Wahres, Falsches und Kopiertes

In Mainz ist einer meiner liebsten Anlaufpunkte das Dom- und Diözesanmuseum. Die aktuelle Ausstellung über Fragwürdiges aus dem Fundus ist wieder mal eine Freude, eine wunderschöne, wohlkonzipierte Angelegenheit, und bis Mitte April kann man sie noch besuchen.

Fünfzehn Exponate aus den Kellern des Museums wurden hier zusammengetragen; an jedem hängt ein Schild: Gemälde von dem-und-dem Maler aus dem-und-dem Jahr, oder: Kopie einer Schnitzerei aus dem-und-dem Jahrhundert; oder da stehen zwei Dinge, ein Original, eine Nachbildung. Dann darf man als Betrachterin überlegen: Stimmt das Schild? Welcher Kelch ist denn nun die Kopie? Ist das Gemälde echt?

Man schaut. Noch etwas genauer. Man kramt im Wissen über Kunst, Geschichte, Kunstgeschichte; man betrachtet Rückseiten und Oberflächen, überprüft Details, manchmal rät man einfach. Aber jeder Blick offenbart Wunder. Bilder sind nicht mehr nur, was sie darstellen; sie werden Untergrund, Firnis, Rahmung. Man achtet plötzlich auf Retuschen, Spuren von Lagerung, man fragt sich: wie kommt denn so was? So wird Kunst mehr als nur das Ding, das da hängt oder steht oder liegt – sie wird Materie, und sie bekommt eine Geschichte.

Stimmt nun also das Schild mit der Beschriftung oder nicht? Die Lösung kann man nachlesen: drei, vier Abschnitte über das Kunstwerk, über Hinweise auf Echtheit/Nachbildung, über die Menschen, die damit zu tun hatten, und manchmal die erstaunlichsten Geschichten. Dazu Vergleichsobjekte und -bilder (einziger Kritikpunkt: nicht immer in guter Auflösung), Materialproben … So viele Fragen beantwortet, von denen ich gar nicht wußte, daß ich sie hatte! Für mich ein völlig neuer Blick auf Kirchenkunst – ich war entzückt, werde aber jetzt nichts weiter verraten, falls da noch wer hin möchte.
Lohnt sich!

Mainzer Dom- und Diözesanmuseum
„Mit Kennerblick und Adlerauge“
noch bis 15.4.2018
Eintritt 5 € unermäßigt

(Und nicht daß jetzt jemand denkt, es gäbe einfache Antworten – die gibt es auch in dieser Ausstellung nicht. Darum habe ich sie um so lieber.)

 

Willkommen & Adieu

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Mainz hat einen neuen Bischof: Im Dom feierten die geladenen Gäste, draußen saß das Volk bei Weck, Woscht un Woi und schaute sich das Ganze auf Großleinwänden an. Schon am Tag zuvor war der Marktplatz von einem Zeltdach beschattet; fragte man, was hier los ist, erzählten die Informierten vom Bischof und die anderen irgendwas mit Deutschland sucht den Superstar.

Derweil hat eine Institution geschlossen: das Residenz/Prinzess-Kino ist nicht mehr. Schon bald wird es abgerissen und ein Wohnhaus hingebaut.

 

 

 

Nichtgedicht (nachtgedacht?)

Auf das Geländer der Eisenbahnbrücke in Mainz-Süd hat jemand (ich nehme an: eines Sommernachts) was geschrieben, in glühenden Farben, die dem Flußgrün in der Tiefe schmeicheln. Irgendwann ist jemand anders gekommen, gewiß bei Tag, hat am Brückengeländer die Vernietungen aufgefrischt und in Brückengrün überstrichen.

Ein paar Worte sind entkommen.

Die hinterlassen jetzt ganz beiläufige Gedichte in den Köpfen der Passanten.

 

Blick in den Brunnen

In der Schießgartenstraße, einer der stilleren Straßen von Mainz, trifft man auf eine Arbeit des Pfälzer Bildhauers Gernot Rumpf aus den Siebziger Jahren.

Vor dem Hochhaus des Ministeriums für Kultur steht ein bronzener Baum; drei Äste schwingen sich zum Himmel, gebogen wie die Arme einer Leier. Zwischen ihren gewölbten Außenseiten geben Reihen von Bronzebrüsten Wasser, das rings um den Stamm zwischen den Bodenplatten versickert; aus dem nassen Kreis scheinen glatte Metallknospen nach oben zu drängen.

Der Baum ist behängt mit Glocken und Glöckchen in traditionellen Formen aus aller Welt, ineinander verschachtelt und mit breiten Klöppeln versehen, so daß sie den Wind einfangen und den Glockenbaum klingen lassen können.

Eine Glocke fehlt. Wer die wohl hat?

Als Symbol für Frieden und Wachstum wurde er hier aufgestellt; »Beamtenwecker« nennt man ihn in der Stadt. Der Weckton ist wahrscheinlich nötig, wenn zu Arbeitszeiten das Brunnenwasser beruhigend rauscht.

Ach ja – die Rumpf-typische Bronzemaus fehlt natürlich auch hier nicht; nach Dienstschluß ist sie trockenen Fußes erreichbar.

(Bilder vom Brunnen und anderen Werken gibt es u.a. hier.)

Lachen in der Kirche

Vor dem Museum des Mainzer Doms St. Martin steht ein Plakat: Seliges Lächeln und höllisches Gelächter, eine Ausstellung zum Thema Lachen in der Kirche. Für fünf Euro wird man drinnen in den Keller geschickt – den Witz lassen sie sich nicht nehmen –, und da sind dann Kunstwerke vom Mittelalter bis in die Neuzeit versammelt, die die Einstellung der Geistlichkeit zum Lachen illustrieren. Eine kleine, sehenswerte Sache. Kurzfassung: