Novemberlektionen

Sicher, man kann auf Sonne warten. Man kann aber auch einfach rausgehen. Und, ah: draußen ist es nie so trüb und duster, wie es von drinnen aussieht.

Herrliche Aussichten, ein Stück weit.
Herrliche Aussichten, ein Stück weit.

Dann kann man versuchen, Fotos zu machen; hindert einen ja keiner dran. Aber daß die verschwindenden Baumreihen, die Schichtungen von Grau und Grau, die Schleier über dem Wasser und das samtene Licht, daß die sich von einer Kamera einfangen lassen, das muß man nicht glauben.
Wenn man mit netten, umsichtigen Menschen unterwegs ist, kann man ein Picknick im Nebel am Ufer machen, mit heißem Tee; man kann einen verlorenen Hut nicht wiederfinden und dafür hinterher mit einem Stein aus dem Fluß nach Hause gehen, ein haltbares Andenken an flüchtig Schönes.
 
 

0 thoughts on “Novemberlektionen

  1. Ich mag die Tage in Grautönen genau so gerne wie die goldenen, nein, fast noch lieber. Allerdings muss ich noch darüber nachdenken, warum das so ist. Dein Text regt dazu an.

    1. Als kleines Kind hatte ich ein (mittelgutes) Märchenbuch mit Kunstmärchen, da gab es die Geschichte vom grauen Tag. Der wollte erst gar nicht auf die Erde zwischen seinen goldenen Schwestern und schlurfte dann auch ziemlich schlecht gelaunt umher, aber am Ende legte er einen Sonnenuntergang hin, wie ihn die schönen Tage nie hinbekamen, und die Menschen auf der Erde erinnerten sich an ihn als besonders.

    1. Finde ich auch – Herbst und Winter sind besonders, weil sie Zeit fürs Innerliche geben. Die langen Abende waren einmal die Zeit für Lieder und Geschichten; das scheint mir plausibel.

  2. Den Stein könnte man dann gegen eine Schere eintauschen, die Schere gegen ein Blatt Papier, das Blatt Papier gegen einen Bleistiftstummel und den Stummel gegen einen … neuen Hut.
    It worked for lucky Hans!

    1. Haha! Eines dieser Geschäftsmodelle, die wir im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr auf der Rechnung haben. (So etwa.)
      P.S.: Der Stein war tatsächlich ein veritabler Schleifstein, bei Niedrigwasser aus dem Schutt der Uferbefestigung gezogen. Das Gewicht in Gold, und die ganze Picknickgesellschaft hätte ein Jahr freinehmen können.

  3. ich finde eh, dass die grauen tage einen viel zu schlechten ruf haben. kein anderer tag bekommt so ein merkwürdiges licht hin. und auch sonst verschwimmt die grenze zwischen himmel und horizont nie so wunderbar milchig und undurchsichtig.
    so einen grauen tag muss man unbedingt draußen feiern und Sie selbst haben ja die beste erklärung hierfür gegeben. zudem vermute ich, dass der graue tag sich über besucher freut und insbesondere, wenn diese hüte da lassen und picknick bringen.

    1. .)) Und an der Küste gilt das alles doppelt und dreifach! (Da sind sogar Wind und Regen herrlich, wenn man ein trockenes, warmes Plätzchen für später weiß.) Darum beneide ich die Seeanwohner und -besucher immer.

  4. Am grossen Strom finde ich zu jeder Jahreszeit einen Spaziergang lohnend.
    Zu horsche und gugge gibts immer was. Versacken kann man zuhause…
    Abendlichschöne Grüsse aus dem angeregten Bembelland

  5. Fifty shades of grey – mal anders.
    Aber im Ernst: Der Nebel sollte uns immer mal wieder einholen. Eine Welt fast ohne Form und Gewicht, die Geräusche eingepackt in Watte, alles verliert seine Dring- und Dinglichkeit, ein feuchtes Negligé, das uns in ein graues Einerlei hüllt. Ungesehen und selbst fast nichts sehend, gehen wir umher und geben die Ziele und mit ihnen die Orientierung auf und genießen – so wir können – diese Infragestellung des Tagtäglichen. Eine Anderswelt, gratis und auf Zeit. NebeLeben.
    Gruß, Uwe

    1. Ist ja oft so, daß Sicht- und Sehbehinderungen die Welt schöner scheinen lassen; und nicht nur, weil die Phantasie eine rosa Brille sein kann. Das Nebelnegligé ist ein schönes Kleidungsstück; das werde ich mir merken. Danke, Uwe!

  6. Liebe Lakritze
    immer wieder ein Genuß!
    den hier vorgestellten und bebilderten Gedanken zu folgen..
    (bei Rheinkilometer 550 geboren)
    Gruß Ulla

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