Postkarten aus dem Norden!

(Fast) vom Kap auf meinen Küchentisch: Karten aus Schweden
(Fast) vom Kap auf meinen Küchentisch: Karten aus Schweden

Ist das schön: bunte Post, ein Mosaik aus Bildern zum Schauen und Rätseln: violette Blüten, Hühnerüberwege, immer wieder M, Wegweiser für Trennungen, Willkommen (je nach Stimmung: im Nirgendwo/überall), Eisbär in Dosen, die Schöneit rostiger Bindungen …
Irgendlink und SoSo haben geschrieben. Reisekünstler Irgendlink ist dem Nordkap (Blogleser erinnern sich: mit dem Fahrrad …) ein gutes Stück näher gekommen.
Danke! Postwendend zurück: meine besten Wünsche, gewaschen, gekämmt und mit einem Lied auf den Lippen, und in den Norden natürlich: ordentlich Rückenwind, zeltgroße Rasenflächen und immer einen offenen Kühlschrank!

Bücher von Bloggern III

Exemplar voraus! Ich durfte ein Buch lesen, das es so noch gar nicht gibt – Knicks Richtung Autor!
Wenn der hochgeschätzte Oliver Driesen von Zeilensturm was über Wirtschaft schreibt, dann lese ich das, weil es spannend ist und gut geschrieben. Nun ist endlich sein Buch fertig, ein satirischer Wirtschaftskrimi: Wattenstadt.
Konrad Klapp, den Chef eines ruhrpöttischen Maschinenbaukonzerns, zieht es an die Nordsee. Er hat große Pläne für Langeneß und seine eigensinnigen Ureinwohner – er will einen technologischen und touristischen Leviathan vor ihrer Insel Hallig errichten, die Wattenstadt. Rechtliche und ökologische Hindernisse stören Klapp wenig; er weiß, wie man Lobbyarbeit betreibt. Und daß die Ureinwohner so wenig beglückt werden wollen, hält er für kein großes Problem …

Postkarte aus dem Wattenmeer

Bei Flut ist das Meer voller Schiffe, Segel vor Segel vor Segel, wie auf holländischen Gemälden des siebzehnten Jahrhunderts. Bäume am Ufer, Gebäude, Windräder sind weithin zu sehen; so ganz los läßt das Land hier nicht, immer schimmert der Horizont in seinem Griff.

Abend überm Watt bei Ebbe.
Abend überm Watt bei Ebbe.

Zweimal täglich geht die See stiften; dann sieht die schlammige Ebene zwischen den Fahrrinnen aus, als sei sie nie etwas anderes gewesen. Die Schiffe hier haben keine Kiele, sondern links und rechts ein Schwert, das sich beiholen läßt; ansonsten: Segel, Deck, Messe und Kabinen, wie gehabt; an Leinen ziehen, aufklaren, Dienst an der Winsch. Alles für die Zeitspannen, in denen der Dieselmotor schweigt und die Segel sich blähen, in denen das Wasser am Schiffsrumpf rauscht, wenn wir Fahrt machen und der Klipper sich reckt und leise bebt vor Freude am Wind.
ae-fock ae-stange ae-rigging ae-ring ae-fahrt
 

Gehen; bleiben

Abends im Taxi über Land: Während Dein Vater sich vorn mit dem Fahrer unterhält, sitze ich auf der Rückbank, zur Mitte geneigt, daß ich im Scheinwerferlicht die Landstraße sehen kann. Ort nach Ort bleibt zurück mit vertrauten Namen und voller schlafender Geschichten, und da fehlst Du mir auf einmal wie schon lang nicht mehr. Der Schmerz sitzt immer noch an der bekannten Stelle.
Neues Land, neue Welten – nichts war Dir weit genug; fort wolltest Du. Dabei gefiel es Dir hier; die Hügel, die jetzt im Dunkel liegen, die sanfte Kargheit unter dem hohen Himmel, die weißgesäumten Wege früh im Jahr, das alles rührte Dich. Insofern war es wohl richtig, daß Du am Ende wiederkamst.
Nur die Geranien haben Dir nie gestanden; dieses Klein-Klein aus geharkten Wegen und poliertem Stein. Gras müßte es sein, wogendes Gras auf einem Hügel unterm freien Himmel. Das wäre nicht zu eng für Dich.
 

Bei Licht betrachtet

Sie sitzen sich gegenüber, der Kellner hat Getränke gebracht, Zeit fürs nähere Kennenlernen. Nach einigen Tagen des Wer-sind-Sie, Was-machst-du, des Geplänkels in Wort und Bild das erste Date – nicht immer kommt es so weit; und was dann passiert … Die Anspannung ist greifbar.
Er mustert sie. Die Fotos waren akkurat, sie ist attraktiv für ihr Alter, nicht ganz sein Typ. Er macht eine witzige Bemerkung. Sie schlägt die Augen nieder, wenn sie lacht. Sein Blick rutscht tiefer: die Bluse spannt über ihren Brüsten — Sie legt die Hand an den Kragen, ups; er macht eine witzige Bemerkung. Das Essen kommt.
Ganz ausgezeichnet. Sie lächelt. Er ist höflich; angenehme Stimme. In ihren Ausschnitt hat er gestarrt; das passiert. Er wirkt kultiviert und hat die Welt gesehen. Sie fragt sich, wieso er über eine solche Plattform sucht; sie selbst hat dem Drängen ihrer Freundinnen nachgegeben (was soll schon schiefgehen). Sie setzt sich aufrechter und überlegt, ob es auffällt, wenn sie die Schuhe abstreift.
Er achtet darauf, in ihr Gesicht zu schauen. Das Gespräch kommt in Gang; er macht ihr Komplimente. Langsam wird sie lockerer, lacht hell. Es läuft. Vielleicht wird es wirklich noch etwas —
Oh, dein Handy.
Das Gerät liegt neben seinem Teller. Auf dem Display leuchtet das Porträt einer Frau, wohl am Strand aufgenommen, im Abendlicht; sie lacht den Fotografen kokett an, während sie das Bikinioberteil in ihrem Nacken bindet. Da hat er das Telefon auch schon in der Hand.
Entschuldige mich drei Minuten, ich muß das hier —
Er nickt ihr zu und tritt hinaus auf die Terrasse. Im Schein der Außenbeleuchtung sieht sie ihn auf und ab gehen, nach vorn geneigt, als hinge das Telefon an einer schweren Kette, die Schultern starr; und als das Licht sein Gesicht streift, wird ihr kalt. Das ist ein Zerrbild des Gesichts, das sie eben noch im Kerzenschein betrachtet hat, eine Maske aus Wut und Verachtung. Oder vielleicht eben keine Maske.
Als er wieder hereinkommt, waren es wirklich nur drei Minuten. Durchgeknallte Ziege, murmelt er, und entschuldigend: Meine Ex.
Sie sitzt auf der Stuhlkante, die Schuhe, in die sie wieder geschlüpft ist, sind unbequem. Den Espresso ein andermal, vielleicht, ich muß los, hat mich gefreut, getrennt, bitte, alles Gute dir …
Einen Grappa trinkt er noch, allein. Ziegen, knurrt er. Eine wie die andere.
 
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Bücher von Bloggern II

Mein zweites Bloggerbuch ist, ganz standesgemäß, in einer Satteltasche zu mir gelangt; gelesen habe ich es allerdings am Küchentisch, im Warmen und Trockenen:
Jürgen Rink (Irgendlink): Schon wieder ein Jakobsweg, eBook 5,99 €; Paperback ISBN 978-3-844278-67-5, 104 Seiten, 9,95 €
„Schon wieder ein …“ –? Jakobsweg kennt doch jeder, spätestens seit Kerkeling, da müßte man schon rückwärts auf Rollschuhen unterwegs sein …

Lob meiner Spülmaschine

Das Wasser schwappt mir bis zum Ellenbogen.
Die Spülmaschine tat nicht, was sie sollte,
und spülte nicht so sauber, wie ich’s wollte:
nun tauch ich selber mit der Bürste in die Wogen
und schrubbe, was vom Nachtmahl auf den Tellern
verblieben, jenen allerletzten Rest,
der, schrubbte ich nicht jetzt, bald fest
an ihnen säße wie der Schwamm in Kellern.
Nach einer guten halben Stunde Frist
steht, wieder sauber und bereit, das Porzellan
im Schrank. Und diese halbe Stunde ist
vom Spülknecht mir ein tägliches Geschenk;
nur denk ich täglich selten noch daran.
Ein zarter Spülsaum legt sich um mein Handgelenk …
 
Nicht glänzend, aber selten – zu: Haushaltssonette. Wie hier und hier. Und hier — danke, Petra! –, hier und hier, aus der Art geschlagen, aber nicht minder reimfroh. Lyrisches zum schönen Schein gibt es, hach, hier.
Wer mag mitspielen?

Eine gewöhnliche Geschichte, von eins bis Ende

Nummer eins war ein halbes Jahr jünger als sie und übte mit ihr Kino-Küsse hinterm Stall, weil sie ihn zwang. Ganz Bogart und Bergman: sie wie ein widerborstiger Mantel über seinen Arm gekippt, er den Mund weit offen auf dem ihren. Nachher spuckten sie beide eine Weile fremden Speichel. Wahrscheinlich hätten’s die Geigen gebracht; die hatten bei ihnen natürlich gefehlt.
Vor Nummer zwei hatten sie ihre Eltern immer gewarnt. Im Dunkeln war sie aus dem Fenster geklettert, und er tanzte mit ihr, in Ausgehuniform. Rock’n’Roll, deutsches Bier und britische Küsse. Auf dem Heimweg glaubte sie, kurz, I love you heiße Zukunft. Er entjungferte sie und ruinierte ihr das Kleid; das versteckte sie vorm nächsten Osterfeuer im Holz- und Reisighaufen.
Als Lehrling in der Kreisstadt war sie auf Nummer drei, so dachte sie, vorbereitet; doch wie so einer ihr achtlos das Herz zerdrücken konnte, das hatte sie nicht gewußt. Zu Nummer vier sagte sie darum: ich weiß doch, was du willst, und zerdrückte ihm das seine; das tat erst ihm weh und dann, viel später, ihr.
Bei Nummer fünf schaute sie nicht genau. Heiraten mußten sie trotzdem, und zu ihren Eltern ziehen. Er kam immer seltener nachhaus, während sie dort nach und nach versteinte, aber das Kind, zum Glück nur dieses eine, das hatte einen ehrlichen Namen im Dorf. Dann kam Nummer sechs. Nicht gerade Bogart, und Beine hatte er nur anderthalb, doch im Café im Städtchen wuchs und gedieh ihr Herz, und sie erblühte unter Zärtlichkeit. Kaum war sie endlich, endlich frei für ihn, hat ihn der Krieg doch noch geholt: ein wandernder Granatsplitter, hieß es. Nach dem Begräbnis zog sie mit dem Kind weit fort.
Der Rest war Rackerei und die Tochter erziehen, bis die ihr Glück in die eigenen Hände nehmen konnte. Zweidreimal im Jahr erfuhr sie am Telefon von diesem fremden Leben. Dann Rackerei, und abends vor dem Fernseher alt werden. Dann nur noch vor dem Fernseher alt werden. Von der Welt, von der sie nicht viel hielt, hielt sie sich fern. So hätte sie fast Nummer sieben übersehen, der ihr den Einkauf trug und die Zeitung vor die Türe legte. Sie war erstaunt, wie alt die Menschenkörper geworden waren in den letzten vierzig Jahren, und doch waren es ganz brauchbare Leiber. Ein paar Jahre lächelten sie über die Glückszahl sieben, dann starb er friedlich. Sie träumte Nacht für Nacht von ihm.
Seit einem Monat stand sie nun nicht mehr auf. Die Tochter war gekommen, den ganzen Weg aus Afrika, mit Fotos von den Kindern und den niedlichen Enkeln; das alles ging sie nicht mehr sehr viel an. Sie hörte Nummer acht auf leisen Füßen im Zimmer auf und ab gehn. Wie Humphrey Bogart sah er aus, ein schöner Mann voll Schmerz und voll Geheimnis. Nun müßte sie nicht mehr lange warten, bis sie einsetzten, die Geigen.
 
Beitrag zum Projekt *.txt (8: acht). Nachgereicht.
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Bücher von Bloggern I

In meiner Ecke vom Netz entstehen nicht nur fabelhafte Dinge, sondern sie werden auch gedruckt. Gelegentlich findet etwas davon den Weg zu mir. Drei Beispiele, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, habe ich gerade hier. Zum ersten:
Claudia Sperlich (kalliopevorleserin): Lass mich bekennen Deine Mandelblüte. Gedichte, Paperback,
ISBN 978-3-7323-1172-9, 120 Seiten, 6,99 €
Ein Buch mit christlichen Gedichten dürfte unerwartet sein in meinen Beständen; darum muß ich ausholen …