Postkarte aus Detmold

Altes Getreide.

Auf neunzig Hektar hügeligem Land bescheint die Sonne saftige Wiesen, Äcker und Weiden; dazwischen glitzern Teiche und Bachläufe und die Sprossenfenster von Fachwerkhäusern. Das ist das Freilichtmuseum in Detmold/Lippe.

Aus dem ganzen Land hat man Gebäude zusammengetragen und sie hier um Plätze versammelt, nach Landstrichen sortiert, historisch korrekt restauriert und herausgeputzt. Es gibt keinen Maschendrahtzaun, keine Metallpfähle um die Weiden und schon gar kein Verbundpflaster auf den Wegen. Bunte Bentheimer Ferkel toben im Koben um eine stoische Sau herum. Der Schmied, der Töpfer machen Mittagspause bis halb Zwei. Vorm Bäckerladen picken Hühner, und im Dorfteich badet mit Getöse eine Gans.

Die einzige Störung im Bild sind die Besucher in ihrer praktischen Outdoorkleidung, mit Fotoapparaten und Wegwerftrinkflaschen. Aber sie verlaufen sich auf dem Gelände, verschwinden in Wäldchen, Gärten und Häusern.

Die Leute, die heute hier arbeiten, die jeden Tag ein bißchen in den Bauernstuben leben, tragen blaue Westen und kennen hier jeden Topf, jeden Stein, jeden Balken und Unmengen von Geschichten dazu.

Schön sei es hier, wenn man gerne draußen sei; immer was los. Bis zu 3000 Leute kämen pro Tag, und alle hätten Fragen. Pausenlos arbeite man daran, das, was man hier hat, instandzuhalten. Dabei ist der größte Gegner die Totenuhr; die Schädlingsbekämpfer müßten immer mal ein Haus warm einpacken, bis sie wieder aufhöre zu ticken.

Und eine Menge neuer alter Gebäude warte noch darauf, wieder errichtet zu werden — fertig sei man hier eigentlich nie. Aber in ruhigeren Momenten sitze man auf der Bank vorm Haus und beobachte die Schwalben im Gebälk.

Freilichtmuseum Detmold
April bis Oktober 9:00 bis 18:00; montags geschlossen
Erwachsene: Eintritt 7€
Verzehrtip für die Museumsgastronomie: Lippischer Pickert mit Butter, Leberwurst und Rübenkraut

0 Kommentare zu „Postkarte aus Detmold

  1. Ja, das Detmolder Freilichtmuseum ist wirklich eine Reise wert und viel Zeit sollte man auch mitbringen, dass man durch die verschiedenen Landschaften und Zeitschienen wandeln kann. Ich war länger nicht mehr da, habe das Sauerländer Dorf erst in seinen Anfängen gesehen, wird mal wieder Zeit!

    1. Ich habe es natürlich auch nicht geschafft. Ich könnte mich da tagelang einmieten … Das Neueste ist eine Tankstelle aus den Fünfzigern, und eine Kirche ist in Planung. Da sie keine originale bekommen (Denkmalschutz), wollen sie eine mit Mitteln der Zeit bauen.

  2. Pickert? Pickert? Empfiehlst Du wirklich Pickert? Da klingt mir doch gleich was längst vergessen Heimatliches im Ohr:
    „Und als wir marschierten durch die qualmige Stadt Essen
    Da haben wir unseren mitgebrachten Pickard [sic!][sic!][sic!] aufgegessen.“

    Zum Truderidera, zum Truderidera, zum Truderidera und die Lipper, die sind da!

    Joseph Plauts Version klingt zwar waschechter, allerdings ist die Platte ziemlich zerkratzt. Dafür wird hier der Text mitgeliefert: http://www.youtube.com/watch?v=MXZVZi8kBAo

    1. Haha! Danke für den Link! So ähnlich hat’s schon Heine betrachtet, der den Westfalen wünschte: »Der Himmel erhalte dich, wackres Volk, / Er segne deine Staaten Saaten, / Bewahre dich vor Krieg und Ruhm, / Vor Helden und Heldentaten.«

      Und, jawohlja, Pickert empfehle ich. Den lippischen mit Mehl und Eiern, Rosinen, dick Butter und Leberwurst drauf und dann Rübenkraut (Klitsch) drüber. Mann, ist das lecker — träume ich immer noch von.

  3. Na, na, na 😉 Wie viele westfälische Staaten mag es denn gegeben haben? So sehr viele ja nun nicht, Partikularismus hin und her. Es heißt natürlich „Saaten“. Der wilde Weizen dürfte in Westfalen allerdings nicht dazugehören.

    1. Danke. Dinkel ist es wohl nicht, sondern eine Sorte Roggen, deren Namen ich vorher nie gehört und hinterher gleich vergessen habe. Mir fehlten lediglich die Kornblumen …

    1. Es lohnt sich — unglaublich, was sie da alles zusammengetragen haben. Und die »Aufpasser« habe ich als äußerst nett und kontaktfreudig erlebt. (Keine muffeligen Ostwestfalen. ,))

  4. oh ja, das Museum ist eins der schönsten. Wir hatten allerdings auch das allerallerschönste Wetter. Und den Pickert habe ich auch probiert, tatsächlich sehr lecker. Schöne Erinnerung!

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