Diese Leute

Diese Leute denken nicht von zwölf bis Mittag, aber die Weisheit mit Löffeln gefressen oder was, sitzen da auf ihrem Platz in der Welt und denken, oder nein, denken nicht, müssen die nicht, wissen, daß das so ist und bleibt und von Ewigkeit zu Ewigkeit und so weiter, sitzen im gemachten Nest aus Meinungen und Maßstäben, alles schön klar: so ist’s richtig, so ist’s falsch, richtig: Sonderangebote, Auto waschen, Rasen mit Petunienrand, falsch: Schwule, Asylrecht, Loch in der Hecke, sitzen zu Gericht über den Rest der Welt, die Nachbarn, die Familie, die Politiker, die Ausländer, die da oben und die Assos, sitzen zu Gericht, wissen alles besser: die müssen doch nur, da sollte mal einer drein-, schlagen, überhaupt: Schläge, immer probates Mittel, haben noch nie geschadet, und da sitzen sie dann, kleinkreditwürdig, sparfuchsig, selbstgerecht, diese Leute, die da sitzen und keinem gönnen, keinen gelten lassen, diese Leute, die nur sehen, was sie sehen wollen, und gleich dabei mit dem Urteil, diese Leute habe ich ja noch nie verstanden.
Beitrag zum Projekt *.txt (13: verstehen).
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Schlangenfrage

schlange schlange2
… da war sie auch schon wieder weg. Keine Schleiche, sondern ein fingerschmales Schlängelchen; für eine Ringelnatter fehlt ihm aber der gelbe Nacken. Weiß irgendwer mehr darüber als ich?
Und wieder hat meine fabelhafte Kommentarspalte das Rätsel gelöst: es ist eine Schlingnatter (Coronella austriaca), hat Azestoru herausgefunden (auch wenn er sie offenbar noch nie gekocht hat!), und bestätigt hat’s Mannigfaltiges nach Augenschein — vielen Dank!
 
 

Selbstbildnis im Wasserspiegel eines Putzeimers

Da, ein Auge, da der Mund; der Schaum dazwischen,
der noch die Nase und die Stirn verdeckt,
steht knisternd, seifenbläschengleich. Ich gehe wischen,
weil’s sein muß; weil man ja nicht gerne ganz verdreckt.
Das klare Wasser mit dem hellen Schaum darüber
wird, je öfter ich den Lappen in es tauch‘,
erst gräulich, grau dann, matter, trüb und trüber,
und mein Gesicht in seinem Spiegel wird es auch.
Die Tage gehen, und es bleibt der Schmutz. Die Lieder,
die ich beim Putzen sang, zerstäuben wie die Zeit;
ich sang sie nur, um mich zu motivieren.
Im Wassereimer steht mein Bild in Schlieren.
Die Frische ist dahin. Ach, die Vergänglichkeit:
der Schaum zerfiel. Und morgen alles, alles wieder.
 
Beitrag zum Projekt *.txt (11: Schwermut) und zugleich ein Haushaltssonett.
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Wie sich die Bilder gleichen.

Sie sind kleine Leute, Leute ohne Verbindungen. Sie haben Angst vor dem Krieg und allem, was er mit sich bringt. Sie haben Schreckliches erlebt. Vielleicht haben sie das Regime selbst gewählt, das ihnen die Katastrophe brachte; wer weiß. Hinterher will’s ja immer keiner gewesen sein.
Jedenfalls: kleine Leute, die ein mehr oder minder gutes Leben geführt haben auf ihrer Scholle. Bauern und Handwerker; der Hof war nichts Großartiges, aber er war eben genau das: ihr Hof. Ihrer Hände Arbeit, seit Generationen. Bis dieser Krieg sie ausgerissen und vor sich hergetrieben hat. Sie haben Schreckliches erlebt. Sie sind geflüchtet, und nun sind sie hier.
Hier: das ist ein Dorf, nicht unähnlich dem ihren daheim. Auch hier lebt man mehr oder minder gut, und es gibt Bauern, Handwerker, Verkäufer und Arbeiter, die in die Stadt pendeln. Eine lose Gemeinschaft. Aber diese Leute hier wollen mit den Flüchtlingen nichts zu schaffen haben. „Pack“, das hören sie oft; faul seien sie, Diebe und Schlimmeres. Im Gegenzug bleiben sie unter sich, klammern sich an verblassende Erinnerungen.
Man stellt ihnen Raum zur Verfügung, das ist auch schon alles. Geduldet im besten Fall; und ganz klar: sie werden die Flüchtlinge bleiben. Die Hoffnung auf Frieden ist immer auch die Hoffnung auf: dann könnt ihr wieder gehen. Und so arbeitet der Gutsverwalter als Erntehelfer, die Lehrerin strickt gegen Geld. Sie arrangieren sich; doch es fehlt oft am Notwendigsten.
Die Kinder bekommen’s zu spüren: wie sie in der Schule am Rand sitzen; wie alle sich zu ihnen umdrehen, wenn etwas schiefgeht. Wie die anderen Kinder in die Häuser geholt werden. Wie ernst die Eltern sind, traurig und manchmal wütend. Wie sie voller Sorge Nachrichten von zuhause erwarten; und wie sie auf alle Fragen nur sagen: wir wissen es nicht.
Es ist das Jahr 1946, und diese Flüchtlinge sind Deutsche, die aus dem späteren Polen vor der russischen Armee geflohen sind. Auch meine Großeltern mußten alles, was sie hatten, zurücklassen. Sie lebten dann für einige Zeit mit fünf Kindern in einem Lager, später in einer Dorfrandsiedlung. Über diese Zeit wurde in der Familie nicht viel geredet.
Stöbern Sie ein wenig in Ihrer Familienchronik. Vielleicht finden Sie da, in vagen Formulierungen versteckt, auch eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, von Elend, Mißtrauen und Verachtung; einen Beginn in Bitterkeit. Sie verdanken dieser Geschichte wahrscheinlich Ihre Existenz. Pflanzen Sie die Bitterkeit nicht fort.
 
Erst später gelesen habe ich diese Geschichte bei der Trippmadam. Sie zeigt eine / die andere Seite.