Fülle

Der Herbst hat mich herausgelockt: mit der Bahn an den Fluß und zu Fuß die Rebhänge hoch, noch vor der Sonne, um sie dann oben in den Hügeln zu erwarten.
bac-turm bac-frueh bac-ackernebel bac-sonnenweide ow-jakobsvogel
Lange hält sich im Tal der Nebel. Und was für ein Schauspiel er gibt: Er raucht die Hänge hoch, steigt weiß aus Baumgruppen und Wiesen, hebt sich hier und da, blitzt im Tal mit Flußsilber und ballt sich um die Hügelkronen, daß sie in den Himmel wachsen. Schließlich, als er dünn geworden ist, verleiht er allem einen spukhaften Schein; die Höhendörfer sehen aus wie Hirngespinste. Dann ist das vorbei. Die Landschaft hat wieder Substanz, die Sonne wärmt, und ich bin froh, den Aufstieg hinter mir zu haben.
Die Wälder auf den Hügelflanken tragen Grün wie Staub; als müsse man nur mit dem Ärmel darüberwischen, damit Rot und Gelb zum Vorschein kommen. Aber dafür braucht es wohl einen anderen Ärmel als meinen.
Auf dem Weg fülle ich die Taschen mit Kastanien und Nüssen. Dabei beobachten mich Mäuse, ein prächtiges Eichhorn und ein Paar Dohlen mit Eissplitteraugen. Unmäßig bin ich nicht, und es gibt genug, beruhige ich sie und ziehe meines Wegs.
Die letzten Brombeeren sind sauer, aber im Gasthaus auf der Höhe haben sie Beerenkompott mit Sahne und Aussicht für mich. Ich bleibe noch ein wenig sitzen, als mein Kaffee leer ist, und stelle mir vor, hier auf die Herbstfärbung zu warten, den Blick auf die Hügel gerichtet; in ein paar Tagen sollte es so weit sein … Natürlich breche ich doch wieder auf.
Und will, natürlich, wiederkommen. Unbedingt.

Jahresringe

Jedes Jahr einer mehr; und Du, damals, die Geschichten mit gutem und schlechtem und die ohne Ende, das liegt schon tief innen. Wollte ich das loswerden, ich müßte mich aushöhlen.
Weißt Du noch?, würde ich Dich gerne fragen. (Du antwortest nicht. Ich weiß. Also denke ich an Dich, daß etwas bleibt von Dir.)
 
 
 
 
 
 

Schwarzer Schaum

Über Seife hatte ich mir bislang nie Gedanken gemacht. Ich hatte die Strukturformel in Chemie gelernt (bei einer Referendarin, die in der Lehrprobe in Tränen ausbrach, weil jemand die Tafel mit Wachs eingerieben hatte; aber so etwas hätten wir nie gemacht), hatte ansonsten seit Jahr und Tag immer das gleiche Stück am Waschbeckenrand liegen, und das war’s.
Dank Siedendbunt hat sich das geändert …

Nacht und Blatt

Am Boden.
Am Boden.

Die Dunkelheit kommt früh in die Stadt, und sie bleibt lang. Hier trägt der Herbst seine Farben eher auf der Innenseite und greift noch nicht im Ernst nach den Platanenkronen. Ab und an zupft er sich ein Blatt heraus, spielt damit, weht es um ein paar Ecken und läßt es dann liegen. Da vergeht es langsam im Asphalt, bis zum Morgen, wenn die Straßenkehrer kommen.
Im Wald strecken sich die Wege im Mondlicht und duften nach dem letzten Sommer, dem kommenden Winter und dem Frühling, der darunter schläft. In der Stadt ist mir draußen nicht draußen genug.