(IV) Museumsmeckerei

Kuratorinnen und Ausstellungsmacher!

Großartige Exponate haben Sie da zusammengetragen. Und das Konzept — toll, wirklich. Stringent, mit Überblick und Vertiefung, auch an Kinder wurde gedacht, nix zu sagen. Museumsräume: herrlich, sowieso.

Eines aber macht mich fertig: Wer, zum Uhu, erstellt denn diese Schilder an den Exponaten? Bzw. wer tippt die Texte, bzw.: wer liest da nicht korrektur?! Immer wieder versuche ich mich in Toleranz zu üben, aber ab etwa Fehler Nr. 3 ist’s vorbei. Da können Type, Farbgestaltung, Beleuchtung noch so raffiniert sein – der Rundgang wird für mich zum Spießrutenlauf, die Texte verschwinden hinter der Rechtschreibung. Wie ein Weg, auf dem man nur die Schlaglöcher sieht und nicht das Panorama; wie eine Suppe voller Wacholderbeeren, die man so langzähnig essen muß, daß man nachher nicht weiß, wie sie schmeckt.

Nun bin ich Korrekturleserin, mir springen solche Sachen ins Auge. Und katapultieren mich aus dem Vergnügen knietief in die Arbeit … Déformation professionnelle. Es bin aber nicht ich, die mit Bleistift durch die Ausstellungen geht, auch wenn’s manchmal in den Fingern juckt.

Argh.

Bitte, liebe Verantwortliche: so teuer kann ein Korrektorat nicht sein. Leisten Sie sich eins, damit niemand durch eine Ausstellung gehen und denken muß: interessante Sache, aber doch ein bißchen lieblos gemacht.

Und damit Leute wie ich Ausstellungen entspannt genießen können. Ich würde mir dann sicher auch öfter den Katalog kaufen.

 

Zur Blogparade des archäologischen Museums Hamburg.

 

 

Und: Bücher.

Ich habe es wieder geschafft: auch im neuen Lieblingsladen gehen die Buchhändlerinnen in Deckung, wenn ich komme. Die Chefin hat es sehr charmant zusammengefaßt: Ist halt schwierig, wenn man nicht die aktuellen Bestseller liest.
Ist es die Möglichkeit — Der Glocken Schlag, ein Klassiker der Krimiliteratur, nicht lieferbar?
Kürzlich ein ganz wunderbares, skurriles Buch mit Vergnügen gelesen — und dann stand da: Wem wird hier gedacht? Ein ganzes Kapitel lang Gedenken mit Dativ. In der Stimme des Autors. Wieder und wieder. Das war’s dann für mich; ab da las ich das Buch bloß noch korrektur. Ein Jammer.
Ein paar alte Lieblingsbücher nachgekauft und mit Erschrecken festgestellt, daß es eine neue Sorte Paperback-Umschlag gibt, farbstark und — klebrig. Ich werde ihnen wohl kleine Packpapierjäckchen basteln müssen, um sie anfassen zu können.
Zwei, drei ganz und gar wunderbare Sachen gelesen, nur eine richtige Pleite, und jetzt mal wieder Austen. Warum nicht.

Korrekturlesen

Man bekommt einen Text, der druckfertig gemacht werden soll. Der Text ist von einem Drittautor, voller Fehler in Rechtschreibung und Grammatik; dazu Stilblüten, die wirklich nicht veröffentlicht gehören.
Alles halb so schlimm – dafür ist man ja da.
Man macht sich an die Arbeit, jätet wuchernde Kommas und pflanzt sie an die Stellen, an denen sie von Nutzen sind; man beugt Adjektive, bis sie ohne Verrenkung an ihre Substantive passen; man fädelt Verben auf die richtige Zeitenfolge und flickt hier und da noch einen Konjunktiv. Wortwiederholungen werden wegvariiert, schiefe Bilder gerade gehängt, Bandwurmsätze sinnreich zerteilt, und schon macht das Ganze einen recht ordentlichen Eindruck.
Man schickt den korrigierten Text an den Auftraggeber zurück.
Zwei Tage später kommt ein Anruf. Der Autor habe nicht gut auf die Verstümmelung seines Textes reagiert; die Stilblüten müßten also drinbleiben. In sachen Grammatik sei der Autor nicht so zwanghaft, man möge sich da mal entsprechend locker machen. Kommasetzung laufe bei diesem Autor unter „künstlerische Freiheit“ – tja.
Und dann fällt, durchaus gut gemeint und in tröstendem Ton, der Satz, der Korrekturleserinnen zum Weinen bringt: Nimm’s doch nicht so genau; das liest außer dir sowieso keiner.

…bildung verboten

Für »Funkenbildung« gibt es auch kein Symbol zum Durchstreichen.

Und wie sich der Schilderdesigner an seinem Schreibtisch den Kopf zerbrochen haben muß (danke, D., für diese hübsche Vorstellung!):
»Rauchen verboten — gebongt, offenes Feuer verboten — jawoll, Funken verboten … nee, das geht nicht. Funken machen verboten? Nää, klingt doof … Funken verursachen? Auch nicht … Alles, was Funken … nach sich zieht? — Och, jetzt reicht’s aber. Jürgen, wie heißt das noch mal, wenn das Funken gibt? Funkenbildung! Genau! Danke! Is auch viel kürzer … ah, schon Mittag? Jürgen! Kantine!«

Natural Born Korrekturleserin III

Seit Tagen hält das herrliche Wetter an, doch die Pflicht ruft. Einen letzten Blick werfe ich nach draußen, verabschiede mich still von Luft und Sonnenschein und setze mich an meinen Schreibtisch.

Ich beuge mich über den ersten Text, da legt sich eine bleischwere Hand wie aus Gußeisen mit Nachdruck auf meine Schulter. Ich streiche bleischwer und den Nachdruck, während ich mich umdrehe. Hinter mir steht eine groteske Gestalt in einem schäbigen, abgenutzten Mantel. »Ist Ihnen nicht warm?«, frage ich; »lassen Sie mich Ihnen wenigstens das abgenutzt abnehmen.« Halb warte ich auf eine Konkretisierung von grotesk, aber sie kommt nicht.

Weiter …

Natural Born Korrekturleserin II

Der harte Stuhl mit der metallenen Rückenlehne zwingt mich in eine unbequeme Haltung. Der Raum — Steinboden, gekalkte Wände und Gewölbedecke, eine Treppe auf der Stirnseite und gegenüber drei winzige Fensterluken — liegt im Halbdunkel; ich erkenne schattenhaft vielleicht ein halbes Dutzend Menschen. Meine Jacke (und mit ihr meine Waffe) haben sie mir natürlich abgenommen.

Von der niedrigen Decke blendet eine Halogenleuchte. Noch bevor ich einen Blick auf das Schriftstück werfe, das im Lichtkreis auf dem Tischchen vor mir liegt, ist mir klar: Sie wollen mich fertigmachen. Und das hier ist der perfekte Ort dafür.

Weiter …

Natural Born Korrekturleserin I

Nach kurzer Nacht aus unruhigen Träumen erwacht, durchstreife ich die Stadt: Noch sind Gitter über die Schaufenster gesenkt; Tauben flanieren auf der Einkaufsmeile, ein Rattenschwanz verschwindet zwischen Mülltonnen. Im trüben Frühlicht blenden Ladenschilder.

Ich habe den Kragen hochgeschlagen und behalte meine Umgebung im Auge. In der Manteltasche umklammere ich meine Waffe. Ich spüre die Anspannung, ahne, was gleich kommen wird.

Da! Schon trifft es mich von schräg rechts oben: »Blumen Laden«! Ich pariere routiniert — in einer fließenden Bewegung habe ich die Hand mit dem Stift aus der Tasche gezogen, die Kappe gelöst; ein knapper Schwung von links nach rechts: und da steht er, der Blumen-Laden, gebannt im Zusammenhang. Ich atme durch. Doch noch ehe ich den Stift sichern kann, sehe ich aus dem Augenwinkel eine Leerstelle blitzen. Ich wirbele auf dem Absatz herum: sie kommen zu dritt, eine »Damen Boutique«, ein »Angel Shop« und ein »Elektro Service«. Sie haben keine Chance. Ebensowenig wie »Sport Bekleidung« und »Foto Laden«, nur Momente später. Einige »Sonder Angebote« erledige ich im Vorübergehen, da spüre ich, wie sich mir die Haare im Nacken aufstellen. Es ist auf einmal sehr, sehr still.

Langsam wende ich mich um.

Da steht sie, obszön leuchtend, und funkelt mich an: die »Änderungs Schneiderei«! Verdammt! Und ich trage nichts als einen Filzstift bei mir!

Einen unendlichen Augenblick lang starren wir uns an. »Änderungs ist kein Wort!« knurre ich; dann hebe ich meine unzureichende Waffe und gehe zum Angriff über … Es ist ein Gemetzel. Aber ich schaffe es, meine Korrekturzeichen sitzen —

Ohne auch nur einen Blick zurück auf die Änderungsschneiderei setze ich meinen Weg fort.

Da! »Erlebnis Bäckerei«! — Reflexhaft packe ich den Stift … und zögere. Vielleicht wird hier gar nicht für eine Erlebnisbäckerei geworben, sondern für das Erlebnis Bäckerei? Wie soll ich das entscheiden, außerhalb der Ladenöffnungszeiten? Ich unterdrücke ein Gähnen, fühle mich hundert Jahre alt. Die Sonne geht auf. Im Zweifel für den Angeklagten, beschließe ich, und mache mich auf den Weg nach Hause.

Dort warten bereits ein »Knusper Müsli«, ein »Aroma Caffe« und die Lokalzeitung auf mich.

Es gibt viel zu tun.

 

Fortsetzung folgt:
Natural Born Korrekturleserin II
Natural Born Korrekturleserin III