Maschinengeflüster

In einer deutschen Kleinstadt von 36000 Einwohnern lebt ein Mann, der mit Vornamen Hermann heißt. Er hat ein Geschäft, einen Betrieb vielleicht; er hat Kunden, Zulieferer, nimmt Aufträge an. So denke ich mir das.
Mit Nachnamen heißt er wie ein Schreibfehler, den ich nicht gemacht habe. Trotzdem wird dieser Mann immer wieder, an manchen Tagen dutzendfach, auf meinem Blog gefunden. Ein automatisierter Personenüberprüfungsdienst spürt ihn dort auf, unter meinen Texten und meinen Bildern.
Ich nehme an, jemand fragt die Maschine nach dem Namen dieses Mannes; gucken, was das Netz so weiß über Firmen, Melderegisterdaten, Insolvenzen. Unter den Bild-Treffern erscheint der Scan einer uralten, handgeschriebenen Anleitung zur Hege und Pflege eines Wanderkuchens. Das mag als kurios, vielleicht ganz witzig durchgehen; mit dem Manne selbst hat es nichts zu tun. Trotzdem „findet“ ihn die Maschine, immer wieder.
Im Text kommen die Worte unsterblich vor und sehr anständig. Aber auch Ansprüche, Kettenbrief und keinen festen Wohnsitz.
Ich weiß wirklich nicht, wie der Algorithmus arbeitet, aber ich hoffe, daß mein Artikel (in dem sein Nachname nicht vorkommt und der überhaupt nicht von ihm handelt) diesem Herrn namens Hermann nicht schadet; ganz im Gegenteil, ich wünsche ihm alles Gute, unbekannterweise.
 
 

Vom Stapel

Frau Sachensucherin vom äußerst lesenswerten Doppelblog fragt, was ich denn so vorhabe: fünf Bücher, die ich als nächstes lesen will.
Das ist schön, denn die Vorfreude auf das, was mich zwischen Buchdeckeln erwartet, ist eine meiner liebsten. Und schwierig, denn: vor habe ich viele Bücher, aber es kommt gerne was dazwischen (meist andere Bücher). Und es ist schwierig, über Bücher zu schreiben, von denen man noch gar nichts weiß. Klappentexte, übrigens, ignoriere ich aus Prinzip.
Also zu meinem Stapel der Bücher-die-ich-unbedingt-lesen-will (da sind Bücher-die-ich-bestellen-will, Bücher-die-ich-in-der-Buchhandlung-abholen-muß und die bislang ungeschriebenen gar nicht dabei …). Et voilà …

Unter Tieren

In unseren Regionen sieht man wilde Tiere meist auf der Flucht: hakenschlagende Hasen, Elstern im Wellenflug, Eichhörnchen, stets auf der anderen Seite des Baumstamms. Manchmal möchte ich ihnen sagen, daß sie von mir nichts zu befürchten haben; aber sie haben ja recht, wenn sie Menschen mißtrauen und mit mir keine Ausnahme machen.
Mein Wanderweg durch den Forst gabelt sich in einer Senke, rechts des Bachlaufs geht es weiter, und während ich nach der Wegmarke ausschaue, prasselt es im Gebüsch. Ein Rehbock bricht vor mir aus seiner grünen Deckung, springt über Weg und Bach und auf der anderen Seite den Hang hoch, das weiße Hinterteil gut sichtbar wippend.
Ein paar Momente nehmen wir die gleiche Richtung, ich rechts, der Rehbock links des Bachs, ich unten auf dem Weg, er den Hang hinauf. Aber statt über den Rand der Senke zu entkommen, bleibt er auf einmal stehen, steht da zwischen Farn und Gestrüpp, ein graubraunes Tier, und schaut mich an. Fünfzehn, zwanzig Meter entfernt. Ich gehe weiter, die dunklen Augen folgen mir. Jedes Mal, wenn ich hinüberschaue, schaut der Rehbock zurück. Ich spüre seinen Blick im Nacken.
Nun ja, ein Reh. Fluchttiere, Pflanzenfresser. Zart und saftig. Vielleicht ist es neugierig. Weiß wohl, daß ich ihm nicht folgen kann. Aber woher weiß es, daß ich nicht schieße? (Können Rehe Tollwut haben?) Immerhin steht es ein paar Meter höher als ich; und der Bach dazwischen. Hätte es ein Gewehr und einen gegengreifenden Daumen, wäre es ein Mensch, der mir ans Leder wollte … Mir sträuben sich leicht die Nackenhaare. Ich wäre in jeder Hinsicht im Nachteil.
Wenig später ist das Tier verschwunden.
***
Als Kind hatte ich einen himmelhohen Kirschbaum. In einer Astgabel, die nur ich erreichen konnte, verbrachte ich lange Sommerstunden unter dem Geflirr des Blätterdachs. Die Vögel, die anfangs geflüchtet waren, wenn ich kam, störten sich bald nicht mehr an mir und gingen, außer meiner Reichweite zwar, aber sonst unbeeindruckt ihren Vogelgeschäften nach in höflicher Nachbarschaft.
 
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Man weiß es nicht

Ist es Dorf, ist es Stadt? Das kommt drauf an. Wer hier bleibt, sagt: Stadt.
 
Der letzte Lebensmittelladen im Ort hat aufgegeben, als im Gewerbegebiet der Discounter kam. Kurz danach der Metzger; der nächste wird der Bäcker sein. Was die alten Leute machen? Die Nachbarn kaufen ein; man kennt sich schließlich.
 
Ständig die freundlichen Fragen, wann er den Sichtbeton von seinem Anbau denn verputzen will. Der junge Architekt runzelt die Stirn. Alles Wohnspießer hier; reißen die jahrhundertealten Höfe ab und setzen sich Einfamilienhäuser hin, mit Doppelparkplatz zur Straße.
 
Ach, und das Fräulein, die Pfarrhaushälterin, ist jetzt auch tot. Wie der Pfarrer gestorben war damals, hat sie ihn schön gemacht, die ganze katholische Gemeinde ist gekommen, und da lag er auf seiner Seite vom Doppelbett; alles voller Blumen. Bis zum Schluß hat sie dann noch allein im Pfarrhaus gewohnt, der neue Pfarrer war ja schon nicht mehr vor Ort; jetzt hat’s die Gemeinde verkauft.
 
Die Sowiesos? Ei, mit dene rede mir nit; wieso, müsse Se die Oma frage, die weiß des noch.
 
 

Aprilpromenade

Überm Tal spielen die Wolken Kriegen, dicke weiße Wale in den Tiefen der Luft, und schleifen ihre Schatten über die Ufer: Hügel wie schlafende Drachen, moosig bewaldet. In allem ein Hauch von Grün, überzuckert mit Knospen, und an der Promenade steht die Magnolie still in weißen Flammen.
Darunter brüllen sich zwei an, ein Mann und eine Dreijährige. Drohendes „Ich sag’s dir zum letzten Mal …“ auf seiner, „Maaaaamaaaaa!“-Gekreisch auf ihrer Seite. „Du bist ein blöder Papa“, heult das Kind, und als er sich zum Gehen wendet: „Nicht, nicht alleine lassen!“
Wir Passanten und Flaneure schauen höchstens verstohlen auf die Szene. Soll man hier nicht –?, aber darf man sich einmischen? Laut genug sind sie ja; diese Hilflosigkeit des Mannes, die vielleicht gleich in Wut umschlagen wird, und das Kind so untröstlich … Doch was würde es helfen?
Während ich noch den Wolken nachstarre, trifft mich ein Tropfen, und noch einer, und ein Regenschauer, gemischt mit Hagel, geht über der Promenade nieder. Schirme sprießen. Das Geschrei hört auf.
Später, Vater und Tochter sind längst fort, ist der Himmel genau über mir geteilt, eine graue, eine strahlend sonnige Hälfte; hoch oben blitzt ein Flugzeug auf, ein winziger glühender Splitter im Blau. Gleich wird er in der Wolkenwand verlöschen.

Ähäms. (Gelesen.)

Dem Himmel sei Dank: ich bin zumindest nicht so weit gegangen, sie mir zu kaufen; sonst hätte ich jetzt einen Regalmeter weniger Platz. Und müßte mich wohl gelegentlich erklären.
Ich mag’s ja knapp und klar, freue mich an schöner Sprache und lese gern Menschen hinter den Worten. Reiseberichte, Essays. Mich interessiert das Geschichte von Geschichten, die Netze von Assoziationen. Namen kann ich mir nicht merken. Und dann …
Ein Epos.

Genau so.

Auf dem südlichen der beiden Türme, unwahrscheinlich hoch, höher kommt man nicht ohne Flügel: da stehst du am Rand der Aussichtsplattform, dicht beim Selbstmörderzaun. Der Wind macht dein Haar wild; du ziehst die Jacke um die Schultern. Vor dir, tief unter dir: Stadt bis zum Horizont und darüber hinaus. Ein Meer von Stadt. Später wirst du erzählen, wie man den Hubschraubern auf den Kopf spucken kann von hier.
Ich sehe deinen Schopf, dein Ohr. Die Linie deiner Wange, die im Jackenkragen verschwindet, ist im Lächeln gewölbt; ich sehe dich über eine Weltstadt hin schauen, die du dir zur Heimat gemacht hast, und manchmal bedaure ich, daß ich deine Augen nicht sehen kann, daß dein Blick der Ferne gilt. Manchmal hätte ich gern, daß du dich zu mir wendest; aber das ist nun mal der Moment, den ich festgehalten habe. Der ist, was sichtbar bleibt. Nicht mehr, nicht weniger.
In einem Jahr, von diesem Moment aus gesehen, wird es den Turm und seinen Zwilling nicht mehr geben. In zwei Jahren wird es dich nicht mehr geben. Was du Zuhause nanntest, ja, selbst mich würdest du heute kaum wiedererkennen.
Ich müßte dir das Bild zeigen. Da, siehst du? Beweisfoto. Es ist alles gewesen. Genau so.
 
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