Geschenkt

Eigentlich wollte ich einen Text zu „Fassade“ schreiben, aber mir kommen immer wieder Dinge dazwischen. Arbeit, Erledigungen. Und dann der Streik bei der Bahn.
Es ist nicht so, daß ich gar nicht betroffen wäre. Ich werde eine kleine Reise nicht antreten, das Meer nicht sehen, keine lieben Menschen wiedertreffen. Dennoch halte ich den Streik für richtig (schon was die Bahn AG es sich kosten läßt, die Forderungen der GDL abzuwehren, spricht dafür, daß er nötig ist) — aber darüber wurde und wird wahrhaftig genug geschrieben.
Für mich, ohne Auto, bedeutet ein Bahnstreik: massive Einschränkung meines Radius. Das heißt, ich muß Termine verlegen oder, wo ich sie nicht verlegen kann, viel Zeit für die Reise veranschlagen. Vorsichtshalber nehme ich zwei Bücher mit, und die Zeitung schaffe ich meist auch noch. Manchmal muß ich sagen: ich versuch’s, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Umgekehrt erwarte ich auch keine Pünktlichkeit, keine Lieferung innerhalb 24 Stunden. Und wenn’s nicht klappt, nun, dann wird sich eine andere Möglichkeit finden.
Nun arbeite ich in Bereichen, die nicht lebenswichtig sind; Termindruck wird da oft künstlich hergestellt und übertrieben. Überhaupt fällt mir auf: wir werden immer mehr auf instant gratification getrimmt. Sofort bestellt, am nächsten Tag nach Hause geliefert (hinter die erste abschließbare Tür) — drunter machen wir’s nicht. Schnell, billig, bequem. Den Belohnungsaufschub verlernen wir dabei zunehmend — und geben einen Teil unserer Autonomie dahin.
Insofern nehme ich die Verzögerungen und Einschränkungen als Geschenk, ein Geschenk der Langsamkeit, der Ideen. Statt der geplanten Reise werde ich rausgehen, zu Fuß, und meine nähere Umgebung erkunden. Ich freue mich schon sehr darauf.
 
Nachtrag: Nun also doch nicht, bzw. doch: gereist wird. Und die nähere Umgebung, na, die läuft ja nicht weg.