Kein Bild

War nicht mein Tag, und ich hätte die Kamera vielleicht daheim lassen sollen: Ich habe sie nur kurz abgelegt, um mein Gepäck ordentlich zu verteilen, und sie dann im Zug vergessen. Schon am Bahnsteig, der Zug war noch gar nicht richtig weg, fiel’s mir auf; die Kontaktummer für Fundsachen, die ich dann in einem Aushang las, begann mit 0900.

Ich erinnere mich gut, wie mir Derartiges mal in einem Zug eines Bahn-Subunternehmers geschah, in der Mittelrheinbahn auf dem Weg zu einer hübschen Wanderstrecke. Mein Hut, schon etwas mitgenommen, aber heiß geliebt, war in der Gepäckablage liegengeblieben. Ich fand am Bahnsteig eine Kontakt-Telefonnummer, rief an und hatte eine freundliche Dame am Apparat, die zwei, drei Fragen stellte, mich um Rückruf bat und mir dann sagte, ich möge eineinhalb Stunden später wieder am Bahnsteig stehen. Den Hut reichte mir der Zugführer dann aus dem Fenster des Führerhauses. Er lachte, ich strahlte; den Hut habe ich heute noch, die MRB in allerbester Erinnerung.

Nun also: 0900, oder Internet. Ich habe am Abend die Verlustmeldung im Netz aufgegeben, ein Formular ausgefüllt (Digitalkamera, Farbe: schwarz, wertlos auf dem Markt für Elektronik, mir aber sehr ans Herz gewachsen) und abgesendet. Noch in derselben Sekunde bekam ich eine Mail mit einer „Verlustmeldungsbestätigung“ und einer siebenstelligen Nummer, von der Fundservice DB AG (no reply).

Nun warte ich. Man kann nur hoffen.

 

 

 

Geschenkt

Eigentlich wollte ich einen Text zu „Fassade“ schreiben, aber mir kommen immer wieder Dinge dazwischen. Arbeit, Erledigungen. Und dann der Streik bei der Bahn.
Es ist nicht so, daß ich gar nicht betroffen wäre. Ich werde eine kleine Reise nicht antreten, das Meer nicht sehen, keine lieben Menschen wiedertreffen. Dennoch halte ich den Streik für richtig (schon was die Bahn AG es sich kosten läßt, die Forderungen der GDL abzuwehren, spricht dafür, daß er nötig ist) — aber darüber wurde und wird wahrhaftig genug geschrieben.
Für mich, ohne Auto, bedeutet ein Bahnstreik: massive Einschränkung meines Radius. Das heißt, ich muß Termine verlegen oder, wo ich sie nicht verlegen kann, viel Zeit für die Reise veranschlagen. Vorsichtshalber nehme ich zwei Bücher mit, und die Zeitung schaffe ich meist auch noch. Manchmal muß ich sagen: ich versuch’s, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Umgekehrt erwarte ich auch keine Pünktlichkeit, keine Lieferung innerhalb 24 Stunden. Und wenn’s nicht klappt, nun, dann wird sich eine andere Möglichkeit finden.
Nun arbeite ich in Bereichen, die nicht lebenswichtig sind; Termindruck wird da oft künstlich hergestellt und übertrieben. Überhaupt fällt mir auf: wir werden immer mehr auf instant gratification getrimmt. Sofort bestellt, am nächsten Tag nach Hause geliefert (hinter die erste abschließbare Tür) — drunter machen wir’s nicht. Schnell, billig, bequem. Den Belohnungsaufschub verlernen wir dabei zunehmend — und geben einen Teil unserer Autonomie dahin.
Insofern nehme ich die Verzögerungen und Einschränkungen als Geschenk, ein Geschenk der Langsamkeit, der Ideen. Statt der geplanten Reise werde ich rausgehen, zu Fuß, und meine nähere Umgebung erkunden. Ich freue mich schon sehr darauf.
 
Nachtrag: Nun also doch nicht, bzw. doch: gereist wird. Und die nähere Umgebung, na, die läuft ja nicht weg.

Arm dank Bahn?

Qype-Beitrag zu Deutsche Bahn AG, Bewertung: ** (von 5)

Um das klarzustellen: Ich fahre gerne Bahn. Es ist mir tausendmal lieber, vier Stunden im ICE zu schlafen, zu arbeiten oder Krimis zu lesen, als drei Stunden auf Asphalt zu starren und dabei keine Sekunde abschalten zu können. Sogar Verspätungen kann ich etwas abgewinnen — Beobachtungen, Bekanntschaften, Geschichten.

Wenn ich allein nach München fahre, kostet mich das mit der Bahn — dank BahnCard 50 — gut neunzig Euro, hin und zurück. Das ist etwas weniger Geld als für die Autofahrt, und es schont die Nerven. Oft genug bin ich mit der Bahn sogar schneller.

Sobald wir aber zu sagenwirmal viert unterwegs sind, kostet die Bahnfahrt dreihundertsechzig Euro (sofern alle Beteiligten für die Hälfte fahren!), und ich frage mich: Können wir uns das wirklich leisten?

Plötzlich plustern sich die Nachteile der Bahn, bauen sich auf und springen so richtig ins Auge: Wir müssen mehrfach umsteigen, mit Gepäck. Ich bin nicht flexibel (Abstecher? Ha!). Vielleicht muß ich stehen oder, schlimmer, zwischen Menschen mit undichten Kopfhörern sitzen. Und hinterher bin ich wieder erkältet, dank des ganzjährigen Winters im ICE.

Und dafür sollen wir zweihundertvierzig Euro draufzahlen? Für hundertzwanzig Euro nämlich lade ich die Gesellschaft nebst Gepäck ins Auto, erreiche München und finde dort einen nicht allzu teuren Parkplatz im Umkreis des Ziels. Als Nervenbündel und Umweltferkel zwar, aber sehr zugunsten der Haushaltskasse.

Das ist verkehrte Welt. Bahnfahren darf nicht teurer sein als Autofahren. Aber die politischen Entscheidungen, die dieses Mißverhältnis wieder zurechtrücken würden, werden offenbar nicht getroffen. So nutze ich die Bahn mit einem schalen Gefühl: ich handle zwar verantwortungsbewußt, belohnt wird jedoch die unvernünftige Alternative…

(Ha. Vielleicht ist das die Idee, mit der ich endlich reich werde: Ich fülle künftig auf längeren Reisen mein Auto mit sparwilligen Bahnfahrern.

Wenn ich nur nicht so elend ungern Auto fahren würde…!)