Lebkuchen. Für die ganz Harten.

Kurz und knapp:

Man koche 3 kg Honig und 1 kg Zucker auf, rühre dann 5 kg Weizenmehl, 25 g mit etwas Milch aufgelöstes Hirschhornsalz, 20 g Zimmt, 20 g Cardamom, 20 g Nelken, 10 g Muscatblüthe, 30 g gereinigte Pottasche, 750 g gehackte weiße Mandeln, 500 g gehackte Succade und 500 g gehackte Pomeranzenschale unter. Wirke den Teig gut durch und rolle ihn 1 cm dick aus. Steche mit einem runden Ausstecher … Kuchen aus … und backe sie bei mittlerer Hitze. Bestreiche die Kuchen sowie sie aus dem Ofen kommen mit Läuterzucker …

So gehen die Basler Lebkuchen …

Weit weg

Seit seine Frau gestorben ist, nach kurzer schwerer Krankheit, ist ihm die Zeit zu weit geworden wie ein ausgeleierter Pullover, oder er ist geschrumpft, daß er sich drin verheddert, manchmal.
Manchmal sitzt er morgens, nichts im Blick, und schaut er auf die Uhr, ist schon vier, wird sie ihn gleich rufen zum Kaffee; doch wie es dunkel ist, sitzt er da immer noch. Manchmal klingelt ein Telefon im Haus, soll sie mal drangehen, sie hatte das Telefon lieber als er, immer schon. Kommen Leute und reden — nicht sie, sie täte das nicht, nicht so — von Terminen oder Unterschriften oder Medizin, aber muß er nur die Augen schließen: davon geht das alles restlos vorbei, ganz ohne ihn. Macht ihr nur, macht nur.
Viele Tage sind Nacht, wenn er aus dem Fenster schaut. In der Nacht ist der Garten schön.
Wie soll’s schon gehen, jedem, wie er’s verdient, und: Unkraut, nicht wahr; er flüchtet sich in Worte, in die kein Kummer je gepaßt hat. Seinem Sohn, der ihn wöchentlich besucht, scheint er gefaßt, ja, heiter.
Nur das Stückchen noch. Ist nicht mehr weit. Sagt sie; und sie muß es wissen.
 
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Aufs Land

Aus der Stadt hinaus aufs Land, eine Distanz, die ich viele Jahre auf der Autobahn im Schlaf gefunden habe, heute auf eigenen Füßen: auf ins rheinhessische Hügelland!
Am Mainzer Hauptbahnhof wartet der Tag, noch ganz verschlafen, Lockenwickler in den Wolken. Ich wende mich nach Westen. Kaum bin ich in Wanderstiefeln unterwegs, paßt mir das Fußwegkonzept der autogerechten Stadt nicht mehr: Drücken und warten soll ich? Sooo einen Bogen gehen?
Der Stadtteil Bretzenheim ist ein altes Dorf, fast zur Unkenntlichkeit verdichtet. In den Gärten und Höfen sind neuere Häuser gewachsen; die stehen jetzt wie Haifischzähne an engen, gewundenen Gäßchen. Hier verlaufe ich mich zum ersten und letzten Mal an diesem Tag.
Nach Marienborn hin zieht sich’s; Schallschutzwände, Umgehungsstraßen, Gewerbegebiete; Fußgänger sind hier nicht vorgesehen. Ich bin froh, den Ortsrand zu erreichen, tauche unter der Autobahn durch, und da ist es endlich: Rheinhessen. Sanfte Hügel, flurbereinigt und exakt beackert, Meeresboden mit Windrädern unter viel Himmel fürs Wetter.

Ein Himmel wie an der See.
Eine Bühne für das Wetter.

Ich grinse über den Hechtsheimer Berg, den Katzen-, den Eselsberg auf meiner Karte, bis ich oben stehe …

Lose Blätter

Herrn G. ist nach Flußschleifen, stark gewunden, und da will ich nicht widersprechen: wir gehen ein Stück Lahn. Auf der einen Seite hat der Westerwald, auf der anderen der Taunus sein Laub auf die Wege geschüttet. Da stapfen wir jetzt durch.

Ein paar unter Millionen.
Ein paar unter Millionen.

Herr G. erzählt von Flüchtlingen, orientierungslos und ohne Dolmetscher im Zug unterwegs, irgendwo auf dem flachen Lande; Mitreisende machten telefonisch einen ausfindig, der übersetzen konnte. Wie wenig laufen würde ohne die Hilfsbereitschaft zufällig anwesender Menschen. Und ob sich ein Staat auf diese Ressource zu verlassen wagt?
Das Flüßchen schlängelt sich in der Tiefe …

Tanz

    Ist hier noch frei?
    Klar, wieso nicht?
    Du wartest sicher auf jemanden …?
    Meine Beste hat mich versetzt; aber das hält mich nicht ab, rauszugehen. Und du?
    So ähnlich. Eine Freundin wollte vielleicht noch kommen.
    Ah, dann haben wir wohl beide Glück gehabt.
    Wenn du so lächelst, muß ich dir das glauben.
    Na, jetzt lächelst du endlich auch. Vorhin sahst du so ernst aus.
    Ist eine ernste Sache, jemandem wie dir näherzukommen …
    Oho, da sind wir uns also schon nähergekommen?
    Hoppla, das war ein Freudscher. Da war der Wunsch —
    Das war ein Witz. Komm, gehen wir. Wenn wir uns schon näherkommen, will ich dich wenigstens in Ruhe kennenlernen.
    Noch ein Witz?
    Voller Ernst.
***
    Wann bist du zurück?
    Warte nicht auf mich, kann später werden.
    Wer sagt, daß ich auf dich warte!
    Ich meine ja nur. Vielleicht schaffe ich die letzte Bahn nicht, ich hab Bekannte da, mach dir keine Sorgen.
    Sorgen –! Ich sehe dich nur noch zwischen Tür und Angel, wohnst du wirklich hier?
    Jetzt fang doch nicht schon wieder an.
    Du weichst mir aus …
    Wir reden drüber, ja? Ich muß los. Warte nicht auf mich. Wird sicher spät.
***
    Ist hier noch frei?
    Ja, sicher. Bitteschön.

 
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Novemberlektionen

Sicher, man kann auf Sonne warten. Man kann aber auch einfach rausgehen. Und, ah: draußen ist es nie so trüb und duster, wie es von drinnen aussieht.

Herrliche Aussichten, ein Stück weit.
Herrliche Aussichten, ein Stück weit.

Dann kann man versuchen, Fotos zu machen; hindert einen ja keiner dran. Aber daß die verschwindenden Baumreihen, die Schichtungen von Grau und Grau, die Schleier über dem Wasser und das samtene Licht, daß die sich von einer Kamera einfangen lassen, das muß man nicht glauben.
Wenn man mit netten, umsichtigen Menschen unterwegs ist, kann man ein Picknick im Nebel am Ufer machen, mit heißem Tee; man kann einen verlorenen Hut nicht wiederfinden und dafür hinterher mit einem Stein aus dem Fluß nach Hause gehen, ein haltbares Andenken an flüchtig Schönes.
 
 

Armer schwarzer Käfer

Waldmistkäfer findet man oft mehr oder minder tot auf dem Rücken liegend. Das ist nützlich fürs Fotografieren und sonst recht rätselhaft. Hier habe ich ein Exemplar entdeckt, das ebenfalls stillhielt – bizarr aufgespannt, die Flügel in Zeitlupenbewegung.

Still, starr - bewohnt?
Still, starr – bewohnt?

Genau betrachtet findet sich auf der harten Flügeldecke eine Beule, die an Parasiten denken läßt, die ja gelegentlich ihre Wirte zu seltsamem Verhalten zwingen; aber hierzu habe ich nichts Näheres finden können.

Andenken

In aller Hektik heute das kleine Stolpern: wieder ein Jahr, das Du nicht älter wirst. Du würdest Dich wundern. Der Tag bleibt anders gefärbt als die restlichen des Jahres; das macht das Glück, das ich Dir nicht wünschen kann. Ich hoffe, ich finde gute Verwendung dafür.
Ein Innehalten für Dich.