Von blauen Bergen

Häuser wachsen hier gleich aus den Wiesen, im Sonnenlicht scheinen sie zu gedeihen. Wo sie sich verdichten, grünt es immerhin in Blumenkästen und Vorgärten; so üppig, so reich. Hier und da liegt ein gefallenes Blatt auf dem Bürgersteig. Zebras sind hier gelb gestreift; an den Ampeln steht: Fussgänger drücken. Einheimische erklären mir höflich-kehlig den Weg zum See.
Vor dem stehe ich dann wie vor einer Wand. Er gleißt; kaum hinschauen kann ich, wo die Segelboote gleiten. Der Steg unter meinen Füßen liegt fest, es ist der ganze Septembertag unter dem weißglühenden Himmel, der leise schwankt.
Mein Blick fängt sich in den Uferanlagen, greift nach Balkongittern, schlüpft unter gestreifte Markisen. Palmen müßte es geben, doch stehen bloß Kräne weiter hinten, um einstige Dorfkirchlein herum, und schichten mehr Stadt in die Schafsweiden.
Dahinter wachsen auch noch Tannen, alle ordentlich gekämmt; dralle Hügel mit gestriegeltem Gras und Scheunen hier und da wölben sich zu ihnen hin. Noch dahinter aber, das Blau, das ist nicht der Himmel. Das steigt jäh und bricht schroff und hat weiße Flächen in Höhen, die überhaupt nicht möglich sind.
Diese ganze, sonnige Stadt ist ja umlauert von Gebirg! Aber die Leute von hier meinen bloß: Ach, die Berge, ja, die. Sind weit weg.
 
Grippespaziergang; angestecktregt von Herrn Zeilentiger.

Korrekturlesen

Man bekommt einen Text, der druckfertig gemacht werden soll. Der Text ist von einem Drittautor, voller Fehler in Rechtschreibung und Grammatik; dazu Stilblüten, die wirklich nicht veröffentlicht gehören.
Alles halb so schlimm – dafür ist man ja da.
Man macht sich an die Arbeit, jätet wuchernde Kommas und pflanzt sie an die Stellen, an denen sie von Nutzen sind; man beugt Adjektive, bis sie ohne Verrenkung an ihre Substantive passen; man fädelt Verben auf die richtige Zeitenfolge und flickt hier und da noch einen Konjunktiv. Wortwiederholungen werden wegvariiert, schiefe Bilder gerade gehängt, Bandwurmsätze sinnreich zerteilt, und schon macht das Ganze einen recht ordentlichen Eindruck.
Man schickt den korrigierten Text an den Auftraggeber zurück.
Zwei Tage später kommt ein Anruf. Der Autor habe nicht gut auf die Verstümmelung seines Textes reagiert; die Stilblüten müßten also drinbleiben. In sachen Grammatik sei der Autor nicht so zwanghaft, man möge sich da mal entsprechend locker machen. Kommasetzung laufe bei diesem Autor unter „künstlerische Freiheit“ – tja.
Und dann fällt, durchaus gut gemeint und in tröstendem Ton, der Satz, der Korrekturleserinnen zum Weinen bringt: Nimm’s doch nicht so genau; das liest außer dir sowieso keiner.

Götterfunken

Die Skulptur aus Aluminiumröhren zeichnet eine weit schwingende Bewegung mehrere Meter in die Höhe, ein gefrorener Tanz. Passanten bemerken sie, oft genug mit Wohlgefallen.
Heute, an einem verhangenen Spätsommertag, fliegt heller Jubel über den Platz: Daaa! Ein kleines Mädchen stürmt zu dem Kunstwerk hin, erklimmt blitzschnell den Sockel und beginnt, die Konstruktion zu umhüpfen, ohne sie zu berühren, Blick nach oben, und ruft: Ssön!, an den Himmel, an die Welt, an Mutter und Geschwister und alle zufälligen Zuschauer gerichtet: Ssön!, Ssön!, und das ganze Kind leuchtet.
Hätte der Künstler das erlebt, es hätte ihm ein Sonntag sein müssen.
 
Beitrag zum Projekt *.txt (10: Glück). Kein neuer würde besser passen.
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Unruhige Nacht auf See

Am zweiten Tag betrügt uns die Wettervorhersage – der Wind dreht nicht, und er bleibt auch nicht mäßig. Unser Ankerplatz liegt schutzlos, der Anker greift nicht im steinigen Grund. Es ist fast dunkel, als wir zum nächsten Hafen müssen, hinter die nächste Landzunge; nicht weit, aber gegen Wind und Wellen. Wir fahren mit Motor, das spürt man mehr, als man es hört: das ganze Schiff bebt im Takt der zwei Zylinder, während es sich über die Wellenberge schiebt. Windstärke 7 – nicht viel, eigentlich, aber so ein alter Segler sollte da im Hafen vertäut sein …

Postkarte vom Großen Belt

Schwesterschiff: S.S. Amphitrite.
Die schöne Schwester: S.S. Amphitrite.

Der Wind ist kein braves Arbeitstier; launisch ist er und schwer zu berechnen. Aber gibt man ihm etwas zum Spielen, etwas Schönes: Laub, Flügel, Rotorblätter, Fahnen oder eben Segel, so läßt er sich herbei und wirft sich ins Zeug. Bis ihm wieder langweilig wird und er sich dreht oder legt, reißt er das tonnenschwere hölzerne Schiff mit sich und beschert uns gute Fahrt …