Ich lebe gern in einer arbeitsteiligen Gesellschaft. Es gibt Dinge, die besser funktionieren, wenn ich sie nicht machen muß — Politik, zum Beispiel, Gärtnern oder Reisen.
Ich verbinde „reisen“ mit „müssen“ und freue mich, wenn ich in meiner freien Zeit daheim bleiben darf. Trotzdem bin ich ein neugieriger Mensch. Wie gut, wenn das Reisen andere Menschen übernehmen und mich virtuell teilhaben lassen, wie der Herr Seume, der Herr Mühlenweg oder Irgendlink, der Pfälzer Künstler.
Zum Nordkap wird er wieder fahren, mit dem Fahrrad (würde ich nie machen!), und ich freue mich auf seine Texte und Bilder. Kostet auch gar nicht viel, wenn man als einer von vielen Lesern dabei sein möchte. (Nein, man muß nicht spenden. Ich habe es aber gemacht, weil ich will, daß solche Projekte möglich sind auch ohne Großsponsoren. Und weil es mir wichtig ist, etwas zurückzugeben für Dinge, die mein Leben bereichern.)
Ich hoffe, es wird eine Übung im Wahrnehmen, eine Lektion über Distanz und über Zeit und Ausdruck eines Kunstbegriffs, wie er mir in seiner Sperrigkeit sehr zusagt. Das für mich. Und für den Künstler: alles, was für eine gute Reise zu gebrauchen ist!
Runtergucken
Die kleinste Landeshauptstadt der Republik ist nah am Wasser gebaut. Mittendrin, sogar; auf Pfählen, wie Venedig, bloß zwischen eiszeitlichen Seen. Wunderschön ist das; doch sollte man gelegentlich nach unten gucken. Sicherheitshalber. Gibt sonst leicht nasse Füße.

(Fürs professionelle Runtergucken verfügt Schwerin über einen Fernsehturm mit Panoramacafé; bei dem flachen Land lohnen sich die hundertzehn Meter Höhe. Wer nicht schwindelfrei ist, dem sei für den Überblick Lütt Schwerin anempfohlen, ein hübsch skurriler Miniaturengarten im Maßstab 1:25 000.)
Wortgewänder
Oh, all die fließend-schönen Wortgewänder! Wohlgesetzte Worte, Widerworte, Wunderworte, Worte mit Knall und Hall und mit Raum für loses Spiel; spröde und schroff, sanft und präzise, funkelnd, schwarz. Mal umschmeichelt mich eine einzelne Wendung, manchmal hüllt es mich mächtig ein; manche packen mich umstandslos am Kragen. Hier glaube ich etwas wiederzuerkennen, dort scheint mir alles neu und nie gesehen. Schönes, Schmerzhaftes, schmerzhaft Schönes.
Oh, danach greifen!
Unter der Wortgewandung muß jemand sein, vielleicht mehr als einer, womöglich: eine Seele. Texte formen, verhüllen, lassen durchscheinen: Menschen, die ihre Sprache beherrschen oder von ihr beherrscht werden. Menschen, die eine Wahrheit suchen oder sie erfinden. Die die Welt verstehen oder verzweifeln an ihr.
Durchschaute ich diese Gewebe, ich fände: harmlos Zufriedene, Finstere, Kluge, Zweifelnde, Bedürftige, Liebenswerte, Selbstbezogene, Großmütige oder gekonnte Mischungen aus all dem. Vielleicht: den Schatten über meinen Tagen. Die große Liebe. Rühr mich nicht an. Nimm mich in den Arm. Völlig anders als gedacht. Oh, wie konntest du nur. Am Ende gar: Menschen, deren Worten ich auf halbem Weg entgegenkomme, und auf der Straße ginge ich ohne Blick an ihnen vorbei.
Da stehen sie nun, schimmernde Gestalten im Lichte meiner Gedanken. So aus der Ferne springt ihre Schönheit ins Auge; der Zauber aber liegt im Ungewissen, in den Schatten.
Beitrag zum Projekt *.txt (7: Fassade); entstanden auch mit Gedanken an J.
–> alle meine *.txte
Geschenkt
Eigentlich wollte ich einen Text zu „Fassade“ schreiben, aber mir kommen immer wieder Dinge dazwischen. Arbeit, Erledigungen. Und dann der Streik bei der Bahn.
Es ist nicht so, daß ich gar nicht betroffen wäre. Ich werde eine kleine Reise nicht antreten, das Meer nicht sehen, keine lieben Menschen wiedertreffen. Dennoch halte ich den Streik für richtig (schon was die Bahn AG es sich kosten läßt, die Forderungen der GDL abzuwehren, spricht dafür, daß er nötig ist) — aber darüber wurde und wird wahrhaftig genug geschrieben.
Für mich, ohne Auto, bedeutet ein Bahnstreik: massive Einschränkung meines Radius. Das heißt, ich muß Termine verlegen oder, wo ich sie nicht verlegen kann, viel Zeit für die Reise veranschlagen. Vorsichtshalber nehme ich zwei Bücher mit, und die Zeitung schaffe ich meist auch noch. Manchmal muß ich sagen: ich versuch’s, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Umgekehrt erwarte ich auch keine Pünktlichkeit, keine Lieferung innerhalb 24 Stunden. Und wenn’s nicht klappt, nun, dann wird sich eine andere Möglichkeit finden.
Nun arbeite ich in Bereichen, die nicht lebenswichtig sind; Termindruck wird da oft künstlich hergestellt und übertrieben. Überhaupt fällt mir auf: wir werden immer mehr auf instant gratification getrimmt. Sofort bestellt, am nächsten Tag nach Hause geliefert (hinter die erste abschließbare Tür) — drunter machen wir’s nicht. Schnell, billig, bequem. Den Belohnungsaufschub verlernen wir dabei zunehmend — und geben einen Teil unserer Autonomie dahin.
Insofern nehme ich die Verzögerungen und Einschränkungen als Geschenk, ein Geschenk der Langsamkeit, der Ideen. Statt der geplanten Reise werde ich rausgehen, zu Fuß, und meine nähere Umgebung erkunden. Ich freue mich schon sehr darauf.
Nachtrag: Nun also doch nicht, bzw. doch: gereist wird. Und die nähere Umgebung, na, die läuft ja nicht weg.
Mit Flügeln
Nicht so weit, meint Herr G. und hat seine Gründe dafür, und er weiß ein handliches, hübsches Ziel: die Feldkapelle bei Wachendorf.

Ordentlich Zug muß man fahren, tief in die Eifel hinein, und da ist sie schon, die Natur samt ihrer Grausamkeit: Auf dem Bahnsteig plustert sich ein Mönchsgrasmückenbub gegen all die Schuhe. Fliegen kann er noch nicht. Ein Reisender setzt den Jungvogel etwas beiseite, doch schon kommt ein Rollkoffer, haarscharf das Ganze, nicht anzusehen — und so nimmt Herr G. den Kleinen an sich und trägt ihn behutsam aus dem Schußfeld, unter dem Gezeter der Altvögel. Passieren ja schlimme Dinge, wie man liest.
Die Eifel dann: eine Augenweide …
Schöne Sachen XXXV
Verhältnisse
bin ich, mein treues Lieb.
Angesicht so lieb und schön …
liebliches Bild füllt mir Sinne und Sein.
gedenkend irr ich einsam —
ist mein Herz und soll es ewig bleiben!
Ich denke —
ich denke —
nichts ist alles ohne Dein.
Beitrag zum Projekt *.txt (6: dein).
–> alle meine *.txte
Maiwanderweg

Man muß ja schauen, daß man weiterkommt. Und dann die Jahreszeit, da steigt man die steilen Hänge hoch wie durch Dürers Rasenstück, lauter kleine Stilleben als Inseln auf dem feuchten Schiefer. Und die Vogelmänner, natürlich; die liegen im Sängerkrieg um die besten Nistplätze und die willigsten Weibchen, und man denkt sich: hach. Wie schön.
Also wieder auf den Moselsteig. Man kennt sich bereits und nimmt sich nicht allzu viel vor, rechnet nicht allzu fest mit Kaffee, dafür mit Schweiß und Knien und Aussicht, dann geht das alles bestens von Karden über Pommern und Kail nach Klotten, und auch am Ende sind die Namen noch amüsant.

Fürs Protokoll: die Schwalben sind zurück. In Klotten gibt es Kuchen. Wir haben unsere Portion Frühling genossen. Und die Knie … Achja. Achje. Man wird nicht jünger.
Vorliebe
Meine Texte mag ich am liebsten, wenn sie mir vollkommen fremd geworden sind. (Zusatz: und ich nichts dran zu verbessern finde.)
Das kann dauern. Bei Fotos ist das anders; die werden nie handzahm, bleiben dem Augenblick verhaftet. Worte hingegen wachsen langsam und manchmal schmerzhaft; sie ganz wieder zu vergessen, kostet Zeit.
In Gärten


und unten …
