Wandertag

Herr G. hat alles vorbereitet: den richtigen Weg ausgesucht für die zugemessene Zeit, Vorräte besorgt und Kartenmaterial, schönstes Wetter – und Herbst natürlich, Herbst in allen Farben. Ich muß nur noch die Schuhe schnüren und mitgehen.

Dem Nebel davon ...
Dem Nebel davon …

Überm Rhein ballt sich Nebel, der halbe Himmel ist grau. Herr G. guckt besorgt, wir gehen einen Schritt schneller, und dann haben wir die Hochebene erreicht: der Nebel füllt das Flußtal, und wir sehen die Hügel der anderen Seite darauf schwimmen wie Boote auf hoher See. Für uns geht es hinein in den goldenen Oktober. Der Wald hat noch Laub, aber das Licht ist wie im Traum: von unten scheinen hell die gelben Blätter, von oben blitzt es blau, und die Buchenstämme schweben dazwischen wie Silberflammen. Ich muß immer wieder nachschauen, ob ich noch auf dem Boden stehe.

Die Dörfer sind verschlafen, oft können wir mitten auf der Hauptstraße gehen. Einmal kommt uns ein Auto entgegen, dicht gefolgt von einem wütend bellenden gelben Blitz; mit einem Fahrzeug in die Gegenrichtung rennt auch der magere Hund zurück und kläfft uns an, als Beifang sozusagen, bis von einem Hof die Besitzerin kommt und ihn energisch zurückpfeift. Zwei Monate habe sie ihn nun, erklärt sie, aber das Autojagen sei ihm nicht abzugewöhnen. Ein Straßenhund, mit ungewisser Vergangenheit. Traut keinem, spielt sich immerzu auf. Der Hund sitzt dabei und schaut zur Hälfte schuldbewußt. Als wir gehen, schnappt er knapp an Herrn G.s Kniekehle vorbei. Der wird garantiert überfahren irgendwann, sage ich. Oh, einen Tag an der Leine mit zum Autorennen, meint Herr G., und die Sache ist erledigt.

In den Feldern reiht sich Hangar an Hangar: Folientunnel über Erdbeeren, darin Stimmengewirr. Vielleicht ein Dutzend Frauen pflückt und redet auf Polnisch durcheinander; wir grüßen uns freundlich. Zum nächsten Ort hin überholen wir eine alte Dame mit Rollator, die laut mit ihrem Hund zu reden scheint: Nun komm schon, trau dich … Die Hündin folgt ihr brav und gar nicht schüchtern; da erst sehen wir den Schatten jenseits des Weggrabens, eine Katze mit buschigem Fell, die sich ins hohe Gras duckt. Nur einmal, als eine Krähe auf dem Weg landet, löst sie kurz den grünen Blick von Frau und Hund. Langsam, langsam geht die Frau voran, die Hündin bleibt ganz in ihrer Nähe, und die Katze beschleicht das Paar im Abstand. So machen sie das immer, erzählt uns die Frau.

(Kurz vor dem Ort lassen Herr G. und ich einen Linienbus vorbei, viel zu groß für die Feldwege hier, Verkehrsbetriebe Plön steht dran; der fährt in Richtung Erdbeerfeld.)

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Zwei klitzekleine Hunde treffen wir auf dem Anstieg zum Burgberg. Einer trägt uns einen Stock hinterher, aber den sollen wir nicht werfen, sagt die Besitzerin: zu stockfixiert sei das Tier, das solle jetzt soziale Interaktion üben mit seinem Freund. Herr G. und ich grinsen uns an und machen uns auf den Weg zum Gipfel.

Oben ist es sonnig, wir finden eine Burgruine, Aussicht übers Ahrtal, einen Weg, der mit “Rückweg” ausgeschildert ist, und schließlich den Bahnhof und einen Kaffee in der nächsten Stadt. Ich bin sehr zufrieden mit dem Wandertag; aber, meint Herr G., es gibt schon ganz schön schräge Hunde auf der Welt.

Die Zielgerade im schönsten Sonnenschein.
Die Zielgerade im schönsten Sonnenschein.