
Zwischen Zeltingen-Rachtig und Ürzig haben die Verkehrswegeplaner den Hochmoselübergang gesetzt, und der, halb fertig wie er ist, beherrscht schon optisch alles. Wie es erst wird, wenn da Lastwagen drüberheulen, ahne ich: Die Moselbrücke bei Winningen hat mir eine komplette Wanderetappe verleidet; wenig drückt so zuverlässig auf die Laune wie vielspuriges Gebrüll. Wie es dann wohl ist, hier zu wohnen, jeden Tag im Schatten der Brücke im Weinberg zu arbeiten, mag ich mir nicht vorstellen.
Diese hier wird die höchste Brücke über die Mosel, eine der höchsten Talbrücken überhaupt. Für Autos; das heißt, am Übergang hängt eine Straße, und an der hängen Zubringer. Viel, viel Land wird überbaut. Die Schnellstraße, das kann man auf aktuellen Karten schon sehen, verläuft vierspurig über einen bislang trassenlosen Gebirgssporn des Hunsrücks. Weinkenner aus aller Welt haben gewarnt, berühmte Weinlagen könnten leiden — genutzt hat es nichts.
Die Einheimischen, die wir fragen, halten sich bedeckt. Naja, die Planungen laufen schon seit Jahrzehnten; und der Schwerlastverkehr werde dann im Winter weniger gefährlich, nicht mehr durch all die engen Sträßchen unten. Und nun sei ja schon so viel Geld geflossen … — Ob ihnen nicht die Besucher wegbleiben, wenn es an Ruhe fehlt? Ach, Touristen kämen sogar extra, um sich die Brücke anzuschauen und Fotos zu machen.
Die Moselorte haben breite Promenaden mit Hotels, Cafés, Weingütern und vielen, vielen Parkplätzen. In den Ortskernen geben gerade Geschäftchen des täglichen Bedarfs auf, wie sie andernorts schon lange ausgestorben sind. Touristen fahren in den Ort, um sich zu erholen, Einheimische fahren hinaus, um einzukaufen.
Man verbindet die neue Straße in der Region auch mit der Hoffnung auf Arbeitsplätze, die nicht mit Tourismus zusammenhängen und nicht mit Wein. Am Wanderweg sehen wir aufgelassene Weinberge; auf einem Projektschild steht: durch maschinengerechtes Neuanlegen der steilen Reihen wolle man künftig Arbeitszeit sparen. Im Ergebnis verschwinden die charakteristischen Terrassen; die geschwungenen, engen und halsbrecherischen Rebpflanzungen werden durch mit dem Lineal gezogene Schraffuren ersetzt, die hölzernen Stöcke durch glänzende aus Metall. Es sieht anders aus. Weniger eigen; weniger … schön.
Hier geht etwas unwiederbringlich verloren. Es ist die übliche Entwicklung, Mobilität, Schnelligkeit und die verquere Ökonomie unserer Autogesellschaft über alles zu setzen. Da paßt das Kleinteilige, Schräge, da paßt Bedächtigkeit nicht, und Arbeit, die Jahrhunderte zum Leben gereicht hat, rentiert sich nun nicht mehr. Die Brücke, die für nichts als Autos in eine fragile Landschaft geklotzt wird, damit man hier „den Anschluß nicht verpaßt“, ist eine gute Zusammenfassung.

Nach der Rückkehr von der Moselsteigwanderung blättere ich in meiner Fotobeute und bin ein wenig entsetzt: auf fast jedem Bild ist der Hochmoselübergang zu sehen, Bild um Bild dieses Monster, und hat sich doch nicht einfangen lassen.
Hier eine Dokumentation von 2017 (Phoenix-Doku; knappe halbe Stunde).





