Ein Text für Kleider machen Leute, diesmal zum Buchstaben C.
Ich war noch recht klein, da besaß ich für den Winter einen Kapuzenumhang aus grauem Wollstoff, bretthart und eng; wenn ich irgendetwas machen wollte, mußte ich dazu die Arme durch zwei Schlitze stecken (wobei immer, immer die Pulloverärmel hochrutschten) oder besser gleich das ganze Ding ausziehen. Meine Mutter fand es sehr schick, sie hatte so eins in beige, und sie nannte es auch nicht einfach Jacke – ich war in der Phase, in der man sich alle Wörter geschrieben vorstellen muß, also schrieb ich in Gedanken: Keeb.
Eine ganze Zeit war Keeb für mich ein Wort. Häng dein Keeb ordentlich auf. Es regnet, zieh die Kapuze vom Keeb über. Wo hast du schon wieder dein Keeb gelassen? Das Keeb ist für mich mit diesem widerspenstigen Lodenstoff verbunden, mit der Orientierungslosigkeit unter Kapuzen, die Sicht und Hören nur nach vorne zulassen, mit kalten Armen und mit Geschimpftkriegen.
Später erfuhr ich, daß das wohl ein Cape gewesen war, zumindest eine Art davon. Ein Cape! Glamour, Romantik, Superhelden! Das hat das Konzept für mich aber auch nicht mehr gerettet.
Die Bundfaltenhose
Zu Kleider machen Leute — einfach unwiderstehlich.
Als Kind hatte ich eine Hose, die bauschte sich im Sitzen immer so doof im Schoß. Ich lernte: das ist eine Bundfaltenhose, weshalb es jedes Mal hieß, wenn es um die Kleidung für den kommenden Morgen ging: aber nicht die Bundfaltenhose!
Kürzlich wollte der Mann einen Anzug. Im Laden brachte der Verkäufer einen und reichte ihn in die Kabine. Nadelstreifengeraschel; dann trat der Mann hinter dem Vorhang hervor und guckte an sich runter. Stellte sich x-beinig. Rutschte vorm Spiegel so ein bißchen seitwärts hin und her. Sagte: Hm, komisch. Ich aber wußte gleich, womit wir es hier zu tun hatten: Eine Bundfaltenhose! Wie sieht das erst im Sitzen aus!
Der Verkäufer zog die Augenbraue hoch. Das andere Modell hat auch eine Bundfalte, sagte er zum Mann.
Dann möchte ich bitte ein Modell ohne Bundfalte.
Tut mir leid, wir haben im Moment nur Modelle mit Bundfalte.
Wieso, zum Uhu, das denn?
Das trägt man heute so.
Es wurde dann also kein Anzug; der Mann wollte nicht aussehen, als trüge er einen Schwimmring in der Buxe. Schon gar nicht aus modischen Gründen. Mal sehen, wie lang es dauert, bis die Bundfalte wieder da ist, wo sie hingehört: in der Versenkung.
Nachtrag: Herr Ferrer von untrans.eu hat eine wunderbare Illustration zum Thema erstellt. Ich sage nur: Flecken! Fliegen! Problemzonen in mehreren Sprachen!
Ich hatte mal ein Abendkleid.
Beim Herrn Wortmischer: So was Hübsches, so viele schöne Geschichten, und ich finde es erst jetzt!

Eigentlich ist es schon vollständig, aber da sich noch keiner um das Abendkleid gekümmert hat, mach ich das eben rasch.
Meine Mutter hatte es sich selbst genäht: astrein 60er, schulterfrei und fußlang, vorne Schlitz, hinten Schlitz, aus fieberrotem Samt. Mir paßte es perfekt, nur: was damit machen? So mit siebzehn? Zumal ich gar nicht tanzte?
Ich wechselte die Lebensumstände und die Städte, und immer hing im Schrank das rote Kleid. Manchmal zog ich es einfach so an; doch, paßte perfekt. Die Mitbewohnerinnen staunten.
Irgendwann fehlte einer, A., ein spektakuläres Gewand. Klar, ich lieh ihr mein Kleid. Sie war deutlich kleiner als ich, das glich sie mit hohen Absätzen aus; dann besorgte sie sich noch Handschuhe bis zu den Ohren, und abends gingen wir auf das Fest.
A. und ich nahmen bald getrennte Wege, aber für ihr Kleid bekamen wir beide Komplimente. Spät am Abend sah ich sie, wie sie mit hochrotem Kopf in Richtung Bad stürzte. Erst am nächsten Tag erfuhr ich, daß sie Salatsoße verschüttet und sich von oben bis unten bekleckert hatte.
Mit einem „Sorry!“ bekam ich das Kleid von A. zurück. Die Flecken hatte sie halbwegs herausbekommen, doch der Samt, ein nachtragendes Gewebe, der war hin.
Ich behielt das Kleid noch eine Weile im Schrank, nur: keine Reinigung half, und Stoff für eine neue Vorderseite war nicht mehr zu bekommen; irgendwann muß ich es doch weggetan haben, sicher schweren Herzens. Andererseits brauchte ich es doch wirklich nicht, und heute kann ich staunenden Zuhörern erzählen: wißt ihr, ich hatte mal ein Abendkleid, oh ja, fußlang aus Samt, in Fieberrot. Echt wahr.
Und: Bücher.
Ich habe es wieder geschafft: auch im neuen Lieblingsladen gehen die Buchhändlerinnen in Deckung, wenn ich komme. Die Chefin hat es sehr charmant zusammengefaßt: Ist halt schwierig, wenn man nicht die aktuellen Bestseller liest.
Ist es die Möglichkeit — Der Glocken Schlag, ein Klassiker der Krimiliteratur, nicht lieferbar?
Kürzlich ein ganz wunderbares, skurriles Buch mit Vergnügen gelesen — und dann stand da: Wem wird hier gedacht? Ein ganzes Kapitel lang Gedenken mit Dativ. In der Stimme des Autors. Wieder und wieder. Das war’s dann für mich; ab da las ich das Buch bloß noch korrektur. Ein Jammer.
Ein paar alte Lieblingsbücher nachgekauft und mit Erschrecken festgestellt, daß es eine neue Sorte Paperback-Umschlag gibt, farbstark und — klebrig. Ich werde ihnen wohl kleine Packpapierjäckchen basteln müssen, um sie anfassen zu können.
Zwei, drei ganz und gar wunderbare Sachen gelesen, nur eine richtige Pleite, und jetzt mal wieder Austen. Warum nicht.
Postkarte aus der Goldenen Stadt
Ich habe den Winter gefunden: bei minus acht und Schnee gefällt es ihm in Prag. Da hat er Erker und Simse, Standbilder und Zinnen genug, die er weiß verzieren kann. Schöner geht es nicht.

Prag ist im Winter nur halb voll, halb schnell, halb wach. Im Sommer muß es hier zwei Städte geben, das glitzernde, schrille Prag der Touristen und das deutlich sachlichere der Einwohner. Die trinken günstiger, essen deftiger und gehen ihrem Tagwerk nach, alles in ihrer wohlklingenden, verschlossenen Sprache.
Erst nach einiger Zeit fällt mir auf, was hier anders ist: die Straßen sind enger und verwinkelter als in anderen Städten dieser Größe; Barock steht einträchtig neben Gründerzeit, Gotik neben Jugendstil – und ganze Straßenzüge sind völlig reklamefrei. Keine Plakate, nichts an Laternenpfählen und auf Mülleimern, nirgends kratzt’s und platzt’s im Sichtfeld. Ich merke, wie gut das tut; bei uns wäre das anders.

Jeden Tag ein Gedicht
Was für eine Aufgabe: Tag für Tag ein Text, egal was ist; den Verlauf eines ganzen Jahres schreibend begleiten –!
Ein geschätzter Mitblogger hat sich diese Aufgabe gestellt und täglich einen Text veröffentlicht. Prosa ist darunter, Lyrik in festen und freien Formen; Naturbilder, Balladenhaftes und zutiefst persönliche Texte. Alles, was Worte können: klingen, irritieren, bezaubern.
Es gibt also was zu lesen: Das Jahr 2015 in 365 Texten von Herrn Solminore. Ich bin selbst noch mittendrin und komme gar nicht heraus aus dem Staunen. Viel Vergnügen!
Dreihundertneunundzwanzig (Reminiszenz)
Es ist an diesem Morgen nichts, was niemals
gewesen wär. Die Fenster sammeln Morgen,
die Schatten salutieren. Auf dem Hocker
erwacht das Hemd von gestern, alles weiß noch,
wie, was gewesen wär, wo jenes läge
wie jener Schatten fiel, wie manches Lager
in Falten sich zu krampfen, jenes Weinglas
und welche Lippenspuren hätt zu tragen.
Es ist an diesem Morgen nichts, was einmal
gewesen ist. Das Bett liegt heut nicht anders
als eben, wie es liegt. Die Gläser glänzen
gespült. Im Laken längst verblaßte Flecken.
Du kannst die Spuren messen, wie du willst:
Es ist an diesem Morgen nichts gewesen.
(c) Solminore
Schöne Sachen XXXVII
Auf Anfang
Zum guten Schluß
Ruhig lautet die letzte Vorgabe im Projekt *.txt, von dem ich in diesem Jahr Anregung für allerhand Geschichtchen mitgenommen habe, damit es nicht gar so still wird auf meinem kleinen Blog. Ich mag so was ja; ich habe schon als große Schwester meine Gute-Nacht-Geschichten nach Stichwörtern erzählt.
So kommunikativ wie vielleicht erwartet wurde das Ganze nicht, aber ich habe zu meiner Freude (neben alten Bekannten) einige mir neue Blogs entdecken können, wie lamamma und Frau Frogg, den Wortmischer oder auch Carsten.
Dank an Dominik Leitner, der das Ganze angestoßen, organisiert und gewartet hat (und das im kommenden Jahr fortführen wird, wenn ich recht lese). Und natürlich allen, die mitgeschrieben und gelesen haben; mir war’s ein Vergnügen, mich alle drei Wochen durch die Beiträge zu klicken.
Ach ja, einen Text zum Thema? Gibt es längst. Und damit wünsche ich allen die genau richtige Dosis Ruhe zwischen den Jahren.
Beitrag zum Projekt *.txt (17: ruhig).
–> alle meine *.txte
Wegbegleiter.
Johann Gottfried Seume dankte in der Vorrede zu seinem Spaziergang nach Syrakus auch seinem Schuster, ohne dessen Handwerkskunst er diese Strecke niemals bewältigt hätte. Wer zu Fuß geht, weiß, wie wichtig das Schuhwerk ist: gute Schuhe zeichnen sich dadurch aus, daß man sie nicht bemerkt; schlechte hingegen können Pläne zunichte machen.

Dieses Paar …

