Im Park

Das kleine Kind ist ein ganz gewöhnliches Kind, eines von Milliarden, mit Windelpo und mit Flaum auf dem Schädel. In seinem Mund blitzen halb zwei Zähne. Auf dem Bauch schiebt es sich durch eine Welt, die immer größer wird. (Anfangs haben seine Eltern noch mehrmals am Tag die Wohnung gesaugt – inzwischen klopfen sie das Kind aus; ist einfacher.)

Wenn das kleine Kind schaut, dann schaut es mit aller Kraft; dann ist es so vollkommen auf Empfang, daß nichts hinausdringt aus diesen Augen. Wer in ihren Sog gerät, kann zappeln und zurückrudern und Grimassen schneiden, wie er will: es gibt kein Entkommen. Keine Täuschung verfängt hier. Doch es gibt ja auch kein Urteil in diesem Blick, der nichts kennt, nichts fürchtet, nichts vorwegnimmt. Trotzdem gerät man leicht ins Schwitzen.

Es ist ein bißchen so, als betrachte einen das Universum.

Und dann ist es plötzlich weg.

Blick in den Brunnen

In der Schießgartenstraße, einer der stilleren Straßen von Mainz, trifft man auf eine Arbeit des Pfälzer Bildhauers Gernot Rumpf aus den Siebziger Jahren.

Vor dem Hochhaus des Ministeriums für Kultur steht ein bronzener Baum; drei Äste schwingen sich zum Himmel, gebogen wie die Arme einer Leier. Zwischen ihren gewölbten Außenseiten geben Reihen von Bronzebrüsten Wasser, das rings um den Stamm zwischen den Bodenplatten versickert; aus dem nassen Kreis scheinen glatte Metallknospen nach oben zu drängen.

Der Baum ist behängt mit Glocken und Glöckchen in traditionellen Formen aus aller Welt, ineinander verschachtelt und mit breiten Klöppeln versehen, so daß sie den Wind einfangen und den Glockenbaum klingen lassen können.

Eine Glocke fehlt. Wer die wohl hat?

Als Symbol für Frieden und Wachstum wurde er hier aufgestellt; »Beamtenwecker« nennt man ihn in der Stadt. Der Weckton ist wahrscheinlich nötig, wenn zu Arbeitszeiten das Brunnenwasser beruhigend rauscht.

Ach ja – die Rumpf-typische Bronzemaus fehlt natürlich auch hier nicht; nach Dienstschluß ist sie trockenen Fußes erreichbar.

(Bilder vom Brunnen und anderen Werken gibt es u.a. hier.)

An einen, der fehlt

Du fehlst mir nun schon fast so lang, wie ich Dich kannte, und man sollte meinen, das sei genug, sich zu gewöhnen; die Zeit schreitet ja voran. Doch Jahr für Jahr stellen sich die Tage wieder hinten an mit ihren Namen und ihren Ziffern. Es gibt Daten in der Reihe, die schlimmer sind als andere.

Dieses eine Jahr voller erster Tage ohne Dich. Dein Geburtstag, und kein Anschluß unter Deiner Nummer; die Urlaubskarte, die ich Dir schickte und die wohl ein anderer fortgeworfen hat. Der Tag, an dem ich den Schlüssel zu Deiner Wohnung hätte zurückgeben müssen. Und wie ich älter wurde als Du.

Natürlich, das Leben schließt sich um die Leere. Aber sie bleibt mitten darin, und an solchen Tagen klingt es hohl.

 

 

 

 

 

 

Postkarte aus der Schweiz

Hinauf den Fluß: Den Ebenen des Niederrheins und den mittelrheinischen Weinhängen folgt Baden, südlicher besonnt, und dann die Schweiz, wo sie Seen haben und Alpen und das End-li.

Selbst die Bausünden sehen irgendwie proper aus.

Die Bergwiesen wirken wie gefegt, oben auf den Gipfeln glitzert – ooooh! – Schnee, und die Städte stehen voller Blumenkübel. Man geht bei Rot nicht über die Straße und winkt den Autofahrern zu, die am Zebrastreifen halten. So gehört sich das hier.

Ein Ring

Die Frankfurter Oper spielt dieses Jahr ihren ersten eigenen Ring.

Vier Abende, drei davon jeweils um die fünf Stunden lang, zusammen gut fünfzehn Stunden Musik — ich hätte nicht gedacht, daß es so schwer sein würde, Karten dafür zu bekommen. Es scheint eine Menge Wagnerianer zu geben.

(Vielleicht auch eine Vorliebe für Opern, bei denen das Publikum am Ende das Gefühl hat, eine kulturelle Leistung erbracht zu haben.)

Die Bühne: …

Warme Gedanken

Stell dir den Weg in die Felder vor, und wie du zwischen Traktorspuren die Häuser und das Mittagsläuten hinter dir läßt; Halme kitzeln deine nackten Schienbeine bei jedem Schritt. Es duftet nach Sonnenmilch, nach Erde und dörrendem Gras. Die Sonne steht hoch; auf der trockenen Ackerkrume glitzern Steinchen und kalkige Schneckenhäuser.

Das Dickicht am Waldrand wirft nur sparsam Schatten, aber das Gras wächst hier weicher und dunkler als anderswo. Du legst dich hinein und spürst, wie die Feuchtigkeit des Bodens in deine Kleidung dringt und ein kühles Bett für deinen Rücken bereitet, während die Sonnenhitze sich auf dir niederläßt.

Der Juni ist ein Raum, angefüllt mit Wärme und Gezirp und durchmessen von geflügelten Wesen; sein Blau leuchtet noch durch das Glührot deiner Lider. Ameisen beginnen deinen Arm zu erkunden, etwas summt dicht an deinem Ohr, doch du magst dich nicht rühren, weil die Sonne auf dir liegt wie ein schwerer Körper im Schlaf. So bleibst du unbewegt, knüpfst deine Gedanken an das Lied der Lerche, das Brummen eines Kleinflugzeugs und schwingst daran etwas von dir himmelwärts.

Und wenn du nur tief genug atmest und genügend Hitze aufsaugst, wird dich die Erinnerung ewig wärmen. (Wenn erst der Sonnenbrand abgeklungen ist.)