Tarte Tatin

Die besten Äpfel kommen, wie man weiß, vom Niederrhein. Und die beste aller Apfelsorten ist, da bin ich mir einig, die Ananasrenette. Von denen habe ich ein Halbdutzend bekommen, von der Gärtnerin selbst überreicht. Trocken war es dieses Jahr und lange ungewiß, ob sie überhaupt was werden würden. Sind sie – sie sind klein und dunkelgelb, duften intensiv nach Ananas und schmecken besser als alles, was ich in diesem Jahr sonst so hatte.

Dieses Gold ist echt.

Um sie einfach so zu verschlingen, sind sie zu kostbar; also wird daraus eine Tarte Tatin. Dazu müssen sie hauchfein geschält – die Schalen und Gehäuse esse ich komplett, so ist es kein Verlust – und dünn geschnitten werden; dann kommen sie mit Zucker und Butter in die Pfanne und werden goldgelb karamelisiert. Die Pfanne kalt werden lassen – das ist wichtig, denn jetzt kommt der Mürbeteig als dünne Scheibe auf die Apfelschicht, und dann geht das Ganze in den Backofen. Wäre die Pfanne noch heiß, würden die Äpfel verbrennen; hätte sie einen Kunststoffgriff, wäre der jetzt weg.

Am Ende wird die Tarte gestürzt und mit einem Schlag Sauerrahm pro Stück verzehrt. Die Ananasrenetten kommen voll zur Geltung: weder mehlig noch matschig, mit genau der richtigen Säure und eben dem Geschmack, den nur diese Sorte hat.

Dank der Schenkerin – es war ein Fest!

Keks für alle Fälle

Schmecken bedeutend besser, als sie aussehen.

Das beste Pfeffernußrezept weiß ich von R., der am Meer lebt. Ich mag es auch, weil es zwei Tage dauert und man so zwar zweimal die Küche verwüstet, aber beide Male nicht bis in die Puppen. Gebacken habe ich mit dem Herrn Buchfink, denn es backt sich allemal besser in Gesellschaft, vor allem solcher, die was zu erzählen hat; einziger Nachteil: man muß nachher die Kekse teilen.

Man nehme den großen Topf. Nicht den zweitgrößten, der reicht nicht für Butter, Zucker und Sirup; und Sirup, kocht man ihn, kommt hoch. Etwas warten, sonst ist es zu heiß, dann noch ein gutes Kilo Mehl dazu. Am Anfang reicht Rühren, aber irgendwann muß man mit den Händen in den Teig. Es duftet nach Butter und Karamel, und es klebt. An den Fingern, den Ellenbogen, der Stirn, am Pullover, in den Haaren, auf der Arbeitsplatte … (Wer ungefähr wissen will, wie, lese in Antony Woodwards Garden in the Clouds das Kapitel „Bees“.)

Pottasche stinkt, muß aber wg. Backtriebmittel. Weil zwei 10-Gramm-Tütchen etwa so viel kosten wie eine Kilo-Dose, steht mein Lebensvorrat Pottasche im Backregal und ist ein weiterer Grund, Pfeffernüsse zu backen.

Ist der Teig satt und glatt geknetet, kommt er an einen kühlen Ort und die Bäckerin an einen warmen, um zu ruhen. Einen Tag, zwei, ach, fünf oder sechs – auf einen mehr oder weniger kommt’s nicht an.

Am Backtag dann den Herd auf 155 Grad vorheizen. Vielleicht ist es auch etwas mehr oder weniger, das macht die Sache spannend, zumindest beim ersten Blech. Eine fingerdicke Rolle herstellen, zentimeterdicke Scheiben daraus schneiden und diese auf Backpapier setzen. Nicht zu eng – da geht noch was.

Dann die Nerven behalten. Daß sie aufgehen und zusammenfallen, ist normal, aber der Grat zwischen „die sind noch nicht durch“ und „die werden schwarz“ schmal; eine Viertelstunde Backzeit scheint da ewig. Notfalls das erste Blech wegwerfen. Weich kommen die Kekse vom Blech, mit dem Abkühlen werden sie hart und lecker.

 

Braune Pfeffernüsse

450 g Sirup
600 g Butter
640 g Zucker
1,3 kg Mehl
160 g gehackte Mandeln
knapp 0,2 l Sahne
13 g Pottasche (in warmer Milch auflösen und zum Mehl geben)
abgeriebene Biobergamotte (eigentlich: Biozitrone)
Zimt (1 ganz kleiner Löffel)

Sirup, Zucker und Butter in einem Topf erhitzen und gut verrühren; anschließend wieder abkühlen lassen.
Restliche Zutaten einrühren/-kneten und den Teig für mindestens einen Tag kühlstellen.
Rollen formen, in Scheiben schneiden und bei Umluft 155° ca. 15 – 20 Minuten backen.
Kurz abkühlen lassen und vom Blech nehmen.

Lebkuchen. Für die ganz Harten.

Kurz und knapp:

Man koche 3 kg Honig und 1 kg Zucker auf, rühre dann 5 kg Weizenmehl, 25 g mit etwas Milch aufgelöstes Hirschhornsalz, 20 g Zimmt, 20 g Cardamom, 20 g Nelken, 10 g Muscatblüthe, 30 g gereinigte Pottasche, 750 g gehackte weiße Mandeln, 500 g gehackte Succade und 500 g gehackte Pomeranzenschale unter. Wirke den Teig gut durch und rolle ihn 1 cm dick aus. Steche mit einem runden Ausstecher … Kuchen aus … und backe sie bei mittlerer Hitze. Bestreiche die Kuchen sowie sie aus dem Ofen kommen mit Läuterzucker …

So gehen die Basler Lebkuchen …

Unterschätzte Literatur

Einmal im Jahr, wenn es Frühling wird, liegen sie in den Mietshauseingängen, stapelweise verschmäht und jeden Tag zerzauster, bis eine mitleidige Seele sie mitnimmt in Richtung Papiercontainer: die lokalen Branchenbücher.
Mein Rat: Nehmen Sie eins an sich. Kochen Sie sich einen Kaffee, setzen Sie sich in Ruhe hin, widmen Sie diesem unterschätzten Druckerzeugnis ein wenig Aufmerksamkeit. Es wird sich lohnen. Je nach Region unterschiedlich umfangreich (hier in der Gegend sind es knapp 300 Seiten), läßt das Branchenbuch wirklich keine Wünsche offen …

Kleinanzeige

Biete: ein »Enzyklopädisches Wörterbuch — Handausgabe« (Band 2: Deutsch-Englisch) von Muret-Sanders, Ausgabe von 1910, dunkelgrün, knapp 1100 Seiten; Erhaltungszustand: keine Schönheit, aber brauchbar. Es stehen wunderhübsche Wörter drin wie Chausseefloh: road hog, Wischstrick (zum Reinigen des Gewehrlaufs): pull-through und verinnigen: intensify.

Klick vergrößert.

Da es nur der halbe ist (der erste Band, Englisch-Deutsch, fehlt), verschenke ich ihn. Fragen beantworte ich gern. Interessenten bitte Nachricht an mich.
Nachtrag Januar 2013: Jetzt ist er weg!
Es hat gedauert (und ich hatte bereits erwogen, ihn in einen öffentlichen Bücherschrank zu stellen), aber nun hat der Muret-Sanders eine freundliche Bleibe gefunden. Möge er nie mehr Regalplatz kosten, als er Freude schenkt!

Hermann

In den Neunzigern kriegte ihn jeder, der nicht glaubhaft machen konnte, daß er keinen festen Wohnsitz hat. Die Beziehungen verliefen unterschiedlich glücklich, aber der Anfang war immer gleich: Ach, du hast noch keinen Hermann? Super, du kriegst einen von mir.

Und dann saß er in seinem Tupper auf der Küchenfensterbank oder an einem anderen mäßig kühlen Ort und stellte Ansprüche: Hunger. Kalt. Mal durchkneten. Und, gell, bloß kein Metall! Ein bißchen war er wie ein Tamagotchi oder wie die Urzeitkrebse aus der Yps, falls das noch jemand kennt, nur daß man dann am Ende auch was davon hatte außer der Erfahrung.

Am Ende nämlich kam Hermann in den Ofen, und es wurde ein wunderschöner Kuchen daraus. Das heißt, noch davor wurde er gevierteilt: ein Teil für den Kuchen, drei Teile für Freunde. (Ach, du hast noch keinen Hermann? …) Und so wurde er unsterblich.

Heute hat er eine Webseite [2020: gibt es nicht mehr], aber früher kam der Hermann mit Gebrauchsanweisung auf Papier. Ich habe meine alte gefunden: stilecht von Hand geschrieben und noch nicht bis zur Unlesbarkeit vervielfältigt; eine Zierde für jede Kühlschranktür. Falls also jemand gerade einen Hermann zur Hand hat — voilà:

Hermann-Anleitung zum Ausdrucken.

(Der Kuchen war übrigens, wenn ich mich recht erinnere, sehr anständig.)

Stelldichein

Jadoch, ich mag’s unrasiert. Das nicht ganz Normschöne zieht mich an. Gleichmütiges Tragen alter Narben, egal woher sie stammen. Auch Mangel an Selbstmitleid und geduldig geflickte Kleidung. Und natürlich habe ich mich in Essen verknallt.

Pension Pötters Essen
Erbaut 1912.

Jetzt weiß ich auch den Ort für ein Stelldichein, ein ideales Liebesnest fernab aller Standardisierung und dicht am schlagenden Herzen des Dorfes, das diese Großstadt untendrunter ist. Mehr sei nicht gesagt, nur wärmstens empfohlen.

Lesen mit Strom

Mein erstes Kuscheltier, erzählt man in der Familie, war ein Buch. Welches, ist nicht überliefert; nachdem ich es ein paar Monate an mich gedrückt, benuckelt und benagt hatte, mußten die Reste entsorgt werden.

Später bekam ich geschimpft, weil ich beim Essen las. Ich nahm die Unart an, verschiedene Bücher an verschiedenen Orten parallel zu konsumieren: das Busbuch, das Bettbuch, das für den Unterricht unter der Bank und zwei, drei für den freien Nachmittag.

Bücher laufen mir in Rudeln zu, und den Teufelskreis: ein Regal bauen, um Bücher kaufen zu können, für die dann bald wieder ein Regal gebaut werden muß, den kenne ich in- und auswendig.

Und jetzt das:

eBook-Reader
Ein eBook-Reader.

 

Er könnte die Lösung aller Stapelprobleme sein; Hunderte von Büchern haben auf ihm Platz. Auf das elektronische Papier, nicht ganz weiß, matt und hochauflösend, können die Entwickler mit Recht stolz sein. Je nach Licht und Sehschwäche läßt sich die Schriftgröße einstellen. Der Reader liegt gut und leicht in der Hand, man kann selbst im Bett und beim Zähneputzen mit einer Hand umblättern, und die Batterie reicht eine halbe Ewigkeit. Bücher sind nach Stichworten durchsuchbar und lassen sich mit Notizen versehen. Wenn bei der fremdsprachlichen Lektüre eine Vokabel fehlt, kann man sie in einem von mehreren integrierten Wörterbüchern nachschlagen.

Habe ich mir also bei Project Gutenberg jede Menge Klassiker, Erstaunliches und Obskures zusammengesucht und in wenigen Stunden mehrere hundert Bücher auf mein schlankes Täfelchen geladen. Die kann ich nun jederzeit aus der Tasche ziehen, an der Bushaltestelle oder im Wartezimmer. Praktisch: Wenn ich nachts über der Lektüre einschlafe, schaltet sich der Reader nach einigen Minuten selbst aus.

Und doch …

Ich habe schlechte Lesegewohnheiten. Ich gehe an einem Regal vorbei und greife nach etwas, das mich aus irgendeinem Grund anspricht; manchmal entscheidet die Farbe eines Buchrückens über die Abendgestaltung. In meiner Lektüre blättere ich gern herum und lese in früheren Kapiteln oder ganz anderen Büchern nach, wobei ich oft kein exaktes Stichwort nennen könnte, nach dem ich suche. Für mich gibt es wenig Schöneres als Lexikonsurfen: einen beliebigen Artikel aufschlagen und dann über Querverweise, andere interessante Wörter auf der Seite, halbe Erinnerungen, zufällige Fotos und Abbildungen immer tiefer ins Wissensdickicht geraten.

Das alles kann ich mit dem Reader nur bedingt. Zwar lassen sich Lesezeichen setzen, aber schnelles Blättern für unspezifisches Suchen geht nicht. So ein Reader unterstützt keine Sprunghaftigkeit und hat für wilde Assoziationen wenig übrig; er macht ein (konventionelles) Buch zu einer ziemlich seriellen Sache.

Dann soll das zierliche Dingelchen zwar recht robust sein, aber ich wage trotzdem nicht, es genauso in meinen Rucksack zu pfeffern wie meine Papierbücher. Fallen lassen — bloß nicht. Es als Unterlage für die Teetasse verwenden — undenkbar. Ich schlafe sogar vorsichtig ein, um es nicht im Traum zu zerdrücken.

Alles in allem ist ein eBook-Reader eine schöne und erstaunliche Sache, sehr praktisch für manche Lebensbereiche. Ein vollwertiger Ersatz für ganz gewöhnliche oder gar schön gedruckte und gebundene Bücher wird er nicht. Und sowieso kein Kuscheltier.