
Schöne Sachen XXIV

Die einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.

Vor dem Museum des Mainzer Doms St. Martin steht ein Plakat: Seliges Lächeln und höllisches Gelächter, eine Ausstellung zum Thema Lachen in der Kirche. Für fünf Euro wird man drinnen in den Keller geschickt – den Witz lassen sie sich nicht nehmen –, und da sind dann Kunstwerke vom Mittelalter bis in die Neuzeit versammelt, die die Einstellung der Geistlichkeit zum Lachen illustrieren. Eine kleine, sehenswerte Sache. Kurzfassung:
Die niedersächsische Stadt Göttingen ist bewohnt von etwa hundertfünfzig- bis zweihunderttausend Fahrrädern. Sie finden sich auf öffentlichen Plätzen zu riesigen Herden zusammen und bilden charakteristische, nahezu unentwirrbare Dickichte. Domestizierte Exemplare leben in Kellern und Verschlägen; die meisten jedoch verbringen den größten Teil des Jahres unter freiem Himmel, wo sie mit der innerstädtischen Flora um Lebensraum konkurrieren.


Alles über Fahrräder (und wie es dazu kommen konnte) findet sich bei Flann O’Brien: The Third Policeman — deutsch von Harry Rowohlt: Der dritte Polizist.
Mal oben, mal unten: grün und blau sind schöne Ferien.

… und nachmittags:
Es ist zum Mäusemelken (oder, schöner, auf Starckdeutsch: zum Varzwauffuln). Ich habe Probleme mit der neuen WordPress-Software, wie einige andere auch; seit Wochen versuche ich in den Foren etwas darüber herauszufinden, aber nix is.

Auf neunzig Hektar hügeligem Land bescheint die Sonne saftige Wiesen, Äcker und Weiden; dazwischen glitzern Teiche und Bachläufe und die Sprossenfenster von Fachwerkhäusern. Das ist das Freilichtmuseum …
In den Neunzigern kriegte ihn jeder, der nicht glaubhaft machen konnte, daß er keinen festen Wohnsitz hat. Die Beziehungen verliefen unterschiedlich glücklich, aber der Anfang war immer gleich: Ach, du hast noch keinen Hermann? Super, du kriegst einen von mir.
Und dann saß er in seinem Tupper auf der Küchenfensterbank oder an einem anderen mäßig kühlen Ort und stellte Ansprüche: Hunger. Kalt. Mal durchkneten. Und, gell, bloß kein Metall! Ein bißchen war er wie ein Tamagotchi oder wie die Urzeitkrebse aus der Yps, falls das noch jemand kennt, nur daß man dann am Ende auch was davon hatte außer der Erfahrung.
Am Ende nämlich kam Hermann in den Ofen, und es wurde ein wunderschöner Kuchen daraus. Das heißt, noch davor wurde er gevierteilt: ein Teil für den Kuchen, drei Teile für Freunde. (Ach, du hast noch keinen Hermann? …) Und so wurde er unsterblich.
Heute hat er eine Webseite [2020: gibt es nicht mehr], aber früher kam der Hermann mit Gebrauchsanweisung auf Papier. Ich habe meine alte gefunden: stilecht von Hand geschrieben und noch nicht bis zur Unlesbarkeit vervielfältigt; eine Zierde für jede Kühlschranktür. Falls also jemand gerade einen Hermann zur Hand hat — voilà:

(Der Kuchen war übrigens, wenn ich mich recht erinnere, sehr anständig.)
Das Kind ist vielleicht vier, schmal im Hängerkleidchen, zwei stramm geflochtene Zöpfe am Hinterkopf. Es macht sich schwer, als der Vater es an der Hand die Treppe hinaufzieht. Vor der Tür der Bahnhofsgaststätte bleiben sie stehen. Drinnen ist es schummrig; schaler Rauchgeruch und Radiogedudel dringen heraus an die Sonne.
– Na los, hier kannst du.
Das Kind knickt seitlich ein, befingert das Treppengeländer und senkt den Kopf.
Wo der Weg durch den Park plötzlich kühler wird, der Schatten schlagartig an Tiefernst gewinnt, zeigt ein Blick in die Höhe die Kronen sommergrüner Kastanien. Jetzt, im Mai, recken sie Kandelaber von weißen Blüten, deren Honig weit weniger süß ist als ihr Duft.

Die Roßkastanie adelt ein Haus zum Anwesen, eine Straße zur Allee. Sie reicht nicht leicht die Blätterhände und schert sich wenig um das Volk da unten und um seine Autos, auf die sie herbstens Stachelbälle hageln läßt.
Noch sind sie herrlich und unversehrt, die Kastanien im Kurpark hier, doch vorsichtshalber und in jedem Fall wünsche ich der Miniermotte ihre ganz spezielle Pest an den Hals.