Winterknochen

Unter blauem Himmel ist der Weg aus dem Tal nur halb so steil, der Wind nur halb so scharf, wenn er Sonnenlicht vor sich herbläst. Wie schön: aus dem kahlen Wald treten, und die Landschaft fächert sich in die Ferne, golden und grün. Die Wolken liefern sich Freundschaftsrennen und tuschen dabei eilige Flecken auf die Hügel; Hasel und Weiden blühen, staubgelbe Abzeichen an den schwarzen Waldsäumen; Meisenrufe schlagen zehn Grad drauf auf die gefühlte Temperatur. Hier aber und da, in Feldgräben, hinter schrägen Schollen und Grasbüscheln aus dem letzten Jahr, hat sich der Schnee verschanzt.

Winter’s bones, weiß Frau Amsel ein Wort dafür: was übrig bleibt, wenn dem Winter der Atem ausgeht und das Fleisch wegschmilzt; was noch lange liegt, wenn die Schlacht längst geschlagen ist und langsam Gras über die Sache wächst. Knochen aus Schnee, snow-bones, schmutzigweiß und irgendwann nicht mehr zu sehen, aber nie, argwöhnt man, ganz und gar vergangen unterm Grün.

 

 

(Immer noch keine Fotos. Aber ich arbeite dran.)

 

Worte und Wege

Herr G. flucht. Nichts, gar nichts stimmt da! — Auf der Karte führt ein Weg aus dem Ort heraus, direkt am Schloß den Berg hoch; aber nun stehen wir am Schloß, und nix ist. Wir irren zwischen Häuserzeilen am Hang herum, stiefeln mehr als einmal über Privatgrund, und irgendwann finden wir ihn hinter einem geparkten Kleinwagen, den Weg; eine steile, brombeerverrankte Angelegenheit, der Schlamm knöcheltief. Zwischen zwei Schnaufern gebe ich zu bedenken, daß die Karte zwanzig Jahre alt ist. Aber es sind Wege!, schimpft Herr G., sowas gehört gepflegt!

Wenigstens mit dem Wetter haben wir Glück; die Wolken schleppen sich über die Hügel und regnen anderswo. Immer wieder bleibe ich stehen: Ooooh! Das wäre ein Foto; aber ich bin ja kameralos. Tja, sagt Herr G. im Weitergehen, und recht hat er. Die nicht gemachten Bilder vergesse ich viel zu schnell wieder, doch ein diffuses Bedauern bleibt. Zeit für einen Kamerakauf, beschließe ich.

Die Karte ist eigentlich sehr genau. Ein paarmal sehen wir an Kurven und Winkeln exakt, wo wir stehen, aber die Wege wurden verlegt. Herr G. ist erzürnt. Ein ganzes Stück gibt es schlicht nicht mehr, endet in einem Gebüsch, und wir müssen einen gewaltigen Umweg machen. (Später zeigt er mir auf den Satellitenkarten im Netz: sogar da ist es noch eingezeichnet!) Wald wurde gerodet, Felder eingezäunt, Siedlungen sind gewachsen. Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit.

Wie kamen wir eigentlich darauf, frage ich Herrn G. mitten im Gespräch, ich weiß noch, du hast was gesagt, das hat mich an das erinnert, was ich dir gerade erzählt habe, aber was war es? Fünf Minuten her, und schon verflogen! Eine Karte fürs Gespräch, das wäre was. Oder eben Bilder: die hübsche Geschichte über seinen Namen, die Herr G. mir erzählt hat, weiß ich noch, weil gleich daneben ein Schloß stand, mitten in den Feldern, eine tausend Jahre alte Wasserburg. (Kein Foto.)

Am Ende verlaufen wir uns noch mal, aber da ist es erstens schon egal, und zweitens erwischen wir aus Versehen einen Weg schnurstracks aus den Hügeln in die Ebene des Rheins. Gerade als wir den Wald verlassen, bricht die Sonne durch und bestrahlt die grünen Felder, Andernach im Tal und die Hügel dahinter, zum Greifen nah. Bezaubert erreichen wir den Ortsrand.

Unten ist die Rheinpromenade gesperrt; Hochwasser. Wir finden das häßlichste Café mit dem besten Kuchen seit langem, und ich, glücklich mit meinem Milchkaffee, bin mit allem versöhnt. Herr G. sagt nicht, daß ich leicht zu amüsieren sei; aber recht hätte er. Manchmal ist ein kurzes Gedächtnis nicht das Schlechteste.

 

Wasserstandsmeldung

Wer den Rhein bei Hochwasser wirklich kennenlernen will, muß da hinreisen, wo ihn Straßen, Bahntrassen und Weinhänge einzwängen. Wenn’s eng wird, wehrt er sich und läßt die Muskeln spielen, stemmt sich beidseits gegen die Hindernisse und geht über. Die Dauercamper flüchten sich in Wagenburgen auf höheren Grund. Schwimmbäder gehen auf Tauchstation, Sportplätze heute nur für Wasserball, mit Fischernetzen in den Toren. Sogar die Landstraße hat Landunter.

Die Hafenmolen sind gedachte Linien im Strom, hinter denen die Schiffchen an ihren Leinen reißen. Stege schwimmen eben obenauf, müssen sich aber recken, und raken Unrat aus dem Fluß. Bäume waten ans Ufer oder klammern sich an gekenterte Inseln. Manchmal treibt was Größeres vorbei; man hofft, es ist aus Holz.

Flußarme greifen zwischen die Häuser, daß die nasse Füße kriegen. Schweigen wir von Kellern. Enten paddeln bei Rot über die Ampel; Schwäne treiben in Parks herum oder steuern Schaufenster in den Uferstraßen an. Nur die Fahrwassertonnen sind, wo sie immer sind, auch wenn sich als einziges Schiff heute die Pfalz vor Kaub ins Wasser wagt.

Die Leute reden über den Fluß, wie er schwillt, was er füllt; wer weiß, wie lange noch? Und das ist sehr verständlich. Dem Rhein ist, das weiß man hier, nichts gewachsen.

 

Die schönsten Hochwasserbilder gibt es bei Karu – hier ist der Rhein ein Meer.

 

 

 

Neuer Wald zum neuen Jahr

Rockenhausen, hat schließlich Irgendlink vorgeschlagen. Also: Rockenhausen.

Die Pfalz kenne ich von früher, zumeist hinter Scheiben von Autos oder Ausflugsgaststätten. Da kamen Mitschüler her; da fuhr man durch und an Wochenenden vielleicht Schaubergwerke gucken. Jetzt gehe ich wandern mit einem Pfälzer und einer Schweizerin: Soso kann den Weg auf dem Telefon verfolgen (ich bin fasziniert, ich kann bloß Papier), Irgendlink hingegen hat einen bärtigen Mann im Kopf, der mit Tusche und Feder die interne Karte beständig aktualisiert. Ich glaube es sofort; wir gehen immer richtig.

Ich muß lachen, als Soso die Pfalz Flachland nennt; aber ja, klar. Ich beginne mir alle meine Landschaften aus der Sicht der Alpen vorzustellen. Haha, 500 Meter! – Trotzdem bleibt bergauf bergauf. Dann öffnet sich der Wald, und oh, auch 500 Meter und bedeckter Himmel können Aussicht: vor uns breitet sich das Land zum Rhein und weiter, in den dunstigen Fernen schwimmen Oasen von Sonnenschein, grün und golden, wie Miniaturmalereien in Bleiwüste. Lichtschäfte verbinden sie mit den Wolken: Frau Sonne trinkt Regen, nennt Soso das.

Burg Falkenstein ist auch schön, sind wir uns einig, steinerne Fensterrahmen um die Aussicht. An der Gaststätte steht zwar, daß sie geöffnet hätte, aber das ist gelogen. Wir essen draußen, bis uns kalt wird. (Könnte eine Definition von Winterwandern sein: zu kalt für Äpfel.) Dagegen hilft nur: einen Schritt schneller; aber mit Vorsicht. Die Straße durchs Dorf Falkenstein hat 25% Gefälle.

Auf der Strecke sammelt Irgendlink Kunst. Immer wieder identifiziert er Werke von MudArtist Heiko Moorlander, den die Pfälzer Erde sehr zu inspirieren scheint. Und war hier nicht auch der Schinderhannes aktiv? Es heißt doch immer, im Wald, da sind die Räuber, aber sonst fallen uns nur Seeräuber ein. Und, zu drei Vierteln Mythos, Robin Hood.

Das gäbe dieser Wald heute nicht her; der ist eher aus der Serie „Schlechte Verstecke“. Aber der Wechsel zwischen offen und baumbestanden, die Wellen und Hügel und der dicke Donnersberg, das alles fällt mittig in meine Kategorie „schön“.

Es ist wie mit dem Propheten im eigenen Land – wenn’s da, wo man’s schon ewig kennt, schön ist, ist man immer ganz entgeistert. Muß ich noch mal, die Pfalz. Und besonders gern: Kunst beim Werden zugucken. Und Geschichten aufsammeln.

(Gruß an Herrn G., der nicht mitkonnte, aber Christstollen gestiftet hat.)

 

Hurra, Soso hat sogar Bilder!

 

 

Postkarte vom Mittelrhein

Der Rheinburgenweg links des Rheins ist im Vergleich zum Rheinsteig drüben ein bißchen ruhiger, ausgeglichener, nicht gar so glamourös. Und meist auch nicht so überlaufen. Ich habe ihn gern, vor allem im Herbst. Von Boppard gehe ich flußaufwärts; in St. Goar gibt’s, wie ich weiß, Kaffee.

Das Land trägt neue Kleider.

Ich breche in aller Frühe auf. Die schleifenden Wolken machen mich erst glücklich und dann naß: der Morgen vergoldet sie, bevor sie regnen, und an ihnen hängt ein ganzer herrlicher Tag.

Hunsrück und Taunus liegen wie verbeulte Kupfer- und Messingpötte am Fluß; hier und da gibt die Sonne ihnen Glanz. Wo Wein wächst, leuchten Gelb und Rot. Lichter Eichen-Niederwald wechselt sich ab mit aufgelassenen Gärten, man sieht noch die Terrassenmauern und verwilderten Flieder. Kein Walnußbaum hat heute was für mich; ich frage mich, wie die Eichhörnchen das diesen Winter machen, ganz ohne Rucksäcke voller Proviant.

Weiter …

Siegwandern

Mal was Neues, schlägt Herr G. vor: Westerwald, Natursteig Sieg? Für frische Flüsse bin ich zu haben, und so brechen wir im Morgengrauen auf, Eitorf bis Herchen, 21 Kilometer und ein Kurcafé zum Schluß.

Wetter: durchwachsen; Strecke: schön.

Die Luft ist so naß, daß sie gerade so nicht als Regen zählt; Schirme sind zwecklos. Es riecht nach Herbst, und überall liegen Pilze, als hätte sie einer ausgerissen und umgedreht. Ich kenne sie nicht, aber Herr G. weiß Namen: Hexenröhrling, Hundsrute, Hexenei, Pantherpilz. Den allerschönsten Pilz zeigt er mir an einem geschnitzten Stumpf, ein gelblich glänzender Baumpilz, der duftet wie Orange und Honig. Leider ein reiner Ansichtspilz.

Der Wald öffnet sich immer wieder zu Ausblicken auf die nächsten und ferneren Hügelketten. Kulturlandschaft ist, was wir als schön empfinden; sanfter Wechsel zwischen Forst und Feldern. Kühe, wie sie englische Landschaftsmaler als Akzente in ihre Bilder setzten, rupfen vernehmlich Gras; zweimal sehen wir zwischen den Kühen einen Reiher, der Reißaus nimmt, sowie er sich beobachtet fühlt.

Der Weg kreuzt und quert …

Panoptikum mit Herrn G.

Mit der Strecke sind wir schon ganz gut bekannt; neu ist die Zeit: Sonntag. Ausflugstag. Wo man das Abenteuer sucht. Und Sommer, wo das Wetter dem bequemen Abenteuer wenig entgegensetzt.

Der Wald ist wieder anders, die Nässe der letzten Tage hat Pilze schießen lassen. Welche man essen kann, weiß Herr G.; ich erkenne bloß den Riesenbovisten, der allerdings zertrampelt am Wegrand liegt. Himbeeren gibt es noch, und schon die ersten Brombeeren. Am Morgen haben wir den Weg noch fast für uns; gegen Mittag kommen die ersten Radfahrer, und dann, mit Eintritt in die Ehrbachklamm, wird’s bunt.

Klebriger Hörnling. Geschmack unbedeutend.

Was wir als wilde Landschaft kannten, wird heute bestiegen, begangen und besessen. Ganze Gruppen in professioneller Outdoorkleidung picknicken, hangeln sich wacklig über den schlüpfrigen Pfad, machen Selfies auf Brücken, während sie so tun, als schubsten sie sich gegenseitig ins Wasser. Herr G. und ich grinsen uns an: so eine schlechte Figur machen wir gar nicht auf den Felsen, im Vergleich.

Ein Männertrupp mit Weichspülerfahne; zwei Mütter und zwei Töchter, von ihrem Dackel tyrannisiert; begeisterte Kinder in ungeeigneten Schuhen. Da, das war bestimmt ein Zahnarzt und die junge Frau, die so übertrieben lacht, nicht seine. Und die beiden dort: eine Studentin, aus der Gegend gebürtig, die ihrem Berliner Freund was zeigt. — Wir überholen, weichen aus, nicken, lächeln und grüßen; das macht man so auf gefährlichem Steig.

Das allerletzte Stück ist wunderbar, steil – und einsam. Hier gibt es keinen praktisch gelegenen Parkplatz. Herr G. und ich atmen auf. Still folgen wir dem Pfad am Hang entlang, das Sommerabendlicht fällt weich durchs Laub, hier und da gibt es Ausblick. Einmal kommen wir an einer schlanken Eiche vorbei, mittig geknickt: fünf Meter Stamm stehen noch, der Rest mit der Krone neigt sich im spitzen Winkel zur Erde. Schau mal, sage ich zu Herrn G., der abgeknickte Teil hat wieder ausgeschlagen – und die Blätter sind zum Licht orientiert. Würde man den Stamm jetzt wieder aufrichten, zeigten die Blattunterseiten alle zum Himmel. – Einen Baum, sagt Herr G., bringt so leicht nichts um. Der Mensch ist wahrhaft gewaltig, aber so etwas könnte er nicht.

Die Busse in die nächste große Stadt übrigens gehen nur alle zwei Stunden. Es ist Sonntag, Ausflugstag. Wohl dem, der da ein Auto hat.

 

 

Übergänge

Ürziger Sitzplatz: Aussicht auf die Arbeiten.

Zwischen Zeltingen-Rachtig und Ürzig haben die Verkehrswegeplaner den Hochmoselübergang gesetzt, und der, halb fertig wie er ist, beherrscht schon optisch alles. Wie es erst wird, wenn da Lastwagen drüberheulen, ahne ich: Die Moselbrücke bei Winningen hat mir eine komplette Wanderetappe verleidet; wenig drückt so zuverlässig auf die Laune wie vielspuriges Gebrüll. Wie es dann wohl ist, hier zu wohnen, jeden Tag im Schatten der Brücke im Weinberg zu arbeiten, mag ich mir nicht vorstellen.

Diese hier wird die höchste Brücke über die Mosel, eine der höchsten Talbrücken überhaupt. Für Autos; das heißt, am Übergang hängt eine Straße, und an der hängen Zubringer. Viel, viel Land wird überbaut. Die Schnellstraße, das kann man auf aktuellen Karten schon sehen, verläuft vierspurig über einen bislang trassenlosen Gebirgssporn des Hunsrücks. Weinkenner aus aller Welt haben gewarnt, berühmte Weinlagen könnten leiden — genutzt hat es nichts.

Die Einheimischen, die wir fragen, halten sich bedeckt. Naja, die Planungen laufen schon seit Jahrzehnten; und der Schwerlastverkehr werde dann im Winter weniger gefährlich, nicht mehr durch all die engen Sträßchen unten. Und nun sei ja schon so viel Geld geflossen … — Ob ihnen nicht die Besucher wegbleiben, wenn es an Ruhe fehlt? Ach, Touristen kämen sogar extra, um sich die Brücke anzuschauen und Fotos zu machen.

Die Moselorte haben breite Promenaden mit Hotels, Cafés, Weingütern und vielen, vielen Parkplätzen. In den Ortskernen geben gerade Geschäftchen des täglichen Bedarfs auf, wie sie andernorts schon lange ausgestorben sind. Touristen fahren in den Ort, um sich zu erholen, Einheimische fahren hinaus, um einzukaufen.

Man verbindet die neue Straße in der Region auch mit der Hoffnung auf Arbeitsplätze, die nicht mit Tourismus zusammenhängen und nicht mit Wein. Am Wanderweg sehen wir aufgelassene Weinberge; auf einem Projektschild steht: durch maschinengerechtes Neuanlegen der steilen Reihen wolle man künftig Arbeitszeit sparen. Im Ergebnis verschwinden die charakteristischen Terrassen; die geschwungenen, engen und halsbrecherischen Rebpflanzungen werden durch mit dem Lineal gezogene Schraffuren ersetzt, die hölzernen Stöcke durch glänzende aus Metall. Es sieht anders aus. Weniger eigen; weniger … schön.

Hier geht etwas unwiederbringlich verloren. Es ist die übliche Entwicklung, Mobilität, Schnelligkeit und die verquere Ökonomie unserer Autogesellschaft über alles zu setzen. Da paßt das Kleinteilige, Schräge, da paßt Bedächtigkeit nicht, und Arbeit, die Jahrhunderte zum Leben gereicht hat, rentiert sich nun nicht mehr. Die Brücke, die für nichts als Autos in eine fragile Landschaft geklotzt wird, damit man hier „den Anschluß nicht verpaßt“, ist eine gute Zusammenfassung.

Eindrucksvoll. Und noch leise.

Nach der Rückkehr von der Moselsteigwanderung blättere ich in meiner Fotobeute und bin ein wenig entsetzt: auf fast jedem Bild ist der Hochmoselübergang zu sehen, Bild um Bild dieses Monster, und hat sich doch nicht einfangen lassen.

 

Hier eine Dokumentation von 2017 (Phoenix-Doku; knappe halbe Stunde).

 

 

Hochmosel

Sommer ruft: Wandern!

Die Mosel kann beinah ihren Namen schreiben. Das M ist ihre leichteste Übung, und so viele S, die sich fast, aber immer nur fast zum O runden wollen! Kaum weniger artistisch sind die Namen der Ortschaften an ihren Ufern, die jeden Schimpfwortschatz bereichern würden. Kröv! Ürzig! Zeltingen-Rachtig! Zeltingen, sagt Herr G., klingt nach Abenteuer und Rachtig nach Magen-Darm.

Der Moselsteig ist noch gelenkiger als der Fluß. Er windet sich hoch und runter, durch den Hunsrück in die Eifel und wieder zurück, und in den Dörfern reicht er dreißig Jahre zurück in die Zeit. Auch die Freundlichkeit hier ist ein bißchen wie früher; auf der Straße werden wir Fremdlinge gegrüßt, und zum Essen schickt man uns, wo es nicht so teuer ist.

Im Wald bei Ürzig stoßen wir auf ein altes Wegekreuz, Mariä Gewand und Christi Lendentuch mit Krepp abgeklebt, der Rest in naßglänzender Farbe; daneben die Leiter des Malers, der ein paar Meter weiter mit einem weißhaarigen Traktorfahrer ins Gespräch vertieft steht. Überhaupt, die Traktoren hier; die schönsten Arbeitstiere sieht man in den Weinbergen, alt, erfahren und bestens an die Anforderungen der steilen Lagen angepaßt.

Vor Rachtig dann wächst eine Brücke übers Tal, so unglaubwürdig hoch, daß sich alles an ihr mißt. Der Rachtiger Kirchturm reicht ihr nicht ans Knie. O-ha, sage ich, das wird mal laut; gut, daß wir jetzt noch in Ruhe hier wandern können. Ein Schulterzucken der Natur, sagt Herr G., dann hätte sich das; aber das will ich nun auch keinem wünschen. Später stoßen wir noch ein paarmal auf die frische Wunde in der Landschaft, in der bald die neue Schnellstraße verlaufen wird.

Wir erreichen Bernkastel-Kues. Die Verschlafenheit der Moselorte ist hier ins Gegenteil verkehrt; ein bißchen Disneyland, ein bißchen Rüdesheim am Rhein. Sicher ziehen wir englische, flämische und chinesische Kommentare auf uns mit unseren Rucksäcken und staubigen Stiefeln. Im Café am Fußgängerzonenrand sagt Herr G.: nach dieser Musik möchte ich mir die Hände mit Beethoven waschen. Ein guter Ort zum Abreisen; und da stimme ich ihm voll und ganz zu.

Bernkastel. Vom Ufer schön.

Demnächst dann Braunberg, Piesport, Trittenheim. Und so weiter. Irgendwann wollen wir den Ort erreichen, der hier den allerschönsten Namen trägt: Perl. Aber das wird wohl noch dauern; der Moselsteig ist nicht so schnell.

Avantgarde

Herr G. ist ein guter Wanderführer. Deshalb gehe ich mit, als er für eine größere Gruppe den Weg von A nach B auskundschaftet.

Ganz einfach ist das nicht. A ist klar, B auch, aber der direkte Weg wäre zu kurz und außerdem nicht besonders reizvoll. Also hat sich Herr G. eine Folge von Um- und Abwegen ausgedacht. Die Karte, die wir dabeihaben, ist sicher zwanzig Jahre alt. Außerdem regnet es — die meiste Zeit; manchmal gießt es auch wie aus Kübeln.

Fast wären wir gleich hinterm Bahnhof Remagen gescheitert, am Landstraßenrand. Wir können sehen, wo unser Weg auf der anderen Seite zwischen die Häuser schlüpft; doch die Autos sausen nahezu lückenlos. Sicher, man könnte an der Ampel ein Knöpfchen drücken, aber 200 Meter dort hin, rüber, auf der anderen Seite ohne nennenswerten Bürgersteig 200 Meter wieder zurück –? Nicht einzusehen. Also warten wir, warten und warten, warten noch etwas, rennen dann und fluchen über die autogerechte Stadt.

Dann aber Wald. Der dampft und kocht und pfeift vor Vögeln, und gemeinsam mit einem Wolkenbruch erreichen wir einen überdachten Grillplatz mit Aussicht (im Moment vom Regen versperrt). Wir frühstücken trocken unterm Geprassel. Elendes Wetter, schimpft Herr G. Wie schön das klingt, entgegne ich, und was wir alles nicht abbekommen!, und da muß Herr G. doch zustimmen.

Der Pfad schlängelt sich, und wir merken schnell, daß er nicht furchtbar viel mit dem auf der Karte zu tun hat. Wald in echt ist auf der Karte Wald, Lichtungen hingegen können auf der Karte Lichtung oder Wald sein, Bäume sind ja schneller abgeholzt als nachgewachsen. Kreuzungen zählen hilft nicht viel — manche Abzweigung fängt als Weg an und endet als Gebüsch. Aber schön ist das hier, verschnörkelt und verwunschen; wir staunen und kramen die Namen für die Sommerblumen hervor.

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Ein markierter Weg nimmt uns mit ins Freie, die Landskrone ist in mittlerer Distanz zu sehen, und von da an ist es einfach; Getreidefelder nach allen Seiten. Die Schmetterlinge wohnen hier auf dem Weg, denn da blüht mehr. Erst am Fuß des Burgbergs wird es wieder bunter. Auf einer Bank machen wir Rast, während sich über dem nächsten Tal eine Wolkenfaust zusammenballt, aus der es ohn‘ Unterlaß rumpumpelt. Während wir Brote essen, füllt sie allmählich den halben, dann den ganzen Himmel, und als wir zum Abstieg ins Ahrtal ansetzen, wird sie schwarz und geht schließlich nieder. Unter Donner und Regen erreichen wir den Fluß.

Das war eindrucksvoll, rufe ich gegen das Prasseln auf dem Schirm an. Den lasse ich fast fallen, als auf dem Dach gleich nebenan die Sirene tief Luft holt und uns mit Gebrüll durch die Straßen jagt. Alarm, Alarm, Probealarm! Daß es das noch gibt; und: beruhigend beunruhigend. Kein Notfall würde so überhört. Wir trotten die Ahr entlang, der Radweg ist schön leergeregnet und die monströse Autobahnbrücke in ihrer Höhe fast schon nicht mehr wahr.

Im Café am Ende ist alles gut. Die Kleidung trocknet, und ein freundlicher Koch schneidet für uns frischen Kuchen an, Bisquit, Sahne, Dosenmandarinen. Herr G., sage ich, mit dem Wetter wünsche ich euch ein bißchen mehr Glück und mit der Straßenüberquerung am Anfang; aber sonst? Das wird eine prächtige Wanderung für deine Gruppe, jetzt, wo wir das Verirren bereits erledigt haben.