gleißt. Herr G. hebt prüfend den Deckel, doch, alles echt, und sehr heiß. Von der verrosteten Platte flüchtet eine Handvoll Eidechsen, sicher knusprig.

Der Moselsteig, stellen wir fest, vereint Sonne, Stein und Steillagen. Was aber dem Wein behagt, kann dem Wandern abträglich sein. Das nächste Mal sieht uns die Mosel nicht vor dem späten Herbst, vielleicht auch erst im Winter wieder. Und würde jetzt bitte jemand den Deckel vom Herd wieder schließen?

 

Mit einem Gruß an Soso und Irgendlink, die einen südlicheren Flußweg nehmen, mit anderem Wetter vielleicht.

 

Ruckediguh!

Die Mosel beherrscht die Kunst des spektakulären Umwegs. Der Moselsteig tut es ihr nach und schnörkelt sich schönstmöglich um den gewundenen Flußlauf. Nichts für Leute, die vom Fleck kommen wollen: ein und denselben Ort sieht man oft eine ganze Etappe lang aus verschiedensten Perspektiven. Genau richtig für Leute, die herrliche Ausblicke schätzen.

Und dann die Kamera vergessen, genauer: die Kamera mitgenommen, aber nicht die Speicherkarte. An einem Sonntag. An der Mosel. Kein Bild, nicht eines, von Bullay bis nach Ediger-Eller.

Kein Bild von dem Zitronenfalter, der mich den ganzen Weg zu begleiten scheint; an jeder besonnten Stelle blitzt er gelb auf und verschwindet eilig. Kein Bild vom Fluß, der im Vordergrund nach links fließt, weiter hinten nach rechts und noch ein Stückchen weiter im Bogen zurück, dreimal dasselbe grünglitzernde Wasser. Man kennt das natürlich, die Rebreihen, die sich direkt ins Wasser zu stürzen scheinen; man kennt die verschlissenen Burgen, die Fachwerkhäuser und die aus Moselschiefer mit weißen Fugen. Aber, ach, es ist schon ein Jammer.

Und dann doch wieder nicht, denn die Hände frei zu haben, ist schön. Manchmal auch nötig, denn zwei Füße reichen nicht immer, etwa auf dem Ziegenpfad vom Calmont hinab zum Bahnhof. “Todesangst” heißt der Abschnitt; so weit würde ich nicht gehen, aber die Winzer hier, die sollten sich besser anseilen bei der Arbeit.

Daher vielleicht auch der Katholizismus in der Gegend – man muß sich gut stellen mit den höheren Mächten –; Kirchen, Kapellchen, Kreuzwege überall. Vor allem Kreuzwege, Bildstationen in den Weinbergen oder am Waldrand, mit Passionsszenen aus allen Epochen und von unterschiedlicher Kunstfertigkeit.

Am Steilhang kommen die Gedanken auf abschüssige Wege. Die Abkürzungen zum Beispiel. Viel Platz ist nicht unter den Bildern, deshalb steht da eben: Jesus w. a. d. Kr. genagelt, und darüber ist zu sehen, wie ein Knecht dem mit dem Hammer die Nägel anreicht. Eine Station heißt: Jesus n. Absch. v. s. betr. Mutter, die kenne ich nicht. Betr.? Hm. Betroffen? Betreten? (Sicher nicht.) Beträchtlich? Betrogen? Betrunken (Weingegend)? Betröppelt (Rechtschreibung)? Ich komme nicht drauf, dann werde ich abgelenkt durch die zwölfte Station, deren Bild zweifelsfrei zu entnehmen ist, daß Jesus am Kreuz durch Enthauptung ums Leben kam. Erst sehr viel später fällt mir ein: Betrübt! Na klar. Derweil lassen die steilen Pfade den Wanderer mitbüßen, doch die Aussichtspunkte sind alle Mühen wert.

Am Abend, aus den Schuhen gestiegen, stutze ich: dunkle Flecken auf den Fliesen??, dann sehe ich, daß das meine Fußspuren sind, jeder Schritt ein blutiger Abdruck. Jadoch, die Strecke ist anspruchsvoll in jeder Hinsicht. Ich würde sie wieder gehen; vielleicht sogar mit Kamera.

Maiwanderweg

Alt und neu, dicht an dicht.
Alt und neu, dicht an dicht.

Man muß ja schauen, daß man weiterkommt. Und dann die Jahreszeit, da steigt man die steilen Hänge hoch wie durch Dürers Rasenstück, lauter kleine Stilleben als Inseln auf dem feuchten Schiefer. Und die Vogelmänner, natürlich; die liegen im Sängerkrieg um die besten Nistplätze und die willigsten Weibchen, und man denkt sich: hach. Wie schön.
Also wieder auf den Moselsteig. Man kennt sich bereits und nimmt sich nicht allzu viel vor, rechnet nicht allzu fest mit Kaffee, dafür mit Schweiß und Knien und Aussicht, dann geht das alles bestens von Karden über Pommern und Kail nach Klotten, und auch am Ende sind die Namen noch amüsant.
ms-saat ms-religion ms-gefressen ms-mauerrosen ms-mai
Fürs Protokoll: die Schwalben sind zurück. In Klotten gibt es Kuchen. Wir haben unsere Portion Frühling genossen. Und die Knie … Achja. Achje. Man wird nicht jünger.

Büßerwege

Von Kobern-Gondorf nach Löf veranschlagt der Moselsteig 14 Kilometer. Klacks, sind Herr G. und ich uns einig, da kennen wir anderes, und stiefeln im Frühtau los. Auf dem ersten Anstieg am bewaldeten Hang knistert das Laub gefroren. Steil, jaja, aber oha, die Aussicht!

Moselsteig Wegmarke
Deutlich kantiger als der Rheinsteig: der Moselsteig.

Die Mosel ist schmaler als der Rhein und nicht so befahren — eine Bahnlinie nur, viel weniger Schiffe –, und so verschwindet sie zeitweise fast lautlos zwischen den Kulissen der Hügel. Hier scheint der Weinbau noch dominanter als am großen Fluß. Jetzt, im Winter …